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PASTORALBESUCH VON PAPST FRANZISKUS
IN PRATO UND FLORENZ
(10. NOVEMBER 2015)

BEGEGNUNG MIT DEN VERTRETERN
DES 5. NATIONALEN KONGRESSES DER KIRCHE IN ITALIEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Kathedrale "Santa Maria del Fiore", Florenz
Dienstag, 10. November 2015

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Liebe Brüder und Schwestern!

In der Kuppel dieser wunderschönen Kathedrale ist das Jüngste Gericht dargestellt. Im Mittelpunkt steht Jesus, unser Licht. Über dem Fresko liest man die Inschrift: »Ecce homo«. Wenn wir in diese Kuppel schauen, fühlen wir uns nach oben gezogen, während wir die Verwandlung des von Pilatus verurteilten Christus in den auf dem Richterthron sitzenden Christus betrachten. Ein Engel reicht ihm das Schwert, aber Jesus nimmt die Symbole des Richtens nicht an, sondern erhebt die rechte Hand und deutet auf die Symbole des Leidens, denn er hat »sich als Lösegeld hingegeben … für alle« (1 Tim 2,6). »Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird« (Joh 3,17).

Im Licht dieses barmherzigen Richters beugen sich unsere Knie in Anbetung, und unsere Hände und Füße bekommen neue Kraft. Von Humanismus können wir nur dann sprechen, wenn wir von der Zentralität Jesu ausgehen und in ihm die Züge des wahren Gesichtes des Menschen erkennen. Durch die Betrachtung des Gesichtes des gestorbenen und auferstandenen Jesus wird unsere Menschheit wieder heil, auch jene, die durch die Mühsal des Lebens zersplittert oder von der Sünde gezeichnet ist. Wir dürfen die Kraft des Gesichtes Christi nicht zähmen. Das Gesicht ist das Bild seiner Transzendenz. Es ist das »misericordiae vultus«. Lassen wir uns von ihm betrachten. Jesus ist unser Humanismus. Wir wollen uns stets in Unruhe versetzen lassen von seiner Frage: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mt 16,15).

Wenn wir sein Gesicht betrachten, was sehen wir? Vor allem das Gesicht eines »entäußerten« Gottes, eines Gottes, der wie ein Sklave wurde, erniedrigt und gehorsam bis zum Tod (vgl. Phil 2,7-8). Das Gesicht Jesu ist dem vieler unserer Brüder ähnlich, die erniedrigt, versklavt, entäußert wurden. Gott hat ihr Gesicht angenommen. Und dieses Gesicht schaut uns an. Gott – er ist »das Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann«, wie der heilige Anselm sagte, oder der »Deus semper maior« des heiligen Ignatius von Loyola – wächst stets über sich hinaus, indem er sich erniedrigt. Wenn wir uns nicht erniedrigen, werden wir sein Gesicht nicht sehen können. Wir werden nichts von seiner Fülle sehen, wenn wir nicht akzeptieren, dass Gott sich entäußert hat. Dann werden wir auch den christlichen Humanismus nicht verstehen. Und unsere Worte werden schön, gebildet, kultiviert sein, aber es werden keine Worte des Glaubens sein. Es werden hohlklingende Worte sein.

Ich möchte hier nicht in abstrakter Form einen »neuen Humanismus«, eine bestimmte Idee vom Menschen entwerfen, sondern ganz einfach einige Züge des christlichen Humanismus aufzeigen, der der Gesinnung Christi Jesu entspricht (vgl. Phil 2,5). Diese Sinneshaltungen sind keine abstrakten vorübergehenden Herzensregungen, sondern sie stehen für die warme innere Kraft, die uns fähig macht, zu leben und Entscheidungen zu treffen. Welche Sinneshaltungen sind das? Ich möchte euch wenigstens drei von ihnen aufzeigen. Die erste Haltung ist die Demut. »In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst« (Phil 2,3), sagt der heilige Paulus zu den Philippern. Weiter sagt der Apostel: Jesus »hielt nicht daran fest«, wie Gott zu sein (Phil 2,6). Das ist eine genaue Botschaft. Die Besessenheit, die eigene Herrlichkeit, die eigene »Würde«, den eigenen Einfluss zu wahren, darf nicht zu unserer Gesinnung gehören. Wir müssen nach der Herrlichkeit Gottes streben, und diese entspricht nicht unserer eigenen Herrlichkeit.

Die Herrlichkeit Gottes, die in der Demut der Grotte von Betlehem oder in der Schmach des Kreuzes Christi aufstrahlt, überrascht uns immer. Eine weitere Sinneshaltung Jesu, die dem christlichen Humanismus Form verleiht, ist die Uneigennützigkeit. »Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen« (Phil 2,4), sagt der heilige Paulus. Über die Uneigennützigkeit hinaus müssen wir also nach der Glückseligkeit unseres Nächsten streben. Die Menschlichkeit des Christen befindet sich immer im Aufbruch. Sie ist nicht narzisstisch, selbstbezogen. Wenn unser Herz reich und sehr zufrieden mit sich selbst ist, dann hat es keinen Raum mehr für Gott. Vermeiden wir es bitte, »uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 49).

Es ist unsere Pflicht, uns dafür einzusetzen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen und zu kämpfen. Unser Glaube ist revolutionär durch einen Impuls, der vom Heiligen Geist kommt. Wir müssen diesem Impuls folgen, um aus uns selbst herauszukommen, um Menschen nach dem Evangelium Jesu zu sein. Der entscheidende Punkt eines jeden Lebens ist die Fähigkeit sich hinzuschenken. Dort geht es über sich selbst hinaus und gelangt zur Fruchtbarkeit. Eine weitere Haltung Christi Jesu ist die Seligkeit. Der Christ ist ein Seliger, er trägt in sich die Freude des Evangeliums. In den Seligpreisungen weist der Herr uns den Weg. Wenn wir Menschen ihn beschreiten, können wir zum wahrhaft menschlichen und göttlichen Glück gelangen. Jesus spricht von der Glückseligkeit, die wir nur dann erfahren, wenn wir arm sind vor Gott. Für die großen Heiligen hat die Glückseligkeit mit Demut und Armut zu tun. Aber auch im einfachsten Teil unseres Volkes gibt es viel von dieser Glückseligkeit: Sie ist die Glückseligkeit jener, die den Reichtum der Solidarität kennen; den Reichtum, auch das Wenige, das man besitzt, zu teilen; den Reichtum des täglichen Opfers einer manchmal harten und schlecht bezahlten Arbeit, die man jedoch aus Liebe zu den nahestehenden Menschen macht; und auch der Reichtum der eigenen Nöte, die jedoch, wenn sie im Vertrauen auf die Vorsehung und die Barmherzigkeit Gottes, des Vaters, gelebt werden, eine demütige Größe nähren.

Die Seligpreisungen, die wir im Evangelium lesen, beginnen mit einem Segen und enden mit einer Verheißung des Trostes. Sie führen uns auf einen Weg möglicher Größe: der Größe des Geistes. Und wenn der Geist bereit ist, kommt alles Übrige von selbst. Wenn unser Herz nicht offen ist für den Heiligen Geist, scheinen sie natürlich Torheiten zu sein, weil sie uns nicht zum »Erfolg« bringen. Um »selig« zu sein, um den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus zu kosten, muss man ein offenes Herz haben. Die Glückseligkeit ist ein mühsamer Einsatz, der aus Verzicht, Hören und Lernen besteht, deren Früchte man mit der Zeit erntet und die uns einen unvergleichlichen Frieden schenken: »Kostet und seht, wie gütig der Herr ist« (Ps 34,9)!

Demut, Uneigennützigkeit, Seligkeit: Diese drei Züge möchte ich euch heute zur Reflexion über den christlichen Humanismus, der aus der Menschlichkeit des Sohnes Gottes hervorgeht, unterbreiten. Und diese Züge haben auch der Kirche in Italien, die sich heute versammelt, um als Vorbild der Synodalität gemeinsam voranzugehen, etwas zu sagen. Diese Züge sagen uns, dass wir nicht von der »Macht« besessen sein dürfen, auch wenn diese das Gesicht einer nützlichen Macht annimmt, die dem gesellschaftlichen Image der Kirche dient. Wenn die Kirche nicht die Gesinnung Jesu annimmt, dann verliert sie die Orientierung, den Sinn. Wenn sie sie dagegen annimmt, dann ist sie ihrer Sendung gewachsen. Die Sinneshaltungen Jesu sagen uns, dass eine Kirche, die an sich selbst und an ihre eigenen Interessen denkt, traurig wäre. Die Seligpreisungen sind außerdem der Spiegel, in dem wir uns selbst betrachten können, durch den wir wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind: Dieser Spiegel lügt nicht.

Eine Kirche, in der diese drei Züge – Demut, Uneigennützigkeit, Seligkeit – vorhanden sind, ist eine Kirche, die das Wirken des Herrn in der Welt, in der Kultur, im Alltag der Menschen zu erkennen weiß. Ich habe schon mehrmals gesagt, und ich wiederhole es heute noch einmal für euch: »Mir ist eine ›verbeulte‹ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist« (Evangelii gaudium, 49).

Wir wissen jedoch, dass es Versuchungen gibt; es gibt viele Versuchungen, denen wir begegnen müssen. Ich nenne euch wenigstens zwei davon. Keine Angst, es wird keine Auflistung von Versuchungen! So wie die 15, die ich der Kurie genannt habe! Die erste Versuchung ist die pelagianische. Sie drängt die Kirche, nicht demütig, uneigennützig und selig zu sein. Und sie tut es mit dem Anschein des Guten. Der Pelagianismus bringt uns dazu, auf Strukturen, Organisationen, perfekte – da abstrakte – Planungen zu vertrauen. Oft bringt er uns auch dazu, einen kontrollierenden, harten, normativen Stil anzunehmen. Die Norm gibt dem Pelagianer die Sicherheit, sich überlegen zu fühlen, eine genaue Orientierung zu besitzen. Darin findet er seine Kraft, nicht im sanften Hauch des Geistes. Angesichts der Missstände oder der Probleme der Kirche ist es nutzlos, im Konservativismus und Fundamentalismus, in der Wiederherstellung überkommener Verhaltensweisen und Formen, die nicht einmal auf kultureller Ebene bedeutsam sind, nach Lösungen zu suchen. Die christliche Lehre ist kein geschlossenes System, das keine Fragen, Zweifel, Probleme hervorbringen kann, sondern sie ist lebendig, sie kann Menschen in Unruhe versetzen, kann sie beseelen. Sie hat kein starres Gesicht, sie hat einen Leib, der sich bewegt und entwickelt, sie hat zartes Fleisch: Die christliche Lehre heißt Jesus Christus. Die Reform der Kirche – und die Kirche ist »semper reformanda« – steht außerdem dem Pelagianismus fern. Sie erschöpft sich nicht im x-ten Plan, die Strukturen zu verändern. Sondern sie bedeutet, in Christus eingepfropft und verwurzelt zu sein und sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen. Dann wird alles möglich sein, mit Verstand und Schöpfergeist.

Die Kirche in Italien muss sich von seinem kraftvollen und daher manchmal beunruhigenden Hauch tragen lassen. Sie muss stets den Geist ihrer großen Entdecker annehmen, die mit ihren Schiffen leidenschaftlich aufs offene Meer hinausfuhren und sich von Horizonten und Stürmen nicht abschrecken ließen. Sie muss eine freie Kirche sein, die offen ist für die Herausforderungen der Gegenwart und nie in der Defensive aus Angst, etwas zu verlieren. Nie in der Defensive aus Angst, etwas zu verlieren! Und wenn sie den Menschen unterwegs begegnet, soll sie sich den Vorsatz des heiligen Paulus zu eigen machen: »Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten« (1 Kor 9,22).

Eine zweite Versuchung, die es zu überwinden gilt, ist der Gnostizismus. Diese Versuchung führt dazu, auf logische und klare Argumente zu vertrauen, die jedoch das zarte Fleisch des Bruders zurücklassen. Der Gnostizismus ist die Faszination »eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt« (Evangelii gaudium, 94). Der Gnostizismus ist nicht fähig zur Transzendenz. Der Unterschied zwischen der christlichen Transzendenz und jeder Form eines gnostischen Spiritualismus liegt im Geheimnis der Menschwerdung. Das Wort nicht in die Praxis umzusetzen, es nicht in die Wirklichkeit zu führen bedeutet, auf Sand zu bauen, in der reinen Idee verhaftet zu bleiben und in Formen von Innerlichkeitskult zu verfallen, die keine Frucht bringen und die Dynamik des Wortes zur Sterilität verurteilen.

Die Kirche in Italien hat große Heilige, deren Vorbild ihr helfen kann, den Glauben mit Demut, Uneigennützigkeit und Frohsinn zu leben, von Franz von Assisi bis hin zu Philipp Neri. Denken wir jedoch auch an die Einfachheit erfundener Persönlichkeiten wie Don Camillo, der im Duo mit Peppone auftritt. Ich finde es beeindruckend, wie in den Geschichten von Guareschi das Gebet eines guten Pfarrers sich mit offensichtlicher Volksnähe vereint. Don Camillo sagte über sich selbst: »Ich bin ein armer Landpfarrer, der jeden einzelnen Menschen seiner Pfarrgemeinde kennt, der sie liebt, der ihre Schmerzen und ihre Freuden kennt, der mit ihnen zu leiden und zu lachen weiß.« Volksnähe und Gebet sind der Schlüssel, um einen volksnahen, demütigen, großherzigen, frohen christlichen Humanismus zu leben. Wenn wir den Kontakt mit dem gläubigen Gottesvolk verlieren, verlieren wir an Menschlichkeit und gelangen nirgendwohin. Was sollen wir also tun, Vater? – werdet ihr sagen. Worum bittet uns der Papst? Das müsst ihr entscheiden: das Volk und die Hirten gemeinsam. Heute lade ich euch einfach ein, das H upt zu erheben und noch einmal das »Ecce homo« über unseren Köpfen zu betrachten. Verweilen wir bei der Betrachtung der Szene.

Wenden wir uns wieder dem Jesus zu, der hier als Weltenrichter dargestellt ist. »Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen« (Mt 25,31): Was wird dann geschehen? Was sagt uns Jesus? Wir können uns vorstellen, dass dieser Jesus, der sich über unseren Köpfen befindet, zu einem jeden von uns und zur Kirche in Italien einige Worte sagt. Er könnte sagen: »Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,34-36). Mir kommt der Priester in den Sinn, der den sehr jungen Priester aufgenommen hat, der Zeugnis abgelegt hat. Er könnte jedoch auch sagen: »Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht« (Mt 25,41-43)

Die Seligpreisungen und die Worte über das Jüngste Gericht, die wir soeben gelesen haben, helfen uns, das christliche Leben auf der Ebene der Heiligkeit zu leben. Es sind wenige einfache, aber konkrete Worte. Zwei Stützpfeiler: die Seligpreisungen und die Worte über das Jüngste Gericht. Möge der Herr uns die Gnade schenken, diese Botschaft zu verstehen! Und betrachten wir noch einmal die Züge des Gesichtes Jesu und seine Gesten. Sehen wir, wie Jesus mit den Sündern isst und trinkt (vgl. Mk 2,16; Mt 11,19); betrachten wir ihn im Gespräch mit der Samariterin (vgl. Joh 4,7-26); beobachten wir ihn heimlich, wie er bei Nacht Nikodemus begegnet (vgl. Joh 3,1-21); genießen wir liebevoll die Szene, wo er sich von einer Prostituierten die Füße salben lässt (vgl. Lk 7,36-50); spüren wir seinen Speichel auf der Spitze unserer Zunge, die sich so löst (vgl. Mk 7,33). Sehen wir mit Bewunderung, dass seine Jünger – also wir – »beim ganzen Volk beliebt« sind und erfahren wir ihre »Freude und Einfalt des Herzens« (Apg 2,46-47).

Die Bischöfe bitte ich, Hirten zu sein. Schlicht und einfach Hirten. Das soll eure Freude sein: »Ich bin Hirt.« Das Volk, euer Volk, wird euch stützen. Kürzlich habe ich von einem Bischof gelesen, der berichtete, dass er zur Stoßzeit in der U-Bahn war, und sie war so voller Menschen, dass er nicht wusste, wo er sich mit der Hand festhalten sollte. Im Gedränge hin und her gestoßen, stützte er sich auf die Menschen, um nicht zu fallen. Und er dachte bei sich: Das ist es – außer dem Gebet –, was einen Bischof aufrechterhält:  sein Volk. Nichts und niemand möge euch die Freude nehmen, von eurem Volk gestützt zu sein. Als Hirten sollt ihr nicht komplexe Lehren predigen, sondern Christus verkündigen, der für uns gestorben und auferstanden ist. Zielt auf das Wesentliche  ab, das »kerygma«. Es gibt nichts solideres, tieferes und sichereres als diese Verkündigung. Das ganze Gottesvolk muss jedoch das Evangelium verkündigen: Volk und Hirten, meine ich. Dieses pastorale Anliegen habe ich im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium zum Ausdruck gebracht (vgl. Nr. 111-134).

Der ganzen Kirche in Italien lege ich ans Herz, worauf ich in jenem Apostolischen Schreiben verwiesen habe: die gesellschaftliche Eingliederung der Armen, die einen vorrangigen Platz im Gottesvolk haben, und die Fähigkeit zu Begegnung und Dialog, um die soziale Freundschaft in eurem Land zu fördern, im Streben nach dem Gemeinwohl. Die Option für die Armen ist »ein besonderer Vorrang in der Weise, wie die christliche Liebe ausgeübt wird; eine solche Option wird von der ganzen Tradition der Kirche bezeugt« (Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis, 42). Diese Option ist »im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen« (Benedikt XVI., Ansprache zur Eröffnung der Arbeiten der V. Generalkonferenz der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik; in O.R.dt., Nr. 20 v. 18.5.2007)). Die Armen kennen die Gesinnung Jesu Christi gut, denn aus Erfahrung kennen sie den leidenden Christus. »Wir sind aufgerufen, Christus in ihnen zu entdecken, uns zu Wortführern ihrer Interessen zu machen, aber auch ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will« (Evangelii gaudium, 198).

Gott schütze die Kirche in Italien vor jedem Surrogat aus Macht, Image, Geld. Die Armut nach dem Evangelium ist schöpferisch, nimmt an, stützt und ist reich an Hoffnung. Wir sind hier in Florenz, der Stadt der Schönheit. Wie viel Schönheit wurde in dieser Stadt in den Dienst der Nächstenliebe gestellt! Ich denke zum Beispiel an das Findelhaus »Spedale degli Innocenti«. Einer der ersten Renaissancebauten wurde zum Dienst an den verlassenen Kindern und verzweifelten Müttern errichtet. Oft hinterließen diese Mütter zusammen mit den Neugeborenen die Hälfte einer zerbrochenen Medaille,  in der Hoffnung, in besseren Zeiten ihre Kinder wiedererkennen zu können, wenn sie die andere Hälfte zeigten. Ebenso müssen wir uns vorstellen, dass unsere Armen eine zerbrochene Medaille haben. Wir haben die andere Hälfte. Denn die Mutter Kirche in Italien hat die eine Hälfte der Medaille aller Menschen und erkennt alle ihre verlassenen, unterdrückten, erschöpften Kinder. Und das gehörte schon immer zu euren Tugenden, denn ihr wisst sehr gut, dass der Herr sein Blut nicht für einige – weder für wenige noch für viele –, sondern für alle vergossen hat. Insbesondere lege ich euch auch die Fähigkeit zum Dialog und zur Begegnung ans Herz. Einen Dialog zu führen bedeutet nicht zu verhandeln. Verhandeln heißt zu versuchen, das eigene »Stück« aus der gemeinsamen Torte zu bekommen. Das meine ich nicht. Vielmehr bedeutet es, das Gemeinwohl aller zu suchen: gemeinsam zu diskutieren – ich wage zu sagen: sich gemeinsam zu streiten –, darüber nachzudenken, was die beste Lösung für alle ist. Oft ist die Begegnung mit Konflikten verbunden. Im Dialog gibt es Konflikte: Es ist logisch und vorhersehbar, dass es so ist. Und wir dürfen den Konflikt nicht fürchten und auch nicht darüber hinwegsehen, sondern müssen ihn annehmen. Wir müssen bereit sein, »den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen«  (Evangelii gaudium, 227).

Wir müssen jedoch stets daran denken, dass es keinen echten Humanismus gibt, der nicht die Liebe als Band zwischen den Menschen betrachtet – sei es zwischenmenschlicher, innerer, sozialer, politischer oder intellektueller Natur. Darauf gründet die Notwendigkeit des Dialogs und  der Begegnung, um zusammen mit den anderen die Zivilgesellschaft aufzubauen. Wir wissen, dass die beste Antwort auf die Konfliktgeladenheit des Menschen, wie Thomas Hobbes sie in seinem berühmtem Wort »homo homini lupus« zum Ausdruck bringt, das »Ecce homo« Jesu ist, der nicht anklagt, sondern annimmt und erlöst, indem er persönlich bezahlt. Die italienische Gesellschaft wird aufgebaut, wenn ihre verschiedenen kulturellen Reichtümer – der Reichtum auf der Ebene des Volkes, der akademischen Welt, der Jugend, der Kunst, der Technologie, der Wirtschaft, der Politik, der Medien… – in einen konstruktiven Dialog miteinander treten können: Die Kirche muss Sauerteig des Dialogs, der Begegnung, der Einheit sein. Im Übrigen sind auch unsere Glaubensformeln Frucht eines Dialogs und einer Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen, Gemeinschaften und Institutionen. Wir dürfen keine Angst haben vor dem Dialog: Im Gegenteil, gerade Auseinandersetzung und Kritik helfen uns, die Theologie davor zu bewahren, zur Ideologie zu werden.

Denkt außerdem daran, dass die beste Form des Dialogs nicht darin besteht zu reden und zu diskutieren, sondern gemeinsam etwas zu tun, gemeinsam etwas aufzubauen, Pläne zu machen: nicht allein, unter Katholiken, sondern gemeinsam mit allen Menschen guten Willens. Und furchtlos den für jeden echten Dialog notwendigen Aufbruch wagen. Sonst kann man weder die Argumente des Anderen noch letztendlich die Tatsache verstehen, dass der Bruder mehr zählt als die Positionen, von denen wir meinen, sie seien von unseren eigenen Gewissheiten – auch wenn diese authentisch sind – weit entfernt. Er ist ein Bruder. Die Kirche muss jedoch auch eine deutliche Antwort geben auf die Bedrohungen, die in der öffentlichen Debatte auftreten: Das ist eine Form des besonderen Beitrags der Gläubigen zum Aufbau der gemeinsamen Gesellschaft. Die Gläubigen sind Staatsbürger. Und das sage ich hier in Florenz, wo Kunst, Glaube und Bürgerschaft stets ein dynamisches Gleichgewicht aus kritischen Anfragen und Vorschlägen gebildet haben. Die Nation ist kein Museum, sondern ein kollektives Werk, das stets im Aufbau begriffen ist und in dem gerade die Dinge, die uns voneinander unterscheiden, zusammengebracht werden müssen, einschließlich der politischen oder religiösen Zugehörigkeit. Ich appelliere vor allem an »euch, ihr jungen Männer, dass ihr stark seid«, sagte der Apostel Johannes (1 Joh 2,4). Ihr jungen Menschen, überwindet die Gleichgültigkeit. Niemand soll euch wegen eurer Jugend geringschätzen, sondern ihr sollt lernen, Vorbilder in euren Worten und in eurem Lebenswandel zu sein (vgl. 1 Tim 4,12). Ich bitte euch, Baumeister Italiens zu sein, euch für ein besseres Italien an die Arbeit zu machen.

Bitte betrachtet das Leben nicht vom Balkon aus, sondern setzt euch ein, beteiligt euch am großen sozialen und politischen Dialog. Die Hände eures Glaubens sollen sich zum Himmel erheben, aber währenddessen müssen sie eine Stadt aufbauen, die auf Beziehungen gebaut ist, deren Fundament die Liebe zu Gott ist. So werdet ihr frei sein, die Herausforderungen des Heute anzunehmen, Veränderungen und Wandel zu leben. Man kann sagen, dass wir heute nicht so sehr eine Zeit des Wandels erleben, sondern vielmehr einen Zeitenwandel. Die Situationen, in denen wir heute leben, stellen uns daher vor neue Herausforderungen; schon sie zu verstehen istmanchmal schwer für uns. Unsere Zeit macht es erforderlich, die Probleme als Herausforderungen und nicht als Hindernisse zu leben: Der Herr ist tätig und am Werk in der Welt. Geht also hinaus auf die Straßen, und geht dorthin, wo die Wege sich kreuzen: Ladet alle ein, die ihr trefft, ohne Ausnahme (vgl. Mt 22,9). Begleitet vor allem jene, die am Straßenrand zurückgeblieben sind: »Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme« (Mt 15,30). Wo ihr auch seid, baut niemals Mauern und Grenzen, sondern offene Plätze und Feldlazarette.

* * * * *

Ich mag eine Kirche in Italien, die in Unruhe lebt und den Verlassenen, den Vergessenen, den Unvollkommenen immer näher ist. Ich wünsche mir eine frohe Kirche mit mütterlichem Gesicht, die versteht, begleitet, liebkost. Träumt auch ihr von dieser Kirche, glaubt an sie, erneuert sie mit Freiheit. Der christliche Humanismus, den zu leben ihr aufgerufen seid, bestätigt radikal die Würde eines jeden Menschen als Kind Gottes, errichtet zwischen allen Menschen eine grundlegende Brüderlichkeit und lehrt, die Arbeit zu verstehen, die Schöpfung als das gemeinsame Haus zu bewohnen. Er gibt Grund zu Fröhlichkeit und Humor, auch inmitten eines Lebens, das oft sehr hart ist.

Zwar ist es nicht meine Aufgabe zu sagen, wie dieser Traum heute verwirklicht werden soll, aber gestattet mir, euch einen Hinweis für die nächsten Jahre zu hinterlassen: Versucht, in jeder Gemeinde, in jeder Pfarrei und Institution, in jeder Diözese und jedem kirchlichen Bezirk, in jeder Region auf synodale Weise eine Vertiefung des Apostolischen Schreibens Evangelii gaudium in Gang zu setzen, um praktische Kriterien daraus zu gewinnen und seine Weisungen umzusetzen, besonders zu den drei oder vier Prioritäten, die ihr auf diesem Kongress erkannt habt. Ich bin sicher, dass ihr in der Lage seid, euch schöpferisch in Bewegung zu setzen, um diese Untersuchungen konkret umzusetzen. Ich bin mir deshalb sicher, weil ihr eine erwachsene Kirche seid – uralt im Glauben, festverwurzelt und mit reichen Früchten. Seid daher schöpferisch, um jenen Geist zum Ausdruck zu bringen, den eure großen Vorfahren, von Dante bis Michelangelo, auf unvergleichliche Weise zum Ausdruck gebracht haben. Glaubt an den Geist des italienischen Christentums, der nicht im Besitz Einzelner oder einer Elite ist, sondern der Gemeinschaft, des Volkes dieses wunderbaren Landes.

Ich vertraue euch der Gottesmutter Maria an, die hier in Florenz als »Santissima Annunziata« verehrt wird. Auf dem Fresko, das sich in der gleichnamigen Basilika befindet – wo ich mich gleich hinbegeben werde –, schweigt der Engel und Maria spricht. Sie sagt: »Ecce ancilla Domini«. In diesen Worten sind wir alle enthalten. Möge die ganze Kirche in Italien sie mit Maria sprechen. Danke.

 

 


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