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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
 AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG
DER PÄPSTLICHEN AKADEMIE FÜR DAS LEBEN

Clementina-Saal
Montag, 25. Februar 2019

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Liebe Brüder und Schwestern!

Ich begrüße euch herzlich anlässlich eurer  Vollversammlung, und ich danke Erzbischof Paglia für seine freundlichen Worte. Diese Begegnung findet am ersten Jubiläum der Akademie für das Leben statt: 25 Jahre nach ihrer Entstehung.

Zu diesem wichtigen Jahrestag habe ich dem Präsidenten im vergangenen Monat ein Schreiben gesandt, das den Titel Humana communitas trägt. Was mich bewegt hat, diese Botschaft zu schreiben, ist vor allem der Wunsch, allen Präsidenten, die einander in der Leitung der Akademie nachgefolgt sind, sowie allen Mitgliedern für den fachkundigen  Dienst und den großherzigen Einsatz zum Schutz und zur Förderung des menschlichen Lebens in diesen 25 Jahre ihrer Tätigkeit zu danken.

Wir kennen die Schwierigkeiten, in denen sich unsere Welt befindet. Das Gefüge der familiären und gesellschaftlichen Beziehungen scheint immer mehr zerrüttet zu sein, und es verbreitet sich eine Tendenz, sich in sich selbst und in die eigenen persönlichen Interessen zu verschließen, mit schwerwiegenden Folgen für die »großen und entscheidenden Frage der Einheit der Menschheitsfamilie und ihrer Zukunft« (Humana communitas, 2). So zeichnet sich ein dramatisches Paradoxon ab: Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Menschheit die wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten besitzt, um einen gerecht verteilten Wohlstand zu erlangen, dem Plan Gottes entsprechend, beobachten wir dagegen eine Verschärfung der Konflikte und eine wachsende Ungleichheit.

Der aufklärerische Mythos vom Fortschritt ist im Untergang begriffen, und die Anhäufung der Fähigkeiten, die Wissenschaft und Technik uns geliefert haben, führt nicht immer zu den erhofften Ergebnissen. Denn einerseits hat die technische Entwicklung uns gestattet, Probleme zu lösen, die bis vor wenigen Jahren un überwindlich waren; und wir sind den Wissenschaftlern, die diese Resultate erlangt haben, dafür dankbar. Andererseits sind Schwierigkeiten und Bedrohungen aufgetreten, die manchmal noch heimtückischer sind als die früheren. Die »Machbarkeit« droht jene in den Schatten zu stellen, die es machen und für die es gemacht wird. Das technokratische System auf der Grundlage des Leis tungsdenkens antwortet nicht auf die tiefsten Fragen, die der Mensch sich stellt. Und wenn es einerseits nicht möglich ist, auf seine Ressourcen zu verzichten, so zwingt es andererseits den Nutzern seine Logik auf. Dennoch ist die Technik charakteristisch für den Menschen.

Sie darf nicht als eine Kraft verstanden werden, die ihm fremd und feind ist, sondern muss als ein Produkt seines Geistes aufgefasst werden, durch das er für den Lebensunterhalt für sich und für die anderen sorgt. Sie ist also eine spezifisch menschliche Weise, die Welt zu bewohnen. Dennoch bringt die heutige Entwicklung der technischen Fähigkeiten eine gefährliche Faszination mit sich: Statt dem menschlichen Leben die Mittel an die Hand zu geben, die Fürsorge zu verbessern, läuft man Gefahr, das Leben der Logik der Geräte auszuliefern, die über seinen Wert entscheiden. Diese Umkehr ist am Ende dazu bestimmt, unheilvolle Ergebnisse hervorzubringen: Die Maschine beschränkt sich nicht darauf, sich selbst zu bedienen, sondern sie bestimmt am Ende über den Menschen. Der menschliche Verstand wird so auf eine von den Wirkungen entfremdete Vernunft reduziert, die nicht als menschenwürdig betrachtet werden kann.

Leider sehen wir die schweren Schäden, die dem Planeten, unserem gemeinsamen Haus, vom unbedachten Gebrauch der technischen Mittel zugefügt werden. Daher ist die globale Bioethik ein wichtiger Bereich, in dem man sich einsetzen muss. Sie bringt das Bewusstsein um den tiefen Einfluss der Umweltfaktoren und der sozialen Faktoren auf die Gesundheit und auf das Leben zum Ausdruck. Dieser Ansatz steht sehr in Einklang mit der ganzheitlichen Ökologie, die in der Enzyklika Laudato si’ beschrieben und gefördert wird. Außerdem müssen wir als Glaubende in der heutigen Welt, die von einer starken Wechselwirkung zwischen verschiedenen Kulturen geprägt ist, unseren besonderen Beitrag zur Suche nach universal gültigen Handlungskriterien leisten: Sie müssen Bezugspunkte für die Entscheidungen derer sein, die schwere Verantwortung für Entscheidungen tragen, die auf nationaler und internationaler Ebene getroffen werden müssen. Das bedeutet auch, am Dialog teilzunehmen, der die Menschenrechte betrifft, und ihre jeweiligen Pflichten deutlich hervorzuheben. Denn diese stellen den Nährboden für die gemeinsame Suche nach einer universalen Ethik dar, zu der es viele Fragen gibt, denen die Überlieferung sich gestellt hat, indem sie aus dem Schatz des Naturrechts geschöpft hat.

Das Schreiben Humana communitas erwähnt ausdrücklich das Thema der Technologien, die »innovativ und konvergierend« sind. Die Möglichkeit, auf die lebendige Materie in immer kleineren Größenordnungen einzuwirken, immer größere Massen an Information zu verarbeiten, die Hirnprozesse der kognitiven und deliberativen Aktivitäten zu überwachen – und zu manipulieren – hat enorme Auswirkungen: Sie berührt die Schwelle der biologischen Eigenart und der geistlichen Besonderheit des Menschen. In diesem Sinne habe ich gesagt: »Die Besonderheit des menschlichen Lebens ist ein absolutes Gut« (Nr. 4).

Es muss erneut betont werden: »Die künstliche Intelligenz, die Robotertechnik und andere technologische Neuerungen müssen so eingesetzt werden, dass sie zum Dienst an der Menschheit und zum Schutz unseres gemeinsamen Hauses statt zum genauen Gegenteil beitragen, wie einige Prognosen leider voraussehen« (Botschaft an das »World Economic Forum« in Davos, 12. Januar 2018). Die jedem Menschen innewohnende Würde muss beharrlich in den Mittelpunkt unserer Reflexion und unseres Handelns gestellt werden.

In diesem Zusammenhang sollte angemerkt werden, dass die Bezeichnung »künstliche Intelligenz «, die gewiss eine Wirkung hervorruft, die Gefahr bergen kann, irreführend zu sein. Die Begriffe verschleiern die Tatsache, dass – trotz der nützlichen Ausführung serviler Tätigkeiten (das ist die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs »Roboter«) – die funktionellen Automatismen qualitativ weit von den menschlichen Formen des Wissens und des Handelns entfernt bleiben. Daher können sie gesellschaftlich gefährlich werden. Im Übrigen ist die Gefahr, dass der Mensch technologisiert – und nicht die Technik menschlicher gestaltet – wird, bereits konkret vorhanden: Sogenannten »intelligenten Maschinen« werden übereilt typisch menschliche Fähigkeiten zugeschrieben. Wir müssen besser verstehen, was Intelligenz, Bewusstsein, Emotivität, affektives Bewusstsein und Autonomie des sittlichen Handelns in diesem Zusammenhang bedeuten. Die künstlichen Geräte, die menschliche Fähigkeiten simulieren, besitzen in Wirklichkeit keine menschlichen Eigenschaften.

Das muss man sich vor Augen halten, um die Reglementierung ihres Einsatzes sowie die Forschung auf eine konstruktive und gerechte Wechselwirkung zwischen den Menschen und den jüngsten Generationen der Maschinen auszurichten. Denn sie verbreiten sich in unserer Welt und verändern radikal das Szenario unseres Lebens. Wenn wir uns diese Hinweise auch konkret zunutze machen, dann können die außerordentlichen Fähigkeiten der neuen Erfindungen ihre Wohltaten auf jeden Menschen und auf die gesamte Menschheit ausstrahlen.

Die laufende Debatte auch in der Fachwelt zeigt die bereits schwerwiegenden Probleme mit der Bewältigung der Algorithmen, die enorme Datenmassen auswerten. Und auch die Technologien zur Manipulierung des Erbguts und der Hirnfunktionen werfen ernsthafte Fragen auf. Auf jeden Fall berücksichtigt der Versuch, die Gesamtheit des Denkens, des Fühlens und der menschlichen Psyche auf der Grundlage der funktionalen Summe seiner physischen und organischen Bestandteile zu erklären, nicht die Notwendigkeit der Phänomene der Erfahrung und des Gewissens. Das Phänomen des Menschen geht über das Ergebnis der kalkulierbaren Zusammensetzung der einzelnen Elemente hinaus.

Auch in diesem Zusammenhang bekommt der Lehrsatz, demzufolge das Ganze dem Teil übergeordnet ist (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 234-237), neue Tiefe und Prägnanz. Gerade auf dieser Linie des komplexen Zusammenwirkens von »psyché« und »techné« bietet andererseits das, was wir über die Hirnaktivität lernen, neue Hinweise zum Verständnis des Bewusstseins (von sich selbst und von der Welt) und des menschlichen Leibes: Um zu einem tieferen Verständnis der ganzheitlichen Dimension des Menschen zu gelangen, darf man nicht über die Verknüpfung zahlreicher Beziehungen hinwegsehen.

Natürlich können wir aus den Daten der empirischen Wissenschaften keine metaphysischen Rückschlüsse ziehen. Wir können daraus jedoch Hinweise gewinnen, die die anthropologische Reflexion – auch in der Theologie – unterweisen, wie es im Übrigen in der Geschichte immer geschehen ist. Denn es würde unserer authentischen Überlieferung entschieden widersprechen, sich auf einen anachronistischen Begriffsapparat zu fixieren, der nicht in der Lage wäre, mit den Veränderungen des Konzepts von Natur und Künstlichkeit, von Konditionierung und Freiheit, von Mittel und Zweck, die von der neuen Kultur des Handelns, die der technologischen Ära zu eigen ist, angemessen in Dialog zu treten. Wir sind aufgerufen, uns auf den Weg zu begeben, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil mit Entschiedenheit eingeschlagen wurde und der die Erneuerung der theologischen Disziplinen und eine kritische Reflexion über die Beziehung zwischen christlichem Glauben und moralischem Handeln fördert (vgl. Optatam totius, 16).

Durch unseren – auch intellektuellen und fachlichen – Einsatz werden wir auf ehrenvolle Weise an der ethischen Allianz zugunsten des menschlichen Lebens teilhaben. Jetzt, in einem Umfeld, in dem immer höher entwickelte technologische Geräte die Eigenschaften des menschlichen Leibes und der menschlichen Psyche unmittelbar einbeziehen, ist es dringend notwendig, mit den Männern und Frauen, die in der wissenschaftlichen Forschung und in der Fürsorge tätig sind, dieses Projekt zu teilen. Es ist gewiss eine schwierige Aufgabe angesichts des rasanten Rhythmus der Erneuerung. Das Vorbild der Meister der glaubenden Intelligenz, die mit Weisheit und Mut in die Prozesse ihrer eigenen Zeit eingetreten sind, im Hinblick auf ein Verständnis des Glaubensguts, das einer menschenwürdigen Vernunft angemessen ist, muss uns ermutigen und stützen.

Ich wünsche euch, das Studium und die Forschung fortzusetzen, damit das Werk der Förderung und Verteidigung des Lebens immer nachhaltiger und fruchtbarer wird. Die jungfräuliche Gottesmutter Maria stehe euch bei, und mein Segen begleite euch. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke.

 



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