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PASTORALBESUCH IN CAGLIARI

BEGEGNUNG MIT REPRÄSENTANTEN DER WELT DER ARBEIT

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Largo Carlo Felice, Cagliari
Sonntag, 22. September 2013

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Herzlich grüße ich die anwesenden Arbeiter, Unternehmer, Repräsentanten des öffentlichen Lebens, Familien, insbesondere Erzbischof Arrigo Miglio und die drei von euch, die von euren Problemen berichtet sowie eure Erwartungen und auch eure Hoffnungen zum Ausdruck gebracht haben. Dieser Besuch beginnt – wie ihr gesagt habt – mit euch, die ihr die Welt der Arbeit darstellt. Mit dieser Begegnung möchte ich euch vor allem meine Nähe zum Ausdruck bringen, besonders in leidvollen Situationen: den vielen jungen Menschen ohne Arbeit, den Menschen in Kurzarbeit oder prekären Arbeitsverhältnissen, den Unternehmern und Geschäftsleuten, die Mühe haben, voranzukommen. Das ist eine Realität, die ich aus der Erfahrung in Argentinien gut kenne. Ich habe sie nicht selbst erlebt, aber meine Familie: Mein Vater ist in jungen Jahren nach Argentinien gegangen, voller Illusionen, »Amerika zu schaffen«. Und er hat die schreckliche Krise der Dreißiger Jahre erlitten. Sie haben alles verloren! Es gab keine Arbeit! Und ich habe in meiner Kindheit gehört, zu Hause, wie sie von dieser Zeit erzählt haben… Ich habe es nicht gesehen, ich war noch nicht geboren, aber ich habe zu Hause dieses Leid gespürt, das Erzählen von diesem Leid gehört. Ich kenne das gut! Aber ich muss euch sagen: »Nur Mut!« Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich meinerseits alles tun muss, damit dieses Wort »Mut« nicht ein im Vorübergehen gesagtes Wort bleibt! Damit es nicht nur das Lächeln des freundlichen Angestellten ist, eines Angestellten der Kirche, der kommt und euch sagt: »Mut!« Nein! Das will ich nicht! Ich möchte, dass dieser Mut von innen kommt und mich dazu drängt, alles zu tun als Hirte, als Mensch. Wir müssen mit Solidarität, unter euch – und auch unter uns –, alle mit Solidarität und Intelligenz, diese historische Herausforderung in Angriff nehmen.

Dies ist die zweite Stadt, die ich in Italien besuche. Es ist bemerkenswert: beide – die erste und diese – sind Inseln. In der ersten habe ich das Leid so vieler Menschen gesehen, die unter Lebensgefahr Würde, Brot, Gesundheit suchen: die Welt der Flüchtlinge. Und ich habe die Antwort jener Stadt gesehen, die – als Insel – sich nicht isolieren wollte und die sie annimmt, sich zu eigen macht; sie gibt uns ein Beispiel der Aufnahme: Leid und positive Antwort. Hier in dieser zweiten Stadt, Insel, die ich besuche, auch hier sehe ich Leid. Ein Leid, das, wie einer von euch gesagt hat, »dich schwächt und dir schließlich die Hoffnung raubt«. Ein Leid – das Fehlen von Arbeit –, das dich dazu führt – entschuldigt, wenn ich da ein bisschen hart bin, aber ich sage die Wahrheit –, dich ohne Würde zu fühlen! Wo es  keine Arbeit gibt, fehlt die Würde! Und das ist nicht nur ein Problem Sardiniens – aber hier ist es groß! –, es ist nicht nur das Problem Italiens oder einiger Länder Europas, es ist die Folge einer globalen Entscheidung, eines ökonomischen Systems, das zu dieser Tragödie führt; ein Wirtschaftssystem, in dessen Zentrum ein Götze steht, der Geld heißt.

Gott hat gewollt, dass im Mittelpunkt der Welt nicht ein Götze steht, sondern der Mensch, Mann und Frau, die mit der eigenen Arbeit die Welt voranbringen. Aber jetzt, in diesem System ohne Ethik, steht ein Götze im Zentrum, und die Welt ist zum Götzendiener dieses Gottes »Geld« geworden. Das Geld regiert! Das Geld regiert! Es regieren alle diese Dinge, die ihm dienen, diesem Götzen. Und was geschieht? Um diesen Götzen zu verteidigen drängen sich alle im Zentrum zusammen und die an den äußeren Rändern fallen heraus, die Alten fallen, weil es in dieser Welt keinen Platz für sie gibt! Einige sprechen von dieser Gewohnheit einer »versteckten Euthanasie«, sie nicht zu pflegen, sich nicht um sie zu kümmern… »Ja, lassen wir es sein…« Und es fallen die jungen Menschen, die keine Arbeit finden und damit auch nicht ihre Würde. Aber denkt einmal, in einer Welt, in der die jungen Menschen – zwei Generationen von jungen Menschen – keine Arbeit haben. Diese Welt hat keine Zukunft. Warum? Weil sie keine Würde haben! Es ist schwierig, Würde zu haben, ohne zu arbeiten.

Das ist euer Leiden hier. Das ist eure Bitte, die ihr da drüben gerufen habt: »Arbeit«, »Arbeit«, »Arbeit«. Das ist eine notwendige Bitte. Arbeit, das heißt Würde, Arbeit, das heißt, Brot nach Hause zu bringen, Arbeit, das heißt lieben! Um dieses götzendienerische Wirtschaftssystem zu verteidigen, führt man die »Wegwerf-Kultur«, die Kultur der Ausgrenzung ein: die Großeltern und die Jugendlichen werden ausgegrenzt. Und wir müssen Nein sagen zu dieser Kultur der Ausgrenzung. Wir müssen sagen: »Wir wollen ein gerechtes System! Ein System, das uns alle vorwärts gehen lässt.« Wir müssen sagen: »Wir wollen dieses globalisierte Wirtschaftssystem nicht, das uns sehr schadet!« Im Mittelpunkt müssen der Mann und die Frau stehen, wie Gott es will, und nicht das Geld!

Ich hatte etwas Geschriebenes für euch vorbereitet, aber als ich euch gesehen habe, sind mir diese Worte gekommen. Ich werde dem Bischof die geschriebenen Worte geben, so als wären sie gesagt worden. Aber ich habe es vorgezogen, euch das zu sagen, was aus meinem Herzen kommt, wenn ich euch in diesem Augenblick hier sehe! Seht, es ist leicht, zu sagen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Aber euch, euch allen, jenen, die Arbeit haben, und jenen, die keine Arbeit haben, sage ich: »Lasst euch die Hoffnung nicht rauben! Lasst euch die Hoffnung nicht rauben! « Vielleicht ist die Hoffnung wie die Glut unter der Asche. Helfen wir einander mit Solidarität, indem wir auf die Asche blasen, damit das Feuer noch einmal kommt. Aber die Hoffnung trägt uns voran. Das ist kein Optimismus, das ist etwas anderes.

Aber die Hoffnung gehört nicht einem allein, die Hoffnung machen wir alle! Die Hoffnung müssen wir bei allen unterstützen, ihr alle und wir alle, die wir weit weg sind. Die Hoffnung ist etwas, das euch angeht und das uns angeht. Sie geht alle an! Deshalb sage ich euch: »Lasst euch die Hoffnung nicht rauben!« Aber wir wollen schlau sein, weil der Herr uns sagt, dass die Götzen schlauer sind als wir. Der Herr lädt uns ein, die Klugheit der Schlange zu haben, zusammen mit der Arglosigkeit der Tauben. Seien wir so schlau und nennen wir die Dinge beim Namen. In diesem Moment steht in unserem Wirtschaftssystem, in unserem vorgegebenen globalisierten System des Lebens ein Götze und das geht nicht! Kämpfen wir alle gemeinsam, damit im Zentrum zumindest unseres Lebens der Mann und die Frau stehen, die Familie, wir alle, damit die Hoffnung weiter gehen kann… »Lasst euch die Hoffnung nicht rauben!«

Jetzt möchte ich schließen, indem ich mit euch allen bete, in der Stille, in der Stille, indem ich mit euch allen bete. Ich sage das, was mir aus dem Herzen kommt, und ihr betet still mit mir.

»Herr und Gott, blicke auf uns!

Blicke auf diese Stadt, diese Insel. Blicke auf unsere Familien.

Herr, dir hat die Arbeit nicht gefehlt, du warst Zimmermann, du warst glücklich.

Herr, uns fehlt die Arbeit.

Die Götzen wollen uns die Würde rauben. Die ungerechten Systeme wollen uns die Hoffnung rauben.

Herr, lass uns nicht allein. Hilf uns, einander zu helfen; dass wir ein wenig den Egoismus vergessen und wir im Herzen das »Wir« spüren; wir als Volk, das vorangehen will.

Herr Jesus, dir hat die Arbeit nicht gefehlt, gib uns Arbeit und lehre uns, für die Arbeit zu kämpfen, und segne uns alle. Im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Vielen Dank und betet für mich!

* * *

[Im Folgenden veröffentlichen wir die von Papst Franziskus vorbereitete Ansprache, die er dem Erzbischof von Cagliari übergeben hat:]

Ich möchte mit euch über drei einfache, aber entscheidende Punkte nachdenken. Der erste: den Menschen und die Arbeit wieder in den Mittelpunkt stellen. Die Wirtschaftskrise hat eine europäische und globale Dimension; aber es ist nicht nur eine ökonomische Krise, sondern sie ist auch ethisch, spirituell und menschlich. An der Wurzel steht ein Verrat des Gemeinwohls, sowohl von Seiten Einzelner als auch von einflussreichen Gruppen. Daher ist es notwendig, dem Gesetz des Profits und der Rendite den zentralen Platz zu nehmen und den Menschen und das Gemeinwohl wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Und ein für die Würde des Menschen sehr wichtiger Faktor ist gerade die Arbeit; damit es eine echte Förderung des Menschen gibt, muss die Arbeit gesichert werden. Das ist eine Aufgabe, die der gesamten Gesellschaft zukommt, deshalb muss es jenen Unternehmern als großes Verdienst angerechnet werden, die trotz allem nicht aufgehört haben, sich zu engagieren, zu investieren und Risiken einzugehen, um Beschäftigung zu garantieren. Die Kultur der Arbeit umfasst im Vergleich zur Kultur des Assistenzialismus die Erziehung zur Arbeit von Jugend an sowie Hinführung zur Arbeit, Würde für jede Arbeitstätigkeit, Teilen der Arbeit, Ausmerzung jeglicher Schwarzarbeit. In dieser Phase möge die gesamte Gesellschaft in all ihren Komponenten jede erdenkliche Anstrengung unternehmen, damit die Arbeit, die Quelle der Würde ist, eine zentrale Sorge sei! Eure Situation als Insel macht diesen Einsatz von Seiten aller noch dringlicher, vor allem von Seiten der politischen und wirtschaftlichen Instanzen.

Das zweite Element: das Evangelium der Hoffnung. Sardinien ist ein von Gott gesegnetes Land mit vielen menschlichen und Umweltressourcen, aber wie im übrigen Italien ist neuer Schwung nötig, um wieder in Gang zu kommen. Und die Christen können und müssen ihren Teil dazutun, indem sie ihren spezifischen Beitrag leisten: die vom Evangelium geprägte Sicht des Lebens. Ich erinnere an die Worte von Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Cagliari 2008: es ist notwendig, »die Welt der Arbeit, der Wirtschaft und der Politik zu evangelisieren, die eine neue Generation von engagierten christlichen Laien braucht, die fähig sind, mit Sachverstand und moralischer Strenge Lösungen für eine tragbare Entwicklung zu finden« (Predigt 7. September 2008). Die Bischöfe Sardiniens sind besonders aufmerksam für diese Realität, insbesondere für die der Arbeit. Ihr, liebe Bischöfe, weist auf die Notwendigkeit einer ernsthaften, realistischen Unterscheidung der Geister hin, aber ihr orientiert auch auf einen Weg der Hoffnung hin, wie ihr in der Botschaft zur Vorbereitung dieses Besuchs geschrieben habt. Das ist wichtig, das ist die richtige Antwort! Der Realität ins Gesicht zu blicken, sie gut zu kennen, sie zu verstehen und mit der Methode der Zusammenarbeit und des Dialogs gemeinsam Wege zu suchen, indem man die Nähe lebt, um Hoffnung zu bringen. Niemals die Hoffnung verdunkeln! Sie nicht mit Optimismus verwechseln – der nur eine psychologische Haltung meint – oder mit etwas anderem. Die Hoffnung ist kreativ, sie ist in der Lage, Zukunft zu schaffen.

Drittens: eine würdige Arbeit für alle. Eine für die Hoffnung offene Gesellschaft verschließt sich nicht in sich selbst, in der Verteidigung der Interessen einiger weniger, sondern sie blickt mit der Perspektive des Gemeinwohls nach vorne. Und das erfordert von allen ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Es gibt keine soziale Hoffnung ohne eine würdige Arbeit für alle. Daher ist es notwendig, »dass als Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen und für den Erhalt ihrer Arbeitsmöglichkeit zu sorgen« (Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 32).

Ich habe von einer »würdigen« Arbeit gesprochen, und das unterstreiche ich, denn leider nimmt insbesondere, wenn es eine Krise gibt und die Nachfrage hoch ist, die unmenschliche Arbeit zu, die Sklavenarbeit, die Arbeit ohne die entsprechende Sicherheit oder ohne die Achtung der Schöpfung oder ohne Achtung der Ruhezeit, des Festes und der Familie, die Sonntagsarbeit, wo das nicht notwendig ist. Die Arbeit muss verbunden sein mit der Bewahrung der Schöpfung, damit sie verantwortlich bewahrt wird für die zukünftigen Generationen. Die Schöpfung ist keine auszubeutende Ware, sondern ein zu bewahrendes Geschenk. Das ökologische Engagement selbst ist Gelegenheit für neue Beschäftigung in den mit ihm verbundenen Sektoren, wie Energie, die Vorbeugung oder Beseitigung verschiedener Formen der Umweltverschmutzung, die Wachsamkeit hinsichtlich der Gefahr der Feuer für den Waldbestand und so weiter. Die Schöpfung bewahren, den Menschen bewahren mit einer würdigen Arbeit, das möge die Verpflichtung aller sein! Ökologie… und auch »Ökologie des Menschen«!

Liebe Freunde, ich bin euch besonders nahe und lege all eure Ängste und Sorgen in die Hände des Herrn und Unserer Lieben Frau von Bonaria. Der sel. Johannes Paul II. hat unterstrichen, dass Jesus »mit seinen eigenen Händen gearbeitet hat. Ja, seine Arbeit, die wirklich körperliche Arbeit war, hat den größten Teil seines Lebens auf dieser Erde beansprucht und ist so in das Werk der Erlösung des Menschen und der Welt eingegangen« (Ansprache an die Arbeiter, Terni, 19. März 1981). Es ist wichtig, sich der eigenen Arbeit mit Ausdauer, Hingabe und Kompetenz zu widmen, es ist wichtig, Arbeit gewöhnt zu sein. Ich wünsche, dass man mit der Logik der Unentgeltlichkeit und der Solidarität gemeinsam aus dieser negativen Phase herauskommen kann, damit eine sichere, würdige und feste Arbeit gewährleistet sei.

Bringt meinen Gruß zu euren Familien, den Kindern, den Jugendlichen, den alten Menschen. Auch ich nehme euch mit, vor allem in meinem Gebet. Und von Herzen erteile ich euch, eurer Arbeit und eurem sozialen Engagement meinen Segen.



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