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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Gegen das Gift der üblen Nachrede

Donnerstag, 17. Mai 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 25, 22. Juni 2018)
 

Gegen das Gift der üblen Nachrede Durch die Technik der »falschen Einheit« hat man das Volk schon immer getäuscht und tut es auch heute noch. Man hat es aufgewiegelt, Staatsstreiche zu machen, Gerechte zu verurteilen – angefangen bei Jesus –, aber auch, das Leben in den christlichen Gemeinden zu zerstören und Menschen durch Klatsch zu erledigen. Vor dieser »mörderischen Haltung« warnte Papst Franziskus in der heiligen Messe am 17. Mai in Santa Marta. Dagegen setzte er das Wesen der wahren Einheit, die Christus selbst in seinem Gebet zum Vater bezeugt: »Alle sollen eins sein.«

Gerade »in der heutigen Tagesliturgie«, hob der Papst an, »können wir zwei Wege sehen, zwei Gewichte, zwei Maße, um zur Einheit zu gelangen«. Es handle sich um »zwei Arten von Einheit«. »Die erste«, so Franziskus mit Bezug zum Abschnitt aus dem Johannesevangelium (17,20-26), sei jene, für die »Jesus für uns zum Vater betet: ›Alle sollen eins sein‹ – eins – ›wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt‹«. Dies sei »die Einheit, zu der uns Jesus bringt«, sagte der Papst, »die Einheit im Vater, wie er beim Vater ist«. Es sei »eine konstruktive Einheit, eine Einheit, die nach oben geht, immer: eine Einheit, die alle einbezieht und die eine Kirche schafft«. Weiter betonte der Papst: »Der heilige Geist bringt uns immer zu dieser Einheit: einer Einheit des Heils, denn Jesus will uns alle retten und führt uns zu dieser Einheit.«

Dies sei auch »eine Einheit, die nie endet: Sie geht auf die Ewigkeit zu, hat also weite Horizonte «. Und »so wächst die Einheit, und wenn wir uns im Leben, in der Kirche oder in der Zivilgesellschaft für die Einheit einsetzen, dann sind wir auf diesem Weg«. Im Bewusstsein, dass »jeder Mensch, der sich für die Einheit einsetzt, auf dem Weg ist, den Jesus vorgezeichnet hat«. Eben das ist »die große Einheit«, fügte der Papst hinzu, »jene Einheit, die uns den Vater offenbart und die uns den Kern der Offenbarung sehen lässt, die Jesus uns gebracht hat«.

»Doch es gibt noch eine andere Art von Einheit, die ich als ›falsche‹ oder rein von den aktuellen Gegebenheiten bedingte Einheit bezeichnen würde: die Einheit der Ankläger des Paulus in der Ersten Lesung«, erläuterte der Papst, auf den Abschnitt aus der Apostelgeschichte (22,30; 23,6-11) Bezug nehmend. Denn diese Ankläger »treten als einheitlicher Block auf, um Paulus anzuklagen: ›Er verstößt gegen das Gesetz, er verstößt dagegen, er ist ein Gotteslästerer‹«. Und »der römische Oberst sieht diese Menschen und sagt: ›Das ist das ganze Volk, es ist eins‹«. Paulus jedoch, so Franziskus weiter, »hatte einen wachen Geist – denn der Heilige Geist schenkt uns auf menschlicher Ebene auch einen wachen Geist: Er verlangt das von uns – und wusste, dass jene Einheit falsch war, dass sie nur vorübergehend war, und wirft den Stein der Spaltung«. Denn in der Apostelgeschichte heißt es: »Brüder, ich bin Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht.« Und »das ist der Stein, den Paulus gegen diese falsche Einheit wirft, die ihn anklagt«.

Im Text »heißt es weiter: ›Als er das sagte, brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus und die Versammlung spaltete sich.‹ Die Einheit löste sich auf, sie stritten miteinander. Vorher hatten sie gegen Paulus gestritten, um ihn anzuklagen und zum Tode zu verurteilen, doch mit jenen Worten zerstört Paulus jene Einheit, weil sie falsch war, weil sie keinen Bestand hatte: ›Es brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus und die Versammlung spaltete sich. Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder Auferstehung noch Engel noch Geist, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu alldem.‹« Paulus gelang es also, »mit der menschlichen Weisheit, die er hatte, und mit der Weisheit des Heiligen Geistes diesen Block der Einheit zu zerstören«.

Dasselbe, so der Papst weiter, »haben wir bei den Verfolgungen des Paulus, zum Beispiel in Jerusalem, gesehen«. Denn »in der Apostelgeschichte heißt es, dass alle, die sich versammelt hatten, gegen Paulus schrien, doch keiner wusste etwas, keiner hörte dem anderen zu, keiner wusste, was sie schrien: Sie waren versammelt worden, um Lärm zu machen, eine Einheit zu bilden, die Lärm war«. Dasselbe, sagte Franziskus, sei »zum Beispiel mit den Kunsthandwerkern beim Artemistempel in Ephesus geschehen, als – wie es im Text heißt – keiner den Grund kannte, warum sie eigentlich schrien«. So berichtet die Apostelgeschichte im 19. Kapitel. Praktisch würde so »das Volk zur anonymen Masse: Es bildet eine anonyme Einheit, und die Anführer des Volkes sagen: ›Du musst gegen das schreien‹, und sie schreien«. Auch wenn sie »dann nicht wissen, warum sie schreien oder was sie wollen«.

»Diese Instrumentalisierung des Volkes ist auch eine Verachtung des Volkes, denn so macht man das Volk zur Masse«, sagte Franziskus und erläuterte: »Das ist ein Element, das sich oft wiederholt, von der Frühzeit bis heute. Denken wir darüber nach: Am Palmsonntag jubeln alle: ›Gepriesen seist du, der du kommst im Namen des Herrn‹«, aber »am Freitag darauf schreien dieselben Menschen: ›Kreuzige ihn!‹« Die Antwort laute, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, und so hätte sich alles geändert: Praktisch »haben sie das Volk in eine zerstörerische Masse verwandelt«. Denken wir auch, so Franziskus weiter, »an Stephanus: Sie suchen sofort zwei falsche Zeugen, und so gehen die Menschen hin, um Stephanus zu steinigen.« Auch »im Alten Testament erkennen wir dieselbe Technik«, angewandt von »der Königin Isebel mit Nabot«, wie das Erste Buch der Könige berichte. Immer sei es »dasselbe: Es werden finstere, ›nebulöse‹ Umstände geschaffen, um einen Menschen zu verurteilen «. Am Ende löse »jene konstruierte Einheit « sich auf, »der Mensch aber ist verurteilt worden«.

»Auch heute wird diese Methode oft angewandt «, warnte der Papst: »Zum Beispiel im zivilen Leben, im politischen Leben, wenn man einen Staatsstreich durchführen will, fangen die Medien an, von den Menschen, von den Verantwortungsträgern schlecht zu reden. Sie verleumden, diffamieren, beschmutzen sie. Dann kommt die Justiz ins Spiel, sie werden verurteilt, und am Ende kommt es zum Staatsstreich. Dies gehört zu den infamsten Systemen.« Doch gerade »mit dieser Methode«, erläuterte Franziskus, »wird Paulus verfolgt« und wurden »Jesus, Stephanus und dann alle Märtyrer verfolgt«. Natürlich, so Franziskus weiter, waren es am Ende »die Menschen, die in den Zirkus gingen und schrien, um den Kampf zwischen den Märtyrern und den wilden Tieren oder den Gladiatoren zu sehen. Aber das Glied der Kette, das der Verurteilung oder einem anderen Interesse nach der Verurteilung dient, ist immer dieses Klima einer falschen Einheit.

Der Papst erinnerte jedoch daran, dass all dies »in kleinerem Maßstab« auch »in unseren Pfarrgemeinden geschieht, wenn zum Beispiel zwei oder drei anfangen, einen anderen zu kritisieren, wenn sie anfangen, schlecht über ihn zu reden, und eine falsche Einheit bilden, um ihn zu verurteilen«. Gemeinsam, so Franziskus weiter, »fühlen sie sich sicher und verurteilen ihn: Sie verurteilen ihn in Gedanken, als Haltung; dann trennen sie sich und einer redet schlecht über den anderen, denn sie sind gespalten.« Aus diesem Grund »ist der Klatsch eine mörderische Haltung, weil er tötet, weil er Menschen umbringt, weil er ›Rufmord‹ begeht«. Und »der Klatsch ist dasselbe, was jene mit Paulus gemacht haben. Es ist dasselbe, was mit Jesus gemacht wurde: Er wurde in Verruf gebracht.« Und wenn er einmal in Verruf geraten ist, beseitigt man ihn.

»Denken wir an unsere große Berufung: die Einheit mit Jesus, mit dem Vater«, mahnte der Papst. »Auf diesem Weg müssen wir unterwegs sein, als Männer und Frauen, die vereint sind und immer versuchen, auf dem Weg der Einheit voranzugehen «. Aber nicht, betonte der Papst noch einmal, »die falschen Einheiten, die keine Substanz haben und die nur dazu dienen, einen Schritt weiter zu gehen, Menschen zu verurteilen und Interessen voranzutreiben, die nicht die unseren sind: die Interessen des Fürsten dieser Welt, die Zerstörung«. So beendete Franziskus seine Predigt mit der Bitte: »Der Herr schenke uns die Gnade, immer auf dem Weg der wahren Einheit zu gehen.«

 



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