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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Über den sanftmütigen und leidenden Jesus meditieren

Donnerstag, 12. September 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 38, 20. September 2013

 

Es ist für die Christen nicht leicht, den von Jesus inspirierten Prinzipien und Tugenden gemäß zu leben. »Es ist nicht einfach, aber« – so sagte Papst Franziskus im Verlauf der Messe, die er Donnerstag Vormittag, 12. September, in der Kapelle von Santa Marta feierte – »es ist möglich«: dafür reicht es, »über den leidenden Jesus und die leidende Menschheit zu meditieren « und »mit Jesus ein in Gott verborgenes Leben« zu führen.

Die Reflexion des Heiligen Vaters war angeregt worden durch den liturgischen Gedenktag »Mariä Namen«. »Heute«, so begann er, »begehen wir den Namenstag der Muttergottes. Des heiligen Namens Maria. Früher hieß dieses Fest ›der süße Name Mariens‹, und heute haben wir im Gebet um die Gnade gebeten, diese Kraft und Süße Mariens erleben zu dürfen. Dann wurde der Name des Festes geändert, aber im Gebet ist diese Süße ihres Namens verblieben. Wir bedürfen heute der Süße der Muttergottes, um diese Dinge zu verstehen, die Jesus von uns erwartet. Es ist nicht leicht, diese Aufzählung ins Leben umzusetzen: liebt eure Feinde, tut Gutes, gebt, ohne auf Rückerstattung zu hoffen, biete dem, der dich schlägt, auch die andere Wange, verweigere dem, der dir den Mantel entreißt, auch das Untergewand nicht. Das sind starke Forderungen. Aber all das hat auf ihre Weise auch die Muttergottes erlebt: die Gnade der Sanftmut, die Gnade der Milde.«

»Der Apostel Paulus«, so fuhr er fort, »beharrt auf eben diesem Thema: ›Brüder, ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde und Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!‹« (Kol 3,12–17).

Gewiss, so merkte der Papst an, es wird uns viel abverlangt, und daher lautet die erste Frage, die uns in den Sinn kommt: »Aber wie kann ich das fertigbringen? Wie kann ich mich dafür vorbereiten, das zu tun? Was muss ich studieren, um das zu leisten?« Für den Papst ist die Antwort ganz eindeutig: »Wir können das aus eigenen Kräften nicht fertigbringen. Das kann nur eine Gnade in uns bewirken. Es hilft, dass wir uns bemühen; das ist notwendig, aber es reicht nicht.«

»In diesen Tagen«, so fuhr der Papst fort, »hat der Apostel Paulus oft über Jesus zu uns gesprochen. Jesus als die Totalität des Christen, Jesus als die Hoffnung des Christen, weil er der Bräutigam der Kirche ist und die Hoffnung bringt, um weiterzugehen; Jesus als Sieger über Sünde und Tod.

Jesus siegt und er ist mit seinem Sieg in den Himmel aufgefahren.« Hierzu lehrt uns der Apostel etwas, »er sagt zu uns: ›Brüder, ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott‹«. Das ist »der Weg, um das zu tun, was der Herr von uns fordert: unser Leben mit Christus in Gott verbergen«, wiederholte der Papst. Und das muss sich in einer jeden unserer Verhaltensweisen im Alltag erneuern, denn, so erläuterte der Bischof von Rom, nur dann, wenn unser Herz und unser Geist dem Herrn zugewandt sind, »der über die Sünde, über den Tod triumphiert«, können wir das vollbringen, was er von uns verlangt. Milde, Demut, Güte, Zärtlichkeit, Nachsicht, Großmut sind alles Tugenden, die dazu dienlich sind, den von Christus gewiesenen Weg zu gehen.

Sie zu erhalten ist »eine Gnade. Eine Gnade«, so der Heilige Vater, »die aus der Kontemplation Jesu folgt.« Es sei kein Zufall, so erinnerte er noch einmal, dass unsere geistlichen Väter und Mütter uns gelehrt haben, wie wichtig es sei, auf die Passion des Herrn zu schauen. »Nur durch die Betrachtung der leidenden Menschheit Christi können wir milde, demütig, zärtlich werden wie er selbst. Es gibt keinen anderen Weg.« Gewiss, wir müssen die Anstrengung auf uns nehmen, »Jesus zu suchen; an sein Leiden zu denken, daran, wie sehr er gelitten hat; an sein mildes Schweigen zu denken.« Das, so betonte er, wird unser Bemühen sein; dann werde »er an alles Übrige denken, er wird all das tun, was noch fehlt. Aber du musst dieses tun: Dein Leben mit Christus in Gott verbergen.« Um gute Christen zu sein, sei es folglich erforderlich, stets über das Menschsein Jesu und über die leidende Menschheit zu meditieren.

»Um Zeugnis abzulegen? Betrachte Jesus. Um zu vergeben? Betrachte den leidenden Jesus. Um nicht den Nächsten zu hassen? Betrachte den leidenden Jesus. Um nicht über den Nächsten zu klatschen? Betrachte den leidenden Jesus. Es gibt keinen anderen Weg«, wiederholte der Papst, der dann daran erinnerte, dass diese Tugenden die des Vaters sind, »der gut, milde und großmütig ist, der uns stets vergibt«, und auch die Tugenden der Gottesmutter, unserer Mutter. Es sei nicht leicht, aber es sei möglich. »Vertrauen wir uns der Muttergottes an. Und wenn wir ihr heute«, so schloss er, »zu ihrem Namenstag gratulieren, dann bitten wir sie darum, uns die Gnade zu erweisen, ihre zärtliche Sanftmut zu erfahren.«



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