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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH RUMÄNIEN
(31. MAI - 2. JUNI 2019)

MARIANISCHE BEGEGNUNG MIT JUGENDLICHEN UND FAMILIEN

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Platz vor dem Kulturpalast (Iaşi)
Samstag, 1. Juni 2019

[Multimedia]


 

Liebe Brüder und Schwestern, bună seara!

Hier mit euch spürt man die Nestwärme einer Familie, umgeben von Kleinen und Großen. Wenn ich euch sehe und höre, ist es leicht, sich zu Hause zu fühlen. Der Papst fühlt sich unter euch zu Hause. Danke für euren herzlichen Empfang und für die Zeugnisse, die ihr uns geschenkt habt. Bischof Petru hat euch alle als guter und stolzer Familienvater mit seinen Worten umarmt und euch vorgestellt; du, Eduard, hast es bestätigt, als du sagtest, dass dies nicht eine Begegnung ausschließlich mit jungen Menschen und auch nicht nur mit Erwachsenen oder anderen sein will, sondern ihr habt gewollt, „dass heute Abend unsere Eltern und Großeltern mit uns zusammen sind“.

Heute wird in diesem Land der Tag des Kindes begangen. Einen Applaus für die Kinder! Ich möchte, dass wir als Erstes für sie beten: Bitten wir die Jungfrau Maria, dass sie sie unter ihrem Mantel schützt. Jesus hat die Kinder in die Mitte der Apostel gestellt; auch wir wollen sie in unsere Mitte stellen und unseren Einsatz bekräftigen, sie mit der gleichen Liebe lieben zu wollen, mit der der Herr sie liebt, indem wir uns bemühen, ihnen das Recht auf die Zukunft zu geben. Es ist das ein schönes Erbe: den Kindern das Recht auf die Zukunft zu geben.

Ich freue mich, auf diesem Platz das Gesicht der Familie Gottes zu erleben: Kinder, Jugendliche, Eheleute, Gottgeweihte, alte Menschen aus verschiedenen Regionen und Traditionen Rumäniens wie auch aus Moldau und ebenso die Gläubigen, die von jenseits des Flusses Pruth gekommen sind und Tschango-Ungarisch, Polnisch oder Russisch sprechen. Der Heilige Geist ruft uns alle zusammen und hilft uns zu entdecken, wie schön es ist, zusammen zu sein und einander begegnen zu können, um gemeinsam voranzugehen. Jeder mit seiner Sprache und Tradition, aber froh, sich unter Geschwistern zu treffen. Mit dieser Freude, die Elisabeth und Ioan – tüchtig diese beiden! – mit uns geteilt haben zusammen mit ihren elf Kindern, die alle unterschiedlich sind und von verschiedenen Orten gekommen sind, aber »heute alle vereint sind, so wie wir auch vor einiger Zeit jeden Sonntagmorgen alle gemeinsam den Weg zur Kirche nahmen«. Es ist das Glück der Eltern, die Kinder vereint zu sehen. Sicherlich feiert man im Himmel heute, wenn man so viele Söhne und Töchter sieht, die entschieden haben, zusammen zu bleiben.

Es ist die Erfahrung eines neuen Pfingsten, wie wir in der ersten Lesung gehört haben. Wo der Geist unsere Unterschiede umfängt und uns die Kraft gibt, neue Wege der Hoffnung zu eröffnen, indem er aus jedem das Beste herausholt; der gleiche Weg, den die Apostel vor zweitausend Jahren begonnen haben und auf dem heute wir den Staffelstab übernehmen und uns zum Aussäen entscheiden müssen. Wir können nicht warten, dass es andere tun, wir sind an der Reihe. Wir sind verantwortlich! Wir sind an der Reihe!

Es ist schwierig, gemeinsam voranzugehen, nicht wahr? Es ist eine Gabe, um die wir bitten müssen, ein kunstfertiges Werk, das wir aufbauen sollen, und eine schöne Gabe, die wir weitergeben müssen. Aber wo sollen wir beginnen, um gemeinsam voranzugehen?

Ich möchte nochmals den Großeltern Elisabeth und Ioan die Worte „klauen“. Es ist schön zu sehen, wenn die Liebe in Hingabe und Einsatz, in Arbeit und Gebet Wurzeln schlägt. Die Liebe hat in euch Wurzeln geschlagen und hat viel Frucht getragen. Wie der Prophet Joël sagt, wenn sich Junge und Alte begegnen, haben die Großeltern keine Angst zu träumen (vgl. Joël, 3,1). Und dies war euer Traum: »Wir träumen, dass sie sich eine Zukunft aufbauen können, ohne zu vergessen, von wo sie aufgebrochen sind. Wir träumen, dass unser ganzes Volk seine Wurzeln nicht vergisst.« Ihr schaut auf die Zukunft und öffnet das Morgen für eure Kinder, für eure Enkel, für euer Volk und bietet das Beste, was ihr während eures Weges gelernt habt: Sie sollen nicht vergessen, von wo sie aufgebrochen sind. Wo auch immer sie hingehen werden, was auch immer sie tun werden, sie sollen die Wurzeln nicht vergessen. Es ist der gleiche Traum, die gleiche Empfehlung, die der heilige Paulus Timotheus gab: den Glauben seiner Mutter und seiner Großmutter lebendig zu halten (vgl. 2 Tim 1,5-7). In dem Maße, in dem du wächst – in allen Sinnen: du wirst stark, groß und machst dir dabei auch einen Namen –, vergiss nicht, was du an Schönem und Kostbarem in der Familie gelernt hast. Es ist die Weisheit, die man mit den Jahren erwirbt: Wenn du wächst, vergiss nicht deine Mutter und deine Großmutter und jenen einfachen, aber standhaften Glauben, der sie kennzeichnete und ihnen Kraft und Beständigkeit gab, um weiterzugehen und nicht die Hände sinken zu lassen. Es ist eine Einladung, für die Großzügigkeit, den Mut und die Selbstlosigkeit eines „häuslichen“ Glaubens, der unbemerkt bleibt, aber allmählich das Reich Gottes aufbaut, zu danken und diese wiederzubeleben.

Gewiss, der Glaube ist nicht „an der Börse notiert“, er verkauft sich nicht und, wie uns Eduard in Erinnerung rief, es kann den Anschein haben, dass »er nichts bringt«. Aber der Glaube ist ein Geschenk, das eine tiefe und schöne Gewissheit lebendig hält: unsere Zugehörigkeit als Kinder, als von Gott geliebte Kinder. Gott liebt mit Vaterliebe. Jedes Leben, jeder von uns gehört ihm an. Es ist eine Zugehörigkeit als Kinder, aber auch als Enkel, Eheleute, Großeltern, Freunde, Nachbarn; eine Zugehörigkeit als Geschwister. Der böse Feind spaltet, zerstreut, trennt und schafft Zwietracht, sät Misstrauen. Er will, dass wir „abgetrennt“ von den anderen und uns selbst leben. Der Heilige Geist erinnert uns im Gegensatz dazu, dass wir nicht anonyme, abstrakte Wesen, gesichtslose und geschichtslose Wesen ohne Identität sind. Wir sind weder leere noch oberflächliche Wesen. Es gibt ein sehr starkes geistliches Netz, das uns vereint, die Verbindung herstellt und uns unterstützt und das stärker ist als jede andere Art von Verbindung. Und dieses Netz sind die Wurzeln: zu wissen, dass wir zueinander gehören, dass das Leben eines jeden im Leben der anderen verankert ist. »Die jungen Menschen blühen auf, wenn sie wirklich geliebt sind«, sagte Eduard. Alle blühen wir auf, wenn wir uns geliebt fühlen. Denn die Liebe schlägt Wurzeln und lädt uns ein, im Leben der anderen Wurzeln zu schlagen. So sagen es jene schönen Worte eures Nationaldichters, der seinem geliebten Rumänien wünschte: »Deine Kinder mögen einzig in Brüderlichkeit leben wie die Sterne der Nacht« (M. Eminescu, „Was ich dir wünsche, geliebtes Rumänien“). Eminescu war ein bedeutender Dichter, er wurde groß und fühlte sich reif, aber nicht nur das: er hatte einen brüderlichen Sinn, und deswegen wollte er, dass Rumänien, dass alle Rumänen brüderlich seien „wie die Sterne in der Nacht“. Wir gehören einander an und das persönliche Glück kommt darüber, dass man die anderen glücklich macht. Alles Übrige sind Märchen.

Um dort, wo du bist, gemeinsam voranzugehen, vergiss nicht, was du in der Familie gelernt hast. Vergiss deine Wurzeln nicht.

Dies hat mich an die Weissagung eines heiligen Eremiten dieses Landes erinnert. Als der Mönch Galaction Ilie aus dem Kloster Sihăstria eines Tages mit den Schafen durch das Gebirge zog, begegnete er einem heiligen Eremiten, den er kannte, und fragte ihn: „Sag mir, Vater, wann wird das Ende der Welt sein?“. Und der ehrwürdige Eremit seufzte von Herzen und sagte: „Vater Galaction, weißt du, wann das Ende der Welt sein wird?“ Wenn es vom Nächsten zum Nächsten keine Wege mehr geben wird! Also, wenn es keine christliche Liebe und kein Verständnis unter Geschwistern, Verwandten, Christen und Völkern mehr geben wird! Wenn die Personen nicht mehr lieben werden, wird wirklich das Ende der Welt sein. Denn ohne Liebe und ohne Gott kann kein Mensch auf der Erde leben!

Das Leben beginnt zu erlöschen und zu verderben, unser Herz hört auf zu schlagen und trocknet aus, die Alten werden nicht träumen und die Jungen werden nicht weissagen, wenn es vom Nächsten zum Nächsten keine Wege mehr geben wird … Denn ohne Liebe und ohne Gott kann kein Mensch auf der Erde leben.

Eduard sagte uns, dass er wie viele andere aus seinem Land versucht, den Glauben inmitten zahlreicher Herausforderungen zu leben. Es gibt wirklich viele Herausforderungen, die uns entmutigen und uns in uns selbst verschließen lassen können. Wir können es nicht leugnen, wir können nicht so tun, als ob nichts wäre. Die Schwierigkeiten gibt es und sie sind offenkundig. Doch das mag nicht dazu führen, dass wir aus den Augen verlieren, dass der Glaube uns die größte der Herausforderungen schenkt: jene nämlich, die dich keineswegs in dich verschließt oder abschottet, sondern das Beste von jedem aufkeimen lässt. Der Herr ist der Erste, der uns herausfordert und uns sagt, dass das Schlimmste eintritt, „wenn es vom Nächsten zum Nächsten keine Wege mehr geben wird“, wenn wir mehr Schützengräben als Straßen sehen. Der Herr schenkt uns einen Gesang, der stärker ist als der aller Sirenen, die unseren Gang lähmen wollen. Und er tut es auf dieselbe Weise, indem er einen noch schöneren und anziehenderen Gesang anstimmt.

Der Herr gibt uns allen eine Berufung, die eine Herausforderung ist, damit wir die Talente und die Fähigkeiten entdecken, die wir besitzen, und damit wir sie in den Dienst der anderen stellen. Er verlangt von uns, unsere Freiheit als Wahlfreiheit zu nutzen, zu einem Plan der Liebe Ja zu sagen, zu einem Antlitz, zu einem Blick. Dies ist eine viel größere Freiheit als Dinge konsumieren und kaufen zu können. Eine Berufung, die uns in Bewegung setzt, die uns die Schützengräben einebnen und die Wege erschließen lässt, die uns an diese Zugehörigkeit als Kinder und Geschwister erinnern.

Von dieser historischen und kulturellen Landeshauptstadt brach man im Mittelalter gemeinsam als Pilger über die Via Transilvanica nach Santiago de Compostela auf. Heute leben hier viele Studenten aus verschiedenen Teilen der Welt. Ich erinnere mich an eine virtuelle Begegnung, die wir im März mit Scholas Occurentes hatten, bei dem man mir auch sagte, dass diese Stadt während dieses Jahres die nationale Hauptstadt der Jugend sei. Stimmt das? Stimmt das, dass diese Stadt dieses Jahr die nationale Hauptstadt der Jugend ist? [Antwort der Jugendlichen: „Ja!“] Ein Hoch auf die Jugendlichen! Zwei sehr gute Elemente: eine Stadt, die Prozesse geschichtlich eröffnen und anstoßen kann – wie den Jakobsweg –; eine Stadt, die, wie gegenwärtig, jungen Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt Gastfreundschaft bieten kann. Zwei Eigenschaften, die an die Möglichkeiten und die große Mission erinnern, die ihr entwickeln könnt: Wege erschließen, um gemeinsam voranzugehen und den Traum der Großeltern umzusetzen, der Prophetie ist: ohne Liebe und ohne Gott kann kein Mensch auf der Erde leben. Von hier können heute weiter neue Zukunftswege hin zu Europa und zu den vielen anderen Orten der Welt ausgehen. Ihr, junge Freunde, seid Pilger des 21. Jahrhunderts, die sich die Bindungen, die uns vereinen, neu vorstellen können.

Aber es geht nicht darum, große Programme oder Projekte zu erschaffen, sondern den Glauben wachsen zu lassen, zuzulassen, dass die Wurzeln uns den Lebenssaft bringen. Der Glaube wird – wie ich euch zu Beginn gesagt habe – nicht allein mit Worten weitergegeben, sondern mit Gesten, Blicken, Liebkosungen wie die unserer Mütter, unserer Großmütter; mit dem Geschmack der Dinge, die wir auf einfache und ursprüngliche Weise zu Hause gelernt haben: dass wir zuhören, wo viel Lärm herrscht; dass wir Eintracht stiften, wo es Verwirrung gibt; dass wir Klarheit bringen, wo sich alles in Zweideutigkeit hüllt; dass wir ein Miteinander schaffen, wo es Ausschließung gibt; dass wir inmitten von Sensationslust, Mitteilungen und schnellen Nachrichten um die Unversehrtheit der anderen Sorge tragen; dass wir inmitten der Aggressivität dem Frieden den Vorrang geben; dass wir inmitten von Falschheit Wahrheit bringen; dass wir in allem, in allem lieber Wege eröffnen, damit wir fühlen, dass wir als Kinder des Vaters und als Brüder und Schwestern zueinander gehören (vgl. Botschaft für den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2018). Diese letzten Worte, die ich gerade gesagt habe, klingen nach der „Musik“ des Franz von Assisi. Wisst ihr, was der heilige Franz von Assisi seinen Brüdern geraten hat, um den Glauben weiterzugeben? Er sagte so: „Geht, verkündet das Evangelium, und wenn es nötig ist, auch mit Worten.“ [Applaus] Dieser Applaus gilt dem heiligen Franz von Assisi!

Ich bin gleich fertig, mir fehlt noch ein Absatz, aber ich möchte es nicht unterlassen zu erzählen, was ich gerade erlebt habe, als ich auf den Platz gekommen bin. Da war eine ältere Frau, ziemlich alt, eine Großmutter. Auf dem Arm hielt sie das Enkelkind, das mehr oder weniger zwei Monate alt war, nicht älter. Als ich vorbeiging, hat sie es mir gezeigt. Sie lächelte dabei, und sie lächelte mit einem verschwörerischen Lächeln, als wollte sie mir sagen: „Schau, jetzt kann ich träumen!“ In dem Moment war ich sehr gerührt und hatte nicht den Mut, hinzugehen und sie hier nach vorne zu holen. Deswegen erzähle ich es. Die Großeltern träumen, wenn die Enkel voranschreiten, und die Enkel haben Mut, wenn sie die Wurzeln von den Großeltern haben.

Rumänien ist der „der Gottesmutter geweihte Garten“ und bei dieser Begegnung konnte ich mir dessen bewusst werden, weil sie Mutter ist, die die Träume ihrer Kinder pflegt, ihre Hoffnungen hütet und die Freude ins Haus bringt. Sie ist zartfühlende und konkrete Mutter, die sich um uns sorgt. Ihr seid die lebendige und blühende von Hoffnung erfüllte Gemeinschaft, die wir der Mutter schenken können. Ihr, unserer Mutter, weihen wir die Zukunft der jungen Menschen, die Zukunft der Familien und der Kirche. Mulțumesc! [Danke!].

 



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