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BESUCH DES HEILIGEN VATERS
BEIM EUROPAPARLAMENT UND BEIM EUROPARAT

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DEN EUROPARAT

Straßburg, Frankreich
Dienstag, 25. November 2014

[Multimedia]


 

Herr Generalsekretär, Frau Präsidentin,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

ich freue mich, vor diesem Plenum das Wort ergreifen zu können, in dem eine bedeutende Gruppe der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, die Vertreter der Mitgliedsländer, die Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wie auch die verschiedenen Einrichtungen, die den Europarat bilden, zusammengekommen sind. Tatsächlich ist fast ganz Europa in dieser Aula zugegen, mit seinen Völkern, seinen Sprachen, seinen kulturellen und religiösen Ausdrucksformen, die den Reichtum dieses Kontinentes ausmachen. Besonders dankbar bin ich dem Herrn Generalsekretär des Europarats, Herrn Thorbjørn Jagland, für die freundliche Einladung und für die  liebenswürdigen Worte, mit denen er mich willkommen geheißen hat. Ich begrüße die Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung, Frau Anne Brasseur, sowie die Vertreter der verschiedenen Institutionen, die gemeinsam den Europarat bilden. Allen danke ich von Herzen für Ihren großherzigen Einsatz und den Beitrag, den Sie zum Frieden leisten durch die Förderung der Demokratie, der Menschenrechte und des Rechtsstaates.

In der Absicht seiner Gründungsväter entsprach der Europarat, der in diesem Jahr sein 65. Bestehen feiert, einem geistigen Streben nach Einheit, welches das Leben des Kontinents von alters her immer wieder beseelt hat. Dennoch haben im Laufe der Jahrhunderte wiederholt partikularistische Impulse überwogen, die durch eine Folge verschiedener Vormachtsbestrebungen gekennzeichnet waren. Man denke nur daran, dass zehn Jahre vor jenem 5. Mai 1949, an dem in London das Gründungsabkommen des Europarates unterzeichnet wurde, der blutigste und erschütterndste Konflikt begann, den diese Länder je gesehen haben und dessen Teilungen über lange Jahre fortdauerten, als der sogenannte Eiserne Vorhang den Kontinent von der Ostsee bis zum Golf von Triest in zwei Teile trennte. Der Plan der Gründungsväter sah vor, Europa wiederherzustellen in einem Geist gegenseitigen Dienstes, was noch heute, in einer Welt, die mehr zum Fordern als zum Dienen neigt, der Schlussstein der Mission des Europarates sein muss, um den Friedens, die Freiheit und die Menschenwürde zu fördern.

Andererseits besteht der bevorzugte Weg zum Frieden – und zur Vermeidung einer Wiederholung dessen, was in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts geschehen ist – darin, im anderen nicht einen Feind zu sehen, der bekämpft werden muss, sondern einen Bruder, der anzunehmen ist. Es handelt sich um einen ständigen Prozess, der niemals als gänzlich vollendet betrachtet werden kann. Genau das haben die Gründungsväter erfasst; sie verstanden, dass der Friede ein Gut ist, das fortwährend errungen werden muss und das größte Wachsamkeit erfordert. Sie waren sich bewusst, dass die Kriege aus der Absicht entstehen, Räume in Besitz zu nehmen, die weiterlaufenden Prozesse einzufrieren und zu versuchen, sie aufzuhalten; dagegen suchten sie den Frieden, der nur verwirklicht werden kann in der ständigen Haltung, Prozesse in Gang zu setzen und sie voranzubringen.

Auf diese Weise bekräftigten sie den Willen zu einem Weg der Reifung in der Zeit, denn die Zeit ist es, die über die Räume herrscht, sie hell macht und in eine Kette fortlaufenden Wachstums verwandelt, ohne Rückschritte. Darum ist es für den Aufbau des Friedens erforderlich, die Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und weitere Menschen sowie Gruppen einbeziehen, die diese entwickeln, bis sie in wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringen.[1]

Aus diesem Grund riefen die Gründungsväter diese ständige Einrichtung ins Leben. Einige Jahre später erinnerte der selige Papst Paul VI. daran, dass »die Institutionen selbst, die in der Rechtsordnung und im internationalen Zusammenleben die Aufgabe und das Verdienst haben, den Frieden zu verkünden und zu erhalten, […] ihr providentielles Ziel [nur erreichen], wenn sie sich unablässig darum bemühen, wenn sie es verstehen, in jedem Augenblick den Frieden zu wecken, den Frieden herbeizuführen«.[2] Es bedarf eines ständigen Weges der Humanisierung: »Es genügt nicht, die Kriege einzudämmen, die Kämpfe einzustellen […] es genügt kein aufgezwungener Friede, kein zweckbedingter und provisorischer Friede. Wir müssen nach einem Frieden trachten, der geliebt wird, frei und brüderlich ist, das heißt in der Versöhnung der Menschen gründet.«[3] Das bedeutet, die Prozesse ohne Ängstlichkeit voranzubringen, aber gewiss mit klaren Überzeugungen und mit Entschlossenheit.

Um das Gut des Friedens zu gewinnen, muss man vor allem zum Frieden erziehen, indem man eine Kultur des Konfliktes fernhält, die auf die Angst vor dem anderen, auf die Ausgrenzung dessen, der anders denkt oder lebt, ausgerichtet ist. Freilich darf der Konflikt nicht ignoriert oder beschönigt werden; man muss sich ihm stellen. Wenn wir uns aber in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, die Horizonte verengen sich, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. Wenn wir in der Konfliktsituation verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit,[4] halten die Geschichte an und verfallen der inneren Zermürbung durch fruchtlose Widersprüche.

Leider wird der Friede noch allzu oft verletzt. Er ist es in vielen Teilen der Welt, wo Konflikte verschiedener Art wüten. Er ist es auch hier in Europa, wo Spannungen nicht aufhören. Wie viel Schmerz und wie viele Tote gibt es noch in diesem Kontinent, der den Frieden herbeisehnt und doch leicht den Versuchungen von einst verfällt! Darum ist das Werk des Europarates auf der Suche nach einer politischen Lösung der gegenwärtigen Krisen wichtig und ermutigend.

Dem Frieden jedoch wird auch durch andere Formen des Konflikts wie den religiösen und internationalen Terrorismus zugesetzt, der eine tiefe Verachtung für das menschliche Leben hegt und unterschiedslos unschuldige Opfer fordert. Dieses Phänomen wird leider durch einen sehr oft ungestörten Waffenhandel gefördert. Die Kirche betrachtet den Waffenhandel als »eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit, er schädigt unerträglich die Armen«.[5] Der Friede wird auch verletzt durch den Menschenhandel, die neue Sklaverei unserer Zeit, welche die Menschen in Handelsware verwandelt und sie jeder Würde beraubt. Nicht selten stellen wir dann fest, dass diese Phänomene miteinander verbunden sind. Der Europarat spielt durch seine Komitees und die Expertengruppen eine wichtige und bedeutsame Rolle bei der Bekämpfung solcher Formen von Unmenschlichkeit.

Doch der Friede ist nicht das bloße Nichtvorhandensein von Kriegen, von Konflikten, von Spannungen. Aus christlicher Sicht ist er zugleich Geschenk Gottes und Frucht des freien und vernünftigen Handelns des Menschen, der in Wahrheit und Liebe das Gemeinwohl im Auge hat. »Diese geistige und sittliche Ordnung stützt sich gerade auf die Gewissensentscheidung der Menschen für eine Harmonie in ihren wechselseitigen Beziehungen, und dies unter Beachtung der Gerechtigkeit für alle.«[6]

Wie kann man also das hochgesteckte Ziel des Friedens verfolgen?

Der vom Europarat gewählte Weg ist vor allem der der Förderung der Menschenrechte, mit der die Entwicklung der Demokratie und des Rechtsstaates verbunden ist. Es ist eine besonders wertvolle Arbeit mit bemerkenswerten ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, denn von einem rechten Verständnis dieser Begriffe und ihrer fortwährenden gedanklichen Vertiefung hängt die Entwicklung unserer Gesellschaften, ihr friedliches Zusammenleben und ihre Zukunft ab. Dieses Studium ist einer der großen Beiträge, die Europa der ganzen Welt geliefert hat und noch liefert.

An diesem Ort sehe ich mich daher in der Pflicht, an die Bedeutung des europäischen Beitrags und der europäischen Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erinnern. Ich möchte dies tun, indem ich von einem Bild ausgehe, das ich einem italienischen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, Clemente Rebora, entnehme. Er beschreibt in einem seiner Gedichte eine Pappel mit ihren gen Himmel ausgestreckten und vom Wind bewegten Zweigen, ihrem starken und festen Stamm und den tiefen Wurzeln, die sich in die Erde hinabsenken.[7] In einem gewissen Sinn können wir im Licht dieses Bildes an Europa denken.

Im Laufe seiner Geschichte hat es sich immer nach oben hin ausgestreckt, neuen und ehrgeizigen Zielen entgegen, bewegt von einem unersättlichen Sehnen nach Erkenntnis, Entwicklung, Fortschritt, Frieden und Einheit. Doch das Sicherheben des Denkens, der Kultur, der wissenschaftlichen Entdeckungen ist nur möglich aufgrund der Festigkeit des Stammes und der Tiefe der Wurzeln, die ihn nähren. Wenn die Wurzeln eingehen, höhlt sich der Stamm allmählich aus und stirbt, und die Zweige – einst üppig und aufrecht – neigen sich zur Erde und fallen herunter. Hier liegt vielleicht eines der Paradoxe, die einer isolierten wissenschaftlichen Mentalität am wenigsten verständlich sind: Um der Zukunft entgegenzugehen, bedarf es der Vergangenheit, braucht es tiefe Wurzeln und bedarf es auch des Mutes, sich nicht vor der Gegenwart und ihren Herausforderungen zu verstecken. Es braucht Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision.

Andererseits, bemerkt Rebora, senkt sich der Stamm hinab, wo er der Wahrheit näher kommt.[8] Die Wurzeln nähren sich von der Wahrheit, welche die Nahrung, der Lebenssaft jeder Gesellschaft ist, die wirklich frei, menschlich und solidarisch sein will. Die Wahrheit aber appelliert an das Gewissen, das sich keiner Beeinflussung beugt und darum fähig ist, die eigene Würde zu erkennen und sich dem Absoluten zu öffnen. So wird es zur Quelle von Grundentscheidungen, die von der Suche nach dem Guten für die anderen und für sich selbst geleitet sind, und zum Ort einer verantwortlichen Freiheit.[9]

Man muss sich zudem vor Augen halten, dass ohne diese Suche nach der Wahrheit jeder zum Maß seiner selbst und seines Handelns wird und so den Weg zur subjektivistischen Behauptung der Rechte bahnt. Auf diese Weise wird der Begriff der Menschenrechte, der von sich aus Allgemeingültigkeit besitzt, durch die Idee des individualistischen Rechts ersetzt. Das führt dazu, sich im Grunde für die anderen nicht zu interessieren und jene Globalisierung der Gleichgültigkeit zu fördern, die aus dem Egoismus entspringt und Frucht eines Menschenbildes ist, das unfähig ist, die Wahrheit aufzunehmen und eine authentische soziale Dimension zu leben.

Ein solcher Individualismus macht menschlich arm und kulturell unfruchtbar, weil er tatsächlich jene ertragfähigen Wurzeln abschneidet, in denen der Baum gründet. Aus dem gleichgültigen Individualismus geht der Kult der Opulenz hervor, welcher der Wegwerf-Kultur entspricht, in die wir eingetaucht sind. Wir besitzen wirklich zu viele Dinge, die oft nutzlos sind, aber wir sind nicht mehr fähig, authentische menschliche Beziehungen aufzubauen, die von der Wahrheit und von gegenseitiger Achtung geprägt sind. Und so haben wir heute das Bild eines verletzten Europas vor Augen, aufgrund der vielen Prüfungen der Vergangenheit, aber auch aufgrund der gegenwärtigen Krisen, die es anscheinend nicht mehr mit der früheren Lebenskraft und Energie zu bewältigen vermag. Ein etwas müdes, pessimistisches Europa, das sich durch die Neuheiten, die von anderen Kontinenten kommen, belagert fühlt.

Wir können Europa fragen: Wo ist deine Kraft? Wo ist jenes geistige Streben, das deine Geschichte belebt hat und durch das sie Bedeutung erlangte? Wo ist dein Geist wissbegieriger Unternehmungslust? Wo ist dein Durst nach Wahrheit, den du der Welt bisher mit Leidenschaft vermittelt hast?

Von der Antwort auf diese Fragen wird die Zukunft des Kontinentes abhängen. Andererseits – um zum Bild Reboras zurückzukehren – kann ein Baumstamm ohne Wurzeln weiter den Anschein von Leben erwecken, aber in seinem Innern wird er hohl und stirbt ab. Europa muss darüber nachdenken, ob sein gewaltiges Erbe auf menschlichem, künstlerischem, technischem, sozialem, politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiet ein bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit ist, oder ob es noch imstande ist, die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen. Bei der Beantwortung dieser Frage spielt der Europarat mit seinen Institutionen eine primäre Rolle.

Ich denke besonders an die Funktion des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der in gewisser Weise das „Gewissen“ Europas bei der Achtung der Menschenrechte darstellt. Es ist mein Wunsch, dass dieses Gewissen immer mehr reift, nicht für einen bloßen Konsens zwischen den Parteien, sondern als Frucht des Strebens nach jenen tiefen Wurzeln, die die Grundlagen bilden, welche die Gründungsväter des heutigen Europas wählten, um auf sie zu bauen.

Zugleich mit den Wurzeln – die man suchen, finden und durch die tägliche Übung des Gedächtnisses lebendig erhalten muss, denn sie bilden das genetische Erbe Europas – sind da die aktuellen Herausforderungen des Kontinentes, die uns zu ständiger Kreativität verpflichten, damit diese Wurzeln im Heute fruchtbar sind und sich ausstrecken zu Utopien der Zukunft. Ich erlaube mir, nur zwei davon zu erwähnen: die Herausforderung der Multipolarität und die Herausforderung der Transversalität.

Die Geschichte Europas kann uns nahelegen, sie naiver Weise als eine Bipolarität zu begreifen, oder höchstens als eine Tripolarität (denken wir an die historische Konzeption: Rom – Byzanz – Moskau), und uns bei der Interpretation der Gegenwart und der Projektion auf die Utopie der Zukunft hin innerhalb dieses Schemas bewegen, das ein Ergebnis geopolitisch-hegemonischer Reduktionismen ist.

Heute liegen die Dinge anders, und wir können zu Recht von einem multipolaren Europa sprechen. Die Spannungen – die aufbauenden wie die zersetzenden – treten zwischen vielfältigen kulturellen, religiösen und politischen Polen auf. Europa steht heute vor der Herausforderung, diese Multipolarität zu „globalisieren“, dies aber auf ursprünglich-schöpferische Weise. Die Kulturen sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den Ländern: Einige Länder beherbergen verschiedene Kulturen, und einige Kulturen drücken sich in mehreren Ländern aus. Das gleiche gilt für politische, religiöse und gemeinschaftliche Ausdrucksformen.

Die Multipolarität auf ursprüngliche Weise zu globalisieren – ich betone: auf ursprüngliche Weise – schließt die Bemühung um eine konstruktive Harmonie ein, die frei ist von Vormachtstellungen, die unter pragmatischem Gesichtspunkt den Weg zwar zu vereinfachen scheinen, aber letztlich die kulturelle und religiöse Ursprünglichkeit der Völker zerstören.

Von der europäischen Multipolarität zu sprechen bedeutet, von Völkern zu sprechen, die entstehen, wachsen und sich auf die Zukunft hin orientieren. Die Aufgabe, die Multipolarität Europas zu globalisieren, können wir uns nicht mit dem Bild der Kugel vorstellen – in der alles gleich und geordnet ist, die sich aber als einschränkend erweist, denn alle Punkte sind gleich weit vom Zentrum entfernt –, sondern vielmehr mit dem des Polyeders, wo die harmonische Einheit des Ganzen die Besonderheit jedes einzelnen Teils bewahrt. Europa ist heute multipolar in seinen Beziehungen und seinen Bestrebungen; Europa ist weder denkbar noch konstruierbar, ohne diese multipolare Wirklichkeit von Grund auf anzunehmen.

Die andere Herausforderung, die ich erwähnen möchte, ist die Transversalität. Ich gehe von einer persönlichen Erfahrung aus: In den Begegnungen mit Politikern verschiedener Länder Europas habe ich feststellen können, dass die jungen Politiker die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive angehen als ihre reiferen Kollegen. Vielleicht sagen sie dem Anschein nach Ähnliches, doch der Ansatz ist anders. Die Worte sind ähnlich, doch die Musik ist anders. Das geschieht bei den jungen Politikern unterschiedlicher Parteien. Diese Erfahrungstatsache weist auf eine Realität des heutigen Europas hin, die man auf dem Weg der kontinentalen Konsolidierung und seiner Öffnung auf die Zukunft hin nicht übersehen darf: Diese Transversalität, die in allen Bereichen festzustellen ist, muss berücksichtigt werden. Das geht nicht ohne den Dialog auch zwischen den Generationen. Wenn wir heute den Kontinent beschreiben wollten, müssten wir von einem dialogisierenden Europa sprechen, das dafür sorgt, dass die Transversalität der Meinungen und Reflexionen den harmonisch vereinten Völkern dienlich ist.

Diesen Weg der transversalen Kommunikation einzuschlagen, verlangt nicht nur ein Einfühlungsvermögen zwischen den Generationen, sondern eine geschichtsbewusste Wachstumsmethodologie. In der aktuellen politischen Welt Europas erweist sich der Dialog, der nur innerhalb der je eigenen (politischen, religiösen, kulturellen) Organismen stattfindet, als unfruchtbar. Die Geschichte verlangt heute die Fähigkeit, aus den Strukturen, welche die eigene Identität „einschließen“, zur Begegnung hinauszugehen, mit dem Ziel, ebendiese Identität in der brüderlichen Gegenüberstellung der Transversalität zu stärken und fruchtbarer zu machen. Ein Europa, das nur innerhalb der geschlossenen Zugehörigkeitsgruppen dialogisiert, bleibt auf halbem Wege stehen; es bedarf des jugendlichen Geistes, der die Herausforderung der Transversalität annimmt.

Aus dieser Sicht begrüße ich den Willen des Europarates, sich im interkulturellen Dialog einschließlich seiner religiösen Dimension zu engagieren durch die Begegnungen über die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs. Es handelt sich um eine günstige Gelegenheit für einen offenen, respektvollen und bereichernden Austausch zwischen Menschen und Gruppen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher ethnischer, sprachlicher und religiöser Tradition in einem Geist gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Achtung.

Solche Begegnungen scheinen bei der Suche nach einem eigenen Gesicht im aktuellen multikulturellen, multipolaren Umfeld besonders wichtig, um die europäische Identität, die sich in den Jahrhunderten herausgebildet hat, weise mit den Ansprüchen der anderen Völker zu verbinden, die sich nun auf dem Kontinent zeigen.

In dieser Perspektive ist der Beitrag zu verstehen, den das Christentum heute zur kulturellen und gesellschaftlichen europäischen Entwicklung im Rahmen einer rechten Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft leisten kann. Aus christlicher Sicht sind Vernunft und Glaube, Religion und Gesellschaft berufen, einander zu erhellen, indem sie sich gegenseitig unterstützen und, falls nötig, sich wechselseitig von den ideologischen Extremismen läutern, in die sie fallen können. Die gesamte europäische Gesellschaft kann aus einer neu belebten Verbindung zwischen den beiden Bereichen nur Nutzen ziehen, sei es, um einem religiösen Fundamentalismus entgegenzuwirken, der vor allem ein Feind Gottes ist, sei es, um einer „beschränkten“ Vernunft abzuhelfen, die dem Menschen nicht zur Ehre gereicht.

Sehr zahlreich und aktuell sind die Themen, in denen es meiner Überzeugung nach eine gegenseitige Bereicherung geben kann und in denen die katholische Kirche – besonders durch den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) – mit dem Europarat zusammenarbeiten und einen grundlegenden Beitrag leisten kann. Im Licht des eben Gesagten ist da zunächst der Bereich einer ethischen Reflexion über die Menschenrechte, über die nachzudenken Ihre Organisation oft gefordert ist. Ich denke besonders an die Themen, die mit dem Schutz des menschlichen Lebens zusammenhängen – heikle Fragen, die einer aufmerksamen Prüfung unterzogen werden müssen, die die Wahrheit des ganzen Menschen berücksichtigt, ohne sich auf spezifische medizinische, wissenschaftliche oder juristische Bereiche zu beschränken.

Ebenso zahlreich sind die Herausforderungen der modernen Welt, die untersucht werden müssen und eines gemeinsamen Einsatzes bedürfen, angefangen von der Aufnahme der Migranten; sie brauchen zunächst das Lebensnotwendige, hauptsächlich aber haben sie es nötig, dass ihre Menschwürde anerkannt wird. Dann ist da das ganze schwere Problem der Arbeit, vor allem wegen des hohen Niveaus der Jugendarbeitslosigkeit, das es in vielen Ländern gibt – eine echte Hypothek für die Zukunft –, aber auch wegen der Frage nach der Würde der Arbeit.

Ich habe den nachdrücklichen Wunsch, dass eine neue soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit entsteht, die frei ist von ideologischen Bedingtheiten und der globalisierten Welt zu begegnen weiß, indem sie den Sinn für Solidarität und gegenseitige Liebe lebendig erhält, der dank des großherzigen Wirkens von Hunderten von Männern und Frauen das Gesicht Europas so sehr geprägt hat. Diese Menschen – einige von ihnen betrachtet die katholische Kirche als Heilige – haben sich im Laufe der Jahrhunderte bemüht, den Kontinent zu entwickeln, sowohl durch unternehmerische Aktivität als auch im Erziehungswesen, in Hilfswerken und im Einsatz für Förderung des Menschen. Vor allem letztere stellen einen wichtigen Bezugspunkt für die zahlreichen Armen dar, die in Europa leben. Wie viele davon gibt es auf unseren Straßen! Sie bitten nicht nur um das Brot zum Leben, das elementarste der Rechte, sondern auch darum, den Wert des eigenen Lebens wiederzuentdecken, den die Armut leicht in Vergessenheit geraten lässt, und die Würde wiederzuerlangen, welche die Arbeit verleiht.

Schließlich ist unter den Themen, die unser Nachdenken und unsere Zusammenarbeit erfordern, der Umweltschutz, die Verteidigung dieser unserer geliebten Erde, die unser großer Reichtum ist, den Gott uns gegeben hat und der uns zur Verfügung steht, nicht damit er verdorben, ausgebeutet und erniedrigt wird, sondern damit wir in Freude über seine grenzenlose Schönheit mit Würde leben können.

Herr Generalsekretär, Frau Präsidentin, Exzellenzen, meine Damen und Herren,

der selige Papst Paul VI. hat die Kirche definiert als „Expertin in allem, was den Menschen betrifft“.[10] In der Nachfolge Christi sucht sie in der Welt – trotz der Sünden ihrer Kinder – nichts anderes, als zu dienen und Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.[11] Nichts außer diesem Geist leitet uns in der Unterstützung des Weges der Menschheit.

Mit dieser Grundeinstellung möchte der Heilige Stuhl seine Zusammenarbeit mit dem Europarat fortsetzen, der heute eine grundlegende Rolle bei der Formung des Denkens zukünftiger Generationen von Europäern spielt. Es geht darum, gemeinsam eine umfassende Überlegung anzustellen, damit eine Art „neuer Agora“ entsteht, in der jede zivile und religiöse Instanz – obschon in der Trennung der Bereiche und in der Verschiedenheit der Positionen – sich frei den anderen gegenüberstellen kann, ausschließlich bewegt von der Sehnsucht nach Wahrheit und dem Wunsch, das Gemeinwohl aufzubauen. Die Kultur geht nämlich stets aus der wechselseitigen Begegnung hervor, die darauf ausgerichtet ist, den geistigen Reichtum und die Kreativität ihrer Teilnehmer anzuregen; und dies ist nicht nur die Verwirklichung des Guten, dies ist Schönheit. Mein Wunsch ist, dass Europa mit der Wiederentdeckung seines historischen Erbes und der Tiefe seiner Wurzeln sowie mit der Annahme seiner lebendigen Multipolarität und des Phänomens der dialogisierenden Transversalität jene geistige Jugend wiederfindet, die es fruchtbar und bedeutend gemacht hat.

Danke!

 
[1] Vgl. Evangelii gaudium, 223.

[2] Botschaft zum 8. Weltfriedenstag, 8. Dezember 1974.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Evangelii gaudium, 226.

[5] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2329; Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes 81.

[6] Johannes Paul II., Botschaft zum 15. Weltfriedenstag, 8. Dezember 1981, 4.

[7] Il pioppo, in: Canti dell‘Infermità, ed. Vanni Scheiwiller, Mailand 1957, 32: »Vibra nel vento con tutte le sue foglie / il pioppo severo; / spasima l’aria in tutte le sue doglie / nell’ansia del pensiero: / dal tronco in rami per fronde si esprime / tutte al ciel tese con raccolte cime: / fermo rimane il tronco del mistero, / e il tronco s’inabissa ov’è più vero«.

[8] Vgl. ebd.

[9] Johannes Paul II., Ansprache an die Parlamentarische Versammlung des Europarates, Straßburg, 8. Oktober 1988, 4.

[10] Enzyklika Populorum progressio, 13.

[11] Ebd.

 



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