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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Das Mysterium der Geduld Gottes

 Freitag, 28. Juni 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 5. Juli 2013

 

Es gebe kein »Protokoll über Gottes Handeln in unserem Leben«, aber wir könnten gewiss sein, dass er früher oder später »auf seine Art« eingreife. Deshalb dürften wir nicht ungeduldig oder skeptisch werden, schon deshalb nicht, weil wir, wenn wir entmutigt seien und »beschließen, vom Kreuz zu steigen, das immer fünf Minuten vor der Offenbarung zu tun pflegen«. Und Papst Franziskus forderte während der Messe, die er am Freitag, 28. Juni, in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae feierte, dazu auf, die Zeiten Gottes zu akzeptieren und zu erkennen. Unter den Anwesenden waren Mitglieder des Personals der Direktion des Sanitätswesens des Staats der Vatikanstadt unter Leitung des Direktors, Patrizio Polisca.

Gott gehe immer mit uns »und das ist gewiss« sagte der Papst. »Vom ersten Augenblick der Schöpfung an«, so erläuterte er, »hat sich der Herr sich mit uns eingelassen. Er hat nicht etwa die Welt, den Mann, die Frau erschaffen und dann sich selbst überlassen. Er hat uns nach seinem Bild und ihm ähnlich geschaffen«. Folglich gebe es vom Anbeginn der Zeiten an »diese Beteiligung des Herrn an unserem Leben, am Leben seines Volkes«, weil »der Herr seinem Volk nah ist, sehr nahe. Er sagt das selbst: Welches Volk auf Erden hat einen Gott, der ihm so nahe ist wie euch?«

»Diese Nähe des Herrn«, bekräftigte Papst Franziskus, »ist ein Zeichen seiner Liebe: Er liebt uns so sehr, dass er gemeinsam mit uns gehen wollte. Das Leben ist ein Weg, den er gemeinsam mit uns gehen wollte. Und der Herr tritt immer in unser Leben ein und hilft uns, weiterzugehen.« Aber, so präzisierte er, »wenn der Herr kommt, dann tut er das nicht immer auf dieselbe Art. Es gibt kein Protokoll über das Handeln Gottes in unserem Leben. Einmal macht er es auf diese Weise, ein andermal macht er es auf jene Weise. Aber er tut es immer. Diese Begegnung zwischen uns und dem Herrn gibt es immer.«

In der Stelle aus dem Matthäusevangelium (8,1–4), die Gegenstand der heutigen Schriftlesung war, »haben wir gesehen,« so betonte der Papst, »wie der Herr gleich in das Leben eines Aussätzigen eintritt«. Der Evangelist berichte, dass »als Jesus von dem Berg herabstieg, ihm viele Menschen folgten. Und da kam ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sagte: ›Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde‹. Er aber streckte die Hand aus und berührte ihn und sagte: ›Ich will es!‹«. Jesus habe also »unverzüglich« eingegriffen: »Gleich auf das Gebet erfolgt das Wunder«.

Im Gegensatz dazu »sehen wir«, so erklärte der Papst, in der ersten Schriftlesung, die dem Buch Genesis entnommen ist (17,1 und 9f., sowie15 – 22), »wie der Herr Schritt für Schritt, ganz langsam, ins Leben Abrahams tritt. Als Abraham bereits 89 Jahre alt war«. Gott habe ihm die Geburt eines Sohnes zugesichert. »Heute haben wir gelesen, dass er ihm im Alter von 99 Jahren, zehn Jahre später, einen Sohn verspricht. Zehn Jahre sind vergangen. Die Weisen sagen uns: ein Tag ist für den Herrn wie tausend Jahre und tausend Jahre sind wie ein Tag«, betonte der Papst.

»Der Herr«, so fügte er hinzu, »folgt immer seiner eigenen Methode, um in unser Leben einzutreten. Oft tut er das so langsam, dass wir Gefahr laufen, ein wenig die Geduld zu verlieren: ›aber, Herr, wann?‹ Und wir beten und beten, aber sein Eingriff in unser Leben erfolgt nicht‹. Andere Male hingegen »denken wir an das, was uns der Herr verheißen hat, aber das ist so großartig, dass wir ein wenig misstrauisch sind, ein wenig skeptisch, und dass wir wie Abraham insgeheim darüber lachen«. Tatsächlich »sagt uns« die Passage aus der Genesis, »dass Abraham sein Gesicht verbarg und lachte. Ein wenig Skepsis: Können einem Hundertjährigen noch Kinder geboren werden, und kann meine Frau als Neunzigjährige noch gebären?‹ «. Und »dasselbe«, so fügte der Papst hinzu, »wird Sara bei den Eichen von Mambre tun, als die drei Engel dem Abraham« die Verkündigung wiederholen, »während sie ein wenig hinter dem Zelteingang verborgen war; sie spionierte im Verborgenen, um zu hören, wovon die Männer sprachen, aber das ist schon immer so gewesen … Und als sie das hörte, lachte sie. Sie lachte aus Skepsis«.

Papst Franziskus machte darauf aufmerksam, dass bei uns dasselbe zu geschehen pflegt: »Wie oft werden wir, wenn der Herr nicht kommt, keine Wunder tut und nicht das tut, was wir gerne hätten, dass er tun solle, entweder ungeduldig – ›Aber er tut es nicht!‹ – oder skeptisch: ›Er kann es nicht tun!‹«. »Der Herr lässt sich seine Zeit«, so fuhr der Papst fort, »aber auch er hat in dieser Beziehung mit uns sehr viel Geduld. Wir sind keineswegs die einzigen, die Geduld haben müssen. Er hat Geduld, er wartet auf uns. Und er wartet auf uns bis ans Lebensende, gemeinsam mit dem guten Schächer, der genau am Ende Gott erkannt hat. Der Herr geht mit uns, aber oft lässt er sich nicht sehen, wie im Fall der Jünger von Emmaus«. »Der Herr«, sagte der Papst weiter, »ist in unser Leben involviert, das ist gewiss, aber oft sehen wir ihn nicht. Und das verlangt uns Geduld ab. Aber der Herr, der mit uns geht, hat selbst auch sehr viel Geduld mit uns: das Mysterium der Geduld Gottes der sich im Gehen unserem Schritttempo anpasst«. »Manchmal«, so erklärte Papst Franziskus, »werden die Dinge im Leben dunkel.

Es gibt sehr viel Dunkelheit. Und wenn wir in Schwierigkeiten sind, dann wollen wir vom Kreuz heruntersteigen. Und das ist der genaue Augenblick: Die Nacht ist dann am Dunkelsten, wenn die Morgenröte unmittelbar bevorsteht. Und immer dann, wenn wir vom Kreuz herabsteigen, tun wir das fünf Minuten, bevor die Offenbarung erfolgt. Das ist der Moment der allergrößten Ungeduld«. Hier komme uns die Lehre Jesu zu Hilfe, der »am Kreuz hörte, wie sie ihn herausforderten: ›steig herab, steig herab, komm!‹ Man braucht also »Geduld bis zum Ende, da er geduldig mit uns ist. Er kommt immer. Er ist immer mit uns involviert. Aber er tut das auf seine Art und wenn er denkt, dass es der beste Augenblick sei, er sagt zu uns nur das, was er zu Abraham gesagt hat: ›Gehe in meiner Gegenwart und sei ohne Fehl, sei untadelig‹: das ist genau das richtige Wort«.

Der Papst schloss die Predigt mit der Bitte an den Herrn, dass er allen die Gnade gewähren möge, »immer in seiner Gegenwart zu gehen und dabei zu versuchen, untadelig zu sein. Das ist der Weg mit dem Herrn, und er greift ein, aber wir müssen warten: den Augenblick abwarten, indem wir stets in seiner Gegenwart weitergehen und versuchen, untadelig zu leben«.




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