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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER AN DER VOLLVERSAMMLUNG DES
PÄPSTLICHEN RATS FÜR DIE KULTUR

Konsistoriensaal
Samstag, 18. November 2017

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Liebe Brüder und Schwestern!

Ich heiße euch willkommen und danke Kardinal Gianfranco Ravasi für seine Begrüßung und Einführung. Eure Vollversammlung hat die anthropologische Frage als Thema gewählt und sich zum Ziel gesetzt, die zukünftigen Entwicklungslinien von Wissenschaft und Technik zu verstehen. Unter den vielen möglichen Fragen, die man hätte diskutieren können, war eure Aufmerksamkeit insbesondere auf drei Themen gerichtet. Erstens die Medizin und die Genetik, die es uns gestatten, in die innerste Struktur des Menschen zu blicken und sogar einzugreifen, um sie zu verändern. Sie lassen uns Krankheiten bezwingen, die bis vor Kurzem als unheilbar betrachtet wurden; aber sie öffnen auch Möglichkeiten, Menschen vorzubestimmen, indem man einige ihrer Eigenschaften sozusagen »programmiert«.

Zweitens bieten die Neurowissenschaften immer mehr Informationen über das Funktionieren des menschlichen Gehirns. Durch sie erscheinen grundlegende Wirklichkeiten der christlichen Anthropologie wie die Seele, das Selbstbewusstsein, die Freiheit jetzt in einem nie dagewesenen Licht und können von einigen sogar ernsthaft in Frage gestellt werden. Schließlich bringen die unglaublichen Fortschritte der autonomen und denkenden Maschinen, die zum Teil bereits Bestandteile unseres täglichen Lebens geworden sind, uns dazu, darüber nachzudenken, was spezifisch menschlich ist und uns von den Maschinen unterscheidet. All diese wissenschaftlichen und technischen Fortschritte verleiten einige dazu zu meinen, dass wir uns in einem einzigartigen Augenblick der Menschheitsgeschichte befinden, gleichsam am Beginn eines neuen Zeitalters und beim Entstehen eines neuen Menschen, der dem, den wir bislang gekannt haben, überlegen sei.

Ernsthafte Fragen

Tatsächlich stehen wir großen und ernsthaften Fragen und Problemen gegenüber. Sie wurden zum Teil vorausgenommen von der Literatur und von Science-Fiction-Filmen, in denen die Ängste und Erwartungen der Menschen Widerhall gefunden haben. Daher will die Kirche, die den Freuden und Hoffnungen, den Sorgen und Ängsten der Menschen unserer Zeit aufmerksam folgt, die menschliche Person und die Fragen, die sie betreffen, in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen.

Die Frage über den Menschen: »Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?« (Ps 8,5) ist in der Bibel von den ersten Seiten an vorhanden und hat den ganzen Weg Israels und der Kirche begleitet. Auf diese Frage hat die Bibel selbst eine anthropologische Antwort gegeben, die sich bereits im Buch Genesis abzeichnet und die gesamte Offenbarung durchzieht, wobei sie sich um die Grundelemente von Beziehung und Freiheit herum entfaltet. Die Beziehung verzweigt sich in einer dreifachen Dimension: zur Materie, der Erde und den Tieren; zur göttlichen Transzendenz; zu den anderen Menschen. Die Freiheit kommt in der – natürlich relativen – Unabhängigkeit und in den moralischen Entscheidungen zum Ausdruck. Dieser Grundansatz hat jahrhundertelang das Denken eines großen Teils der Menschheit getragen und behält auch heute seine Gültigkeit. Gleichzeitig werden wir uns jedoch heute bewusst, dass die großen Prinzipien und die grundlegenden Begriffe der Anthropologie nicht selten in Frage gestellt werden, auch auf der Grundlage eines größeren Bewusstseins um die Komplexität des menschlichen Lebens, und einer weiteren Vertiefung bedürfen. Die Anthropologie ist der Horizont des Selbstverständnisses, in dem wir alle uns bewegen, und sie bestimmt auch unsere Weltanschauung und die existentiellen und ethischen Entscheidungen.

In unseren Tagen ist er oft zu einem fließenden, wandelbaren Horizont geworden, durch soziale und wirtschaftliche Veränderungen, Bevölkerungsbewegungen und entsprechende interkulturelle Auseinandersetzungen, aber auch durch die Verbreitung einer globalen Kultur und vor allem durch die unglaublichen Entdeckungen von Wissenschaft und Technik.

Sorge um die Schöpfung

Wie soll man auf diese Herausforderungen reagieren? Vor allem müssen wir gegenüber den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für ihre Bemühungen und ihren Einsatz zugunsten der Menschheit. Diese Wertschätzung der Wissenschaft, die wir nicht immer zum Ausdruck gebracht haben, findet ihre letzte Grundlage im Plan Gottes: Denn er hat »uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, […] er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden « (Eph 1,4-5), und er hat uns die Sorge um die Schöpfung anvertraut: die Erde zu »bebauen und behüten« (vgl. Gen < 2,15). Gerade weil der Mensch das Abbild und Gleichnis eines Gottes ist, der aus Liebe die Welt erschaffen hat, muss die Sorge um die ganze Schöpfung der Logik der Unentgeltlichkeit und der Liebe, des Dienens folgen – und nicht der der Herrschaft und der Gewalt.

Wissenschaft und Technik haben uns geholfen, die Grenzen der Kenntnis der Natur und insbesondere des Menschen zu vertiefen. Sie allein genügen jedoch nicht, um alle Antworten zu geben. Heute werden wir uns immer mehr bewusst, dass es notwendig ist, aus den Schätzen der Weisheit zu schöpfen, die in den religiösen Überlieferungen bewahrt werden, aus der Volksweisheit, aus der Literatur und aus den Künsten, die das Geheimnis des menschlichen Lebens in der Tiefe berühren, ohne jene zu vergessen, die in der Philosophie und in der Theologie enthalten sind. Im Gegenteil: Diese müssen neu entdeckt werden.

In der Enzyklika Laudato si’ habe ich gesagt: »Zugleich wird die dringende Notwendigkeit des Humanismus aktuell, der von sich aus die verschiedenen Wissensgebiete […] zusammenführt, um eine umfassendere wie integrierendere Perspektive zu erhalten« (Nr. 141) und die tragische Spaltung zwischen den »zwei Kulturen« – der humanistisch-literarischtheologischen und der naturwissenschaftlichen – die zu einer gegenseitigen Verarmung führt, zu überwinden und einen umfassenderen Dialog auch zwischen der Kirche, der Gemeinschaft der Gläubigen und der Wissenschaftsgemeinschaft zu ermutigen. Die Kirche bietet ihrerseits einige große Prinzipien, um diesen Dialog zu unterstützen. Das erste ist die Zentralität des Menschen, der als Ziel und nicht als Mittel betrachtet werden muss. Er muss sich in harmonische Beziehung zur Schöpfung stellen, also nicht als Herrscher über das Erbe Gottes, sondern als liebevoller Hüter des Werkes des Schöpfers.

Wohl der Menschheit

Das zweite Prinzip, das in Erinnerung gerufen werden muss, ist das der allgemeinen Bestimmung der Güter, auch der des Wissens und der Technik. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt dient dem Wohl der ganzen Menschheit, und sein Nutzen darf nicht zum Vorteil nur einiger weniger gereichen. Auf diese Weise wird man vermeiden, dass in Zukunft neue Ungleichheiten auf der Grundlage des Wissens entstehen und die Kluft zwischen Armen und Reichen größer wird. Die großen Entscheidungen über die Ausrichtung der wissenschaftlichen Forschung und die Investitionen in sie müssen von der ganzen Gesellschaft angenommen werden und dürfen nicht nur von den Regeln des Marktes oder von den Interessen einiger weniger bestimmt werden.

Schließlich bleibt stets der Grundsatz gültig, dass nicht alles, was technisch möglich oder machbar ist, deshalb auch ethisch annehmbar ist. Wie jegliche andere menschliche Tätigkeit weiß die Wissenschaft, dass sie Grenzen hat, die zum Wohl der Menschheit geachtet werden müssen, und braucht ein Bewusstsein für ethische Verantwortung. Das wahre Maß des Fortschritts ist, wie der selige Paul VI. in Erinnerung gerufen hat, das, was auf das Wohl eines jeden Menschen und des ganzen Menschen ausgerichtet ist.

Ich danke euch allen, den Mitgliedern, Konsultoren und Mitarbeitern des Päpstlichen Rates für die Kultur, denn ihr leistet einen wertvollen Dienst. Ich rufe auf euch die Fülle des Segens des Herrn herab, und ich bitte euch, für mich zu beten. Danke.

 



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