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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH GEORGIEN UND ASERBAIDSCHAN

(30.  SEPTEMBER - 2. OKTOBER 2016)

BEGEGNUNG MIT PRIESTERN, ORDENSLEUTEN, SEMINARISTEN UND PASTORALARBEITERN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Kirche Mariä Himmelfahrt - Tiflis
Samstag, 1. Oktober 2016

[Multimedia]


 

Guten Abend!

Danke, lieber Bruder, danke! [an den letzten Redner gerichtet]

Jetzt spreche ich zu allen, indem ich alle Fragen zusammenwerfe.

Als du gesprochen hast [er wendet sich an den Priester, der das Zeugnis gegeben hat], fiel mir zum Schluss etwas ein – und er [Exzellenz Minassian] ist Zeuge –, was am Ende der Messe in Gjumri [Armenien] geschehen ist. Nach dem Abschluss der Messe habe ich Seine Exzellenz und auch den Bischof der armenisch-apostolischen Kirche aus jener Stadt eingeladen, ins mit „Papamobil“ einzusteigen. Da waren wir drei Bischöfe: der Bischof von Rom, der katholische Bischof von Gjumri und der armenisch-apostolische Bischof – eine schöne bunte Mischung! Wir haben die Runde abgefahren und dann sind wir ausgestiegen. Und als ich zum Auto ging, machte mir eine alte Frau dort ein Zeichen, ich solle näher kommen. Wie alt war sie? Achtzig? Dann war es also keine alte Frau [Er lacht]. Sie schien älter, hoch in den Achtzigern… Ich spürte im Herzen den Impuls, hinzugehen und sie zu begrüßen; sie stand hinter den Schranken. Es war eine demütige, eine ganz einfache Frau. Sie begrüßte mich liebevoll – sie hatte einen Goldzahn, wie das früher so war – und sie sagte mir: „Ich bin Armenierin, aber ich lebe in Georgien. Und ich bin von Georgien aus gekommen!“ Sie war acht Stunden – oder sechs – im Bus gereist, um dem Papst zu begegnen. Dann, am folgenden Tag, als wir – ich weiß nicht mehr wohin – zur nächsten, über zwei Stunden entfernten Etappe kamen, habe ich sie dort wieder getroffen! Und ich habe ihr gesagt: „Aber gute Frau, Sie sind von Georgien gekommen… eine Reise von so vielen Stunden, und dann am nächsten Tag weitere zwei Stunden, um mich zu treffen…“ – „Nun ja! Das ist der Glaube!“, antwortete sie. Du hast davon gesprochen, fest im Glauben zu sein. Das ist es, was diese Frau bezeugt hat. Sie glaubte, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, Petrus auf der Erde zurückgelassen hat, und sie wollte Petrus sehen.

„Fest im Glauben“ bezeichnet die Fähigkeit, den Glauben von den anderen zu empfangen, ihn zu bewahren und ihn weiterzugeben. Als du davon sprachst, fest im Glauben zu sein, hast du gesagt: „Die Erinnerung an die Vergangenheit, an die nationale Geschichte lebendig halten und den Mut haben, eine lichtvolle Zukunft zu erträumen und aufzubauen.“ Fest im Glauben zu sein bedeutet, nicht zu vergessen, was wir gelernt haben, mehr noch: es wachsen zu lassen und es an unsere Kindern weiterzugeben. Darum habe ich in Krakau den jungen Leuten ganz speziell aufgetragen, mit ihren Großeltern zu sprechen. Die Großeltern sind es, die uns den Glauben weitergegeben haben. Und ihr, die ihr mit den jungen Menschen arbeitet, müsst ihnen beibringen, auf die Großeltern zu hören, mit ihnen zu sprechen, um das frische Wasser des Glaubens zu empfangen, ihn in der Gegenwart zu verinnerlichen und zu vertiefen, ihn wachsen zu lassen – ihn nicht etwa in einer Schublade zu verstecken, nein! – ihn zu vertiefen, wachsen zu lassen und ihn an unsere Kinder weiterzugeben.

Im Zweiten Brief an Timotheus ermahnt der Apostel Paulus seinen Lieblingsjünger, den Glauben treu zu bewahren, den er von seiner Mutter und von seiner Großmutter empfangen hat (vgl. 2 Tim 1,5.14). Das ist der Weg, den wir verfolgen müssen, und das lässt uns sehr reifen: das Erbe empfangen, es aufkeimen lassen und es weitergeben. Eine Pflanze ohne Wurzeln wächst nicht. Ein Glaube ohne die Wurzel der Mutter und der Großmutter wächst nicht. Auch ein Glaube, der mir geschenkt ist, den ich aber nicht an die anderen, die Kleineren, an meine „Kinder“ weitergebe, wächst nicht.

Zusammengefasst heißt das also: Um fest im Glauben zu sein, muss man Erinnerung an die Vergangenheit, Mut in der Gegenwart und Hoffnung auf die Zukunft haben. Soweit zum Thema „fest im Glauben sein“. Und nicht diese georgische Frau vergessen, die fähig war, sechs bis sieben Stunden mit dem Bus nach Armenien in die Stadt Gjumri zu fahren, wo er [Exzellenz Minassian] der Bischof ist, und am folgenden Tag weiterzureisen, um den Papst in Jerewan noch einmal zu treffen. Vergesst dieses Bild nicht! Es ist eine Frau, die hier wohnt: eine armenische Frau, aber aus Georgien! Und die georgischen Frauen sind berühmt; sie sind berühmt dafür, starke Frauen voller Glauben zu sein, welche die Kirche voranbringen!

Und du, Kote [der Seminarist], hast einmal zu deiner Mutter gesagt: „Ich möchte das tun, was dieser Mann tut“ [der Priester, der die Messe zelebriert]. Und am Ende deines Zeugnisses hast du gesagt: „Ich bin stolz, katholisch zu sein und ein georgischer katholischer Priester zu werden.“ Das ist ein zusammenhängender Weg… Du hast nicht erzählt, was deine Mutter damals sagte. Was antwortete deine Mutter, als du sagtest: „Ich möchte das tun, was dieser Mann tut“? [Er antwortet: „Ich war klein, und meine Mutter sagte: Gut, tu das, was er tut!... Aber ich war noch ganz klein…]. – Wieder einmal ist es die Mutter, die starke georgische Frau. Jene Frau „verlor“ einen Sohn, aber sie lobte Gott. Sie hat ihren Sohn auf seinem Weg begleitet. Und die  Mutter von Kote verpasste auch die Gelegenheit, Schwiegermutter zu werden! [Er lacht] Das ist der Anfang einer Berufung; und da gibt es immer die Mutter, die Großmutter… Aber du hast das Schlüsselwort erwähnt: Erinnerung. Die Erinnerung an die erste Berufung bewahren! Jenen Moment hüten wie du jene Erinnerung hütest: „Mamma, ich möchte das tun, was dieser Mann tut.“ Denn das ist keine Flause, die dir da in den Sinn kam: Es war der Heilige Geist, der dich angerührt hat! Und das im Gedächtnis zu bewahren bedeutet, die Gnade des Heiligen Geistes zu bewahren. Das sage ich zu allen Priestern und Ordensschwestern!

Wir alle haben in unserem Leben dunkle Momente – oder werden sie haben. Auch wir Gottgeweihten haben dunkle Momente. Wenn es scheint, als gehe es nicht voran, wenn es Schwierigkeiten des Zusammenlebens in der Gemeinschaft, in der Diözese gibt… Was man in jenen Momenten tun muss, ist innehalten, sich erinnern. Mich an den Moment erinnern, in dem ich vom Heiligen Geist angerührt worden bin. Wie er es erzählt hat: an den Moment denken, in dem er sagte: „Mamma, ich möchte das tun, was dieser Mann tut.“ Der Moment, in dem uns der Heilige Geist anrührt. Die Standhaftigkeit in der Berufung ist in der Erinnerung an jene Liebkosung verwurzelt, die der Herr uns geschenkt und mit der er uns gesagt hat: „Komm, gehe mit mir!“ Und das ist es, was ich euch allen, die ihr euch Gott geweiht habt, rate: Wendet euch nicht zurück, wenn es Schwierigkeiten gibt; und wenn ihr zurückschauen wollt, dann möge es die Erinnerung an jenen Moment sein. Einzig das. Und so bleibt der Glaube fest, bleibt die Berufung fest… Mit unseren Schwachheiten, mit unseren Sünden; alle sind wir Sünder, alle haben wir es nötig zu beichten, doch die Barmherzigkeit und die Liebe Jesu sind größer als unsere Sünden.

Und jetzt möchte ich über zwei Dinge sprechen, die ihr gesagt habt – Aber sag‘ mir [zuerst]: Ist die Kälte im Winter in Kasachstan schlimm? Ja?... Aber mach‘ trotzdem weiter!

Nun zu dir, Irina. Wir haben mit dem Priester, den Ordensleuten, den gottgeweihten Personen über den festen Glauben gesprochen; wie aber ist der Glaube in der Ehe? Die Ehe ist das Schönste, was Gott erschaffen hat. Die Bibel sagt uns, dass Gott den Mann und die Frau erschaffen hat und dass er sie als sein Abbild schuf (vgl. Gen 1,27). Das heißt, der Mann und die Frau, die » ein Fleisch « (Gen 2,24) werden, sind ein Abbild Gottes. Ich habe es verstanden, Irina, als du die Schwierigkeiten erklärtest, die oft in der Ehe auftauchen: die Missverständnisse, die Versuchungen… “Nun, lösen wir die Sache über den Weg der Scheidung, und so suche ich mir einen anderen, er sucht sich eine andere und wir beginnen von vorn.“ Irina, weißt du, wer den Preis der Scheidung zahlt? Es sind zwei, die zahlen. Wer zahlt? [Irina antwortet: Alle beide.] Alle beide? Noch mehr! Gott bezahlt, denn wenn man „ein Fleisch“ teilt, beschmutzt man das Abbild Gottes. Und es bezahlen auch die Kinder, die Söhne und Töchter. Ihr wisst nicht, liebe Brüder und Schwestern, ihr wisst nicht, wie sehr die Kinder, die kleinen Kinder leiden, wenn sie die Streitereien und die Trennung ihrer Eltern erleben! Man muss alles tun, um die Ehe zu retten. Aber ist es denn normal, dass man in der Ehe streitet? Ja, es ist normal. Es kommt vor. Manchmal „fliegen die Teller“. Doch wenn es echte Liebe ist, dann schließt man sofort wieder Frieden. Ich rate den Eheleuten: Streitet, soviel ihr wollt, streitet, soviel ihr wollt, aber lasst den Tag nicht zu Ende gehen, ohne Frieden zu schließen. Wisst ihr, warum? Weil der „kalte Krieg“ am Tag danach äußerst gefährlich ist. Wie viele Ehen retten sich, wenn sie am Ende des Tagen den Mut haben nicht etwa zu einer Rede, sondern zu einer Liebkosung – und schon ist der Friede wieder hergestellt! Doch es stimmt, es gibt kompliziertere Situationen, wenn der Teufel sich einmischt und dem Mann eine Frau vorführt, die ihm schöner vorkommt, als seine eigene, oder wenn er einer Frau einen Mann zeigt, der ihr tüchtiger zu sein scheint als ihr eigener. Bittet sofort um Hilfe! Wenn diese Versuchung aufkommt, bittet sofort um Hilfe!

Das ist es, wovon du [Irina] sprachst: den Ehepaaren zu helfen. Und wie hilft man den Ehepaaren? Man hilft ihnen durch Aufnahme, Nähe, Begleitung, Klärung und Eingliederung in den Leib der Kirche. Aufnehmen, begleiten, klären und eingliedern. In der katholischen Gemeinschaft muss man helfen, die Ehen zu retten. Es gibt da drei Worte: goldene Worte im Eheleben. Ich würde ein Ehepaar fragen: „Habt ihr euch gern?“ – „Ja“, werden sie sagen. „Und wenn es etwas gibt, das einer für den anderen tut, versteht ihr, danke zu sagen? Und wenn einer / eine der beiden eine Teufelei begeht, versteht ihr dann, um Entschuldigung zu bitten? Und wenn ihr einen Plan verwirklichen wollt, [zum Beispiel] einen Tag auf dem Land zu verbringen oder irgendetwas anderes, versteht ihr zu fragen, was der / die andere davon hält? Drei Worte: „Was meinst du, darf ich?“; „Danke!“; „Entschuldige!“ Wenn bei den Ehepaaren diese Worte benutzt werden – „Entschuldige, ich habe einen Fehler gemacht“; „Darf ich das tun?“ oder „Danke für diese gute Mahlzeit, die du bereitet hast“, also: „Darf ich?“; „Danke!“; „Entschuldigung!“ –, dann wird die Ehe gut weitergehen. Das ist eine Hilfe.

Du, Irina, hast einen heute großen Feind der Ehe erwähnt: Die Gender-Theorie. Es gibt heute einen weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören. Heute gibt es ideologische Kolonialismen, die zerstörerisch sind: Man zerstört nicht mit Waffen, sondern mit Ideen. Darum muss man sich gegen die ideologischen Kolonialismen verteidigen.

Wenn es Probleme gibt, so schnell wie möglich Frieden schließen, bevor der Tag zu Ende geht, und die drei Worte nicht vergessen: „Darf ich?“; „Danke!“; „Entschuldige!“

Und du, Kakha, hast von einer offenen Kirche gesprochen, die sich nicht in sich selbst verschließt, die eine Kirche für alle sein soll, eine Kirche als Mutter – die Mutter ist so. Es gibt zwei Frauen, die Jesus uns allen geben wollte: seine Mutter und seine Braut. Und diese beiden ähneln einander. Maria ist die Mutter Jesu, und er hat sie uns als unsere Mutter hinterlassen. Die Kirche ist die Braut Jesu, und auch sie ist unsere Mutter. Mit der Mutter Kirche und der Mutter Maria kann man getrost vorangehen. Und dort begegnen wir noch einmal der Frau. Anscheinend hat der Herr eine Vorliebe dafür, dem Glauben unter den Frauen den Weg zu bereiten: Maria, die heilige Mutter Gottes, die Kirche, die heilige Braut Gottes – auch wenn sie in uns, ihren Kindern, Sünderin ist – und die Großmutter und die Mutter haben uns den Glauben gegeben.

Und Maria, die Kirche, die Großmutter, die Mutter – sie werden es sein, die den Glauben schützen. Eure Mönche aus alten Zeiten sagten folgendes – hört gut zu! –: „Wenn geistliche Turbulenzen aufkommen, muss man sich unter den Mantel der heiligen Gottesmutter flüchten.“ Maria ist das Bild der Kirche und das Bild der Frau, ja, denn die Kirche ist Frau und Maria ist Frau.

Nun noch ein Letztes – wer hat davon gesprochen? Ausgerechnet noch einmal Kote –: die Frage der Ökumene. Niemals streiten! Lassen wir die Theologen die abstrakten Dinge der Theologie untersuchen. Aber wie muss ich mich einem Freund, einem Nachbarn, einem orthodoxen Menschen gegenüber verhalten? Offen sein, Freund sein.  – „Aber muss ich mich anstrengen, um ihn zur Konversion zu bewegen?“ Es gibt eine große Sünde gegen die Ökumene: den Proselytismus. Niemals darf man den Orthodoxen gegenüber Proselytismus betreiben! Sie sind unsere Brüder und Schwestern, Jünger Jesu Christi. Aufgrund sehr komplizierter historischer Gegebenheiten sind wir in diese Situation gekommen. Sowohl sie als auch wir glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist; wir glauben an die heilige Mutter Gottes. „Und was muss ich tun?“ Nicht verurteilen, nein, das darf ich nicht. Freundschaft, gemeinsam einen Weg gehen, füreinander beten. Gemeinsam beten und Werke der Nächstenliebe vollbringen, wenn man kann. Das ist Ökumene. Doch niemals einen Bruder oder eine Schwester verurteilen, niemals ihr den Gruß verweigern, weil sie orthodox ist.

Ich möchte noch einmal mit dem armen Kote zum Schluss kommen. „Heiliger Vater“, hast du am Ende gesagt, „ich bin stolz, katholisch zu sein und ein georgischer katholischer Priester zu werden.“ Dich und euch alle, ihr georgischen Katholiken, bitte ich herzlich, dass wir uns vor der Weltlichkeit schützen. Jesus hat zu uns mit so viel Nachdruck gegen die Weltlichkeit gesprochen, und beim Letzten Abendmahl hat er seinen Vater gebeten: „Vater, schütze sei [die Jünger] vor der Weltlichkeit. Schütze sie vor der Welt.“ Erbitten wir diese Gnade alle gemeinsam: dass der Herr uns von der Weltlichkeit befreien möge; er mache uns zu Männern und Frauen der Kirche, fest in dem Glauben, den wir von der Großmutter und der Mutter empfangen haben, fest in dem Glauben, der unter dem Schutz des Mantels der heiligen Gottesmutter sicher ist.

Und so, wie wir sind, ohne uns zu bewegen, beten wir zur heiligen Mutter Gottes mit dem Ave Maria.

[Gebet des Ave Maria]

Und jetzt erteile ich euch den Segen. Und ich bitte euch, für mich zu beten.

[Segen]

Betet für mich!

 



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