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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Die Bedrohung durch den Klatsch

 Montag, 2. September 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 37, 13. September 2013

 

Die Zunge, der Klatsch, die üble Nachrede sind Waffen, die die menschliche Gemeinschaft Tag für Tag untergraben, indem sie Neid, Eifersucht und Machtgier säen. Mit ihrer Hilfe kann man es sogar fertigbringen, einen Menschen zu töten. Deshalb heißt von Frieden reden auch daran denken, wie viel Leid man mit der Zunge anrichten kann.

Diese tiefgehende Reflexion legte Papst Franziskus in seiner Predigt während der Messe vor, die er in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae feierte, eine Gewohnheit, die er am 2. September wieder aufgenommen hat. Der Papst ging aus von der Erzählung der Rückkehr Jesu nach Nazaret, wie sie bei Lukas wiedergegeben ist (4,16–30), in einer der »dramatischsten « biblischen Geschichten, in der man, wie der Papst sagte, »sehen kann, wie unsere Seele veranlagt ist« und dass der Wind sie von einer Seite zur anderen wenden kann. In Nazaret, so erläuterte der Papst, »warteten alle auf Jesus. Sie wollten ihm begegnen. Und er kam, um seine Mitbürger zu besuchen. Er kam erstmals in seine Stadt zurück. Und sie erwarteten ihn, weil sie von all dem gehört hatten, was Jesus in Kafarnaum getan hatte, von den Wundern. Und als wie üblich der Gottesdienst beginnt, da bitten sie den Gast darum, die Schriftlesung vorzunehmen. Jesus tut das und liest das Buch des Propheten Jesaja, das ein wenig eine Prophezeiung über ihn selbst war, und deshalb beendet er die Lesung mit den Worten ›Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.‹«

Die erste Reaktion, so erläuterte der Papst, war wunderschön, alle wussten ihn zu würdigen. Dann aber begann sich in die Seele von jemandem der Wurm des Neides einzuschleichen, und er fing an zu sagen: »›Aber wo hat dieser studiert? Ist das nicht der Sohn Josefs? Und wir kennen seine ganze Verwandtschaft. Aber auf welcher Hohen Schule hat er studiert?« Und sie fingen damit an, zu fordern, dass er für sie ein Wunder vollbringe: erst dann hätten sie ihm geglaubt. »Sie«, so führte der Papst aus, »wollten das Spektakel: ›Vollbringe ein Wunder und dann werden wir an dich glauben.‹ Aber Jesus ist kein Schausteller.« Jesus vollbrachte in Nazaret keine Wunder. Statt dessen betonte er die Kleingläubigkeit derer, die ein »Spektakel« von ihm wollten. Diese, so bemerkte Papst Franziskus, »wurden sehr wütend, sie sprangen auf und trieben Jesus bis an den Abhang des Berges, um ihn hinabzustürzen und zu töten«. Das, was so freudig angefangen hatte, drohte, mit einem Verbrechen zu enden, mit der Tötung Jesu »aus Eifersucht, aus Neid«. Aber es handelt sich hierbei keineswegs nur um ein Ereignis, das sich vor zweitausend Jahren zugetragen hat, so hob der Bischof von Rom hervor. »Das geschieht Tag für Tag«, sagte er, »in unserem Herzen, in unseren Gemeinschaften«, jedes Mal dann, wenn man jemanden aufnimmt, am ersten Tag gut über ihn spricht und dann zunehmend immer schlechter, bis man bei so übler Nachrede endet, dass man ihn fast »häutet«. Wer in einer Gemeinschaft zum Nachteil eines Bruders klatscht, endet damit, »ihn töten zu wollen«, betonte der Papst. »Der Apostel Johannes«, so erinnerte der Papst, sagt uns im ersten Brief, Kap. 3, V. 15, Folgendes: »Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder.« Und der Papst fügte unverzüglich hinzu: »Wir sind daran gewöhnt, zu klatschen, uns den Mund zu zerreißen«, und häufig verwandeln wir unsere Gemeinschaften und auch unsere Familien in eine »Hölle«, in der sich diese Form des Verbrechens manifestiert, die dazu führt, »den Bruder und die Schwester mit der Zunge zu töten«. »Die Bibel«, fuhr der Papst fort, »sagt, dass der Teufel aus Neid in die Welt gekommen ist. Eine Gemeinschaft, eine Familie werden von diesem Neid zerstört, den der Teufel unsere Herzen lehrt und der dafür sorgt, dass einer schlecht über den anderen redet.« Und unter Verweis auf die Ereignisse dieser Tage betonte er zudem, dass wir auch an unsere Alltagswaffen denken sollen: »die Zunge, das Geschwätz, den Klatsch«.

Wie soll man also eine Gemeinschaft aufbauen, fragte sich der Papst. So, »wie im Himmel«, antwortete er; so, wie das Wort Gottes verkündigt: »Es ertönt die Stimme des Erzengels, der Schall der Posaune des Herrn, der Tag der Auferstehung.

Und danach heißt es: »und so werden wir immerfort beim Herrn sein«. Folglich, »damit in einer Gemeinschaft, in einer Familie, in einem Land, auf der Welt Frieden herrsche, müssen wir damit anfangen, beim Herrn zu sein. Und wo der Herr ist, da gibt es weder Neid noch Verbrechen noch Eifersucht. Da herrscht Brüderlichkeit. Bitten wir den Herrn hierum: nie den Nächsten mit unserer Zunge töten, und beim Herrn zu sein, so, wie wir alle es im Himmel sein werden.«




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