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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
BEI DER AUDIENZ FÜR DIE FRANZISKANISCHE FAMILIE DES ERSTEN UND DRITTEN ORDENS

Clementina-Saal
Donnerstag, 23. November 2017

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Liebe Brüder!

Der »Herr Papst«, wie der heilige Franziskus ihn nannte, empfängt euch mit großer Freude und durch euch alle Franziskaner, die in der ganzen Welt leben und arbeiten. Danke für das, was ihr seid und tut, besonders zugunsten der Ärmsten und Benachteiligten. »Alle sollen schlechthin ›Mindere Brüder‹ heißen«, ist in der Nicht bullierten Regel zu lesen (6,3; in: Schriften des heiligen Franziskus, Hg. Lothar Hardick/Engelbert Grau, Kevelaer 2001, S. 184). Mit diesem Ausdruck spricht der heilige Franziskus nicht über etwas, das für seine Brüder fakultativ wäre, sondern er bezeichnet damit ein konstitutives Element eures Lebens und eurer Sendung.

Denn in eurer Lebensform charakterisiert das Adjektiv »minder« das Substantiv »Bruder« und verleiht so dem Band der Brüderlichkeit ein eigenes und besonderes Merkmal: es ist nicht dasselbe, »Bruder« oder »Minderbruder« zu sagen. Spricht man von Brüderlichkeit, muss man daher dieses typisch franziskanische Merkmal der brüderlichen Beziehung gebührend berücksichtigen, das von euch eine Beziehung als »Minderbrüder« verlangt. Woher hatte Franziskus diese Inspiration, das »Mindere« als wesentliches Element eurer Brüderlichkeit festzulegen? (vgl. 1 Cel 38; ). Da Christus und das Evangelium die grundlegende Entscheidung seines Lebens waren, können wir mit Sicherheit sagen, dass das »Geringsein«, auch wenn es dabei nicht an asketischen und sozialen Motiven fehlt, der Betrachtung der Menschwerdung des Gottessohnes entspringt und sie zusammenfasst im Bild des Sich-klein-Machens wie ein Samenkorn. Es ist dieselbe Logik wie die Logik dessen, »der reich war und arm wurde« (vgl. 2 Kor 8,9). Die Logik der »Entkleidung«, die Franziskus wörtlich in die Tat umsetzte, als er »sich bis auf die Haut entblößte und auf alle weltlichen Güter verzichtete, um sich ganz Gott und den Brüdern zu schenken« (Schreiben an den Bischof von Assisi zur Einweihung des Heiligtums der Entkleidung, 16. April 2017).

Das Leben von Franziskus war geprägt durch die Begegnung mit dem armen Gott, der in Jesus von Nazaret unter uns ist: eine demütige, verborgene Präsenz, die der Poverello in der Menschwerdung, am Kreuz und in der Eucharistie anbetet und betrachtet. Außerdem wissen wir, dass zu den Szenen aus dem Evangelium, die Franziskus am meisten beeindruckten, die Fußwaschung der Jünger beim Letzten Abendmahl gehört (vgl. Nicht bullierte Regel 6,4: FF 23; Ermahnungen 4,2: FF 152). Das franziskanische »Geringsein« ist für euch Ort der Begegnung und der Gemeinschaft mit Gott, Ort der Begegnung und der Gemeinschaft mit den Brüdern und mit allen Männern und Frauen sowie schließlich Ort der Begegnung und der Gemeinschaft mit der Schöpfung.

Geringsein als Ort der Begegnung  mit Gott

Das »Geringsein« prägt in besonderer Weise eure Beziehung zu Gott. Für den heiligen Franziskus besitzt der Mensch nichts Eigenes außer der Sünde, und er gilt so viel, wie er vor Gott gilt, und nicht mehr. Daher muss eure Beziehung zu ihm die eines Kindes sein: demütig, vertrauensvoll und wie die des Sünders im Evangelium geprägt vom Bewusstsein der eigenen Sünde. Und Vorsicht vor dem geistlichen Stolz, dem pharisäischen Stolz: das ist die schlimmste Weltlichkeit.

Ein Merkmal eurer Spiritualität ist, dass sie eine Spiritualität des Zurückgebens an Gott ist. All das Gute , das in uns ist oder das wir tun können, ist ein Geschenk desjenigen, der für den heiligen Franziskus das Gute war, »jegliches Gut, das höchste Gut« (Lobpreis Gottes 3, FF 261; in: Schriften des heiligen Franziskus, S. 209), und alles muss dem »erhabensten, allmächtigen, guten Herrn« zurückerstattet werden (Sonnengesang 1, FF 263; in: Schriften des heiligen Franziskus, S. 214). Wir tun dies durch den Lobpreis, und wir tun es, wenn wir entsprechend der evangeliumsgemäßen Logik des Gebens leben, die uns dazu führt, aus uns selbst herauszugehen, um den anderen zu begegnen und sie in unser Leben aufzunehmen.

Geringsein als Ort der Begegnung mit den Brüdern sowie mit allen Männern und Frauen

Das Geringsein lebt man vor allem in der Beziehung zu den Brüdern, die der Herr uns geschenkt hat (Vgl. Testament, 14: FF 116). Wie? Indem man jegliches überhebliche Verhalten vermeidet. Das bedeutet, vorschnelle Urteile über die anderen ebenso auszumerzen wie das schlecht Reden über die Brüder hinter ihrem Rücken – das steht in den Ermahnungen (vgl. 25; FF 174)! Es bedeutet, die Versuchung zurückzuweisen, Autorität zur Unterdrückung der anderen zu benutzen; es zu vermeiden, die anderen für die Gefälligkeiten »bezahlen« zu lassen, die wir ihnen erweisen, während wir die der anderen als uns geschuldet ansehen; Zorn und Aufregung über die Sünde des Bruders von uns zu weisen (ebd., 11; FF 160).

Das Geringsein lebt man als Ausdruck der Armut, die ihr gelobt habt (vgl. Bullierte Regel 1,1: FF 75; Ermahnungen 11: FF 160), wenn man in den Beziehungen einen Geist der Nicht-Vereinnahmung pflegt; wenn man das Positive im anderen schätzt als Geschenk, das vom Herrn kommt; wenn insbesondere die Minister den Dienst der Autorität mit Barmherzigkeit ausüben, wie es im Brief an einen Minister (vgl. FF 234- 237; in Schriften des heiligen Franziskus, S. 83-86) sehr schön zum Ausdruck kommt. Es ist die beste Erklärung, die Franziskus uns bietet zu dem, was Geringsein gegenüber den uns anvertrauten Brüdern bedeutet. Ohne Barmherzigkeit gibt es weder Brüderlichkeit noch Minorität im Sinne von Geringsein.

Die Notwendigkeit, eure Brüderlichkeit in Christus zum Ausdruck zu bringen, bewirkt, dass eure zwischenmenschlichen Beziehungen der Dynamik der Nächstenliebe folgen, denn während die Gerechtigkeit euch dazu führt, die Rechte eines jeden anzuerkennen, übersteigt die Liebe diese Rechte und ruft euch zur brüderlichen Gemeinschaft auf. Denn nicht die Rechte sind es, die ihr liebt, sondern eure Brüder, die ihr mit Respekt, Verständnis und Barmherzigkeit annehmen müsst. Die Brüder sind wichtig, nicht die Strukturen.

Das Geringsein muss auch in der Beziehung zu allen Männern und Frauen gelebt werden, denen ihr begegnet, wenn ihr »durch die Welt zieht«. Dabei müsst ihr sehr sorgfältig jede Haltung der Überheblichkeit vermeiden, die euch von den anderen entfernen könnte. Der heilige Franziskus bringt dieses Anliegen sehr klar zum Ausdruck in den beiden Kapitel der Nicht bullierten Regel, wo er die Entscheidung, ohne Eigentum zu leben (»vivere sine proprio«) in Bezug setzt zur wohlwollenden Aufnahme jedes einzelnen bis hin zum gemeinsamen Leben mit den am meisten Verachteten, mit denen, die wirklich als die Geringsten der Gesellschaft betrachtet werden: »Hüten sollen sich die Brüder, wo auch immer sie […] sind, dass sie einen Ort sich aneignen und einem anderen streitig machen. Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, so soll er gütig aufgenommen werden« (7,13-14: FF 26; in: Schriften des heiligen Franziskus, S. 185). Und weiter: »Und sie müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Wege« (9,2: FF 30; in: Schriften des heiligen Franziskus, S. 187).

Die Worte von Franziskus sind eine Aufforderung, sich als Fraternität die Frage zu stellen: Wo stehen wir? Auf wessen Seite sind wir? Mit wem sind wir in Beziehung? Wen bevorzugen wir? Und angesichts der Tatsache, dass das Geringsein nicht nur die Fraternität herausfordert, sondern jedes einzelne Mitglied, ist es nützlich, dass jeder eine Gewissenserforschung über den eigenen Lebensstil hält, über die Ausgaben, die Kleidung, über das, was er als notwendig betrachtet, über die eigene Hingabe an die anderen, über die Vermeidung einer Haltung, sich zu sehr um sich selbst und auch die eigene Fraternität zu kümmern. Und bitte, wenn ihr etwas für die »Schwächsten«, für die Ausgegrenzten und Letzten tut, dann tut dies nie vom Sockel der Überheblichkeit aus. Denkt vielmehr daran, dass alles, was ihr für sie tut, eine Art und Weise ist, das zurückzugeben, was ihr umsonst empfangen habt. So wie Franziskus in seinem Brief an den gesamten Orden mahnt: »Behaltet darum nichts von euch für euch zurück!« (29: FF 221; in: Schriften des heiligen Franziskus>, S. 92). Schafft einen gastfreundlichen und verfügbaren Ort, damit alle Geringen eurer Zeit in euer Leben eintreten: die Ausgegrenzten; Männer und Frauen, die auf unseren Straßen, in den Parks oder Bahnhöfen leben; die Tausende von jungen und erwachsenen Arbeitslosen; so viele Kranke, die keinen Zugang zu einer angemessenen Behandlung haben; alleingelassene alte Menschen; misshandelte Frauen; Migranten, die ein würdiges Leben suchen, all jene, die in den existentiellen Randgebieten leben, ihrer Würde und auch des Lichtes des Evangeliums beraubt.

Öffnet eure Herzen und umarmt die Leprakranken unserer Zeit, und nachdem ihr euch der Barmherzigkeit bewusst geworden seid, die der Herr euch gegenüber gezeigt hat (vgl. 1 Cel 26: FF 363), sollt auch ihr ihnen Barmherzigkeit erweisen, wie dies euer Vater Franziskus getan hat (vgl. Testament: FF 110-131). Und lernt auch wie er, »krank mit den Kranken und betrübt mit den Betrübten zu sein« (Dreigefährtenlegende 59: FF 1470). All dies ist alles andere als ein vages Gefühl, sondern verweist vielmehr auf eine tiefe Beziehung zwischen Personen, so dass diese euer Herz verwandeln und euch dazu führen wird, ihr Schicksal zu teilen.

Geringsein als Ort der Begegnung mit der Schöpfung

Für den Heiligen von Assisi ist die gesamte Schöpfung wie »ein prächtiges Buch, in dem Gott zu uns spricht und einen Abglanz seiner Schönheit und Güte aufscheinen lässt« (Enzyklika Laudato si’ 12). Die Schöpfung ist »wie eine Schwester, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt« (ebd., 1).

Heute – das wissen wir – rebelliert diese Schwester und Mutter, weil sie sich misshandelt fühlt. Angesichts der globalen Verschlechterung der Umwelt bitte ich euch, dass ihr als Söhne des Poverello mit der ganzen Schöpfung in einen Dialog eintretet, indem ihr der Schöpfung eure Stimme leiht, um den Schöpfer zu loben und, wie es der heilige Franziskus tat, eine besondere Sorge für sie hegt, wobei ihr jegliches ökonomische Kalkül und jede Art von irrationalem Romantizismus überwinden müsst. Arbeitet mit den verschiedenen Initiativen zur Sorge um das gemeinsame Haus zusammen und denkt dabei stets an die enge Beziehung, die zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten, zwischen Wirtschaft, Fortschritt, Sorge für die Schöpfung und Option für die Armen existiert (vgl. ebd., 15-16).

Liebe Brüder, ich erneuere die Bitte des heiligen Franziskus an euch: Sie sollen Minderbrüder sein. Gott bewahre euer »Geringsein« und lasse es wachsen. Auf euch alle rufe ich den Segen des Herrn  herab. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke!

 



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