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PASTORALBESUCH VON PAPST FRANZISKUS IN GENUA

BEGEGNUNG MIT DEN JUGENDLICHEN DER DIÖZESANMISSION 

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
 

Heiligtum Unserer Lieben Frau von der Wache
Samstag, 27. Mai 2017

[Multimedia]


 

Vor dem Gebet zu Unserer Lieben Frau von der Wache

Papst Franziskus:

»Jeder sage der Gottesmutter, was er auf dem Herzen hat. Sie ist unsere Mama, die Mutter Jesu, unsere Mutter. In der Stille möge ihr jeder sagen, was er im Herzen spürt.«

Chiara Parodi:

»Heiligkeit, wie schön ist es, Sie hier zu haben! In Ihrem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium haben Sie die ganze Kirche zum Hinausgehen aufgefordert. Auf Anregung unseres Kardinals haben wir die Mission »Freude in Fülle« begonnen, um die Worte aufzugreifen, die Jesus im Johannesevangelium sagt: »Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird« (Joh 15,11). Wir bitten Sie um einen Segen für uns, für die Jugendlichen, die wir getroffen haben, und für die, denen wir noch begegnen werden. Und wir bitten Sie auch um einen Rat, wie wir gegenüber denjenigen von unseren Altersgenossen Missionare sein können, die in schwierigen, schmerzvollen Situationen leben und die Opfer von Drogen, Alkoholmissbrauch, Gewalt und Verführung durch den Bösen sind. Danke! Wir haben Sie sehr gern.

Luca Cianelli:

Heiliger Vater, Sie haben gewollt, dass im nächsten Jahr die Bischofssynode stattfinden soll, die den jungen Menschen gewidmet ist. Ihr Titel wird lauten: »Die Jugendlichen, der Glaube und die Unterscheidung der Berufung«. Wir sind der Auffassung, dass wir Gott im alltäglichen Leben begegnen, Tag für Tag, in der Schule, in der Arbeit, mit den Freunden, im Gebetsleben, in der Stille des Gebets. Und daher bitten wir Sie um ein paar Ratschläge für unser geistliches Leben und das Gebet. Danke!

Emanuele Santolini:

Ciao, Papst Franziskus. Unser Leben hat heute einen äußerst schnellen, hektischen Rhythmus und das macht die Begegnung, das Zuhören und vor allem den Aufbau echter Beziehungen, echtes Teilen sehr schwer. So haben viele von uns jungen Leuten vielleicht nicht die Zeit oder Gelegenheit, der Person fürs Leben zu begegnen, dem Menschen, den Gott uns zugedacht hat, um jenes große Projekt der Liebe aufzubauen, das die Ehe ist. Können Sie uns ein paar Ratschläge geben, wie es gelingt, ein Leben in Fülle zu leben, und wie dies gelingen kann durch den Aufbau echter, erfüllter, aufrichtiger Beziehungen? Danke.

Francesca Marrollo:

Heiliger Vater, Tag für Tag vermitteln uns die Medien eine Realität voller Gewalt und Krieg, Berichte über großes Leid aus Nah und Fern. Viele unserer Altersgenossen, Migranten aus fernen, durch Egoismus blutbefleckten Ländern, leben heute in unseren Städten unter sehr schwierigen Bedingungen. Wir sind überzeugt, dass durch diese unsere Brüder und Schwestern Gott zu uns spricht. Was sagen Sie uns? Was können wir – auch gemeinsam mit den Erwachsenen – tun, um auf diese Herausforderungen zu antworten, vor die uns die vom Heiligen Geist beseelte Geschichte heute stellt? Danke!

Papst Franziskus:

Guten Tag! Ich bin ein wenig erschrocken, weil Emanuele gesagt hat, dass »wir alle voller Hektik sind« [Der Papst lacht und ebenso die Anwesenden.] Ich weiß nicht, wie ich antworten soll. Der Kardinal hat von eurer Liebe gesprochen und hat gesagt, dass eure Liebe eine turbulente und fröhliche Liebe ist. Und das ist schön! Aus Hektischen, Turbulenten und Fröhlichen machen wir eine schöne Mischung, einen Obstsalat, und das Ergebnis wird sich sehen lassen!

Es ist für mich eine große Freude, euch zu begegnen. Es ist eine Begegnung, nach der ich mich immer sehne: die Jugendlichen treffen. Was denken sie, was suchen sie, wonach sehnen sie sich, welche Herausforderungen müssen sie bewältigen und so viele Dinge. Und ihr wollt keine vorgefertigten Antworten, ihr wollt konkrete, persönliche Antworten, nicht wie diese Kleider, die man Prêt-à-porter kauft. Nein. Ihr wollt keine Prêt-à-porter-Antworten. Ihr wollt den Dialog, Dinge, die das Herz berühren.

Chiara, danke dafür, dass du die Erfahrung mit uns teilst, die ihr dieses Jahr gemacht habt. Die Einladung Jesu hören: das ist immer eine vollkommene Freude. Und der Herr sagt auch: »Und diese vollkommene Freude« – das steht im selben Abschnitt des Evangeliums – »wird euch niemand nehmen« (vgl. Joh 16,22). Niemand wird sie euch nehmen. Freude. Das ist nicht dasselbe wie Spaß haben. Ja, sie macht dich glücklich, diese Freude, aber sie ist nicht oberflächlich. Die Freude, die bis nach innen dringt und aus dem Herzen kommt. Und diese Freude ist es, die ihr in diesem Jahr erlebt habt. Ich danke dir.

Jetzt möchte ich fragen – das würde ich gerne, aber es ist nicht genug Zeit und es geht nicht, aber…: Wie habt ihr gespürt, dass diese Erfahrung, die ihr gemacht habt, euch verändert hat: Ist das wahr oder sind das nur Worte? Warum – das ist die Frage – bedeutet Missionarischsein, sich vom Herrn verwandeln zu lassen? Wenn wir dies, diese Aktivität, erleben, dann freuen wir uns normalerweise, wenn die Dinge gut laufen, wie Chiara schön betont hat. Und das ist gut. Aber da ist noch eine andere Umwandlung, die man häufig nicht sieht. Sie ist verborgen und entsteht im Leben eines jeden von uns. Die Mission, Missionar zu sein lässt uns das Sehen lernen.

Hört gut zu: sehen lernen. Lernen, mit einem neuen Blick zu sehen, weil die Augen sich mit der Mission erneuern. Lernen, die Stadt, unser Leben, unsere Familie, all das, was uns umgibt, zu sehen. Die Erfahrung der Mission öffnet uns die Augen und das Herz: lernen, auch mit dem Herzen zu sehen. Und so hören wir auf – gestattet mir das Wort –, Touristen des Lebens zu sein, um Männer und Frauen zu werden, junge Menschen, die im Leben mit Einsatz lieben. »Touristen des Lebens«: Ihr habt die Leute gesehen, die alles fotografieren, wenn sie aus touristischen Gründen kommen, und die nichts sehen. Sie verstehen es nicht, die Dinge anzuschauen… und dann sehen sie sich zu Hause die Fotos an! Aber das eine ist, die Realität anzuschauen, und etwas anderes ist es, die Fotos anzuschauen. Und wenn wir das Leben eines Touristen führen, dann werden wir nur die Fotos anschauen oder das, was wir über die Wirklichkeit denken. Das ist eine Versuchung für junge Menschen: Touristen sein.

Ich sage nichts gegen einen Spaziergang dann und wann, nein, das ist schön! Ich meine, das Leben mit den Augen eines Touristen zu betrachten, das heißt oberflächlich, und Fotos machen, um sie später anzusehen. Das bedeutet, dass ichdie Realität nicht berühre, dass ich die Dinge, die passieren, nicht anschaue. Ich sehe die Dinge nicht so, wie sie sind. Das erste, was ich in Bezug auf eure Umwandlung antworten würde, ist, diese Haltung von Touristen aufzugeben, um junge Menschen zu werden, die eine ernste Verpflichtung gegen über dem Leben haben, allen Ernstes. Die Zeit der Mission bereitet uns darauf vor und hilft uns, sensibler zu sein, aufmerksamer, und einen aufmerksamen Blick zu haben. So viele Menschen, die mit uns leben, im täglichen Leben, dort, wo wir leben, ignorieren wir letztendlich, weil wir nicht zu sehen vermögen. Wie viele sind es, von denen wir sagen können: »Ja, ja, das ist der und der«, aber wir wissen ihr Herz nicht anzuschauen. Wir wissen nicht, was sie denken, was sie fühlen, weil mein Herz sich ihnen niemals genähert hat. Vielleicht habe ich oft mit ihnen gesprochen, aber oberflächlich. Die Mission kann uns lehren, mit neuen Augen zu sehen, sie bringt uns dem Herzen vieler Menschen näher, und das ist sehr schön, das ist etwas äußerst Schönes!

Und es zerstört die Heuchelei. Großen Leuten, heuchlerischen Erwachsenen zu begegnen ist schlimm, aber es sind erwachsene Leute, die mit dem eigenen Leben machen können, was sie wollen. Sie wissen, was sie tun… Aber einem jungen Menschen zu begegnen, einem Jugendlichen, der das Leben mit einer Haltung der Heuchelei beginnt, das bedeutet Selbstmord. Habt ihr verstanden? Das ist Selbstmord. Es bedeutet, den Weg des Touristen des Lebens nicht zu verlassen. Es bedeutet vorüberzugehen, so zu tun als ob und nicht auf das Herz der Menschen zu blicken, um mit Authentizität, mit Transparenz zu sprechen. Und dann ist da noch etwas anderes: Du hast gesagt, dass die Mission schön ist und dass ihr gelernt habt. Aber wenn ich in Mission gehe, dann ist es nicht nur meine eigene Entscheidung, die mich aufbrechen lässt. Da ist ein anderer, der mich sendet, der mich aussendet in die Mission. Und man kann nicht Missionar sein, ohne von Jesus gesandt worden zu sein. Jesus selbst ist es, der dich sendet. Jesus ist es, der dich zur Mission drängt und der an deiner Seite ist: Jesus selbst ist es, der in deinem Herzen am Werk ist, der deinen Blick verwandelt und dich mit neuen Augen auf das Leben blicken lässt – nicht mit den Augen eines  Touristen. Habt ihr verstanden?

So lernt man, dass in der Verschlossenheit zu leben, auch verschlossen in den »Tourismus«, zu nichts nütze ist, nicht hilft. Wir müssen missionarisch leben, was voraussetzt, dass ich auf den höre, der mich sendet – das ist immer Jesus –, und dass ich zu den Leuten, zu den anderen gehe, um von meinem Leben zu sprechen, von Jesus und von vielen Dingen, aber mit einer Verwandlung meiner Persönlichkeit, die mich auf andere Weise blicken lässt. Und die mich auch die Dinge auf andere Weise empfinden lässt. Um das gut zu verstehen, denken wir zum Beispiel daran, als Jesus auf der Straße ging, immer unter den Menschen.

Und einmal (vgl. Mk 5,25-34) blieb Jesus stehen und sagte: »Jemand hat mich berührt!« Und die  Jünger darauf: »Aber Meister, siehst du nicht, dass sich alle um dich drängen? Alle berühren dich!« – »Jemand hat mich berührt.« Jesus hat sich nicht an die Tatsache gewöhnt, dass man ihn berührte. Nein, er war kein »Tourist«: Er verstand die Absichten der Menschen und hatte verstanden, dass da jemand war, der ihn berührt hatte, um geheilt zu werden. Und diese Frau sagte sich: »Wenn ich ihn berühre, werde ich geheilt.« Und so auch wir. Wir müssen die Menschen kennen, so wie sie sind, weil wir ein offenes Herz haben und nicht  Touristen unter den Menschen sind: Wir sind Gesandte und Missionare.

Die Mission hilft uns auch, einander in die Augen zu blicken und zu erkennen, dass wir Brüder und Schwestern sind, dass es nicht eine Stadt – und auch keine Kirche – der Guten gibt und eine Stadt und eine Kirche der Bösen. Die Mission hilft uns, keine »Katharer« zu sein. Die Mission läutert uns von der Vorstellung, dass es eine Kirche der Reinen gibt und eine der Unreinen: Wir sind alle Sünder und alle brauchen wir die Verkündigung Christi. Und wenn ich bei der Mission Christus verkünde und nicht daran denke, nicht spüre, dass ich es zu mir selber sage, dann distanziere ich mich von meinem Gegenüber: Ich halte mich für rein – kann mich dafür halten – und den anderen für unrein, der dies nötig hat. Die Mission geht uns alle an als Volk Gottes, sie verwandelt uns: Sie verwandelt unseren Blick, sie verändert die Art und Weise, wie wir im Leben vorangehen, aus einem »Touristen« in einen »Engagierten«, und sie entfernt diese Vorstellung aus unserem Kopf, dass es Gruppen gibt, dass es in der Kirche die Reinen und die Unreinen gibt: Wir sind alle Kinder Gottes. Wir sind alle Sünder und haben alle den Heiligen Geist in uns, der die Macht hat, uns heilig werden zu lassen. Du hast mich gefragt – und auch Emanuele hat mich dasselbe gefragt –, wie wir gegenüber unseren Altersgenossen Missionare sein können, vor allem gegenüber denen, die in schwierigen Situationen leben, die Opfer von Drogen, Alkoholmissbrauch, Gewalt, der Verführung des Bösen sind? Ich denke, das erste ist, sie zu lieben.

Ohne Liebe können wir nichts tun. Eine Geste der Liebe, ein liebevoller Blick… Du kannst Programme aufstellen, um ihnen zu helfen, aber ohne Liebe… Und Liebe heißt, das Leben zu geben. Jesus sagt: »Niemand hat eine größere Liebe, als der, der sein Leben hingibt« (Joh 15,13). Er hat uns ein Beispiel gegeben, er hat das Leben hingegeben. Lieben. Wenn du meinst, das nicht zu schaffen, oder du – ich sage »du«, aber ich sage es zu allen, denn sie hat die Frage gestellt, aber ich sage es zu allen – zumindest wenn dein Herz nicht bereit ist zu lieben – der Herr lehrt uns zu lieben –, dann kannst du keine gute Mission durchführen. Die Mission wird vorübergehen wie ein Abenteuer, wie Tourismus. Sich vorbereiten und mit einem Herzen aufbrechen, das bereit ist zu lieben. Ihnen helfen zu lieben. Etwas, das ich im Beichtstuhl frage, nicht jeden, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, ist: »Aber helfen Sie den Menschen? Geben Sie Almosen?

« – »Ja«, sagen viele. Ja, denn die Menschen sind gut, sie wollen helfen. »Und sagen Sie mir: Wenn Sie ein Almosen geben, berühren Sie dann die Hand dessen, dem Sie das Almosen geben, oder ziehen Sie sie sofort zurück?« Und dann wissen manche nicht, was sie sagen sollen. Und weiter: »Wenn Sie Almosen geben, blicken Sie dann dem Bettler in die Augen, der um ein Almosen  bittet? Oder gehen Sie eilig weiter?« Lieben. Lieben bedeutet, die Fähigkeit zu haben, eine schmutzige Hand zu drücken, und die Fähigkeit, in die Augen jener zu blicken, die in einer entwürdigenden Situation sind und zu sagen: »Für mich bist du Jesus.« Und das ist der Beginn jeder Mission. Mit dieser Liebe muss ich hingehen, um zu den Menschen zu sprechen. Wenn ich zu den Menschen spreche und dabei denke: »Ah, diese dummen Leute, die keine Ahnung von Religion haben. Ich werde ihnen zeigen, werde sie lehren, was man tun muss…« Bitte nicht! Besser du bleibst zu Hause und betest einen Rosenkranz. Das wird besser für dich sein, als in Mission zu gehen. Ich weiß nicht, ob ihr das verstanden habt.

Und warum muss ich diese Menschen lieben? Diese Opfer der Droge, des Alkohols, der Gewalt, der Verführung durch den Bösen? Hinter all diesen Situationen, die du erwähnt hast, gibt es eine Gewissheit, die wir nicht vergessen dürfen, eine Gewissheit, die uns in der Hoffnung »dickköpfig« machen muss: Um missionarisch aktiv zu sein, muss man stur sein in der Hoffnung. Nicht nur Liebe, sondern auch Hoffnung, und dickköpfig. In  jedem dieser Menschen, die Opfer schwieriger Situationen sind, ist ein Bild Gottes, das aus verschiedenen Gründen misshandelt, mit Füßen getreten wurde. Da gibt es eine Geschichte des Schmerzes, der Wunden, die wir nicht ignorieren dürfen. Und das ist die Verrücktheit des Glaubens.

Wenn Jesus zu uns sagt: »Du bist ins Gefängnis gekommen und hast mich besucht« – »Aber du bist verrückt!«: Das ist die Verrücktheit des Glaubens. Die Torheit des Kreuzes, von der der heilige Paulus spricht; die Torheit der Verkündigung des Evangeliums. Dort ist Jesus, und das bedeutet, mit den Augen Jesu sehen zu lernen: so wie Jesus diese Menschen anblickt. Wie er sie anblickt. Wenn Jesus uns sagt – die Fragen, die man uns stellen wird, wenn wir in das andere Leben hinübergehen (vgl. Mt 25,31-46) –, er sagt uns, dass er selbst diese Menschen war, dann ist das ein Geheimnis der Liebe im Herzen Jesu.

Einmal hatte ich die Gelegenheit, denn in Argentinien war ich bereits gewohnt, die Gefängnisse zu besuchen, und bei einer Gelegenheit habe ich jemanden begrüßt, der über 50 Morde auf dem Gewissen hatte. Und ich habe daran gedacht: »Aber du bist Jesus«, denn Jesus hat gesagt: Wenn du mich im Gefängnis besuchen kommst, dann bin ich dort, in jenem Mann. Um Missionare zu sein ist diese Verrücktheit des Kreuzes notwendig, diese Torheit der Verkündigung des Evangeliums: dass Jesus Wunder vollbringt, aber dass Jesus kein Zauberer ist, der heilt. Jesus ist in einem jeden von uns, in jedem von uns. Und vielleicht befindet sich jemand von euch in diesem Augenblick im Zustand der Todsünde, er ist in einem Zustand des Fernseins, weit weg von Jesus, vielleicht… Aber Jesus ist dort und wartet. Er ist dort bei dir. Aber er lässt uns frei. Wenn ich mit Liebe hingehe, nicht als Tourist, dann verwandelt mich das. Ich gehe als Dickschädel in der Hoffnung, ich gehe und weiß dabei, dass ich Jesus berühre, sehe, höre, der im Herzen eines jeden wirkt, dem ich bei der Mission begegne. Verstanden? Und in Bezug auf jene, die du erwähnt hast, die am meisten Ausgegrenzten der Gesellschaft – das ist wichtig –, habe ich gesagt, dass einem nicht schlecht werden darf, weil man die schmutzige Hand eines Bettlers berührt, dieser Menschen, um ein Beispiel zu nennen…

Wir alle sind schmutzig. Und wenn er mich gerettet, davor bewahrt hat, sage ich: Danke, Herr, weil auch ich dieser Mensch sein kann… Dass ich kein Drogenabhängiger geworden bin, warum Herr? Der Grund ist dein Wille. Aber wenn der Herr meine Hand losgelassen hätte, dann auch ich, wir alle [wo wären wir gelandet?] Und das ist die Liebe, die Gnade, die wir verkünden müssen: Jesus ist in diesen Menschen. Bitte, wir wollen die Menschen nicht mit Adjektiven versehen! Ich missioniere mit Liebe, mit der  Starrköpfigkeit der Hoffnung, um den Menschen mit einem Namen, nicht mit Adjektiven zu versehen, eine Botschaft zu bringen. Und wie oft verachtet und klassifiziert unsere Gesellschaft: »Nein, das ist ein Betrunkener! Nein, dem gebe ich kein Almosen, weil er hingeht und sich ein Glas Wein kauft, der hat kein anderes Glück im Leben, der arme Mann.« »Ach nein, das ist ein Drogenabhängiger.« »Dieser ist das und dieser jenes… « Niemals die Menschen »adjektivieren«!

Die Menschen mit einem Adjektiv versehen, das kann nur Gott, nur das Urteil Gottes. Und das wird er tun: beim Jüngsten Gericht, endgültig, über einen jeden von uns: »Komm, Gesegneter meines Vaters. Geh weg, Verdammter…« Die Adjektive: Das tut er, aber wir dürfen niemals »adjektivieren«: »dieser« ist »jenes«, »jener dieses «. Ich gehe in Mission, um viel Liebe zu bringen. Und dann in dieser Verwandlung – deine Frage hat mich begeistert, ich hatte sie schriftlich vorliegen und ich habe darüber nachgedacht. Wir leben in einer Kultur der Leere, einer Kultur der Einsamkeit. Die Menschen – auch wir – sind innerlich einsam und brauchen den Lärm, um diese Leere, diese Einsamkeit nicht zu spüren. Das ist der Vorschlag der Welt und das hat nichts zu tun mit der Freude, von der wir gesprochen haben.

Die Leere: Wenn es etwas gibt, das unsere Städte zerstört, dann ist es diese Isolation. In Mission zu gehen, bedeutet: helfen, aus der Isolation herauszukommen und Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit zu bilden. »Aber den mag ich nicht…« »Der ist so…« Niemals Adjektive verteilen: Jesus liebt alle. Wenn ich missioniere, muss ich bereit sein, alle zu lieben. Sonst gibt es diese vollkommene Freude nicht, von der du gesagt hast, dass die Mission sie dir schenkt. Dagegen gibt es so viele  unserer Brüder und Schwestern mit einem Blick, der entstellt ist von einer Gesellschaft, die sich nur mit der Ausgrenzung verteidigt, indem sie die Menschen isoliert, sie ignoriert. Aber wenn wir Missionare sein, das Evangelium bringen und diese Freude haben wollen, dann dürfen wir nie jemanden ausschließen, nie jemanden isolieren, nie jemanden ignorieren. Ich weiß nicht, ob ich etwas beantwortet habe.

Und danke, Luca, für deine Sorge. Genua ist eine Hafenstadt, die in der Geschichte sehr viele Schiffe aufzunehmen wusste und große Seefahrer hervorgebracht hat! Um ein Jünger zu sein, braucht man dasselbe Herz wie ein Seefahrer: Horizont und Mut! Wenn du keinen Horizont hast und nicht einmal in der Lage bist, deine eigene Nase zu sehen, dann wirst du niemals ein guter Missionar sein. Wenn du keinen Mut hast, dann wirst du es niemals sein. Das ist die Tugend der Seefahrer: Sie wissen den Horizont zu deuten, voranzugehen, und sie haben den Mut, um voranzugehen. Denken wir an die großen Seefahrer des 15. Jahrhunderts, so viele kommen von hier. Ihr habt die Chance, mit den neuen Technologien alles zu wissen, aber diese Informationstechniken lassen uns sehr oft in eine Falle tappen.

Denn statt uns zu informieren, sättigen sie uns, und wenn du satt bist, dann kommt der Horizont immer näher und du hast eine Mauer vor dir. Du hast die Fähigkeit verloren, einen Horizont zu haben. Pass auf: Schau dir immer an, was man dir verkauft! Auch das, was man dir in den Medien verkauft! Kontemplation: die Fähigkeit, den Horizont zu betrachten, sich ein eigenes Urteil zu bilden, nicht das zu essen, was man dir auf dem Teller serviert. Das ist eine Herausforderung: Das ist eine Herausforderung, von der ich glaube, dass sie uns zum Gebet führen muss und dazu, dem Herrn zu sagen: »Herr, ich bitte dich um einen Gefallen: bitte, höre nicht auf, mich herauszufordern. « Herausforderungen durch Horizonte, die Mut erfordern. Du bist aus Genua? Seefahrer: Horizont und Mut. Und ich sage es zu allen Genuesen: Voran! Jenes Gebet, das ich euch vorgeschlagen habe: »Herr, ich habe eine Bitte, fordere mich heute heraus.« Ja, »Jesus, bitte, komm, störe mich, gib mir den Mut, auf die Herausforderung und auch dir zu antworten.« Mir gefällt dieser Jesus sehr, der stört, der aufrüttelt, denn es ist der lebendige Jesus, der dich durch den Heiligen Geist im Inneren bewegt.

Und wie schön ist es, wenn ein Junge oder ein Mädchen sich von Jesus stören lässt, wenn ein junger Mensch sich nicht leicht den Mund verbieten lässt, wenn er lernt, den Mund nicht zu halten, der sich mit vereinfachenden Antworten nicht zufrieden gibt, der die Wahrheit sucht, die Tiefe sucht, der hinausgeht, vorangeht, voran. Und der den Mut hat, sich Fragen zu stellen in Bezug auf die Wahrheit und vieles andere. Wir müssen lernen, die Gegenwart herauszufordern. Ein gesundes geistliches Leben bringt wache junge Leute hervor, die sich angesichts einiger Dinge, die die heutige »normale« Kultur – so sagt man, kann sein, ich weiß nicht… – uns anbietet, fragen: »Ist das normal oder ist das nicht normal?«

Und so oft – ich sage das voller Trauer – sind die Jugendlichen die ersten Opfer dieser Schall- und Rauchverkäufer. Sie machen sie so viele Dinge glauben, setzen ihnen so viele Dinge in den Kopf… Aber eine der ersten Formen des Mutes, den ihr haben müsst, das ist, euch zu fragen: »Aber ist das normal oder ist das nicht normal?« Der Mut, die Wahrheit zu suchen. Ist es normal, dass dieses Gefühl der Gleichgültigkeit Tag für Tag zunimmt? Es interessiert mich nicht, was den anderen passiert, Gleichgültigkeit gegenüber den Freunden, den Nachbarn, im Stadtviertel, am Arbeitsplatz, in der Schule… Ist es normal – wie Francesca uns auffordert nachzudenken –, dass viele unserer Altersgenossen, die Migranten sind oder aus fernen, schwierigen, von Egoismen blutbefleckten Ländern stammen, in unseren Städten unter wirklich sehr schwierigen Bedingungen leben? Ist das normal? Ist es normal, dass das Mittelmeer ein Friedhof geworden ist? Ist das normal?

Ist es normal, dass so viele Länder – und ich sage das nicht über Italien, weil Italien sehr großherzig ist – dass so viele Länder vor diesen Menschen die Türen schließen, die verwundet werden und vor Hunger, Krieg fliehen, vor diesen ausgebeuteten Menschen, die ein wenig Sicherheit suchen… Ist das normal? Diese Frage: Ist das normal? Wenn das nicht normal ist, dann muss ich mich engagieren, damit das nicht geschieht.  Mein Lieber, das erfordert Mut, dazu braucht man Mut.

Und um auf die Seefahrer zurückzukommen: Christoph Kolumbus, so sagt man, war einer der Euren – man weiß es nicht, aber viele wie er oder er selbst vielleicht, sie stammen von hier – über ihn sagte man: »Dieser Verrückte, dorthin will er kommen, wenn er hierhin fährt.« Aber er hatte über die »Normalität« gewisser Dinge nachgedacht und sich einer großen Herausforderung gestellt: Er hatte Mut. Ist es normal, dass angesichts des Leids der anderen unsere Haltung ist, die Türen zu schließen? Wenn es nicht normal ist, dann engagiere dich. Und wenn du nicht den Mut hast, dich zu engagieren, dann sei still, neige das Haupt und demütige dich vor dem Herrn, bitte ihn um Mut. Die Gegenwart herauszufordern, das bedeutet, den Mut zu haben zu sagen: »Es gibt Dinge, die scheinen normal zu sein, aber sie sind nicht normal.« Und ihr müsst so denken: Es ist nicht von Gott gewollt und es darf auch nicht von uns gewollt sein! Und das mit Entschiedenheit sagen! So ist Jesus: unzeitgemäß, er bringt unsere Systeme, unsere Projekte durcheinander. Jesus ist es, der in unseren Herzen die Unruhe sät, damit wir uns diese Frage stellen. Und das ist schön: das ist sehr schön!

Ich bin sicher, dass ihr Genuesen zu weiten Horizonten und zu großem Mut fähig seid, aber es hängt von euch ab, ob ihr dies tun wollt: es hängt nicht von mir ab. Ich gehe heute Abend weg und lasse den Samen da. Euch überlasse ich die Herausforderung, oder wie man in unserer Heimat sagt: »Ich werfe euch den Handschuh ins Gesicht.« Ihr werdet sehen. Ich schließe mit einem Vorschlag: Jeden Morgen ein einfaches Gebet: »Herr, ich bitte dich, unterlasse es heute nicht, mich herauszufordern. Ja, Jesus, bitte, komm und störe mich ein wenig und gibt mir den Mut, dir antworten zu können.« Danke!

Ihr seid hier und sitzt im Schatten: hier ist es kühl [in der Wallfahrtskirche]. Aber da draußen sind viele – Hört ihr sie? Sie verstehen, Lärm zu machen! – viele, die in der Sonne ausgehalten haben, im Stehen… Ein Applaus für sie! Ich habe sie gesehen, ich habe sie von hier aus gesehen. Sie waren alle still, weil sie zugehört und alles verfolgt haben. Mir scheint, dass sie ein wenig Mut und Horizonte haben: wenigsten sie. Ich hoffe ihr auch! Jetzt werde ich euch den Segen geben, aber vor dem Empfang des Segens wollen wir die Muttergottes grüßen: »Ave Maria…«

Nach dem Segen grüßte der Papst die Gefangenen, die die Begegnung über das Fernsehen verfolgt hatten, und erteilte auch ihnen den Segen:

Ich möchte auch allen Gefangenen von Genua und Ligurien einen Gruß senden und ihnen den Segen erteilen, die diese Begegnung mitverfolgt haben. Ich – und ihr in der Stille – werde ihnen den Segen erteilen. [Segen].



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