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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER KONFERENZ 
 DER "ROMANO-GUARDINI-STIFTUNG"

Clementina-Saal
Freitag, 13. November 2015

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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,

es ist mir eine große Freude, Sie als Mitglieder der Romano-Guardini-Stiftung begrüßen zu dürfen. Sie sind nach Rom gekommen, um an einer von der Universität Gregoriana veranstalteten Tagung aus Anlass des 130. Geburtstags von Romano Guardini teilzunehmen. Ich danke Herrn Professor von Pufendorf für die aufmerksamen Grußworte und auch für den Hinweis auf die bevorstehende Publikation eines bisher unveröffentlichten Textes. Ich bin überzeugt, dass Guardini ein Denker ist, der den Menschen unserer Zeit, nicht nur den Christen, viel zu sagen hat. Mit Ihrer Stiftung möchten Sie dieses Vorhaben verwirklichen, indem Sie anhand von Guardinis Gedankengut mit der Welt der Politik, der Kultur und der Wissenschaft in einen facettenreichen Dialog treten. Dazu wünsche ich Ihnen von Herzen viel Erfolg.

In seinem Buch Der Mensch und der Glaube geht Guardini unter anderem auf eine Episode in Dostojewskijs Roman Die Brüder Karamasoff ein[1]: Es ist der Moment, wo das Volk zum Starez Sossima kommt und die Menschen ihm ihre Sorgen und Nöte vorlegen, auf dass er für sie bete und sie segne. Schließlich tritt eine ärmliche blasse Frau an ihn heran, um zu beichten. Flüsternd berichtet sie, dass sie ihren kranken Mann, der sie früher sehr gequält hat, umgebracht hat. Der Starez sieht, dass die Frau in ihrem verzweifelten Schuldbewusstsein ganz in sich verschlossen ist und dass jede Reflexion, jeder Trost, jeder Rat wie an einer Mauer abgleiten würde. Die Frau ist überzeugt, verworfen zu sein. Der Priester zeigt ihr aber einen Ausweg: Ihr Dasein hat einen Sinn, weil Gott sie annimmt im Moment der Reue. „Fürchte nichts, und fürchte dich niemals“, sagt der Starez. „Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt, wird Gott dir alles verzeihen. (…) Kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, dass sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte“[2]. In der Beichte wird diese Frau verwandelt und erhält wieder Hoffnung. Gerade die einfachsten Menschen verstehen, um was es hier geht. Sie werden erfasst von dem Großen, das in der Weisheit und Liebeskraft des Starez aufleuchtet. Sie erhalten einen Sinn dafür, was Heiligkeit bedeutet, nämlich groß gelebte gläubige Existenz. Sie öffnet den Blick dafür, dass Gott den Menschen nahe ist und ihr Leben in seinen Händen hält. Guardini sagt hierzu: „Im schlichten Entgegennehmen des Daseins aus Gottes Hand vollzieht sich der Umbruch aus dem eigenen Willen in den Willen Gottes hinüber; so wird, ohne dass das Geschöpf aufhörte, nur Geschöpf, und Gott aufhörte, wirklich Gott zu sein, lebendige Einheit“[3]. Das ist der tiefgründige Blick Guardinis. Er hat wohl seinen Ursprung in seinem ersten metaphysischen Werk Der Gegensatz[4].

Für Guardini ist diese „lebendige Einheit“ mit Gott in den konkreten Austausch der Personen mit der Welt und den Mitmenschen eingebettet. Der Einzelne erfährt sich verwoben mit einem Volk, einem „ursprünglichen Zusam­menhang von Menschen, die nach Art, Land und geschichtlicher Entwicklung eins sind“[5] Guardini versteht den Begriff „Volk“ in Abgrenzung zu einem aufklärerischen Rationalismus, der nur das als Wirklichkeit akzeptiert, was rational erfasst werden kann[6] und den Menschen zu isolieren versucht, indem er ihn den natürlichen Zusammenhängen des Lebens entreißt. Das Volk hingegen ist „der Inbegriff alles menschlich Echten, Tiefen und Tragenden“[7]. Wir können im Volk wie in einem Spiegel das Kraftfeld des göttlichen Wirkens erkennen. Das Volk – fährt Guardini fort – „fühlt, wie in allem von Gott her etwas vor sich geht. Es ahnt das Geheimnis dieses Geschehens, seine Nähe, seine Unruhe.“[8]. Deshalb sage ich gerne – ja, davon ich bin überzeugt – dass „Volk“ nicht eine logische Kategorie ist, sondern eine mystische. Aus diesem Grund sagt Guardini das.

Vielleicht können wir Guardinis Überlegung einmal auf unsere Zeit an­wenden, indem wir im aktuellen Geschehen die Hand Gottes aufzuspüren ver­suchen. Dann werden wir vielleicht erkennen, dass Gott in seiner Weisheit uns im reichen Europa gerade heute den Hungrigen geschickt hat, damit wir ihm Essen geben, den Durstigen, damit wir ihm zu trinken geben, den Fremden, damit wir ihn aufnehmen, und den Nackten, damit wir ihm Kleidung geben. Die Geschichte wird es dann zeigen: Wenn wir ein Volk sind, werden wir ihn sicher aufnehmen. Wenn wir nur noch eine Gruppe von mehr oder weniger organisierten Individuen sind, werden wir versucht sein, zunächst unsere Haut zu retten, aber wir werden keinen Bestand haben.

Allen Anwesenden sage ich nochmals meinen herzlichen Dank für ihr Kommen. Die Beschäftigung mit dem Werk Guardinis mache Ihnen immer neu verständlich, was die christlichen Fundamente für unsere Kultur und Gesell­schaft bedeuten. Von Herzen segne ich Sie und bitte Sie, für mich zu beten.


[1] Der Mensch und der Glaube. Versuch über die religiöse Existenz in Dostojewskijs großen Romanen. Leipzig 1932,  S. 35ff.

[2] Ebd. S. 36.

[3] Ebd. S. 47.

[4] Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten. Mainz 1925. 257 S.

[5] Das Erwachen der Kirche in der Seele. In: Vom Sinn der Kirche. Fünf Vorträge (1922). Mainz 41955, S. 27.

[6] Vgl. Der Mensch und der Glaube. A.a.O. S. 372.

[7] Ebd. S. 21.

[8] Ebd. S. 24.

 



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