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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH ECUADOR, BOLIVIEN UND PARAGUAY

(5.-13. JULI 2015)

 

HEILIGE MESSE AUF DER "PLAZA CRISTO REDENTOR"

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Santa Cruz de la Sierra, Bolivien
Donnertag, 9. Juli 2015

[Multimedia]



 

Wir sind von verschiedenen Orten, Regionen und Dörfern aus hergekommen, um die lebendige Gegenwart Gottes unter uns zu feiern. Stunden zuvor sind wir von unseren Häusern und unseren Gemeinschaften aufgebrochen, um zusammen sein zu können als Heiliges Volk Gottes. Das Kreuz und das Bild der Mission bringen uns alle Gemeinschaften in Erinnerung, die im Namen Jesu in diesen Landstrichen entstanden sind, deren Erben wir sind.

Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, wird uns eine ganz ähnliche Situation beschrieben, wie wir sie jetzt erleben. Ebenso wie jene viertausend Menschen, wollen wir Jesu Wort hören und sein Leben empfangen. Jene damals und wir heute vereint mit dem Meister, dem Brot des Lebens.

Es bewegt mich, wenn ich die vielen Mütter sehe, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen. Wie es hier viele von euch machen. Sie tragen das Leben auf ihren Schultern, die Zukunft ihres Volkes. Sie tragen den Grund ihrer Freude, ihrer Hoffnungen. Sie tragen den Segen der Erde in ihren Früchten. Sie tragen die mit den Händen vollbrachte Arbeit. Hände, die in der Gegenwart gearbeitet haben und Hoffnungen auf das Morgen schmieden. Jedoch tragen sie auf ihren Schultern auch Enttäuschungen, Traurigkeit und Verbitterung, die Ungerechtigkeit, die nicht aufzuhören scheint, und die Narben einer nie verwirklichten Gerechtigkeit. Sie nehmen die Freude und den Schmerz eines Landes auf sich. Ihr tragt in euch das Gedächtnis eures Volkes. Denn die Völker haben ein Gedächtnis, eine Erinnerung, die von einer Generation auf die andere übergeht; die Völker haben ein weiter wanderndes Gedächtnis.

Und nicht selten erfahren wir die Erschöpfung auf diesem Weg. Nicht selten fehlen die Kräfte, um die Hoffnung lebendig zu erhalten. Wie oft erleben wir Situationen, die unser Gedächtnis betäuben wollen; so wird die Hoffnung abgeschwächt und es gehen die Beweggründe für die Freude verloren. Und es beginnt, uns eine Traurigkeit zu befallen, die individualistisch wird und uns das Gedächtnis als geliebtes Volk, als erwähltes Volk verlieren lässt. Und dieser Verlust vereinzelt uns, macht, dass wir uns den anderen verschließen, besonders den Ärmsten.

Es kann uns gehen wie den Jüngern damals, als sie diese Menschenmenge sahen, die dort zugegen war. Sie baten Jesus, sie zu entlassen – „Schick sie doch nach Hause!“ –, da es unmöglich war, so vielen Menschen zu essen zu geben. Angesichts so vieler Situationen des Hungers in der Welt können wir sagen: „Tut mir leid, das zahlt sich nicht aus, die Rechnung geht nicht auf“. Es ist unmöglich, diese Situationen anzugehen. Unter solchen Umständen bemächtigt sich schließlich die Verzweiflung unseres Herzens.

In einem verzweifelten Herzen macht sich leicht die Logik breit, die beansprucht, sich in der Welt, in der ganzen Welt, in unseren Tagen zu behaupten. Eine Logik, die versucht, alles in Tauschobjekte, Konsumobjekte, alles in Käufliches zu verwandeln. Eine Logik, die darauf abzielt, nur sehr wenigen Raum zu lassen und alle auszuschließen, die nicht „produzieren“, die nicht als geeignet und würdig betrachtet werden, denn anscheinend „zahlt sich das nicht aus“. Wieder einmal spricht Jesus uns an und sagt: „Nein, nein, es ist nicht nötig, sie auszuschließen. ‚Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen.‘ (Mt 14,16)“.

Es ist eine Einladung, die heute machtvoll für uns erklingt: „Es ist nicht nötig, jemanden auszuschließen. Es ist nicht nötig, dass jemand weggeht; Schluss mit dem Wegwerfen, gebt ihr ihnen zu essen“. Jesus fährt fort, uns das auf diesem Platz zu sagen. Ja, Schluss mit den Ausschließungen; gebt ihr ihnen zu essen. Der Blick Jesu akzeptiert nicht eine Logik, eine Sichtweise, die immer den Schwächsten, den am meisten Bedürftigen „den Kürzeren ziehen“ lässt. Indem er „die Staffel aufnimmt“, gibt er selbst uns das Beispiel. Er zeigt uns den Weg. Ein Verhalten, das in drei Worten besteht: er nimmt ein wenig Brot und etwas Fisch, spricht das Lob- und Dankgebet darüber, teilt es und gibt es weiter, damit die Jünger es mit den anderen teilen. Und das ist der Weg des Wunders. Sicher handelt es sich nicht um Magie oder Götzendienst. Mit Hilfe dieser drei Handlungen gelingt es Jesus, eine Logik des Ausschließens in eine Logik des Miteinander, in eine Logik der Gemeinschaft zu verwandeln. Ich möchte auf jede dieser drei Handlungen kurz eingehen.

Er nimmt. Der Ausgangspunkt ist der, dass er das Leben der Seinen sehr ernst nimmt. Er schaut ihnen in die Augen und liest aus diesen ihr Leben, ihre Empfindungen ab. Er sieht in diesen Blicken das, was im Gedächtnis und im Herzen seines Volkes schlägt und was aufgehört hat zu schlagen. Er betrachtet es und gibt ihm einen Wert. Er würdigt alles, was sie an Gutem anzubieten haben, all das Gute, auf dessen Grund man aufbauen kann. Aber er spricht nicht von den Dingen, den Kulturgütern oder den Ideen, sondern er spricht von den Menschen. Der wirkliche Reichtum einer Gesellschaft bemisst sich am Leben ihrer Menschen. Er bemisst sich an ihren Alten, die in der Lage sind, ihre Weisheit und das Gedächtnis ihres Volkes an die Kleinsten weiterzugeben. Jesus verletzt nie die Würde einer Person, so sehr sie auch dem Anschein nach nichts zu geben oder zu teilen hat. Er nimmt alles, wie es kommt.

Er spricht den Lobpreis. Jesus nimmt [die Gaben] an und preist den Vater im Himmel. Er weiß, dass diese Gaben ein Geschenk Gottes sind. Deshalb behandelt er sie nicht wie „irgend eine Sache“; denn dieses ganze Leben ist Frucht der erbarmenden Liebe. Er erkennt das an. Er geht über den einfachen Anschein hinaus, und in dieser Geste des Segnens und des Lobpreis bittet er seinen Vater um die Gabe des Heiligen Geistes. Segnen schließt diese zweifache Perspektive mit ein: einerseits danksagen, anderseits verwandeln können. Es bedeutet anzuerkennen, dass das Leben immer eine Gabe ist, ein Geschenk, das, wenn es in die Hände Gottes gelegt wird, eine vermehrende Kraft erhält. Unser Vater nimmt uns nichts weg, alles vervielfältigt er.

Er gibt es weiter. Bei Jesus gibt es kein Nehmen, das nicht auch ein Segen ist, und es existiert kein Segen, der nicht auch eine Hingabe ist. Der Segen ist immer auch Auftrag, Mission. Er hat eine Zielsetzung, ein gemeinsames Nutzen, das Teilen dessen, was man erhalten hat. Denn nur in der Hingabe, im Mit-teilen finden wir als Menschen die Quelle der Freude und machen die Erfahrung des Heils. Eine Hingabe, die das Gedächtnis wieder herstellen möchte, ein heiliges Volk zu sein, ein eingeladenes Volk, das die Freude des Heils ist und sie weiterträgt. Die Hände, die Jesus erhebt, um den Gott des Himmels zu lobpreisen, sind dieselben, die das Brot an die Menge austeilen, die Hunger hat. Und wir können uns vorstellen, wir können uns nun vorstellen, wie die Brote und die Fische von einer Hand zur anderen gingen, bis sie zu den Entferntesten gelangten. Jesus gelingt es, einen Strom unter den Seinen zu schaffen; alle teilten, was sie hatten, indem sie es zum Geschenk für die anderen werden ließen. So geschah es, dass sie aßen, bis sie satt waren und – kaum zu glauben – etwas übrig blieb: Sie sammelten es ein in sieben Körben. Ein Gedächtnis, das angenommen wird, ein Gedächtnis, das lobpreisend gesegnet wird, und ein Gedächtnis, das weitergegeben wird, sättigt das Volk immer.

Die Eucharistie ist das „Brot, das gebrochen wird für das Leben der Welt“, wie es der Leitspruch des Fünften Eucharistischen Kongresses sagt, den wir heute eröffnen und der in Tarija stattfinden wird. Die Eucharistie ist Sakrament der Gemeinschaft, das uns aus dem Individualismus aussteigen lässt, um gemeinsam in der Nachfolge zu leben, und das uns die Gewissheit gibt, von dem, was wir haben, und von dem, was wir sind, wenn es angenommen, lobpreisend gesegnet und dargebracht wird, durch die Kraft Gottes und durch die Macht seiner Liebe zum Brot des Lebens für die anderen wird.

Und die Kirche feiert die Eucharistie, sie feiert das Gedächtnis des Herrn, das Opfer des Herrn. Daher ist die Kirche eine im Gedächtnis verwurzelte Gemeinschaft. Deshalb sagt sie, getreu dem Auftrag des Herrn, jedes Mal wieder: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19). Sie aktualisiert, ganz real, von Generation zu Generation, in den verschiedensten Winkeln unserer Erde, das Geheimnis des Lebensbrots. Sie macht es gegenwärtig und reicht es uns dar. Jesus will, dass wir an seinem Leben Anteil haben und dass es sich durch uns in unserer Gesellschaft vervielfältigt. Wir sind keine isolierten, abgesonderten Menschen, sondern wir sind ein Volk des aktualisierten und immer dargereichten Gedächtnisses.

Ein im Gedächtnis verwurzeltes Leben braucht die anderen, den Austausch, die Begegnung; es braucht eine wirkliche Solidarität, die in der Lage ist, in die Logik des Annehmens, des dankenden Segnens und des Weitergebens einzutreten, in die Logik der Liebe.

Maria hat wie viele von euch das Gedächtnis ihres Volkes, das Leben ihres Sohnes in sich getragen und in ihrem eigenen Innern die Größe Gottes erfahren. So konnte sie jubelnd von Ihm bekennen: „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben“ (Lk 1,53). Maria sei heute unser Beispiel, um uns der Güte Gottes anzuempfehlen, der aus dem Wenigen, mit der Niedrigkeit seiner Diener, große Werke vollbringt.

 

 



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