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HEILIGE MESSE ZUM FEST DER ÜBERTRAGUNG DES GNADENBILDES SALUS POPULI ROMANI

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS


Basilika Santa Maria Maggiore
Sonntag, 28. Januar 2018

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Als Volk Gottes auf dem Pilgerweg sind wir hier, um im Haus der Mutter zu verweilen. Die Gegenwart der Mutter macht dieses Haus zu einem Heim, das uns Kindern Gottes vertraut ist. Gemeinsam mit vielen Generationen von Römern erkennen wir dieses mütterliche Haus als unser Heim wieder, als Zuhause, wo wir Stärkung, Trost, Schutz und Zuflucht finden. Das christliche Volk hat von Anfang an verstanden, dass man sich in den Schwierigkeiten und Prüfungen an die Mutter wenden muss, wie es die ganz alte Marianische Antiphon zum Ausdruck bringt: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesmutter. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern errette uns jederzeit aus allen Gefahren, o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau.

Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir. Unsere Väter im Glauben haben gelehrt, dass man sich in turbulenten Situationen unter dem Mantel der Gottesmutter sammeln muss. Es gab eine Zeit, wo die Verfolgten und Bedürftigen Zuflucht bei den hochgestellten adligen Frauen suchten. Wenn sie ihren Mantel, der als unantastbar galt, zum Zeichen der Aufnahme über den Betreffenden breiteten, war ihm der Schutz gewährt. So ist es mit uns in Bezug auf die selige Jungfrau Maria, die höchste Frau der Menschheit. Ihr Mantel ist immer geöffnet, um uns aufzunehmen und uns zu sammeln. Daran erinnert gut der christliche Osten, wo viele den Schutz der Gottesmutter festlich begehen. Das wird auf einer schönen Ikone dargestellt, wo Maria mit ihrem Mantel ihren Söhnen und Töchtern Schutz gibt und die ganze Welt bedeckt. Auch die Mönche der Antike empfahlen, sich in den Prüfungen unter den Mantel der Gottesmutter zu flüchten: Sie mit dem Titel „Heilige Mutter Gottes“ anzurufen war schon eine Gewähr für Schutz und Hilfe, die Wiederholung dieses Gebets: „Heilige Mutter Gottes“, „Heilige Mutter Gottes“ … nur das.

Diese Weisheit, die aus der Ferne kommt, hilft uns: Die Mutter wacht über den Glauben, schützt die Beziehungen, rettet in den Unbilden und bewahrt vor dem Bösen. Wo die Jungfrau Maria zu Hause ist, kommt der Teufel nicht herein. Wo die Jungfrau Maria zu Hause ist, kommt der Teufel nicht herein. Wo die Mutter ist, da gewinnt die Verwirrung nicht überhand und kann sich die Angst nicht verbreiten. Wer von uns hat da keinen Bedarf? Wer von uns ist nicht zuweilen verwirrt oder unruhig? Wie oft ist das Herz wie eine im Sturm aufgewühlte See, wo die Wellen der Probleme sich auftürmen und die Winde der Sorgen nicht aufhören zu blasen. Maria ist die Arche inmitten der Sintflut. Nicht die Ideen oder die Technologie verschaffen uns Beruhigung und Hoffnung, sondern das Angesicht der Mutter, ihre Hände, die das Leben streicheln, ihr Mantel, der uns schützt. Lernen wir, Schutz zu finden, indem wir jeden Tag zur Mutter gehen.

Verschmähe nicht unser Gebet¸ so fährt die Antiphon fort. Wenn wir sie anflehen, bittet Maria für uns. Es gibt einen schönen Titel im Griechischen, der das beschreibt: Grigorousa, das heißt, „die sogleich Fürbitte einlegt“. Und dieses „sogleich“ entspricht dem Ausdruck, den Lukas im Evangelium verwendet, um zu sagen, wie Maria zu Elisabeth gegangen ist: schnell, sofort! Sie legt sogleich Fürbitte ein, sie zögert nicht, wie wir es im Evangelium gehört haben, wo sie Jesus das konkrete Anliegen jener Menschen umgehend vorträgt: »Sie haben keinen Wein mehr« (Joh 2,3), nichts mehr! So macht sie es jedes Mal, wenn wir sie anrufen: Wenn es uns an Hoffnung mangelt, wenn die Freude geringer wird, wenn sich die Kräfte erschöpfen und wenn der Stern des Lebens sich verdunkelt, dann greift die Mutter ein. Sie merkt unsere Mühen, sie spürt unsere Unruhe – die Unruhe des Lebens – und ist unserem Herzen nahe. Und niemals, nie schätzt sie unsere Gebete gering. Nicht ein einziges lässt sie ins Leere fallen! Sie ist unsere Mutter, sie schämt sich unser nie. Vielmehr wartet sie nur darauf, ihren Söhnen und Töchtern helfen zu können.

Eine kleine Begebenheit mag uns helfen, das zu verstehen. In einem Hospital wachte eine Mutter am Bett ihres Sohnes, der nach einem Unfall große Schmerzen hatte. Die Mutter blieb immer bei ihm, Tag und Nacht. Einmal äußerte sie ihre Klage gegenüber einem Priester und sagte: »Warum hat der Herr uns Müttern nicht eine Sache erlaubt?« »Was denn?«, fragte der Priester. »Den Schmerz der eigenen Kinder auf uns zu nehmen«, entgegnete die Mutter. Das ist das Herz der Mutter. Sie wendet sich vor den Wunden und den Schwächen der Kinder nicht ab, sondern will sie mittragen. Und Maria, die Mutter Gottes und unsere Mutter, weiß auf sich zu nehmen, zu trösten, zu wachen und zu heilen.

Die Antiphon fährt fort: Errette uns jederzeit aus allen Gefahren. Der Herr selbst weiß, dass wir inmitten so vieler Gefahren Zuflucht und Schutz brauchen. Deswegen hat er im höchsten Moment am Kreuz zum Lieblingsjünger – und damit zu jedem Jünger – gesagt: »Siehe, deine Mutter!« (Joh 19,27). Die Mutter ist kein Optional, keine frei wählbare Sache, sie ist das Vermächtnis Christi. Und wir brauchen sie wie ein Wanderer die Stärkung braucht, wie ein Kind den Arm, der es trägt. Für den Glauben bedeutet es eine große Gefahr, ohne Mutter, ohne Schutz zu leben, wenn wir uns vom Leben treiben lassen wie die Blätter vom Wind. Der Herr weiß es und empfiehlt uns, die Mutter aufzunehmen. Es handelt sich nicht um geistlichen Anstand, es ist ein Erfordernis des Lebens. Sie zu lieben ist nicht Poesie, sondern heißt zu leben wissen. Denn ohne Mutter können wir nicht Kinder sein. Und wir sind vor allem Kinder, geliebte Kinder, die Gott zum Vater und die Jungfrau Maria zur Mutter haben.

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, dass Maria »Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes für das wandernde Gottesvolk« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Kapitel VIII., V.) ist. Sie ist Zeichen, sie ist das Zeichen, das Gott für uns gesetzt hat. Wenn wir ihm nicht folgen, kommen wir von der Fahrbahn ab. Es gibt nämlich Verkehrszeichen für das geistliche Leben, die beachtet werden müssen. Sie zeigen uns, die wir »noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen« (ebd., Nr. 62), die Mutter, die schon ans Ziel gelangt ist. Wer kann uns besser als sie auf dem Weg begleiten? Worauf warten wir? Wie der Jünger unter dem Kreuz die Mutter »zu sich« nahm, in sein Eigen aufnahm, sagt das Evangelium (vgl. Joh 19,27), so laden auch wir von diesem mütterlichen Haus aus Maria zu uns nach Hause ein, in unser Herz, in unser Leben. Gegenüber der Mutter kann man nicht neutral oder unbeteiligt bleiben. Andernfalls verlieren wir unsere Identität als Kinder und unsere Identität als Volk und leben wir ein Christentum der Ideen und Programme ohne Anvertrauen, ohne Zärtlichkeit, ohne Herz. Ohne Herz aber gibt es keine Liebe, und der Glaube läuft Gefahr, zu einer schönen Fabel einer anderen Zeit zu werden. Die Mutter dagegen behütet die Kinder und bereitet sie vor. Sie liebt und schützt sie, damit sie die Welt lieben und schützen. Machen wir die Mutter zum Gast in unserem Alltag, zur ständigen Anwesenheit zu Hause, zu unserer sicheren Zuflucht. Vertrauen wir ihr jeden Tag an. Rufen wir sie in jeder Unruhe an. Und vergessen wir nicht, zu ihr zurückzukehren, um ihr zu danken.

Schauen wir sie jetzt an, die eben das „Hospital“ verlassen hat. Schauen wir sie zärtlich an und grüßen wir sie, wie es die Christen von Ephesus getan haben. Alle zusammen sagen wir dreimal: „Heilige Mutter Gottes!“ Alle zusammen: „Heilige Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes!“

 



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