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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Hymne an die Freude

Montag, 23. Mai 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 22, 3. Juni 2016

 

»Der Personalausweis des Christen ist die Freude«: Das »Staunen« angesichts der »Größe Gottes«, seiner »Liebe«, des »Heils«, die er der Menschheit geschenkt hat, kann nicht umhin, den Gläubigen eine Freude zu bescheren, die nicht einmal die Kreuze dieses Lebens schmälern können. Denn auch wenn wir uns Prüfungen unterziehen müssen, haben wir »die Gewissheit, dass Jesus bei uns ist«.

Papst Franziskus’ Predigt in der Messe, die er am Montag, 23. Mai, in Santa Marta feierte, war ein wahrer Hymnus an die Freude. Den Denkanstoß dazu gab die Tagesliturgie. Der Papst wollte vor allem die einleitenden Worte der Ersten Lesung aus dem Ersten Petrusbrief (1,3-9) noch einmal wiederholen, die, wie er sagte, durch ihren »jubelnden Ton«, durch ihre »Heiterkeit«, durch die Art und Weise, wie der Apostel »mit aller Kraft« loslegt, an den Anfang »von Bachs Weihnachtsoratorium« erinnern. Denn Petrus schreibe ja: »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist. Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll.«

Es seien Worte, denen man »das Staunen angesichts der Größe Gottes«, angesichts der »Neuerschaffung, die der Herr – ›in Jesus Christus und durch Jesus Christus‹ – in uns gewirkt hat«, anmerke. Und es handle sich dabei um »ein Staunen, das voller Jubel ist, es ist fröhlich«: gleich im Anschluss, so merkte der Papst an, stoße man im Text auf das »Schlüsselwort«, und zwar: »Deshalb seid ihr voll Freude.«

Die Freude, von der der Apostel spreche, sei dauerhafter Natur. Eben deshalb, so Franziskus, sage er in dem Brief auch, dass uns diese anfängliche Freude »nicht genommen wird«, auch wenn wir eine Zeit lang »Prüfungen unterworfen« würden. In der Tat sei diese Freude eine Konsequenz »dessen, was Gott in uns gewirkt hat: er hat uns in Christus neu geboren und uns eine Hoffnung geschenkt«.

Eine Hoffnung »jene Hoffnung, die die ersten Christen als einen Himmelsanker darstellten« –, die, wie der Papst sagte, auch die unsere sei. Sie sei der Quell der Freude. Und in der Tat habe Petrus seine Botschaft mit einer Aufforderung an alle Menschen abgeschlossen: »Jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude«.

Der Papst betonte, dass man all dem entnehmen könne, dass die Freude wirklich »die Tugend des Christen« sei. Ein Christ, so führte er aus, »ist ein Mann bzw. eine Frau mit einem Herzen voller Freude«. Mehr noch: »Es gibt keinen freudlosen Christen.« Da könne nun der Einwand vorgebracht werden: »Aber Vater, ich habe deren viele gesehen!«, womit man zum Ausdruck bringen wolle, dass »sie nicht wirklich Christen sind: sie behaupten, es zu sein, sind es aber nicht, es fehlt ihnen an etwas«. Eben deshalb ist nach Aussage des Papstes »der Ausweis des Christen die Freude, die Freude des Evangeliums, die Freude, von Jesus auserwählt, erlöst, neu geboren worden zu sein; die Freude jener Hoffnung, dass Jesus uns erwartet«.

Und selbst »unter den Kreuzen und in den Leiden dieses Lebens«, so setzte er hinzu, erlebe der Christ diese Freude, er bringe sie aber auf eine andere Art und Weise zum Ausdruck, und zwar durch den »Frieden«, der sich aus der »Gewissheit « ableite, dass Jesus uns begleitet, dass er bei uns ist«. Tatsächlich sehe der Christ »diese Freude zunehmen, wenn er Gott vertraut«. Er wisse wohl, dass »Gott sich seiner erinnert, dass Gott ihn liebt, dass Gott ihn begleitet, dass Gott ihn erwartet. Und eben das ist die Freude«.

Als Gegenstück zu dieser Hymne an die Freude biete uns die Tagesliturgie »ein anderes Wort« an, und zwar eines, das zu der Geschichte aus dem Markusevangelium (10, 17-27) gehöre, wo von jenem jungen Mann die Rede ist, der »sich Jesus näherte, um ihm nachzufolgen«: ein so »anständiger junger Mann«, dass es ihm gelungen sei, »das Herz Jesu zu erobern«, der, wie geschrieben steht, »ihn ansah« und »ihn liebte«. Jesus habe diesem jungen Mann ein Angebot gemacht: »Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen; dann komm und folge mir nach!« Auf diese Worte hin sei dieser aber »betrübt geworden und traurig weggegangen«.

Dieser junge Mann, bemerkte Franziskus, »war nicht imstande, der Freude sein Herz zu öffnen und er hat die Traurigkeit gewählt«. Aber warum nur? Die Antwort sei eindeutig: »Weil er ein großes Vermögen besaß. Er hing an seinem Besitz.« Im Übrigen habe Jesus selbst davor gewarnt, »dass man nicht zwei Herren dienen kann: entweder dient man dem Herrn, oder man dient dem Mammon«. Der Papst, der damit wieder auf dieses Thema zurückkam, das er bereits einige Tage zuvor behandelt hatte, erläuterte: »Der Reichtum ist nicht schlecht an sich«, schlecht sei vielmehr, »dem Reichtum zu dienen«. Kurz, das sei der Grund dafür gewesen, dass der junge Mann traurig weggegangen sei: »Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg.« Dies sei eine Geschichte, die auch auf das Alltagsleben »in unseren Pfarreien, in unseren Gemeinschaften, in unseren Institutionen« verweise: Wenn wir, wie der Papst betonte, dort in der Tat »Leuten begegnen, die sagen, dass sie Christen seien und Christen sein wollen, aber traurig sind«, dann heiße das, dass etwas geschehe, »das nicht funktioniert«. Und es sei die Aufgabe jedes Einzelnen, diesen Leuten dabei zu helfen, »Jesus zu finden, diese Traurigkeit loszuwerden, damit sie sich über die Frohe Botschaft freuen können, damit sie diese Freude erleben können, die der Frohen Botschaft zu eigen ist«.

Franziskus legte Wert darauf, diese zentrale Vorstellung noch zu vertiefen und die Freude in Verbindung mit der Bestürzung zu bringen, das, wie der heilige Petrus in seinem Brief erinnert hatte, »der Offenbarung, der Liebe Gottes, den Emotionen« entspringt, »die der Heilige Geist hervorruft «. Daher könne man mit Fug und Recht sagen, dass »der Christ ein Mann bzw. eine Frau voller Staunen ist«.

Eine Begrifflichkeit – »Staunen, Betroffenheit, Erschrecken« –, die auch am Ende des Tagesevangeliums wiederkehre, »als Jesus den Aposteln auseinandersetzt, dass es dieser anständige junge Mann nicht fertiggebracht habe, ihm nachzufolgen, weil er am Reichtum hing und sagt, dass es für Menschen, die viel besitzen, sehr schwer sei, in das Reich Gottes zu gelangen«. Tatsächlich läse man, dass sie »noch mehr erschraken« und gesagt hätten: »Wer kann dann noch gerettet werden?« Der Mensch, der Christ, so erklärte der Papst, könne angesichts einer so ungeheuren Größe und Schönheit so bestürzt sein, dass er dann denke: »Das schaffe ich nicht. Ich weiß nicht, wie das geht!« Die Antwort, die Jesus gibt, als er seine Jünger ansieht, ist tröstlich: »Für Menschen ist das unmöglich – wir bringen das nicht fertig… –, aber nicht für Gott!« Wir können es – also die »christliche Freude«, das »Staunen der Freude« erleben und uns davor hüten, »an andere Dinge, an weltliche Dinge, geklammert zu leben « – nur »dank Gottes Kraft, mit der Kraft des Heiligen Geistes«.

Aus diesem Grunde, so forderte der Papst am Ende seiner Predigt auf, »bitten wir den Herrn heute darum, dass er uns Staunen schenke, wenn wir ihn sehen, wenn wir all die vielen geistlichen Reichtümer sehen, die er uns geschenkt hat; und dass er uns zusammen mit diesem Staunen auch die Freude schenke, die Freude unseres Lebens, und dass wir die zahlreichen Prüfungen mit einem Herzen voller Frieden erleben mögen. Und er bewahre uns davor, in vielen Dingen unser Glück zu suchen, die uns letztendlich nur traurig machen: sie versprechen viel, halten aber nichts!« Er schloss: »Erinnert euch gut daran: ein Christ ist ein Mann bzw. eine Frau der Freude, der Freude im Herrn; ein Mann bzw. eine Frau voller Staunen«.

 



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