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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Unermüdliches Gebet

Donnerstag, 11. Oktober 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 44, 2. November 2018)

 

Mit Mut, mit Beständigkeit, sogar voller Zudringlichkeit beten, ohne jemals zu ermüden, denn das Gebet ist kein Zauberstab, sondern vielmehr eine Suche, eine Arbeit, ein Kampf, der Willen, Beständigkeit und Entschlossenheit erfordert. Der Papst unterstrich dies in der heiligen Messe am Morgen des 11. Oktober in Santa Marta und verwies dabei auch auf zwei konkrete Gebetsformen: die der heiligen Monika für die Bekehrung des Augustinus und die eines ihm bekannten Vaters aus Buenos Aires, der sich eine ganze Nacht lang an das Tor des Heiligtums von Luján klammerte, um für die Heilung seiner sterbenden Tochter zu beten.

Wie gewohnt ging der Papst in seiner Predigt vom Abschnitt aus dem Tagesevangelium (Lk 11,5-13) aus, in dem »es drei Wirklichkeiten gibt: einen Mann in Not, einen Freund und ein wenig Brot«. Der erste der drei, oder der Bedürftige, so erklärte er, »hatte nicht erwartet, dass ein anderer Freund zu jener Stunde in sein Haus komme, und sie hatten ihm nichts anzubieten, weil sie schon zu Abend gegessen hatten«. Da dachte er bei sich: »Ich werde zu meinem Freund gehen. Mein Freund wird mir etwas geben, dann werde ich das morgen mit ihm in Ordnung bringen.« Und »er ging zu seinem Freund, weil er Vertrauen  hat, er ist sein Freund.« Aber dieser sagt ihm: »Hör auf. Schau dir an, wie spät es ist… Ich bin im Bett, meine Kinder auch. Ich kann nicht aufstehen«, um »in der Speisekammer etwas zu suchen«. Trotzdem, so stellte Franziskus fest, »besteht« der Protagonist der Geschichte darauf, »er besteht darauf, das Brot zu bekommen«.

Das waren die drei Elemente, die der Papst ausmachte, um seine Betrachtungen in die Aktualität umzusetzen: »zum einen das Bedürfnis, dann der Freund sowie ein Freund, der etwas Brot hat. So will der Herr uns lehren, wie man betet. Der Herr sagt: ›Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.‹ Alles.« Er mag vielleicht sagen: »Aber ja doch, komm, nimm das Brot, die Würstchen, nimm alles mit und nimm es mit nach Hause.« Nun, mit einem Wort: »Zudringlichkeit. Und damit will der Herr uns lehren, wie man betet.« Daraus leiten sich die konkreten Gebetsformen ab, auf die der Papst anspielte. »Wir beten mutig, denn wir brauchen etwas und beten.« Gott sei ein Freund, mehr noch: »Er ist ein reicher Freund, der Brot hat, der das hat, was wir brauchen. « Es ist, so fügte Franziskus hinzu, »als sagte Jesus: ›Seid zudringlich beim Beten! Werdet nicht müde!‹ Aber wessen sollen wir nicht müde werden? Zu bitten. ›Bittet und es wird euch gegeben.‹

« Also ein Gebet, das zur Suche wird. In diesem Zusammenhang empfahl der Papst: »Sucht! Und wenn diese Tür verschlossen ist, gehe ich zur nächsten. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und es wird euch geöffnet werden. Seid im Gebet zudringlich. Denn jeder, der bittet, wird empfangen. Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird geöffnet werden.« Und »das ist wunderschön«, kommentierte er, um dann klarzustellen, dass »das Gebet nicht wie ein Zauberstab ist: Wir beten und… Peng! Die Gnade kommt herbei.«

Im Gegenteil, für Franziskus »ist das Gebet eine Arbeit: eine Arbeit, die uns Willen abfordert, die uns Beständigkeit abfordert, die es erfordert, entschlossen zu sein, ohne Scham. Warum? Weil ich an die Tür meines Freundes klopfe. Gott ist Freund, und bei einem Freund kann ich das tun. Ein beständiges, zudringliches Gebet.« Wie beispielsweise das Bittgebet der heiligen Monika: »Wie viele Jahre hat sie doch so gebetet, auch unter Tränen, für die Bekehrung ihres Sohnes« Augustinus. »Der Herr hat am Ende die Tür geöffnet «, rief der Papst in Erinnerung: »Doch wenn einer bittet, und dann zwei ›Vaterunser‹ sagt und dann weggeht«, dann besage dies, dass »du kein wirkliches Verlangen nach dem hast, worum du bittest«. Dagegen sei es notwendig, »mit Zudringlichkeit um etwas zu bitten«.

Um seine Gedanken zu veranschaulichen, griff Franziskus erneut auf seine persönlichen Erfahrungen in Argentinien zurück und erinnerte an ein sehr bewegendes Ereignis. »Ich glaube, dass ich es euch schon einmal erzählt habe, aber ich bin mir nicht sicher… Ich war in Buenos Aires. In einem Krankenhaus lag ein neunjähriges Mädchen mit einer Krankheit – eine dieser ansteckenden Infektionskrankheiten – und innerhalb von einer Woche hätte sie sterben sollen.«

Als »die Ärzte ihre Eltern riefen, sagten sie zu ihnen: Wir haben alles uns Mögliche getan, aber da ist nichts mehr zu machen. In zwei oder drei Stunden wird sie sterben.« Da »verließ der Vater, der ein Arbeiter war, die Klinik. Er war ein einfacher Mann, ein Arbeiter, der die Wirklichkeit des Lebens kannte wie Jesus. Er ließ seine Frau im Krankenhaus zurück, nahm den Bus« und »fuhr siebzig Kilometer bis zum Heiligtum der Gottesmutter von Luján. Er fuhr gegen 18 Uhr ab und kam gegen 20 Uhr, 21 Uhr an, als das Heiligtum bereits geschlossen war.« Doch »dieser Mann blieb die ganze Nacht dort, vor dem Heiligtum. Er klammerte sich an das Tor des Heiligtums, das Tor, das das Heiligtum schützt, und die ganze Nacht lang flehte er die Gottesmutter an: ›Ich will meine Tochter. Ich will meine Tochter. Du kannst sie mir geben.‹ Dann, gegen 5 oder 6 Uhr morgens, nahm er wieder den Bus und kehrte zurück.« Er kam gegen 9.30 Uhr an und fand seine Frau ein wenig verstört vor, allein. Das Kind war nicht da. Er dachte das Schlimmste. Und die Mutter, seine Frau, sagte zu ihm: ›Weißt du, die Ärzte haben sie zu einem anderen Test mitgenommen. Sie können sich nicht erklären, warum sie aufgewacht ist und nach Essen gefragt hat. Da ist nichts mehr. Es geht ihr gut, sie ist außer Gefahr.‹

Das ist wirklich passiert. Das weiß ich ganz sicher.« Und die Lehre aus der Geschichte laute: »Jener Mann ging vielleicht nicht jeden Sonntag zur Messe, aber er wusste, wie man betet. Er wusste: Wenn »man »in Not ist, gibt es einen Freund, für den alles möglich ist. Er hat Brot, er kann ein Problem lösen.« Deshalb »hat er die ganze Nacht an die Tür geklopft«. Sicher, das sei nur »ein Beispiel«. Doch »es gibt deren viele«, sagte der Papst, um zu betonen, dass die meisten von uns »nicht wissen, wie man betet.

Ein wenig beten: ›Und ich will das…‹ Denkt an launische und lästige Kinder, wenn sie etwas wollen, dann schreien sie, sie winden sich. ›Ich will! Ich will!‹ Sie weinen. Und am Schluss dann Mama und Papa: ›Ja, nimm es und geh. Wenigstens störst du so nicht.‹« Franziskus merkte an: Genauso »ist es mit Gott. ›Aber Pater, wird Gott nicht zornig, wenn ich das so mache?‹ Und Jesus sieht diese Frage voraus und sagt uns: ›Welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun ihr, die ihr böse seid – die ihr böse Väter seid, wir alle sind es –, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!‹« Im Übrigen sei Gott »ein Freund. Er gibt immer das Gute. Er gibt mehr: Ich bitte darum, ein bestimmtes Problem zu lösen, und er löst es und gibt dir dazu noch den Heiligen Geist, noch mehr also.«

Daraus ergab sich die abschließende Erwägung, zu der Franziskus einlud: »Denken wir ein wenig nach: Wie bete ich? Wie ein Papagei? Bete ich mit dem Bedürfnis im Herzen? Kämpfe ich im Gebet mit Gott, damit er mir das gibt, was ich brauche, wenn es gerecht ist? Wir wollen aus diesem Abschnitt des Evangeliums lernen, wie man betet.«

 

 



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