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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
BEIM 4. WORKSHOP DER PÄPSTLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN:
 "DAS MENSCHENRECHT AUF WASSER: EINE INTERDISZIPLINÄRE STUDIE ÜBER DIE ZENTRALE ROLLE DER POLITIK IM BEREICH DES WASSERMANAGEMENTS UND DER UMWELTDIENSTE"

Freitag, 24. Februar 2017

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Ich begrüße Sie alle, die Sie hier anwesend sind, und danke Ihnen für Ihre Teilnahme an diesem Treffen, das die Problematik des Menschenrechts auf Wasser ebenso behandelt wie die Notwendigkeit einer Politik, die diese Realität in Angriff nehmen kann. Es ist von Bedeutung, dass Sie sich vereinen, um Ihr Wissen und Ihre Mittel mit dem Ziel zusammenzutragen, eine Antwort auf diese Not und dieses Problem zu geben, die der Mensch von heute erlebt.

Wie wir im Buch Genesis lesen ist das Wasser der Ursprung aller Dinge (vgl. 1,2); es ist ein Geschöpf, »gar nützlich ist es und demütig und rein«, Quelle des Lebens und der Fruchtbarkeit (vgl. Franz von Assisi, Sonnengesang). Daher ist die von Ihnen behandelte Frage keineswegs nebensächlich, sondern vielmehr grundlegend und äußerst dringlich. Grundlegend, weil dort wo Wasser ist, Leben ist, und nur dann kann Gesellschaft entstehen und sich entwickeln. Und dringlich, weil unser gemeinsames Haus Schutz braucht und man verstehen muss, dass nicht jedes Wasser Leben ist: nur das sichere und qualitätvolle Wasser, um beim Bild des heiligen Franziskus zu bleiben: Wasser, das »mit Demut dient«, das »reine«, nicht verschmutzte Wasser.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Zugang zu sicherem Trinkwasser. Das ist ein grundlegendes Menschenrecht und eine der entscheidenden Fragen der heutigen Welt (vgl. Enzyklika Laudato si, 30; Enzyklika Caritas in veritate, 27). Es ist beklagenswert, wenn in der Gesetzgebung eines Landes oder einer Gruppe von Ländern das Wasser nicht als Menschenrecht betrachtet wird. Noch beklagenswerter ist es, wenn man das Festgeschriebene nicht berücksichtigt und dieses Menschenrecht verweigert. Es ist ein Problem, das alle angeht und zur Folge hat, dass unser gemeinsames Haus soviel Not erleidet und wirksame Lösungen fordert, die wirklich in der Lage sind, die Egoismen zu überwinden, die die Umsetzung dieses für alle Menschen lebensnotwendigen Rechts behindern. Es ist notwendig, dem Wasser die zentrale Rolle zuzuschreiben, die ihr im Bereich der öffentlichen Politik zukommt. Unser Recht auf Wasser ist auch eine Pflicht gegen - über dem Wasser. Aus dem Recht, das wir auf das Wasser haben, ergibt sich eine Pflicht, die mit ihm untrennbar verbunden ist. Es ist unabdingbar, dieses grundlegende Menschenrecht zu verkünden und zu verteidigen – wie das bereits geschieht –, aber man muss auch konkret handeln und ein politisches und juristisches Engagement für das Wasser sicherstellen. In dieser Hinsicht ist jeder Staat aufgerufen, auch mit juristischen Mitteln zu konkretisieren, was von den Resolutionen der Vollversammlung der Vereinten Nationen 2010 über das Menschenrecht auf Trinkwasser und Hygiene vorgegeben wird. Auf der anderen Seite muss auch jeder nicht-staatliche Akteur seine Verantwortung für dieses Recht übernehmen.

Das Recht auf Wasser ist ausschlaggebend für das Überleben der Menschen (vgl. Enzyklika Laudato si) und entscheidet über die Zukunft der Menschheit. Vorrangig ist auch eine Erziehung der künftigen Generationen hinsichtlich des Ernstes dieser Wirklichkeit. Die Bildung des Gewissens ist eine schwierige Aufgabe, sie verlangt Überzeugung und Hingabe. Ich frage mich, ob wir uns mitten in diesem »stückweisen dritten Weltkrieg«, den wir erleben, nicht auf den großen Weltkrieg um das Wasser zubewegen. Die von den Vereinten Nationen vorgelegten Zahlen sind bestürzend und dürfen uns nicht gleichgültig lassen: Tausend Kinder sterben jeden Tag an wasserbezogenen Krankheiten, Millionen Menschen konsumieren verschmutztes Wasser. Es handelt sich um gravierende Zahlen, diese Situation muss gestoppt und ein Richtungswechsel eingeleitet werden. Es ist nicht zu spät, aber es ist dringend notwendig, sich des Bedarfs an Wasser und seines grundlegenden Wertes für das Wohl der Menschheit bewusst zu werden.

Die Achtung gegenüber dem Wasser ist Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte (vgl. ebd., 30). Wenn wir dieses Recht als grundlegend respektieren, werden wir die Basis schaffen, um die anderen Rechte zu schützen. Wenn wir aber dieses wesentliche Recht missachten, wie sollen wir dann über die anderen Rechte wachen und für sie kämpfen? Bei dieser Aufgabe, dem Wasser den ihm gebührenden Platz zu geben, ist eine »Kultur der Achtsamkeit « (vgl. ebd., 231) notwendig – das klingt wie etwas Poetisches, und sicher ist die Schöpfung »poiesis«, diese Kultur der Achtsamkeit, die kreativ ist – und darüber hinaus muss man auch eine Kultur der Begegnung fördern, in der sich in einem gemeinsamen Anliegen alle notwendigen Kräfte der Wissenschaftler und Unternehmer, der Regierenden und der Politiker vereinen. All Ihre Stimmen müssen sich für ein einziges Anliegen vereinen. Es werden dann keine einzelnen oder isolierten Stimmen mehr sein. Vielmehr ist der Schrei des Bruders, der durch uns etwas einfordert, der Schrei der Erde, die Achtung und das verantwortliche Teilen eines allen gehörenden Gutes verlangt. In dieser Kultur der Begegnung ist das Handeln jedes Staates als Garant des universalen Zugangs zu sicherem und qualitätvollem Wasser unerlässlich.

Gott, der Schöpfer, lässt uns in dieser Arbeit nicht im Stich, um allen und jedem den Zugang zu sicherem Trinkwasser zu ermöglichen. Aber die Arbeit ist unsere Sache, die Verantwortung ist unsere Sache. Ich wünsche, dass dieses Seminar eine einzigartige Gelegenheit sein möge, auf dass Sie sich in Ihren Überzeugungen gestärkt sehen und Sie von hier weggehen können mit der Gewissheit, dass Ihre Arbeit notwendig und vordringlich ist, damit andere Menschen leben können.

Es ist ein Ideal, für das es sich zu kämpfen und zu arbeiten lohnt. Mit unserem »Wenigen« werden wir dazu beitragen, dass unser gemeinsames Haus bewohnbarer, solidarischer und gepflegter wird, ein Haus, in dem niemand an den Rand gedrängt oder ausgeschlossen wird, sondern wo wir alle uns der Güter erfreuen, die notwendig sind, um in Würde zu leben und zu wachsen. Und vergessen wir die Daten, die Zahlen der Vereinten Nationen nicht. Vergessen wir nicht, dass jeden Tag tausend Kinder – jeden Tag! – an wasserbezogenen Krankheiten sterben. Danke.

 

 


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