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FEST DER BEKEHRUNG DES PAULUS

VESPER  
ZUM ABSCHLUSS DER GEBETSWOCHE FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN 

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Basilika St. Paul vor den Mauern
Samstag, 25. Januar 20
20

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An Bord des Schiffes, das Paulus als Gefangenen nach Rom bringt, gibt es drei verschiedene Gruppen. Die mächtigste Gruppe besteht aus den Soldaten, die dem Hauptmann unterstehen. Dann gibt es die Matrosen, auf die natürlich alle Mitreisenden während der langen Fahrt angewiesen sind. Und schließlich sind da noch die Schwächsten und Schutzlosesten: die Gefangenen.

Als das Schiff, nachdem es mehrere Tage lang ein Spielball des Sturms gewesen war, in der Nähe der Küste Maltas strandet, wollen die Soldaten die Gefangenen töten, um sicherzustellen, dass niemand flieht, aber sie werden vom Hauptmann aufgehalten, der Paulus retten will. Denn obwohl Paulus zur Gruppe der Schwachen gehörte, hatte er seinen Mitreisenden etwas Wichtiges geschenkt. Während alle im Begriff waren, jede Hoffnung auf ihr Überleben aufzugeben, hatte der Apostel eine unerwartete Botschaft der Hoffnung für sie. Ein Engel hatte ihn mit den Worten beruhigt: »Fürchte dich nicht, Paulus! […] Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren« (Apg 27,24).

Das Gottvertrauen des Apostels Paulus erwies sich als begründet, am Ende wurden alle Reisenden gerettet, und als sie in Malta landeten, erlebten sie die Gastfreundschaft der Inselbewohner, ihre Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit. Dieses wichtige Detail wurde zum Motto der Gebetswoche, die heute zu Ende geht. Liebe Brüder und Schwestern, diese Erzählung der Apostelgeschichte sagt uns auch etwas über unseren ökumenischen Weg, der auf jene Einheit ausgerichtet ist, die Gott so sehr wünscht. Zunächst einmal sagt sie uns, dass diejenigen, die schwach und verletzlich sind, die materiell wenig zu bieten haben, aber ihren wahren Reichtum auf Gott gründen, wertvolle Botschaften vermitteln können, die dem Wohl aller dienen.

Denken wir an die christlichen Gemeinschaften: Selbst die in den Augen der Welt kleinen und wenig relevanten Gemeinschaften haben eine Botschaft für die ganze christliche Familie anzubieten, wenn sie für den Heiligen Geist offen sind, wenn sie in Liebe zu Gott und zum Nächsten leben. Denken wir an marginalisierte und verfolgte christliche Gemeinschaften. Wie in der Geschichte vom Schiffbruch des Paulus sind es oft die Schwächsten, die die wichtigste Botschaft der Erlösung übermitteln. Denn Gott hat es so gewollt: Er wollte uns nicht mit der Kraft der Welt retten, sondern mit der Schwachheit des Kreuzes (vgl. 1 Kor 1,20-25). Als Jünger Jesu müssen wir uns deshalb hüten, uns von weltlicher Logik anziehen zu lassen.

Wir sollten lieber auf die Kleinen und die Armen hören, denn Gott liebt es, seine Botschaften durch sie zu senden, da sie seinem mensch- gewordenen Sohn am meisten gleichen. Die Erzählung der Apostelgeschichte erinnert uns an einen zweiten Aspekt: Das Heil aller ist Gottes Priorität. Wie der Engel zu Paulus sagt: »Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren.« Das ist der Punkt, den Paulus unterstreicht. Auch wir haben es nötig, es uns selbst gegenüber zu wiederholen: Es ist unsere Pflicht, diesen tiefsten Wunsch Gottes zu erfüllen, denn »er will, dass alle Menschen gerettet werden« (1 Tim2,4), wie Paulus selbst an anderer Stelle schreibt.

Es ist eine Aufforderung, uns nicht ausschließlich unseren eigenen Gemeinschaften zu widmen, sondern uns dem Wohl aller zu öffnen, dem allumfassenden Blick Gottes, der Mensch geworden ist, um die ganze Menschheit zu umarmen, und der für das Heil aller gestorben und auferstanden ist. Wenn wir uns mit seiner Gnade seine Sichtweise zu eigen machen, können wir unsere Spaltungen überwinden. Beim Schiffbruch des heiligen Paulus trägt jeder einzelne zur Rettung aller bei: Der Hauptmann trifft wichtige Entscheidungen, die Matrosen setzen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ein, der Apostel ermutigt die Hoffnungslosen. Auch bei den Christen hat jede Gemeinschaft eine Gabe, die sie den anderen schenken kann. Je mehr wir über unsere Eigeninteressen hinausschauen und das Erbe der Vergangenheit überwinden mit dem Wunsch, Fortschritte in Richtung des gemeinsamen Hafens zu machen, desto selbstverständlicher werden wir diese Gaben erkennen, uns darüber freuen und sie teilen.

Und wir wollen zu einem dritten Aspekt kommen, der im Mittelpunkt dieser Gebetswoche stand: die Gastfreundschaft. Der heilige Lukas sagt im letzten Kapitel der Apostelgeschichte über die Bewohner Maltas: Sie behandelten uns mit Freundlichkeit oder mit »ungewöhnlicher Menschenfreundlichkeit« (V. 2). Das Feuer, das am Ufer angezündet wurde, um die Schiffbrüchigen zu wärmen, ist ein schönes Symbol für die menschliche Wärme, die sie unerwartet umgibt. Auch der Gouverneur der Insel zeigt sich aufnahmebereit und gastfreundlich gegenüber Paulus, der sich revanchiert, indem er erst den Vater des Gouverneurs und dann noch viele andere Kranke heilt (vgl. V. 7-9). Als der Apostel und seine Begleiter schließlich nach Italien aufbrachen, versorgten die Bewohner von Malta sie großzügig mit Vorräten (V. 10).

Von dieser Gebetswoche möchten wir lernen, gastfreundlicher zu sein, zunächst unter uns Christen, auch unter Brüdern und Schwestern verschiedener Konfessionen. Gastfreundschaft gehört zur Tradition der christlichen Gemeinden und Familien. Unsere Alten haben uns durch ihr Beispiel gelehrt, dass es am Tisch eines christlichen Hauses immer einen Teller Suppe gibt – für einen unerwartet kommenden Freund oder für einen Armen, der bei uns anklopft. In den Klöstern wird jeder Gast mit großem Respekt behandelt, als wäre es Christus selbst. Achten wir darauf, dass wir diese Bräuche nicht verlieren, sondern erwecken wir sie neu zum Leben. Sie haben den Geschmack des Evangeliums!

Liebe Brüder und Schwestern, mit diesen Gedanken richte ich meine herzlichen und brüderlichen Grüße an Seine Eminenz Metropolit Gennadios, den Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, an Seine Gnaden Ian Ernest, den persönlichen Vertreter des Erzbischofs von Canterbury hier in Rom, und an alle hier versammelten Vertreter der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Ich begrüße auch die Studenten des Ökumenischen Instituts von Bossey, die Rom besuchen, um ihre Kenntnis der katholischen Kirche zu vertiefen, und die jungen Menschen aus den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen, die hier mit einem Stipendium des Katholischen Komitees für kulturelle Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen studieren. Es ist dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen angegliedert, den ich grüße und dem ich danke. Gemeinsam wollen wir unermüdlich weiter beten, um von Gott das Geschenk der vollen Einheit unter uns zu erbitten.
 



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