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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Verhandlungsbereite Heiligkeit

Donnerstag, 9. Juni 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 26, 1. Juli 2016

 

Man muss die »winzigkleine Heiligkeit des Verhandelns« leben, das heißt jenen »gesunden Realismus«, den »die Kirche uns lehrt«. Es geht darum, die Logik des »Das oder Gar-Nichts« zurückzuweisen und den Weg des »Möglichen« einzuschlagen, um sich mit den anderen zu versöhnen.

Dies schlug Franziskus in der Frühmesse am 9. Juni vor, die er wie gewohnt in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta feierte. Eine kleine Begebenheit am Rande: Als während der Predigt ein Kind zu weinen begann, beruhigte der Papst die Eltern: »Bleiben wir ganz ruhig, denn die Predigt eines Kindes in der Kirche ist schöner als die Predigt des Priesters, des Bischofs oder des Papstes. Lass es, lass es: Es ist die Stimme der Unschuld, die uns allen gut tut.« Der Papst ging in seiner Meditation vom Abschnitt aus dem Tagesevangelium nach Matthäus (5,20-26) aus: »Jesus ist mitten unter seinem Volk und lehrt die Jünger, er lehrt sie das Gesetz des Volkes Gottes.« Denn »Jesus ist jener Gesetzgeber, den Mose verheißen hatte: ›Nach mir wird einer kommen…‹« Er sei also »der wahre Gesetzgeber, der uns lehrt, wie das Gesetz beschaffen sein muss, um gerecht zu sein«. Aber »das Volk war etwas desorientiert, orientierungslos, weil es nicht wusste, was es tun sollte, und weil diejenigen, die das Gesetz lehrten, nicht kohärent waren«. Jesus selbst sage zu ihnen: »Tut alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun.« Denn sie seien »in ihrem Leben nicht kohärent gewesen, sie gaben kein Zeugnis mit ihrem Leben«. So »spricht Jesus in diesem Abschnitt des Evangeliums davon, zu übertreffen: ›Eure Gerechtigkeit muss größer sein als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer.‹« So zeige Jesus »dem ein wenig in diesem ausweglosen Käfig gefangenen Volk den Weg hinaus: Es ist immer ein Hinausgehen in das Mehr, übertreffen, hinaufsteigen.«

Dabei verwende Jesus »als ein erstes Beispiel – er verwendet sehr viele Beispiele, nicht wahr? – das erste Gebot: Gott lieben und den Nächsten lieben: ›Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten‹, eines der Gebote der Nächstenliebe, ›ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du gottloser Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.‹« Jesus bekräftige, dass nicht nur das Töten eine Sünde sei, sondern auch »den Bruder zu beleidigen und zu schelten«. Der Papst fügte hinzu: »Es tut uns gut, dies zu hören, gerade in einer Zeit, wo wir an bestimmte Bezeichnungen so sehr gewöhnt sind und ein sehr kreatives Vokabular haben, um die anderen zu beleidigen.« Auch die Beleidigung sei also »eine Sünde und bedeute zu töten«. Denn es sei gleichzusetzen »mit einer Ohrfeige, die man der Seele des Nächsten, der Würde des Bruders und der Schwester versetzt«. Dinge zu sagen wie: »Beachte ihn nicht, das ist ein Verrückter, das ist ein Dummkopf« und »viele andere Schimpfworte, die wir ›mit sehr viel Liebe‹ zu den anderen sagen«. Das, so unterstrich der Papst erneut, »ist eine Sünde«.

Franziskus wies darauf hin, dass Jesus »die Zweifel dieses orientierungslosen und gefangenen Volkes« zerstreut, »indem er den Blick nach oben richtet: das Gesetz des Mehr. Er geht noch weiter und verbindet das Verhalten des Volkes mit der Anbetung Gottes. Er sagt: ›Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass du etwas gegen deinen Bruder hast oder dein Bruder etwas gegen dich hat, so geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder.‹« Das »bedeutet, weiter zu gehen als das Gesetz. Was er sagt, das ist eine höhere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.« »Wie oft hören wir diese Dinge in der Kirche, wie oft!«, stellte der Papst fest. Nicht selten könne man Sätze hören wie: »Dieser Priester, dieser Mann, diese Frau von der Katholischen Aktion, dieser Bischof und dieser Papst sagen uns: ›So müsst ihr handeln!‹, und sie selbst tun genau das Gegenteil.« Das sei »der Anstoß, der das Volk verletzt und das Volk Gottes nicht wachsen, nicht vorangehen lässt. Das befreit nicht.« Auch »dieses Volk hatte die Starrheit der Schriftgelehrten und Pharisäer gesehen«, die so weit gingen, »einen Propheten, der ihnen ein wenig Freude schenkte, zu verfolgen und zu töten: Dort gab es keinen Platz für Propheten.«

Aus diesem Grund »sagt Jesus zu den Pharisäern: ›Ihr habt die Propheten getötet, ihr habt die Propheten verfolgt: jene, die frischen Wind brachten…‹« Wie Jesus »in der Synagoge von Nazaret gesagt hat, ist er gekommen, um ein Jahr des Herrn auszurufen, uns die Freiheit zu bringen, die wahre Befreiung: die Freiheit Jesu«. »Großherzigkeit, Heiligkeit« sei »immer ein Hinausgehen, ein Aufbrechen, aber immer nach oben: hinausgehen in die Höhe«. Das »ist die Befreiung von der Starrheit des Gesetzes und auch von den Idealismen, die uns nicht gut tun«.

Franziskus erläuterte: »Jesus kennt uns sehr gut, und er weiß, wie wir beschaffen sind, weil er der Schöpfer ist, er kennt unsere Natur.« Und deshalb schlage er vor: »Wenn du ein Problem mit deinem Bruder hast – er verwendet das Wort ›Gegner‹ –, dann schließe ohne Zögern Frieden.« So lehre uns der Herr auch »einen gesunden Realismus: Sehr oft ist es nicht möglich, zur Vollkommenheit zu gelangen, aber tut zumindest das in eurer Macht Stehende, einigt euch, schließt Frieden, um nicht vor dem Richter zu landen.« Das sei »der gesunde Realismus der katholischen Kirche: die katholische Kirche lehre nie ›entweder das oder das‹«. Vielmehr »sagt die Kirche: ›Das und das‹«. Kurz: »Handle vollkommen, versöhne dich mit deinem Bruder, beleidige ihn nicht, liebe ihn, aber wenn es ein Problem gibt, dann einigt euch wenigstens, damit kein Krieg ausbricht.« Das sei »der gesunde Realismus des Katholizismus «. Dagegen sei es »nicht katholisch, sondern häretisch zu sagen: ›entweder das oder gar nichts‹«.

Jesus, so versicherte Franziskus, »weiß immer an unserer Seite zu gehen. Er stellt uns das Ideal vor Augen, er begleitet uns auf dem Weg zum Ideal. Er befreit uns von diesem Gefangensein im Käfig der Starrheit des Gesetzes und sagt uns: ›Tut es bis dorthin, wohin ihr gelangen könnt.‹ Und er versteht uns gut.« Das sei »unser Herr, und das lehrt er uns«, wenn er uns sage: »Bitte, beleidigt einander nicht und seid keine Heuchler: Ihr lobt Gott mit derselben Zunge, mit der ihr den Bruder beleidigt. Nein, das tut man nicht. Aber tut, was ihr könnt. Vermeidet wenigstens den Krieg untereinander, einigt euch.« Der Papst fügte hinzu: »Ich erlaube mir, euch dieses Wort zu sagen, das ein wenig seltsam klingen mag. Es ist die kleine Heiligkeit des Verhandelns: Ich kann nicht alles, aber ich will alles tun. Ich einige mich mit dir, zumindest beleidigen wir uns nicht, wir führen keinen Krieg und leben alle in Frieden.«

»Jesus ist groß und befreit uns von all unserem Elend, auch von jenem Idealismus, der nicht katholisch ist.« Daher »wollen wir den Herrn bitten, dass er uns zunächst lehren möge, aus aller Starrheit hinauszugehen, und zwar in die Höhe, um Gott anbeten und loben zu können. Dass er uns weiter lehren möge, uns miteinander zu versöhnen, und dass er uns auch lehren möge, Frieden zu schließen, soweit wir können.«

 



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