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APOSTOLISCHE REISE DES HEILIGEN VATERS ZUM WELTFAMILIENTREFFEN IN IRLAND
(25.-26. AUGUST 2018)

PRESSEKONFERENZ MIT DEM HEILIGEN VATER
AUF DEM RÜCKFLUG NACH ROM 

Sonntag, 26. August 2018

[Multimedia]


 

 

 

Greg Burke

Guten Abend, Heiliger Vater!

Papst Franziskus

Guten Abend!

Greg Burke

Danke für Ihre Zeit nach zwei so intensiven Tagen. Es gab sicherlich schwierige Momente in Irland – wie die allgegenwärtige Thematik des Missbrauchs – aber es gab auch sehr schöne Momente: das Fest der Familien, die Zeugnisse der Familien, die Begegnung mit den jungen Paaren und auch der Besuch bei den Kapuzinern, die den Armen sehr helfen.

Geben wir das Wort nun weiter an die Journalisten, angefangen bei den Iren.... Aber vielleicht wollen Sie vorher noch etwas sagen....

Papst Franziskus

Ich möchte Dank sagen, denn wenn schon ich müde bin, denke ich an euch, die ihr so viel Arbeit habt, Arbeit über Arbeit, .... Vielen Dank für eure Mühe, für eure Arbeit. Vielen Dank.

Greg Burke

Die erste Frage kommt wie immer von einem Journalisten aus dem Reiseland, Tony Connelly von RTÉ – Radio TV Ireland.

Tony Connelly, RTÉ (Radio TV Ireland)

Eure Heiligkeit, am Samstag sprachen Sie über das Treffen mit der Ministerin für Kinder und Jugendangelegenheiten; Sie sagten, wie sehr Sie berührt waren von dem, was die Ministerin Ihnen über die Häuser für Mütter und ihre Kinder gesagt hatte. Was genau hat sie zu Ihnen gesagt? Und waren Sie so betroffen, weil Sie zum ersten Mal von diesen Häusern gehört haben?

Papst Franziskus

Die Ministerin erzählte mir zuerst etwas, das nicht so sehr die Mütter und Kinder betraf; sie sagte zu mir – aber nur kurz – „Heiliger Vater, wir fanden Massengräber von Kindern, begrabenen Kindern. Wir stellen Nachforschungen an. Hat die Kirche etwas damit zu tun?“, das sagte sie aber sehr höflich, wirklich, und mit viel Respekt. Ich habe ihr gedankt, das hat mein Herz berührt, so sehr, dass ich es in meiner Rede wiederholen wollte. Das war nicht am Flughafen – da habe ich mich geirrt – das war beim Treffen mit dem Präsidenten. Am Flughafen war eine andere Dame – eine Ministerin, glaube ich – und das habe ich verwechselt. Aber jene sagte zu mir: „Ich schicke Ihnen dann ein Memo.“ Sie schickte mir das Memo, ich konnte es noch nicht lesen. Ich sah, dass sie mir ein Memo geschickt hatte. Sie war sehr ausgewogen, als sie mir sagte: Es gibt ein Problem, die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, aber sie gab mir doch auch zu verstehen, dass die Kirche etwas damit zu tun hatte. Meiner Meinung nach war dies ein Beispiel für eine konstruktive Zusammenarbeit, bevor ... ich möchte nicht das Wort „Protest“ benutzen, eher eine Klage, über das, was die Kirche in einer vergangenen Zeit vielleicht begünstigt hatte. Diese Frau war von einer Würde, die mein Herz berührte. Und jetzt habe ich dieses Memo, das ich studieren werde, wenn ich nach Hause komme. Ich danke ihr dafür.

Greg Burke

Nun ein weiterer Ire, Paddy Agnew, vom „Sunday Independent“, wohnhaft in Rom, aber irischer Journalist.

Papst Franziskus

Er ist nicht der einzige Ire in Rom!

Paddy Agnew vom „Sunday Independent“

Heiliger Vater, danke und guten Abend. Gestern berichtete Marie Collins, das Opfer Marie Collins, das Sie gut kennen, dass Sie nicht für die Einrichtung neuer vatikanischer Untersuchungsgerichte zum Problem des sexuellen Missbrauchs und insbesondere für die so genannten Untersuchungsgerichte für Bischöfe sind, wo es um die Verantwortung des Bischofs (bishop accountability) geht. Warum sind Sie der Meinung, diese seien nicht notwendig?

Papst Franziskus

Nein, nein, so ist das nicht. Das ist nicht der Fall. Marie Collins ist ein wenig fixiert auf diese Idee... – ich schätze Marie Collins sehr, manchmal laden wir sie in den Vatikan ein, um Vorträge zu halten – sie bleibt fixiert auf diese Idee des Apostolischen Schreibens „Wie eine liebende Mutter“, in der es hieß, dass es gut wäre, für die Rechtsprechung über die Bischöfe ein besonderes Tribunal einzurichten. Aber dann zeigte sich, dass dies aufgrund der unterschiedlichen Kulturen der zu beurteilenden Bischöfe nicht praktikabel und nicht angebracht war. Man nimmt die Empfehlung aus „Wie eine liebende Mutter“ ernst und bildet eine Jury für jeden Bischof, aber es ist nicht jedes Mal dieselbe. Der Bischof ist vor Gericht zu stellen und der Papst bildet eine Jury, die am besten in der Lage ist, sich dieses Falls anzunehmen. Das funktioniert besser, auch weil es für eine Gruppe von Bischöfen nicht möglich ist, die Diözese dafür zu verlassen. Also wechseln die Gerichte, die Jury. Und so haben wir das bisher gehandhabt. Mehrere Bischöfe kamen vor Gericht: zuletzt der von Guam, der Erzbischof von Guam, der Berufung einlegte, und ich beschloss – weil es ein sehr, sehr komplexer Fall war – von meinem Recht Gebrauch zu machen, die Berufung an mich zu ziehen und sie nicht an das Berufungsgericht zu verweisen, das für alle Priester zuständig ist, sondern ich zog diese Berufung an mich. Ich habe eine Kommission von Kirchenrechtlern gebildet, die mir helfen soll, und sie sagten mir, dass, in Kürze, höchstens innerhalb eines Monats, eine „Empfehlung“ an mich erstellt wird, so dass ich dann das Urteil fällen kann. Es ist einerseits ein komplizierter Fall, aber nicht schwierig, weil die Beweise sehr klar sind; was die Beweise betrifft, ist er sehr klar. Aber ich kann nicht im Voraus urteilen. Ich warte auf den Bericht und dann werde ich urteilen. Ich sage, dass die Beweise klar sind, weil es die Beweise sind, die zur Verurteilung durch das erste Gericht geführt haben. Das war der letzte Fall. Jetzt ist noch ein weiterer im Gange, wir werden sehen, wie er ausgeht. Aber klar ist, so sagte ich zu Marie: Der Sinn und auch die Empfehlung von „Wie eine liebende Mutter“ wird umgesetzt: ein Bischof soll sich vor einem Gericht verantworten, aber es ist nicht immer dasselbe Gericht, weil das nicht möglich ist. Sie [Marie Collins] hat das nicht recht verstanden, aber wenn ich sie sehe – weil sie manchmal in den Vatikan kommt, wir laden sie ein – werde ich es ihr deutlicher erklären. Ich habe sie gern.

Greg Burke

Jetzt die italienische Gruppe, Heiliger Vater: hier ist Stefania Falasca, von „Avvenire“.

Stefania Falasca, „Avvenire“.

Guten Abend, Heiliger Vater. Sie haben auch heute gesagt, dass es immer eine Herausforderung ist, den Migranten und den Fremden aufzunehmen. Erst gestern wurde ein leidvolles Problem gelöst, das des Schiffes „Diciotti“. Haben Sie sich die Sache „gekrallt“? Waren Sie involviert, waren Sie daran beteiligt?

Papst Franziskus

Die Kralle ist vom Teufel, nicht meine! [Lachen] Die „Kralle“ ist vom Teufel...

Stefania Falasca

Und dann sehen viele darin eine Erpressung in Richtung Europa auf Kosten dieser Menschen. Wie denken Sie darüber?

Papst Franziskus

Die Aufnahme von Migranten ist so alt wie die Bibel. Im Deuteronomium, in den Geboten, befiehlt Gott dies: den Migranten, „den Fremden“, aufzunehmen. Es ist eine uralte Sache, die dem Sinn der göttlichen Offenbarung und auch dem Sinn des Christentums entspricht. Es ist ein moralisches Prinzip. Ich sprach darüber, und dann sah ich, dass ich das ein wenig besser erklären musste, denn es geht nicht um eine Aufnahme „ins Blaue hinein“, nein, sondern um eine durchdachte Aufnahme. Das gilt für ganz Europa. Wann wurde mir klar, wie diese vernünftige Haltung aussehen sollte? Als das Attentat in Zaventem [Belgien] geschah: die Jungen, die Guerillas, die den Angriff in Zaventem durchführten, waren Belgier, aber Kinder von nicht integrierten Einwanderern, gettoisiert. Das heißt, sie wurden in dem Land aufgenommen, aber dort sich selbst überlassen, und sie bildeten ein Ghetto: sie wurden nicht integriert. Deshalb habe ich das betont, es ist wichtig. Dann erinnerte ich mich, als ich nach Schweden ging – und Franca [Giansoldati] erwähnte dies in einem Artikel und auch wie ich diesen Gedanken erläuterte –, als ich nach Schweden ging, sprach ich über Integration, und ich wusste Bescheid, denn während der Diktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 flohen viele, viele Argentinier und sogar Uruguayer nach Schweden. Und dort nahm die Regierung sie sofort auf, ließ sie die Sprache lernen und gab ihnen Arbeit, integrierte sie. Es war sogar so, dass – und das ist eine interessante Anekdote – die Frau Ministerin, die gekommen war, um mich am Flughafen Lund zu verabschieden, die Tochter eines Schweden und eines afrikanischen Migranten war; aber dieser afrikanische Migrant hat sich so weit integriert, dass seine Tochter Ministerin in diesem Land wurde. Schweden war ein Vorbild. Aber zu diesem Zeitpunkt begann Schweden Schwierigkeiten zu haben: nicht, weil es keinen guten Willen hatte, sondern weil es keine Möglichkeit zur Integration hatte. Deshalb hat Schweden da ein wenig eingehalten, es ging diesen Schritt. Integration. Und dann habe ich hier in einer Pressekonferenz mit euch von der Tugend der Klugheit gesprochen, der Tugend der Regierenden, und ich habe von der Klugheit der Völker hinsichtlich der Anzahl und der Möglichkeiten gesprochen: ein Volk, das jemand aufnehmen kann, aber nicht die Möglichkeiten hat, zu integrieren, sollte besser weniger Menschen aufnehmen. Das ist eine Frage der Klugheit. Und ich glaube, das ist der wunde Punkt des heutigen Dialogs in der Europäischen Union. Wir müssen weiter reden: Lösungen werden gefunden...

Was ist mit der „Diciotti“ passiert? Ich hatte meine Finger nicht im Spiel. Derjenige, der mit dem Innenminister zusammengearbeitet hat, war Pater Aldo, der tüchtige Pater Aldo, der dem Werk von Don Benzi angehört, das die Italiener gut kennen, wo man für die Befreiung der Prostituierten arbeitet, für die Ausgebeuteten und viele mehr... Und auch die italienische Bischofskonferenz hat sich engagiert, Kardinal Bassetti, der hier war, aber am Telefon die ganze Vermittlung verfolgt hat, und einer der beiden Untersekretäre, Monsignore Maffeis, verhandelte mit dem Minister. Und ich glaube, Albanien war dabei... Sie nahmen eine Zahl von Migranten auf, Albanien, Irland und Montenegro, denke ich, ich bin mir nicht sicher. Die anderen wurden von der Bischofskonferenz übernommen, ich weiß nicht, ob unter dem „Schirm“ des Vatikan oder nicht... Ich weiß nicht, wie die Angelegenheit verhandelt wurde; aber sie kommen ins Zentrum „Mondo Migliore“ in Rocca di Papa, und sie werden dort aufgenommen. Es sind, glaube ich, mehr als hundert. Dort werden sie beginnen, die Sprache zu lernen und das zu tun, was man mit den integrierten Migranten getan hat. Ich habe eine sehr erfreuliche Erfahrung gemacht. Als ich die Universität „Roma III“ besuchte, gab es Studenten, die mir Fragen stellen wollten, und da ich sah eine Studentin... „Ich kenne dieses Gesicht“: es war eine, die unter den dreizehn war, die mit mir gekommen waren, die ich aus Lesbos mitgebracht hatte. Das Mädchen war an der Universität! Warum? Weil die Gemeinschaft Sant'Egidio sie seit dem Tag nach ihrer Ankunft zur Schule und zum Lernen gebracht hat: Komm, komm... Und man hat sie auf Universitätsniveau integriert. Das ist Arbeit mit Migranten. Da ist eine Öffnung des Herzens für alle, ein Mitleiden; dann die Integration als Bedingung für die Aufnahme; und dann die Klugheit der Regierenden, dies zu verwirklichen. Ich habe gesehen, in einem heimlich gedrehten Film, was mit denen passiert, die zurückgeschickt und wieder in die Hände von Menschenhändlern gelangen: es ist schrecklich, was sie mit Männern, Frauen und Kindern machen..., sie verkaufen sie, aber die Männer foltern sie auf alle nur erdenkliche Weise. Da war einer, ein Spion, der diesen Film machen konnte, den ich an meine beiden Untersekretäre für Migration schickte. Deswegen sollte man sehr gut darüber nachdenken, bevor man sie zurückschickt...

Und dann noch eine letzte Sache. Es gibt Migranten, die kommen, aber es gibt auch andere, die in Fiumicino getäuscht werden, ihnen wird etwas vorgemacht: „Nein, wir geben dir Arbeit...“. Sie verschaffen ihnen Papiere, allen, und dann enden sie auf dem Bürgersteig, versklavt, von Frauenhändlern bedroht... So ist es.

Greg Burke

Danke, Heiliger Vater. Die nächste Frage kommt von der englischsprachigen Gruppe: Anna Matranga, vom amerikanischen Fernsehsender CBS.

Anna Matranga, CBS

Guten Abend, Heiliger Vater! Ich komme auf das Thema Missbrauch zurück, das Sie bereits angesprochen haben. Heute Morgen ganz in der Frühe ist ein Dokument von Erzbischof Carlo Maria Viganò erschienen, in dem er sagt, dass er 2013 ein persönliches Gespräch mit Ihnen im Vatikan geführt hat und dass er in diesem Gespräch mit Ihnen ausdrücklich über das Verhalten und den sexuellen Missbrauch des ehemaligen Kardinals McCarrick gesprochen hätte. Ich wollte Sie fragen, ob das wahr ist. Und ich wollte noch etwas anderes fragen: Der Erzbischof sagte auch, dass Papst Benedikt McCarrick sanktioniert hätte, dass er ihm gesagt hätte, dass er nicht im Seminar leben könne, nicht in der Öffentlichkeit Messen feiern dürfe, nicht reisen dürfe; er wurde von der Kirche sanktioniert. Darf ich Sie fragen, ob diese beiden Dinge wahr sind?

Papst Franziskus

Eine Sache: Ich würde es vorziehen – auch wenn ich Ihre Frage beantworte – dass wir zuerst über die Reise sprechen und dann über andere Themen... aber ich antworte. Ich habe diese Erklärung heute Morgen gelesen. Ich habe sie gelesen, und ich muss Ihnen aufrichtig sagen, Ihnen und allen Interessierten unter Ihnen: Lesen Sie die Mitteilung aufmerksam durch und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil. Ich werde dazu kein Wort sagen. Ich glaube, dass das Kommuniqué für sich selbst spricht, und Sie haben ausreichend journalistische Fähigkeit, Ihre Schlussfolgerungen zu ziehen. Es ist ein Akt des Vertrauens: Wenn einige Zeit vergangen ist und Sie Ihre Schlussfolgerungen gezogen haben, werde ich vielleicht sprechen. Aber ich möchte, dass Ihre berufliche Reife diese Arbeit erledigt: Es wird Ihnen guttun, wirklich. Dabei möchte ich es belassen.

Anna Matranga

Marie Collins sagte, nachdem sie Sie während der Begegnung mit den Opfern getroffen hatte, dass sie direkt mit Ihnen über den ehemaligen Kardinal McCarrick sprach; sie sagte, dass Sie sehr hart in Ihrer Verurteilung von McCarrick waren. Ich wollte Sie fragen: Wann haben Sie zum ersten Mal von den Missbräuchen gehört, die der ehemalige Kardinal begangen hat?

Papst Franziskus

Dieses ist ein Teil des Kommuniqués zu McCarrick: studieren Sie es und dann sage ich etwas dazu. Aber da ich es gestern noch nicht gelesen hatte, habe ich mir erlaubt, mit Marie Collins und der Gruppe [der Opfer] klar zu sprechen, in dem Treffen, das wirklich anderthalb Stunden dauerte, und dass mich sehr betroffen gemacht hat. Aber ich denke, es war notwendig, diesen acht Menschen zuzuhören; und aus diesem Treffen ging der Vorschlag hervor – den ich machte, und sie akzeptierten ihn und halfen mir, ihn umzusetzen –, heute in der Messe um Vergebung zu bitten, aber für konkrete Dinge. Zum Beispiel die letzte, wovon ich nie gehört hatte: diese Mütter... – man nannte das „Reinigung der Frauen“ – wenn eine Frau schwanger wurde ohne verheiratet zu sein und in ein Krankenhaus ging oder ich weiß nicht, wie das hieß, das Institut..., aber es waren Schwestern, die die Einrichtung führten, und dann wurde das Kind fremden Menschen zur Adoption gegeben. Und es gab damals Kinder, die versuchten, ihre Mütter zu finden, wenn sie lebten, sie wussten es nicht..., und man sagte ihnen, dass es eine Todsünde sei, dies zu tun; und auch den Müttern, die die Kindern suchten, sagte man, dass dies eine Todsünde sei. Deshalb habe ich heute gesagt, dass dies keine Todsünde ist, sondern das Vierte Gebot. Und die Dinge, die ich heute ansprach, einiges wusste ich vorher nicht, und das war schmerzlich für mich, zugleich aber auch tröstlich, dass ich helfen konnte, diese Dinge klarzustellen. Und ich warte auf Ihren Kommentar zu diesem Dokument, ich würde mich darüber freuen! Danke.

Greg Burke

Danke, Heiliger Vater. Jetzt Cecile Chambraud von „Le Monde“.

Cecile Chambraud, „Le Monde“

Guten Abend, Heiliger Vater. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich meine Frage auf Spanisch stelle, aber ich bitte Sie, sie für alle meine Kollegen auf Italienisch zu beantworten. In Ihrer Ansprache an die irischen Verantwortungsträger verwiesen Sie auf Ihren jüngsten Brief an das Volk Gottes. In diesem Brief rufen Sie alle Katholiken auf, sich am Kampf gegen Missbrauch in der Kirche zu beteiligen. Können Sie uns erklären, was Katholiken konkret tun können, jeder in seiner eigenen Position, um den Missbrauch zu bekämpfen? In diesem Zusammenhang hat in Frankreich ein Priester eine Petition initiiert, in der er den Rücktritt von Kardinal Barbarin forderte, der von Opfern beschuldigt wird. Halten Sie diese Initiative für angebracht oder nicht?

Papst Franziskus

Wenn es einen Verdacht oder Beweise oder Hinweise gibt, sehe ich nichts Schlechtes darin, eine Untersuchung durchzuführen, solange dies nach dem grundlegenden Rechtsprinzip geschieht: Nemo malus nisi probetur, niemand ist schlecht, bis es nicht bewiesen wird. Denn oft gibt es die Versuchung, nicht nur die Untersuchung durchzuführen, sondern zu veröffentlichen, dass die Untersuchung durchgeführt wurde und warum jemand schuldig ist..., und so beginnen einige Medien – nicht eure, ich weiß nicht welche – ein Klima der Beschuldigung zu schaffen. Ich möchte eine Sache erzählen, die in jüngster Zeit geschehen ist, die hilfreich sein kann, denn für mich ist es wichtig, wie wir vorgehen und wie die Medien helfen können. Vor mehr oder weniger drei Jahren begann in Granada das Problem der so genannten pädophilen Priester, einer kleinen Gruppe von sieben, acht oder zehn Priestern, die des Kindesmissbrauchs und auch der Abhaltung von Partys, Orgien und dergleichen beschuldigt wurden. Die Anklage ging direkt an mich: ein Brief von einem jungen Dreiundzwanzigjährigen; nach seiner Darstellung war er missbraucht worden, er nannte Namen und alles. Ein junger Mann, der an einem sehr angesehenen kirchlichen Internat in Granada arbeitete; der Brief war perfekt... Er fragte mich, was er tun sollte, um dies anzuzeigen. Ich sagte: „Geh zum Erzbischof, der Erzbischof weiß, was du zu tun hast“. Der Erzbischof tat alles, was er tun musste, die Sache kam auch zum Zivilgericht. Es gab zwei Prozesse. Die lokalen Medien begannen zu reden und zu reden... Drei Tage später war alles in der Pfarrei hingeschrieben, „pädophile Priester“ und dergleichen, und so wurde ein Bewusstsein geschaffen, dass diese Priester Kriminelle seien. Sieben wurden verhört, und es wurde nichts gefunden; für drei ging die Untersuchung weiter, sie blieben fünf Tage lang im Gefängnis, zwei, davon und einer – Pater Roman, der Pfarrer – sieben Tage lang. Fast drei weitere Jahre lang bekamen sie den Hass, die „Ohrfeigen“ des ganzen Volkes zu spüren: sie wurden kriminalisiert, konnten nicht außer Haus gehen, sie erlitten Demütigungen durch die Jury, um die Anschuldigungen des Jugendlichen zu untermauern, die ich hier nicht zu wiederholen wage. Nach über drei Jahren erklärt die Jury die Priester für unschuldig, alle unschuldig, vor allem aber diese drei: bei den anderen war das Verfahren bereits vorher eingestellt worden, der Ankläger wurde schuldig gesprochen. Weil sie gesehen hatten, dass dieser junge Mann einfallsreich war, aber er war ein sehr intelligenter Mensch und arbeitete auch in einem katholischen Internat und hatte dieses gute Ansehen, das den Eindruck erweckte, er sage die Wahrheit. Er wurde verurteilt, die Kosten und all diese Dinge zu tragen, die anderen waren unschuldig. Diese Männer wurden von den lokalen Medien verurteilt, bevor die Justiz tätig werden konnte. Und aus diesem Grund ist eure Arbeit sehr anspruchsvoll: Ihr müsst das begleiten, die Dinge sagen, aber immer mit dieser juristischen Unschuldsvermutung und nicht mit einer juristischen Schuldvermutung! Und es gibt einen Unterschied zwischen dem Informanten, der über einen Fall informiert, sich aber nicht zu einer Vorverurteilung hinreißen lässt, und dem Ermittler, der den „Sherlock Holmes“ spielt, was mit der Vermutung der Schuld einhergeht. So wie wir über die Technik von Hercule Poirot lesen: Für ihn waren alle schuldig. Aber das ist der Beruf des Ermittlers. Dass sind zwei verschiedene Ansätze. Wer informiert, muss immer von der Unschuldsvermutung ausgehen und seine Eindrücke und Zweifel äußern…, aber ohne Verurteilung. Dieser Fall, der sich in Granada ereignet hat, ist für mich ein Beispiel, das uns allen für unsere [jeweilige] Aufgabe etwas zu sagen hat.

Greg Burke

Im ersten Teil [der vorherigen Frage] fragte sie, was das Volk Gottes in dieser Angelegenheit tun könnte...

Papst Franziskus

Ach ja. Wenn Ihnen etwas auffällt, sagen Sie es gleich. Ich werde noch etwas anderes sagen, das ein wenig unschön ist. Manchmal sind es die Eltern, die den Missbrauch eines Priesters vertuschen. Oft. Man sieht das es in den Urteilen. [Sie sagen:] „Aber, nein...“. Sie glauben nicht, oder sie glauben, dass es nicht wahr ist, und der Junge oder das Mädchen bleibt sich selbst überlassen. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jede Woche ein oder zwei Menschen zu empfangen, mal mehr mal weniger, und ich habe eine Person empfangen, eine Dame, die 40 Jahre lang unter dieser Geißel des Schweigens litt, weil die Eltern ihr nicht geglaubt hatten. Sie wurde im Alter von acht Jahren missbraucht. Reden, das ist wichtig. Es ist wahr, dass es für eine Mutter schwer ist, dies zu sehen..., sicher wäre besser, wenn es nicht wahr wäre, und dann denkt sie, dass das Kind vielleicht fantasiert... [Aber es ist notwendig zu] reden. Und mit den richtigen Leuten zu reden, mit denen zu sprechen, die ein Verfahren einleiten können oder zumindest eine Voruntersuchung. Mit dem Richter oder dem Bischof sprechen, oder wenn der Pfarrer gut ist, mit dem Pfarrer. Das ist das Erste, was das Volk Gottes tun kann. Diese Dinge dürfen nicht verdeckt werden, sie dürfen nicht zugedeckt werden. Ein Psychiater sagte mir vor einiger Zeit – und das möge nicht gegen die Frauen verstanden werden –, dass Frauen wegen ihres Muttergefühls eher geneigt sind, die Dinge ihrer Kinder zu verbergen als Männer. Aber ich weiß nicht, ob das wahr ist oder nicht... Aber darum geht es: zu reden. Danke.

Greg Burke

Zur spanischen Gruppe gehört auch Javier Romero von „Rome Reports TV“.

Javier Romero

Eure Heiligkeit, entschuldigen Sie, ich möchte Ihnen zwei Fragen stellen. Erstens ist der irische Premierminister, der in seiner Rede sehr direkt war, stolz auf ein neues Familienmodell, das sich von dem unterscheidet, was die Kirche traditionellerweise bis heute lehrt: ich spreche hier von der homosexuellen Ehe. Und das ist vielleicht eines der Modelle, das die meisten Konflikte hervorruft, insbesondere in einer katholischen Familie, wenn es in dieser Familie eine Person gibt, die erklärt, homosexuell zu sein. Eure Heiligkeit, die erste Frage, die ich Ihnen stellen möchte, ist: Was denken Sie, was würden Sie zu einem Papa sagen, zu einem Vater, zu dem der Sohn sagt, dass er homosexuell ist und mit seinem Partner zusammenleben will? Das ist meine erste Frage. Und die zweite, die auch Sie in Ihrer Rede vor dem Premierminister angesprochen haben, die Abtreibung. Wir haben gesehen, wie sich Irland in den letzten Jahren sehr verändert hat, und es schien tatsächlich, als sei der Minister mit diesen Veränderungen zufrieden: eine dieser Veränderungen betraf die Abtreibung. Wir haben gesehen, dass in den letzten Monaten, in den letzten Jahren, die Frage der Abtreibung in vielen Ländern aufgekommen ist, einschließlich Argentinien, Ihrem Heimatland. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sehen, dass, das ist ja ein Thema über das Sie oft sprechen, und es gibt viele Länder, in denen sie...

Papst Franziskus

Gut. Ich beginne mit dem zweiten, aber es gibt zwei Punkte – Danke dafür – weil sie mit den Themen, über die wir sprechen, zu tun haben. Was die Abtreibung betrifft, wissen Sie, wie die Kirche denkt. Das Problem der Abtreibung ist kein religiöses Problem: wir sind nicht aus religiösen Gründen gegen Abtreibung. Nein. Es ist ein allgemein menschliches Problem und eine Frage der Anthropologie. Wenn man über die Frage der Abtreibung nachdenkt, und dabei von religiösen Vorgaben ausgeht, wird das Denken übergangen. Das Problem der Abtreibung ist Gegenstand der Anthropologie. Und die anthropologische Frage nach der ethischen Erlaubtheit ein Lebewesen zu beseitigen, um ein Problem zu lösen, ist immer gegeben. Aber das ist bereits die Diskussion. Ich möchte nur betonen: Ich habe etwas dagegen, dass das Problem der Abtreibung von einem religiösen Ausgangspunkt her diskutiert wird. Nein. Es ist ein anthropologisches Problem, es ist ein menschliches Problem. Das denke ich darüber.

Zweitens. Es gab schon immer Homosexuelle und Menschen mit homosexuellen Tendenzen. Immer. Soziologen sagen, aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass in Zeiten von Epochenwechseln einige soziale und ethische Phänomene verstärkt auftreten, und eines davon sei dieses. Das ist die Meinung einiger Soziologen. Ihre Frage ist klar: Was würde ich einem Vater sagen, der sieht, dass sein Sohn oder seine Tochter diese Tendenz hat. Ich würde zuallererst sagen, dass er das ins Gebet mithineinnehmen soll: bete. Nicht verurteilen, sondern darüber reden, verstehen, dem Sohn oder der Tochter Raum geben. Raum geben, damit er oder sie sich äußern kann. Dann ist die Frage in welchem Alter sich dies bei dem Kind äußert. Das ist wichtig. Es ist eine Sache, wenn es sich bei einem Kind manifestiert, wo es viele Dinge gibt, die man tun kann, um zu sehen, wie die Lage ist; eine andere Sache ist, wenn das erst nach dem Alter von 20 Jahren oder so deutlich wird. Aber ich werde niemals sagen, dass Schweigen ein Heilmittel ist: den Sohn oder die Tochter mit einer homosexuellen Neigung zu ignorieren, ist ein Mangel an Väterlichkeit und Mütterlichkeit. Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter, so wie du bist; ich bin dein Vater und deine Mutter, lass uns reden. Und wenn ihr als Väter und Mütter damit nicht zurechtkommt, sucht Hilfe, aber immer im Dialog, immer im Dialog. Denn dieser Sohn und diese Tochter haben ein Recht auf eine Familie und ihre Familie ist diejenige, die da ist: vertreibt sie nicht aus der Familie. Das ist eine ernste Herausforderung für die Vater- und Mutterschaft. Vielen Dank für die Frage, danke.

Greg Burke

Wir danken Ihnen, Heiliger Vater.

Papst Franziskus

Und dann möchte ich den Iren, die hier sind, noch sagen: ich habe viel Glauben in Irland vorgefunden. So viel Glauben. Es stimmt, das irische Volk hat sehr unter den Skandalen gelitten. Aber es gibt Glauben in Irland, einen starken Glauben. Und das irische Volk kann auch unterscheiden, und ich zitiere, was ich heute von einem Prälaten gehört habe: „Das irische Volk weiß gut zwischen Wahrheiten und Halbwahrheiten zu unterscheiden: diese Fähigkeit ist tief in ihm verwurzelt“. Es ist wahr, dass es sich in einem Prozess der Aufarbeitung, der Genesung von diesem Skandal befindet; es ist wahr, dass einige sich für Positionen öffnen, die sich vom Glauben zu entfernen scheinen. Aber das irische Volk hat einen tief verwurzelten und starken Glauben. Ich möchte das sagen, weil es das ist, was ich gesehen und gehört habe und wovon ich mich in diesen zwei Tagen überzeugen konnte.

Danke für Ihre Arbeit, vielen Dank! Und beten Sie für mich, bitte.

Greg Burke

Danke Ihnen. Guten Appetit und eine angenehme Ruhe.

 



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