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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Jericho in der Via Ottaviano

 Montag, 17. November 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 49, 5. Dezember 2014

   

Der Christ ist aufgerufen, den Herrn in den Ausgegrenzten zu erkennen – und davon gebe es auch in der Nähe des Vatikans sehr viele –, ohne die Haltung dessen, der sich »privilegiert« fühlt, weil er einem »Grüppchen von Auserwählten« angehört und in jenes »hyperkirchliche Mikroklima « eingefügt ist, das in Wirklichkeit das Volk Gottes und die verschiedenen Randgebiete von der Kirche entfernt. Das sagte der Papst am 17. November in der heiligen Messe, die er in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

In Bezug auf das Tagesevangelium nach Lukas (18,35-43) unterstrich Franziskus: »Dieser Evangeliumsabschnitt beginnt mit einem Nicht-Sehen, einem Blinden, und endet mit einem Sehen: ›Und alle Leute, die das gesehen hatten, lobten Gott.‹« Und er erklärte: »In diesem Abschnitt gibt es drei Kategorien von Personen: der Blinde und diejenigen, die mit Jesus gingen, und das Volk.« »Der Blinde konnte aufgrund der Krankheit, die ihm das Augenlicht genommen hatte, nicht sehen, er bettelte«, so der Papst. Und vielleicht sei er »oft verbittert gewesen« und habe sich gefragt: »Warum ist das mir passiert?« Kurz, es sei ein Mann gewesen, »der keinen Ausweg sah, ein Ausgegrenzter«. Der »an der Straße sitzende Mann« sei also genauso wie die »vielen Ausgegrenzten hier an der Piazza Pio XII, in der Via Ottaviano, auf dem Platz« und heute gebe es sehr viele von ihnen, die »am Rand der Straße sitzen«.

Dieser Mann habe nicht sehen können, sei aber »kein Dummkopf gewesen: er wusste über alles Bescheid, was in der Stadt passierte«. Im Übrigen habe er sich »am Zugang zur Stadt Jericho befunden« und so habe er »alles gewusst und alles wissen wollen«. Wenn er »ein Geräusch hörte, fragte er: Was passiert da?« Letztendlich, so Papst Franziskus, »war er ein Mann, der auf dieser Straße eine Lebensweise gefunden hatte: ein Bettler, ein Ausgegrenzter, ein Blinder«. Als er aber gehört habe, »dass Jesus genau dort vorbeikam, schrie er«. Und »als die Leute ihm befahlen zu schweigen, schrie er noch lauter«. Was ist der Grund für dieses Verhalten? Der Papst erklärte es folgendermaßen: »Dieser Mann wünschte sich das Heil, er wollte geheilt werden.« Und sein Wunsch war so groß, dass Jesus im Evangelium sagt, dass »er Glauben hatte«. Denn der Blinde hat »alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen«, erklärte der Papst, auch wenn es schwierig sei, »alles einzusetzen, wenn ein Mensch so ›erniedrigt‹ ist, so sehr ausgegrenzt«. Dennoch »hat er alles auf eine Karte gesetzt« und »an die Tür von Jesu Herz« geklopft.

Die »zweite Kategorie von Personen«, denen wir im Abschnitt des Lukasevangeliums begegnen, setze sich dagegen aus denjenigen zusammen, »die mit dem Herrn unterwegs sind: sie gehen vor ihm her und bahnen den Weg für ihn«. Es seien »die Jünger, auch die Apostel, die ihm nachfolgten und mit dem Herrn gingen«. Es seien auch »die Bekehrten gewesen, jene, die das Reich Gottes angenommen hatten« und »sich über dieses Heil freuten«.

Gerade sie aber »wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen«, indem sie zu ihm sagten: »Sei still, benimm dich! Er ist der Herr. Sei so gut, mach keinen Krach!« Und auf diese Weise »entfernten sie den Herrn aus einer Peripherie«. Tatsächlich, so bekräftigte Franziskus, »konnte diese Peripherie nicht zum Herrn kommen, denn dieser Kreis schloss – aber mit sehr guten Absichten– die Tür.«

Leider, so gab der Papst zu, »geschieht das unter uns Gläubigen sehr oft: Wenn wir den Herrn gefunden haben, dann entsteht, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst werden, dieses kirchliche Mikroklima.« Und das sei eine Verhaltensweise, die man »nicht nur bei Priestern, bei Bischöfen« fände, sondern »auch bei den Gläubigen«. Eine Verhaltensweise, die einen dazu bringe, zu sagen: »Wir sind nämlich diejenigen, die mit dem Herrn zusammen sind.« Und »vor lauter auf den Herrn schauen« ende es damit, dass »wir die Bedürfnisse des Herrn außer Acht lassen; wir achten nicht auf den Herrn, der hungert, der dürstet, der gefangen ist, der im Krankenhaus ist«. Praktisch übersähen wir »den Herrn in einem ausgegrenzten Menschen«, und »das ist ein Klima, das sehr schädlich ist«. Das Problem, so erläuterte der Papst, bestehe darin, dass »diese Menschen, die Jesus umgaben, die schrecklichen Augenblicke vergessen hatten, in denen sie selbst ausgegrenzt worden waren.

Sie hatten den Augenblick vergessen, in denen Jesus sie berufen hatte, und wo sie gewesen waren, als er sie berief.« Und deshalb hätten sie nun gesagt: »Wir sind jetzt Erwählte, wir sind beim Herrn.« Und über »diese kleine Welt waren sie glücklich«, aber »sie ließen es nicht zu, das diese Leute den Herrn störten«. Das sei so weit gegangen, dass »sie nicht einmal die Kinder herankommen ließen«. Das seien Menschen gewesen, so bekräftigte Franziskus, »die den Weg vergessen hatten, den der Herr mit ihnen gegangen war, den Weg der Umkehr, der Berufung, der Heilung«.

Es handle sich dabei um eine Wirklichkeit, die, so erinnerte der Papst unter Verweis auf die Lesung aus der Offenbarung (1,1-5; 2,1-5), »der Apostel Johannes mit einem sehr schönen Satz beschreibt, den wir in der ersten Lesung vernommen haben: sie hatten ihre erste Liebe vergessen und verlassen.« Und das »ist ein Zeichen: Wenn die Gläubigen, die Priester in der Kirche zu so einer Gruppe werden, die nicht kirchlich ist, sondern hyperkirchlich, eine Gruppe, die das Privileg hat, dem Herrn nah zu sein, dann sind sie der Versuchung ausgesetzt, ihre erste Liebe zu vergessen«: eben »diese wunderschöne Liebe, die wir alle erfahren haben, als der Herr uns berufen hat, als er uns erlöst hat, als er zu uns gesagt hat: Ich habe dich so lieb.« Es handle sich dabei um »eine Versuchung, der die Jünger ausgesetzt sind: die erste Liebe zu vergessen, also auch die Peripherien zu vergessen, in denen ich einst war, auch wenn ich mich dessen schämen muss.« Das sei eine Einstellung, die folgendermaßen zum Ausdruck gebracht werden könne: »Herr, dieser Mensch da stinkt, lass ihn nicht an dich heran.« Aber die Antwort des Herrn falle eindeutig aus: »Und hast du etwa nicht gestunken, als ich dich geküsst habe?«

Angesichts »dieser Versuchung, der die Grüppchen der Auserwählten« zu allen Zeiten ausgesetzt gewesen seien, sei das Verhalten »Jesu in der Kirche, in der Kirchengeschichte« so, wie bei Lukas beschrieben: »Er blieb stehen.« Es »ist eine Gnade«, so betonte der Papst, »wenn Jesus stehenbliebt und sagt: schaut dorthin, bringt ihn zu mir«, gerade so, wie er es mit diesem Blinden aus Jericho getan habe. Auf diese Weise »bringt der Herr die Jünger dazu, ihre Blicke in Richtung der kritischen Peripherien zu wenden«. So als wolle er sagen: »Schaut nicht nur auf mich. Ja, ihr sollt mich ansehen, aber nicht ausschließlich mich! Seht mich auch in den anderen Menschen, in den Hilfsbedürftigen.«

In der Tat, »wenn Gott stehenbleibt, dann tut er das immer voller Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, manchmal aber tut er das auch voller Zorn«, so präzisierte Franziskus, indem er sich auf jene Episode bezog, wo der Herr »sich von dieser Führungsschicht distanzierte« und sie als »diese böse und treulose Generation« definiert habe: gewiss, so kommentierte er, »das war alles andere als eine Liebkosung«. Indem er wieder zur Heilung des Blinden bei Jericho zurückkehrte, war es dem Papst wichtig, zu betonen, dass Jesus selbst diesen herankommen lasse und ihn heile, wobei er anerkannt habe, dass dieser geglaubt habe: »Dein Glaube hat dir geholfen.«

Die »dritte Gruppe«, die Lukas vorstelle, sei »das einfache Volk, das der Zeichen des Heils bedarf«. Im Evangelium stehe an dieser Stelle: »Und alle Leute, die das gesehen hatten, lobten Gott.« Es sei also »ein Volk, das imstande ist, ein Fest zu feiern, Gott zu loben, Zeit zu verbringen mit dem Herrn.« Und, so merkte der Papst an, »wie oft begegnen wir doch ganz einfachen Leuten, vielen alten Weiblein, die hingehen und sich auch unter großen Opfern aufmachen, um in einem Marienheiligtum zu beten«. Das seien Menschen, die »um keine Privilegien bitten, sondern die nur um eine Gnade bitten«. Sie seien »das treue Volk, das dem Herrn nachzufolgen versteht, ohne irgendwelche Privilegien zu fordern«.

Das also, so fasste Franziskus zusammen, seien die drei Gruppen von Menschen, die uns hinterfragen: »Die Ausgegrenzten; die Privilegierten, die erwählt worden sind und die in diesem Augenblick der Versuchung ausgesetzt waren; und das treue Volk, das dem Herrn nachfolgt, um ihn zu loben, weil er gut ist, und auch, um ihn um Gesundung zu bitten, um ihn um vielerlei Gnaden zu bitten.«

Diese Überlegungen, so deutete der Papst an, sollten uns dazu bewegen, an »die Kirche, unsere Kirche« zu denken, »die am Straßenrand von Jericho sitzt«. Denn »in der Bibel ist Jericho laut den Kirchenvätern das Symbol der Sünde«. Wir sollten also, so mahnte er, »an die Kirche denken, die Jesus vorbeigehen sieht, an diese ausgegrenzte Kirche«, an »diese Menschen, die keinen Glauben haben, diese Menschen, die viel gesündigt haben und die nicht aufstehen wollen, weil sie keine Kraft mehr haben, von vorne anzufangen«. Und auch, so fügte der Papst hinzu, an die »Kirche der Kinder, der Kranken, der Gefangenen, die Kirche der einfachen Leute«, und sollten »den Herrn um die Gnade bitten, dass wir alle, denen die Gnade zuteil wurde, berufen worden zu sein, uns nie, niemals entfernen mögen von dieser Kirche.

Dass wir niemals in dieses hyperkirchliche Mikroklima der privilegierten Jünger verfallen, die sich von der Kirche Gottes entfernen, von der Kirche Gottes, die leidet, die um ihre Erlösung fleht, die um den Glauben bittet, die um das Wort Gottes bittet.« Abschließend, so der Papst, »bitten wir um die Gnade, ein treues Gottesvolk zu sein, das den Herrn um keinerlei Privileg bittet, das uns vom Volk Gottes entfernen könnte«.

 



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