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BEGEGNUNG VON PAPST FRANZISKUS
MIT DEN RUMÄNISCHEN KINDERN DES NGO-BILDUNGSPROGRAMMS
"FDP PROTAGONISTI NELL'EDUCAZIONE"

Donnerstag, 4. Januar 2018

[Multimedia]


 

Liebe Kinder und Jugendliche,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich danke euch für diese Begegnung und für das Vertrauen, mit dem ihr mir eure Fragen gestellt habt, in denen man die Wirklichkeit eures Lebens spürt. Ich habe hier eure Fragen, die ich bereits gelesen habe. Aber bevor ich euch antworte, möchte ich zusammen mit euch dem Herrn für eure Anwesenheit danken: denn er hat euch mit Hilfe vieler Freunde geholfen voranzugehen und zu wachsen. Und gemeinsam wollen wir der vielen Kinder und Jugendlichen gedenken, die in den Himmel gegangen sind. Wir wollen für sie beten; und wir wollen für jene beten, die in sehr schwierigen Situationen leben, in Rumänien und in anderen Ländern der Welt. Gott und der Gottesmutter wollen wir alle Jungen und Mädchen, Kinder und Jugendlichen anvertrauen, die unter Krankheiten, Kriegen und heutigen Formen der Sklaverei leiden.

Und jetzt möchte ich eure Fragen beantworten. Ich werde es tun, so gut ich kann, denn eine Frage, die vom Herzen kommt, kann man nie bis ins Letzte beantworten. Das Wort, das ihr in diesen Fragen am Häufigsten verwendet, lautet: »Warum?« Wir fragen oft nach dem »Warum«. Auf  einige dieser Fragen kann ich eine Antwort geben, auf andere nicht, nur Gott kann sie geben. Im Leben fragt man oft nach dem »Warum«, ohne dass wir eine Antwort darauf geben können. Wir können nur hinschauen, fühlen, leiden und weinen.

Frage: Warum ist das Leben so schwierig, und warum streiten wir so oft unter Freunden? Und hintergehen einander? Ihr Priester sagt, dass wir in die Kirche gehen sollen, aber wenn wir wieder hinausgegangen sind, machen wir sofort wieder Fehler und begehen Sünden. Warum bin ich denn in die Kirche gegangen? Wenn ich daran denke, dass Gott in meinem Herzen wohnt, warum ist es dann wichtig, in die Kirche zu gehen?

Heiliger Vater: Auf deine Fragen nach dem »Warum« gibt es eine Antwort. Es ist die Sünde, der menschliche Egoismus: Darum »streiten wir oft« – wie du sagst – und »tun einander weh, hintergehen einander«. Du hast selbst erkannt, dass wir, auch wenn wir in die Kirche gehen, dann wieder Fehler machen, immer Sünder bleiben. Daher fragst du dich zu Recht: Was nützt es, in die Kirche zu gehen? Es dient dazu, uns vor Gott zu stellen, so wie wir sind, ohne uns zu »schminken «, so wie wir vor Gott sind, ohne Schminke. Um zu sagen: »Hier bin ich, Herr, ich bin ein Sünder und bitte dich um Vergebung. Hab Erbarmen mit mir.« Wenn ich in die Kirche gehe, um so zu tun als sei ich ein guter Mensch, dann ist das zu nichts nütze. Wenn ich in die Kirche gehe, weil ich gerne Musik höre oder auch, weil ich mich dort wohlfühle, dann ist es zu nichts nütze. Es nützt etwas, wenn ich am Anfang, wenn ich in die Kirche eintrete, sagen kann: »Hier bin ich, Herr. Tu liebst mich, und ich bin ein Sünder. Hab Erbarmen mit uns.« Jesus sagt uns, dass, wenn wir es so machen, unsere Sünden uns vergeben sind, wenn wir nach Hause zurückkehren. Von ihm geliebkost, mehr von ihm geliebt, wenn wir diese Liebkosung, diese Liebe spüren. So verwandelt Gott allmählich unser Herz durch sein Erbarmen, und er verwandelt auch unser Leben. Wir bleiben nicht immer gleich, sondern werden »bearbeitet«. Gott bearbeitet unser Herz, er ist es, und wir werden bearbeitet wie der Ton in den Händen des Töpfers; und die Liebe Gottes verdrängt unseren Egoismus. Darum glaube ich, dass es wichtig ist, in die Kirche zu gehen: nicht nur um Gott anzuschauen, sondern sich von ihm anschauen lassen. Das denke ich. Danke.

Frage: Warum gibt es Eltern, die gesunde Kinder lieben, kranke Kinder oder Kinder, die Probleme haben, jedoch nicht?

Heiliger Vater: Deine Frage betrifft die Eltern, ihre Haltung gegenüber gesunden und kranken Kindern. Ich würde dir dazu Folgendes sagen: Es gibt Erwachsene, die gegenüber den Schwächen der anderen, wie etwa den Krankheiten, schwächer sind, nicht genügend Kraft haben, um Schwächen zu ertragen. Das kommt daher, dass sie selbst schwach sind. Wenn ich einen großen Stein habe, dann kann ich ihn nicht auf einen Pappkarton legen, denn der Stein erdrückt den Karton. Es gibt Eltern, die schwach sind. Habt keine Angst, das zu sagen, das zu denken. Es gibt Eltern, die schwach sind, denn es sind immer Männer und Frauen mit ihren Grenzen, ihren Sünden und den Schwächen, die sie in sich tragen, und vielleicht hatten sie nicht das Glück, dass ihnen geholfen wurde als sie klein waren. Und so gehen sie im Leben voran mit diesen Schwächen, weil ihnen nicht geholfen wurde, sie nicht die Möglichkeit hatten, die wir gehabt haben, einen Freund zu finden, der uns an die Hand nimmt und uns lehrt zu wachsen und stark zu werden, um jene Schwäche zu überwinden.

Es ist schwierig, von schwachen Eltern Hilfe zu bekommen, und manchmal sind wir es, die ihnen helfen müssen. Statt sich über das Leben zu beschweren, weil es mir schwache Eltern geschenkt hat und ich nicht so schwach bin – warum ändern wir nicht lieber etwas und danken Gott, danken dem Leben, weil ich dem Elternteil in seiner Schwachheit helfen kann, damit der Stein nicht den Pappkarton erdrückt. Bist du einverstanden? Danke.

Frage: Im letzten Jahr ist einer unserer Freunde gestorben, die im Waisenhaus geblieben sind. Er ist in der Karwoche gestorben, am Gründonnerstag. Ein orthodoxer Priester hat zu uns gesagt, dass er als Sünder gestorben ist und daher nicht ins Paradies kommen wird. Ich glaube nicht, dass es so ist.

Heiliger Vater: Vielleicht wusste jener Priester nicht, was er sagte, vielleicht ging es jenem Priester an dem Tag nicht gut und er hatte etwas im Herzen, das ihn jene Antwort geben ließ. Keiner von uns kann sagen, dass ein Mensch nicht in den Himmel gekommen ist. Ich sage dir etwas, was dich vielleicht erstaunt: Nicht einmal von Judas können wir es sagen. Du hast dich an deinen Freund erinnert, der gestorben ist. Und du hast dich erinnert, dass er am Gründonnerstag gestorben ist. Mir erscheint das, was du von jenem Priester gehört hast, sehr seltsam. Man müsste es besser verstehen, vielleicht ist es nicht richtig verstanden worden… Jedenfalls sage ich dir, dass Gott uns alle ins Paradies bringen will, niemanden ausgeschlossen, und dass wir in der Karwoche genau das feiern: das Leiden Jesu, der als guter Hirte sein Leben für uns, seine Schafe, hingegeben hat. Und wenn ein Schaf sich verirrt hat, dann geht er es so lange suchen bis er es wiederfindet. So ist es. Gott bleibt nicht ruhig sitzen, sondern er geht hin, wie uns das Evangelium zeigt: Er ist immer unterwegs, um jenes Schaf zu finden, und er erschrickt nicht,

wenn er uns findet, auch wenn wir in einem Zustand großer Schwäche sind, wenn wir schmutzig sind vor Sünden, wenn wir von allen und vom Leben verlassen sind: Er umarmt und küsst uns. Der gute Hirte hätte nicht kommen brauchen, aber er ist für uns gekommen. Und wenn ein Schaf sich verirrt hat, dann legt er es sich, wenn er es findet, auf die Schulter und trägt es voll Freude wieder nach Hause. Ich kann dir eines sagen: So wie ich Jesus kenne, bin ich sicher, dass es das ist, was der Herr in jener Karwoche mit eurem Freund getan hat.

Frage: Warum hatten wir dieses Schicksal? Warum? Welchen Sinn hat es?

Heiliger Vater: Weißt du, es gibt Fragen nach dem »Warum«, auf die es keine Antwort gibt. Zum Beispiel: Warum müssen Kinder leiden? Wer kann darauf eine Antwort geben? Niemand. Dein »Warum« ist eines von denen, auf die es keine menschliche, sondern nur eine göttliche Antwort gibt. Ich weiß nicht, warum dir »dieses Schicksal« widerfahren ist. Wir kennen das »Warum« im Sinne von einem Grund nicht. Was habe ich Böses getan, dass mir dieses Schicksal widerfahren ist? Wir wissen es nicht. Aber wir kennen das »Warum« im Sinne von dem Ziel, das Gott deinem Schicksal geben will, und das Ziel ist die Heilung – der Herr heilt immer –, die Heilung und das Leben.

Jesus sagt das im Evangelium als er einem Blindgeborenen begegnet. Und dieser fragte sich sicher: »Warum bin ich blind geboren?« Die Jünger fragen Jesus: »Warum ist er so? Aufgrund seiner eigenen Sünde oder der seiner Eltern?« Und Jesus antwortet: »Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden« (vgl. Joh 9,1-3). Das bedeutet, dass Gott angesichts vieler schlimmer Situationen, in denen wir uns von Kindheit an befinden können, diese heilen, sie wiedergutmachen will, das Leben dorthin bringen will, wo der Tod ist Das tut Jesus, und das tun auch die Christen, die wirklich mit Jesus vereint sind. Ihr habt es erfahren. Das »Warum« ist eine Begegnung, die vom Schmerz, von der Krankheit, vom Leiden heilt und die Umarmung der Heilung schenkt. Aber es ist ein »Warum«, denn was danach kommt, kann man am Anfang nicht wissen. Ich kenne das »Warum« nicht, ich kann es mir nicht einmal vorstellen; ich weiß, dass es auf diese Fragen nach dem »Warum« keine Antwort gibt. Wenn ihr jedoch die Begegnung mit dem Herrn erfahren habt, mit Jesus, der heilt, der mit einer Umarmung, mit Liebkosungen, mit der Liebe heilt, dann habt ihr nach all dem Schlechten, das ihr erlebt habt, am Ende das gefunden.

Frage: Manchmal fühle ich mich allein und weiß nicht, welchen Sinn mein Leben hat. Meine Tochter lebt bei Pflegeeltern, und einige Menschen verurteilen mich, weil ich keine gute Mutter bin. Ich glaube jedoch, dass es meiner Tochter gut geht und ich die richtige Entscheidung getroffen habe, auch weil wir uns oft sehen.

Heiliger Vater: Ich stimme mit dir überein, dass es in gewissen schwierigen Situationen eine Hilfe sein kann, ein Kind Pflegeeltern anzuvertrauen. Wichtig ist, dass alles mit Liebe geschieht, mit Fürsorge für die Personen, mit großer Achtung. Ich verstehe, dass du sich oft allein fühlst, Ich rate dir, dich nicht zu verschließen, sondern die Gesellschaft der christlichen Gemeinde zu suchen: Jesus ist gekommen, um eine neue Familie zu bilden, seine Familie, wo niemand allein ist und wir alle Brüder und Schwestern sind, Kinder unseres Vaters im Himmel und der Mutter, die Jesus uns geschenkt hat, der Jungfrau Maria.

Und in der Familie der Kirche können wir alle einander begegnen, unsere Wunden heilen und den Mangel an Liebe überwinden, den es oft in unseren menschlichen Familien gibt. Du selbst hast gesagt, dass du glaubst, dass es deiner Tochter in der Pflegefamilie gut geht, auch weil du weißt, dass deine Tochter ihnen wichtig ist und auch du ihnen wichtig bist. Und dann hast du gesagt: »Wir sehen uns oft.« Manchmal hilft uns die Gemeinschaft der christlichen Brüder und Schwestern auf diese Weise. Sich einander anvertrauen. Nicht nur die Kinder. Wenn jemand etwas im Herzen spürt, vertraut er sich der Freundin, dem Freund an und lässt jenen Schmerz aus dem Herzen heraus. Sich brüderlich einander anvertrauen, das ist wunderschön, und das hat Jesus uns gelehrt. Danke.

Frage: Als ich zwei Jahre alt war, hat meine Mutter mich in ein Waisenhaus gebracht. Mit 21 Jahren habe ich meine Mutter aufgesucht und bin zwei Wochen bei ihr geblieben, aber sie hat mich nicht gut behandelt, daher bin ich wieder gegangen. Mein Vater ist gestorben. Ist es denn meine Schuld, dass sie mich nicht will? Warum nimmt sie mich nicht an?

Heiliger Vater: Diese Frage habe ich gut verstanden, weil du sie auf Italienisch gestellt hast. Ich möchte dir gegenüber ehrlich sein. Als ich deine Frage gelesen habe, bevor ich die Anweisungen für die Ansprache gegeben habe, habe ich geweint. Ich war dir mit einigen Tränen nahe. Denn ich weiß nicht, du hast mir viel gegeben; auch die anderen, aber du hast bei mir vielleicht einen wunden Punkt berührt. Wenn man von der Mutter spricht, dann ist da immer etwas… und in dem Augenblick hast du mich zum Weinen gebracht.

Dein »Warum« ähnelt der zweiten Frage, über die Eltern. Es ist keine Frage der Schuld, sondern eine Frage großer Schwäche der Erwachsenen, die in eurem Fall großem Elend geschuldet ist, vielen sozialen Ungerechtigkeiten, die die Kleinen und die Armen niederdrücken, und auch eine Frage großer geistlicher Armut. Ja, die geistliche Armut verhärtet die Herzen und führt zu dem, was unmöglich erscheint: dass eine Mutter ihr eigenes Kind verlässt. Das ist die Frucht des materiellen und geistlichen Elends, die Frucht einen falschen, unmenschlichen Sozialsystems, das die Herzen verhärten lässt, das Fehler machen lässt, das dafür sorgt, dass wir nicht den richtigen Weg finden. Aber weißt du, das wird Zeit brauchen: Du hast etwas Tieferes in ihrem Herzen gesucht.

Deine Mutter liebt dich, aber sie weiß nicht, wie sie es tun soll, sie weiß nicht, wie sie es ausdrücken soll. Sie kann es nicht, weil das Leben hart ist, ungerecht ist. Und sie weiß nicht, wie sie jene Liebe, die in ihr verschlossen ist, zum Ausdruck bringen soll, wie sie dich liebkosen soll. Ich verspreche dir, dafür zu beten, dass sie dir eines Tages jene Liebe zeigen kann. Sei nicht skeptisch, sondern hoffnungsvoll.

Simona Carobene (die Verantwortliche der Initiative) sagte abschließend: Mich hat die Botschaft zum Welttag der Armen sehr berührt. Sie hat mich aufgeschreckt, denn ich habe mich gefragt: »Wie blicke ich meine Kinder und Jugendlichen an?« Manchmal merke ich, dass ich vom Tun vereinnahmt bin und vergesse, warum Jesus uns zusammengeführt hat. Ich muss noch einen Weg der Umkehr gehen, und dieser Weg ist beständig und kann nie als selbstverständlich betrachtet werden. Daher folge ich weiter meinen Kindern und Jugendlichen, weil sie »meine Heiligen« sind. Und ich bleibe mit der Mutter Kirche verhaftet durch das Charisma von Don Giussani, das die konkrete Form ist, die mich dazu gebracht hat, Jesus zu lieben. Gleichzeitig war der Aufruf in Ihrer Botschaft jedoch sehr konkret. Es ging um wahre Umkehr. Ich habe begonnen, mich zu fragen, ob nicht vielleicht der Augenblick gekommen ist, noch einen Schritt mehr in meinem Leben zu tun, was die Annahme und das Teilen betrifft. Es ist ein Herzenswunsch, der gerade in mir entsteht und den ich in der nächsten Zeit prüfen möchte. Auf welche Zeichen soll ich schauen, um zu verstehen, was der Plan für mich ist? Was bedeutet es, die Berufung der Armut bis ins Letzte zu leben?

Heiliger Vater: Simona, danke für dein Zeugnis. Ja, unser Leben ist immer ein Weg, ein Weg in der Nachfolge des Herrn Jesus, der mit geduldiger und treuer Liebe nie aufhört, uns zu erziehen, uns nach seinem Plan wachsen zu lassen. Und manchmal bereitet er uns Überraschungen, um unsere Strukturen zu durchbrechen. Dein Wunsch, im Teilen und in der Armut nach dem Evangelium zu wachsen, kommt vom Heiligen Geist: Das kann man nicht kaufen, mieten, sondern nur der Geist ist in der Lage, das zu tun, und er wird dir helfen, diesen Weg fortzusetzen, auf dem du mit deinen Freunden so viel Gutes getan hast. Ihr habt dem Herrn geholfen, seine Werke für diese Kinder und Jugendlichen zu tun. Ich danke euch allen noch einmal. Euch zu begegnen hat mir sehr gut getan. Ich trage euch in meinem Gebet. Und ich lege euch ans Herz, auch für mich zu beten, weil ich es brauche. Danke!

 



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