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PASTORALBESUCH VON PAPST FRANZISKUS
IN ALESSANO (LECCE) UND MOLFETTA (BARI)
ZUM 25. TODESTAG VON BISCHOF TONINO BELLO

EUCHARISTISCHE KONZELEBRATION

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Hafen von Molfetta
Freitag, 20. April 2018

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Die Lesungen, die wir gehört haben, zeigen uns zwei für das christliche Leben zentrale Elemente: das Brot und das Wort. Das Brot. Brot ist ein Grundnahrungsmittel für das Leben, und im Evangelium schenkt sich Jesus uns als Brot des Lebens, wie um uns zu sagen: »Auf mich könnt ihr nicht verzichten.« Und er verwendet starke Worte: »Ihr esst mein Fleisch, und ihr trinkt mein Blut« (vgl. Joh 6,53). Was bedeutet das? Dass es für unser Leben grundlegend ist, eine lebendige, persönliche Beziehung zu Ihm aufzunehmen. Fleisch und Blut.

Das ist die Eucharistie: Nicht bloß ein schöner Ritus, sondern die innerste, vertrauteste, konkreteste, überraschendste Gemeinschaft, die man sich mit Gott vorstellen kann: eine Gemeinschaft der Liebe, die so real ist, dass sie die Form des Essens annimmt. Das christliche Leben geht jedes Mal neu von hier aus, von diesem Tisch, wo Gott uns an Liebe sättigt. Ohne ihn, das Brot des Lebens, sind alle Anstrengungen der Kirche vergebens, wie Don Tonino Bello gesagt hat: »Werke der Nächstenliebe reichen nicht aus, wenn die Nächstenliebe der Werke fehlt. Wenn die Liebe fehlt, von der die Werke ausgehen, wenn die Quelle fehlt, wenn der Ausgangspunkt, die Eucharistie, fehlt, dann bleibt jeglicher pastoraler Einsatz bloß ein betriebsamer Wirbel von getanen Dingen.«[1]

Jesus fügt im Evangelium hinzu: »So wird jeder, der mich isst, durch mich leben« (V. 57). Wie um zu sagen: Wer sich von der Eucharistie ernährt, der nimmt die Denkweise des Herrn an. Er ist für uns gebrochenes Brot, und wer es empfängt, wird seinerseits zum gebrochenen Brot, das nicht in der Hefe des Stolzes aufgeht, sondern sich den anderen schenkt: Er hört auf, für sich selbst, für den eigenen Erfolg zu leben, um etwas zu haben oder jemand zu werden, und er lebt für Jesus und wie Jesus, das heißt für die anderen. »Leben für« ist das Merkmal dessen, der dieses Brot ist, das »Markenzeichen« des Christen. Leben für… Man könnte es als Hinweis außen an jede Kirche hängen: »Nach der Messe lebt man nicht mehr für sich selbst, sondern für die anderen. « Es wäre schön, wenn es in dieser Diözese von Don Tonino Bello diesen Hinweis an den Kirchentüren gäbe, damit er von allen gelesen wird: »Nach der Messe lebt man nicht mehr für sich selbst, sondern für die anderen.« Don Tonino hat so gelebt: Unter euch ist er ein Bischof und Diener gewesen, ein Hirt, der zum Volk geworden ist, der vor dem Tabernakel gelernt hat, sich von den Menschen verzehren zu lassen. Er träumte von einer Kirche, die nach Jesus hungert und unduldsam ist gegenüber jeder Art von Weltlichkeit, einer Kirche, die »den Leib Christi in den störenden Tabernakeln des Elends, des Leids, der Einsamkeit zu erkennen weiß«[2].

Denn, so sagte er, »die Eucharistie erträgt keine sitzende Lebensweise«, und wenn man nicht vom Tisch aufstehe, dann bleibe sie »ein unvollendetes Sakrament«.[3] Wir können uns fragen: Verwirklicht sich dieses Sakrament in mir? Konkreter: Lasse ich mich nur gerne am Tisch vom Herrn bedienen, oder stehe ich auch auf, um zu dienen wie der Herr? Gebe ich im Leben das, was ich in der Messe empfange? Und als Kirche könnten wir uns fragen: Sind wir nach so vielen Kommunionen Menschen der Gemeinschaft geworden?

Das Brot des Lebens, das gebrochene Brot ist in der Tat auch Brot des Friedens. Don Tonino unterstrich, dass »der Friede nicht kommt, wenn jemand nur sein Brot nimmt und weggeht, um es für sich zu essen. […] Frieden ist mehr: Er ist Geselligkeit, Zusammenleben. Er bedeutet, »das Brot gemeinsam mit den anderen zu essen, ohne sich zu trennen, sich zu Tisch zu setzen mit anderen, unterschiedlichen Menschen«, wo »der andere ein Antlitz ist, das entdeckt, betrachtet, liebkost werden will«[4]. Denn die Konflikte und alle Kriege »haben ihre Wurzel in der Ausblendung der Gesichter«[5]. Und wir, die wir dieses Brot der Einheit und des Friedens teilen, sind aufgerufen, jedes Angesicht zu lieben, jeden Riss zu kitten und immer und überall Friedensstifter zu sein.

Zusammen mit dem Brot: das Wort. Das Evangelium berichtet von scharfen Diskussionen über die Worte Jesu: »Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?« (V. 52). Diesen Worten haftet ein Hauch Pessimismus an. Viele unserer Worte ähneln ihnen: Wie kann das Evangelium die Probleme der Welt lösen? Wozu soll es nützen, Gutes zu tun inmitten von so viel Bösem? Und so verfallen wir dem Irrtum jener Menschen, die gelähmt sind von der Diskussion über die Worte Jesu, statt bereit zu sein, die von ihm geforderte Veränderung des Lebens anzunehmen. Sie verstanden nicht, dass das Wort Jesu dazu da ist, im Leben voranzugehen, nicht, um sich hinzusetzen und über das zu reden, was geht oder was nicht geht. Don Tonino wünschte gerade in der Osterzeit, dass die Gläubigen diese Neuheit des Lebens annehmen und von Worten endlich zu Taten übergehen sollten. Daher ermahnte er diejenigen eindringlich, die nicht den Mut zur Veränderung hatten: »Die Spezialisten der Bedenken. Die pedantischen Buchhalter des Pro und Contra. Die Berechner, übervorsichtig bis zum Geht-nicht-mehr, bevor sie sich in Bewegung setzen.«[6] Jesus antwortet man nicht dem Kalkül und der Opportunität des Augenblicks entsprechend. Man antwortet ihm mit dem »Ja« des ganzen Lebens. Er will nicht unser Nachdenken, sondern unsere Umkehr. Er zielt auf das Herz.

Das Wort Gottes selbst legt dies nahe. In der Lesung wendet sich der Auferstandene an Saulus und legt ihm keine spitzfindigen Überlegungen vor, sondern fordert ihn auf, sein Leben einzusetzen. Er sagt zu ihm: »Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst« (Apg 9,6). Vor allem: »Steh auf!« Was man als allererstes vermeiden muss, das ist, am Boden zu bleiben, das Leben zu erdulden, in den Fängen der Angst festgehalten zu werden. Wie oft hat Don Tonino wiederholt: »Aufstehen!« Denn »vor dem Auferstandenen darf man nur sein, wenn man aufrecht steht«[7]. Immer wieder aufstehen, nach oben schauen, weil ein Apostel Jesu nicht mit kleinen Befriedigungen recht und schlecht dahinleben darf. Der Herr sagt dann zu Saulus: »Geh in die Stadt!« Auch zu einem jeden von uns sagt er: »Geh, bleibe nicht eingeschlossen in deinen Räumen, die dir Sicherheit geben. Riskiere etwas! Riskiere etwas!« Das christliche Leben muss für Jesus eingesetzt und für die anderen hingegeben werden. Nachdem man dem Auferstandenen begegnet ist, kann man nicht warten, kann man nicht aufschieben. Man muss aufbrechen, hinausgehen, trotz aller Probleme und Ungewissheiten.

Wir sehen zum Beispiel Paulus, der trotz seiner Blindheit aufsteht und in die Stadt geht, nachdem er mit Jesus gesprochen hat. Wir sehen Hananias, der trotz aller Angst und Zögerlichkeit sagt: »Hier bin ich, Herr« (V. 10) und sofort zu Saulus geht. Wir alle, in welcher Situation auch immer wir uns befinden mögen, sind aufgerufen, Träger österlicher Hoffnung zu sein, »Zyrenäer der Freude« zu sein, wie Don Tonino zu sagen pflegte, Diener der Welt, aber als Auferstandene, nicht als Angestellte. Ohne betrübt zu sein, ohne mutlos zu werden. Es ist schön, »Boten der Hoffnung « zu sein, einfache und freudige Ausspender des österlichen Halleluja.

Schließlich sagt Jesus zu Saulus: »Dir wird gesagt werden, was du tun sollst.« Saulus, ein entschlossener und durchsetzungsstarker Mann schweigt und geht, dem Wort Gottes folgsam. Er akzeptiert es, zu gehorchen, er wird geduldig, er versteht, dass sein Leben nicht mehr von ihm selbst abhängt. Er lernt Demut. Denn demütig zu sein bedeutet nicht, schüchtern oder unterwürfig zu sein, sondern fügsam gegenüber Gott und leer von sich selbst. Dann werden auch die Demütigungen, wie jene, die der am Boden liegende Paulus auf dem Weg nach Damaskus erfahren hat, hilfreich, weil sie von der Selbstgerechtigkeit befreien und Gott erlauben, uns aufzurichten. Und das tut das Wort Gottes: es befreit, es richtet auf, es lässt uns vorangehen, mutig und demütig zugleich. Es macht aus uns keine anerkannten Protagonisten und Meister der eigenen Tüchtigkeit. Nein, es macht uns vielmehr zu echten Zeugen des gestorbenen und auferstandenen Jesus in der Welt.

Brot und Wort. Liebe Brüder und Schwestern, in jeder heiligen Messe ernähren wir uns vom Brot des Lebens und vom Wort, das rettet: Leben wir das, was wir feiern! So werden wir wie Don Tonino Quellen der Hoffnung, der Freude und des Friedens sein.
 


1 »Configurati a Cristo capo e sacerdote«, Cirenei della gioia, 2004, 54-55.

2 »Sono credibili le nostre Eucarestie?«, Articoli, corrispondenze, lettere, 2003, 236.

3 »Servi nella Chiesa per il mondo«, ebd., 103-104.

4 »La non violenza in una società violenta«, Scritti di pace, 1997, 66-67.

5 »La pace come ricerca del volto«, Omelie e scritti quaresimali, 1994, 317.

6 »Lievito vecchio e pasta nuova«, Vegliare nella notte, 1995, 91.

7 Letzter Gruß nach der Chrisammesse, 8. April 1993.

 


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