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BEGEGNUNG MIT DER SANT'EGIDIO-GEMEINSCHAFT
 ZU DEREN 50. GRÜNDUNGSTAG

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Basilika Santa Maria in Trastevere
Sonntag, 11. März 2018

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Liebe Freunde!

Danke für den herzlichen Empfang! Ich freue mich, anlässlich des 50. Gründungstages der Gemeinschaft Sant’Egidio hier bei euch zu sein. Von dieser Basilika aus – Santa Maria in Trastevere, der Herzmitte eures täglichen Gebets – möchte ich eure Gemeinschaften in aller Welt umarmen. Ich grüße euch alle, insbesondere Professor Andrea Riccardi, der die glückliche Eingebung zu diesem Weg hatte, sowie den Präsidenten Professor Marco Impagliazzo, und danke ihnen für den Willkommensgruß.

Ihr wolltet dieses Fest nicht nur zu einer Feier der Vergangenheit machen, sondern auch und vor allem zu einem freudigen Ausdruck der Verantwortung gegenüber der Zukunft. Das lässt uns an das Gleichnis von den Talenten aus dem Evangelium denken, wo die Rede ist von einem Mann, »der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an« (Mt 25,14). Auch jedem von euch, welchen Alters auch immer, ist mindestens ein Talent mitgegeben. Auf ihm steht das Charisma dieser Gemeinschaft geschrieben: ein Charisma, das ich, als ich im Jahr 2014 hierher gekommen bin, in folgenden Worten zusammengefasst habe: Gebet, Arme und Frieden [auf Italienisch: preghiera, poveri e pace]. Die drei »p«. Und ich habe hinzugefügt: »Und wenn ihr so vorangeht,

dann tragt ihr dazu bei, im Herzen der Gesellschaft das Mitleid wachsen zu lassen – was die wahre Revolution ist, die des Mitleids und der Zärtlichkeit –, die Freundschaft wachsen zu lassen an Stelle der Spukgestalten von Feindschaft und Gleichgültigkeit« (Ansprache beim Besuch der Sant’Egidio-Gemeinschaft, 15. Juni 2014; in O.R. dt., Nr. 26, S. 8). Gebet, Arme und Frieden: Das ist das Talent eurer Gemeinschaft, das innerhalb von 50 Jahren herangereift ist. Ihr empfangt es heute erneut mit Freude. In dem Gleichnis versteckt jedoch ein Diener das Talent in einem Loch und rechtfertigt sich so: »Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt« (V. 25). Dieser Mann hat es nicht verstanden, sein Talent in die Zukunft zu investieren, weil er die Angst zu seiner Ratgeberin gemacht hat.

In der Welt wohnt heute oft die Angst – und auch die Wut, wie Professor Riccardi gesagt hat, die eine Schwester der Angst ist. Das ist eine uralte Krankheit: In der Bibel findet sich häufig die Aufforderung, keine Angst zu haben. Unsere Zeit kennt große Ängste gegenüber den weiten Dimensionen der Globalisierung. Und die Ängste richten sich oft auf den, der fremd ist, anders als wir, arm, so als wäre er ein Feind. Es werden auch Entwicklungspläne der Nationen gemacht, die sich vom Kampf gegen diese Menschen leiten lassen. Daher verteidigt man sich gegen diese Menschen in der Meinung, das zu bewahren, was wir haben oder was wir sind. Die Atmosphäre der Angst kann auch die Christen anstecken, die – wie bei dem Diener im Gleichnis – die empfangene Gabe verstecken: Sie investieren sie nicht in die Zukunft, sie teilen sie nicht mit den anderen, sondern sie bewahren sie für sich selbst: »Ich gehöre zu diesem Verband…; ich bin aus jener Gemeinschaft«. Damit »schminken« sie sich das Leben und lassen das Talent nicht gedeihen.

Wenn wir allein sind, werden wir leicht von Angst ergriffen. Euer Weg richtet euch jedoch darauf aus, gemeinsam der Zukunft entgegenzublicken. Nicht allein, nicht für sich selbst, sondern gemeinsam mit der Kirche. Ihr habt profitiert von dem großen Impuls des Gemeinschaftslebens und der Zugehörigkeit zum Volk Gottes, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgegangen ist, das sagt: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Eure Gemeinschaft, die Ende der 60er-Jahre entstanden ist, ist eine Tochter des Konzils, seiner Botschaft und seines Geistes.

Die Zukunft der Welt erscheint unsicher, das wissen wir, das hören wir jeden Tag in den Fernsehnachrichten. Schaut, wie viele offene Kriege es gibt! Ich weiß, dass ihr für den Frieden betet und arbeitet. Denken wir an die Schmerzen des syrischen Volkes, des geliebten und gepeinigten syrischen Volkes, aus dem ihr in Europa Flüchtlinge aufgenommen habt durch die »humanitären Korridore«. Wie ist es möglich, dass man nach den Tragödien des 20. Jahrhunderts noch immer in dieselbe absurde Logik verfallen kann? Aber das Wort des Herrn ist Licht in der Dunkelheit und schenkt Hoffnung auf Frieden; es hilft uns, keine Angst zu haben, auch angesichts der Kraft des Bösen.

Ihr habt die Worte des Psalms geschrieben: »Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade« (119,105). Wir haben das Wort Gottes unter uns aufgenommen, in festlichem Geist. Mit diesem Geist habt ihr das angenommen, was ich zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit jeder Gemeinschaft ans Herz gelegt habe: dass ein Sonntag im Jahr dem Wort Gottes gewidmet sein soll (vgl. Apostolisches Schreiben Misericordia et misera, 7). Das Wort Gottes hat euch in der Vergangenheit vor den Versuchungen der Ideologie geschützt, und heute befreit es euch von der Einschüchterung der Angst. Daher ermahne ich euch, die Bibel zu lieben und immer mehr darin zu lesen. Jeder wird in ihr die Quelle der Barmherzigkeit gegenüber den Armen, den vom Leben und vom Krieg Verwundeten finden.

Das Wort Gottes ist die Leuchte, mit der man in die Zukunft blicken kann, auch in die Zukunft dieser Gemeinschaft. In seinem Licht kann man die Zeichen der Zeit lesen. Der selige Paul VI. sagte: »Die Entdeckung der ›Zeichen der Zeit‹ […] geht aus einer Auseinandersetzung des Glaubens mit dem Leben hervor«, so dass »die Welt für uns zu einem Buch wird« (Generalaudienz, 16. April 1969). Ein Buch, das mit dem Blick und mit dem Herzen Gottes gelesen werden muss. Das ist die Spiritualität, die vom Konzil kommt, das großes und aufmerksames Mitleid mit der Welt lehrt.

Seit der Entstehung eurer Gemeinschaft ist die Welt »global« geworden: Wirtschaft und Kommunikation wurden sozusagen »vereint«. Aber für viele, insbesondere arme Menschen, wurden neue Mauern errichtet. Die Unterschiede geben Anlass zu Feindschaft und Konflikt; eine Globalisierung der Solidarität und des Geistes muss noch hergestellt werden. Die Zukunft der globalen Welt ist das Zusammenleben: Dieses Ideal erfordert das Bemühen, Brücken zu bauen, den Dialog offen zu halten, einander weiterhin zu begegnen. Es ist nicht nur eine politische oder organisatorische Tatsache. Jeder ist aufgerufen, das eigene Herz zu verändern, indem er einen barmherzigen Blick gegenüber dem anderen annimmt, um Baumeister des Friedens und Prophet der Barmherzigkeit zu werden. Der Samariter aus dem Gleichnis kümmerte sich um den Mann, der halbtot am Straßenrand lag, denn »er sah ihn und hatte Mitleid« (Lk 10,33). Der Samariter hatte keine besondere Verantwortung gegenüber dem verwundeten Mann, und er war ein Fremder. Stattdessen verhielt er sich wie ein Bruder, weil er einen barmherzigen Blick hatte. Der Christ ist von seiner Berufung her der Bruder eines jeden Menschen, besonders wenn er arm ist, und auch wenn er ein Feind ist. Sagt nie: »Was geht mich das an?« Ein schönes Wort, um seine Hände in Unschuld zu waschen! »Was geht mich das an?« Ein barmherziger Blick verpflichtet uns zur schöpferischen Kühnheit der Liebe: Wir brauchen sie sehr! Wir sind Geschwister aller Menschen und daher Propheten einer neuen Welt; und die Kirche ist Zeichen der Einheit des Menschengeschlechts, unter Völkern, Familien, Kulturen.

Ich möchte, dass dieser Jahrestag ein christlicher Jahrestag ist: nicht eine Zeit, um die Ergebnisse oder die Schwierigkeiten zu messen; nicht die Zeit der Bilanzen, sondern die Zeit, in der der Glaube aufgerufen ist, zum neuen Wagemut für das Evangelium zu werden. Der Wagemut ist nicht der Mut eines Tages, sondern die Geduld einer täglichen Sendung in der Stadt und in der Welt. Es ist die Sendung, das menschliche Gefüge der Randgebiete, das Gewalt und Verarmung zerrissen haben, geduldig neu zu knüpfen; das Evangelium mitzuteilen durch die persönliche Freundschaft; zu zeigen, wie ein Leben wirklich menschlich wird, wenn es an der Seite der Ärmsten gelebt wird; eine Gesellschaft zu schaffen, in der niemand mehr ein Fremder ist. Es ist die Sendung, Grenzen und Mauern zu überwinden, um Menschen zu vereinen.

Setzt diesen Weg heute noch wagemutiger fort. Steht den Kindern der Randgebiete weiterhin bei, mit den Friedensschulen, die ich besucht habe; steht den alten Menschen weiterhin bei: Manchmal werden sie ausgesondert, aber für euch sind sie Freunde. Öffnet weiterhin humanitäre Korridore für die Flüchtlinge vor Krieg und Hunger. Die Armen sind euer Schatz! Der Apostel Paulus schreibt: »Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch […] ; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott« (1 Kor 3, 21.23). Ihr gehört Christus! Das ist der tiefe Sinn eurer Geschichte bis heute, aber es ist vor allem der Schlüssel, um sich der Zukunft zu stellen. Gehört immer zu Christus im Gebet, in der Fürsorge um seine kleinsten Brüder und Schwestern, in der Suche nach Frieden, denn er ist unser Friede. Er wird mit euch gehen, er wird euch schützen, und er wird euch leiten! Ich bete für euch, und ihr betet für mich. Danke.

 



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