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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 29. August 200
1

 

,,Der Herr, Schöpfer der Welt, beschützt sein Volk"
(Lesung: Jdt 6, 1 – 2a. 3 – 15)

Der soeben vorgetragene Lobgesang (Jdt 6, 1 –17) wird Judit zugeschrieben, einer Heldin, die zum Stolz aller Frauen Israels wurde, weil es ihr beschieden war, die befreiende Kraft Gottes in einer für das Leben ihres Volkes dramatischen Zeit zum Ausdruck zu bringen. Die Liturgie der Laudes läßt uns nur wenige Verse ihres Gesangs beten. Sie laden uns zum Feiern, zum Singen mit fester Stimme, zum Spielen mit Pauken und Zimbeln ein, um den Herrn, »der den Kriegen ein Ende setzt« (V. 2), zu loben. 

Der letztgenannte Ausdruck, der das wahre Antlitz des friedliebenden Gottes beschreibt, führt uns in den Kontext der Entstehung dieser Hymne ein: Völlig überraschend hatten die Israeliten einen Sieg errungen durch das Wirken Gottes, der eingreift, um sie vor einer bevorstehenden und vollkommenen Niederlage zu bewahren. 

2. Der Verfasser dieser Bibelstelle rekonstruiert dieses Ereignis einige Jahrhunderte später, um den Brüdern und Schwestern im Glauben, die sich in einer schwierigen Situation entmutigt fühlen, ein Vorbild vor Augen zu stellen, das ihnen Mut machen kann. So berichtet er, was Israel zustieß, als Nebukadnezzar, der verärgert war über den Widerstand dieses Volkes angesichts seiner Expansionsvorhaben und seiner Forderung der Götzenanbetung, seinen General Holofernes aussandte mit dem strikten Befehl, es zu bezwingen und zu vernichten. Niemand sollte ihm Widerstand leisten, ihm, der beanspruchte, wie ein Gott verehrt zu werden. Und sein General, der diese Überheblichkeit teilte, hatte gelacht über die von ihm erhaltene Warnung, Israel nicht anzugreifen, weil dies wie ein Angriff gegen Gott selbst gewesen wäre. 

Im Grunde genommen will der Autor eben diesen Grundsatz bekräftigen, um die Gläubigen seines Zeitalters in der Treue zum Gott des Bundes zu bestärken: Man muß Gott vertrauen. Der wahre Feind, den Israel fürchten soll, sind nicht die Mächtigen dieser Erde, sondern die Untreue gegenüber dem Herrn. Ein solches Tun beraubt es des göttlichen Schutzes und macht es verwundbar. Wenn es aber treu ist, kann das Volk auf die Kraft Gottes selbst zählen: »Wunderbar bist du in deiner Stärke; keiner kann dich übertreffen« (V. 13). 

3. Dieses Prinzip zeigt sich in der ganzen Geschichte Judits auf wundervolle Weise. Die Szenerie ist die eines inzwischen von Feinden besetzten Landes Israel. Aus dem Gesang geht die Dramatik jener Zeit eindeutig hervor: »Assur kam von den Bergen des Nordens mit seiner unzählbaren Streitmacht; die Masse der Truppen verstopfte die Täler, sein Reiterheer bedeckte die Hügel« (V. 3). Sarkastisch wird die vergängliche Überheblichkeit des Feindes herausgestellt: »Brandschatzen wollten sie mein Gebiet, die Jugend morden mit scharfem Schwert, den zarten Säugling am Boden zerschmettern, die Kinder als Beute verschleppen, als billigen Raub die Mädchen entführen« (V. 4). 

Die durch die Worte Judits beschriebene Situation ähnelt anderen von Israel erlebten, in denen die Rettung erst dann kam, als alles ausweglos schien. War nicht auch die Rettung beim Exodus, beim wunderbaren Durchzug durch das Rote Meer, so gewesen? Auch jetzt zerstört die Belagerung durch ein zahlenstarkes und mächtiges Heer jede Hoffnung. All dies unterstreicht jedoch vor allem die Macht Gottes, der sich als unbezwingbarer Beschützer seines Volkes erweist. 

4. Das Werk Gottes geht umso strahlender daraus hervor, weil er sich nicht eines Kriegers oder eines Heeres bedient. Wie schon einmal, zur Zeit Deboras, als er den kanaanäischen General Sisera durch die Hand Jaëls, einer Frau, entmachtet hatte (vgl. Ri 4,7 – 2), bedient er sich nun wiederum einer wehrlosen Frau, um seinem Volk in Schwierigkeiten zu Hilfe zu kommen. Von ihrem Glauben stark gemacht, wagt sich Judit ins feindliche Lager, betört den Heerführer mit ihrer Schönheit und tötet ihn auf demütigende Weise. Der Gesang hebt diese Tatsache deutlich hervor: »Doch der Herr, der Allmächtige, gab sie preis, er gab sie der Vernichtung preis durch die Hand einer Frau. Ihr Held fiel nicht durch die Kraft junger Männer, nicht Söhne von Riesen erschlugen ihn, noch traten ihm hohe Recken entgegen. Nein, Judit, Meraris Tochter, bannte seine Macht mit dem Reiz ihrer Schönheit« (Jdt 6,5 – 6). 

Die Gestalt Judits entwickelt sich in der Folgezeit zum Archetyp, der es nicht nur der jüdischen, sondern auch der christlichen Überlieferung ermöglicht, die Vorliebe Gottes für alles, was als hinfällig und schwach angesehen wird, herauszustellen;es wird aber gerade deshalb erwählt, um die göttliche Macht zu offenbaren. Sie ist eine vorbildliche Persönlichkeit, die auch die Berufung und Sendung der Frau darzustellen vermag, welche mit ihren besonderen Wesenszügen ebenso wie der Mann dazu aufgerufen ist, eine wesentliche Rolle im Heilsplan Gottes zu spielen. Verschiedene Äußerungen aus dem Buch Judit werden mehr oder minder wörtlich in die christliche Tradition übergehen, die in der jüdischen Heldin eine Art Vorwegnahm Marias erkennen wird. Hört man etwa nicht einen Widerhall der Worte Judits, wenn Maria im Magnificat singt: »Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen« (Lk 1,52)? Daraus wird ersichtlich, warum die liturgische Tradition der Christen in Ost und West der Mutter Jesu gerne für Judit gedachte Titel zuweist, wie beispielweise die folgenden: »Du bist der Ruhm Jerusalems, du bist die große Freude Israels und der Stolz unseres Volkes« (Jdt 5,9). 

5. Von der Erfahrung des Sieges ausgehend, schließt der Gesang Judits mit der Aufforderung, ein neues Lied zu Gott zu erheben und ihn als »groß und voll Herrlichkeit« anzuerkennen. Gleichzeitig werden alle Geschöpfe ermahnt, sich Demjenigen zu unterwerfen, der mit seinem Wort alles erschaffen und es mit seinem Geist geformt hat. Wer kann der Stimme Gottes widerstehen? Judit erinnert sehr nachdrücklich daran: Vor dem Schöpfer und Herrn der Geschichte werden die Berge in ihrem Grund erbeben und die Felsen wie Wachs zerschmelzen (vgl. Jdt 6,5). Das sind eindrucksvolle Metaphern, um darauf hinzuweisen, daß vor der Macht Gottes alle Dinge »nichts« sind. Dieser Siegesgesang will jedoch nicht Schrecken verbreiten, sondern Trost spenden, denn Gott läßt jenen seine unbesiegbare Macht als Stütze zuteil werden, die ihm treu sind: »Doch wer dich fürchtet, der erfährt deine Gnade« (ebd.). 


Liebe Schwestern und Brüder!

Wir haben soeben Judits Lobgesang gehört. Mit diesen Worten feiert der Gläubige den Sieg Gottes über den Feind und erfreut sich seiner befreienden Allmacht. Wir sind eingeladen, den Herrn zu rühmen, "der den Kriegen ein Ende setzt". 

Der Sieg über den Feind Israels lehrt uns, daß dem auserwählten Volk nur ein einziger Feind auflauert: die Untreue gegenüber dem Gott der Treue. Gott hält sein Versprechen, wenn sein Volk den Bund mit ihm bewahrt. Nur ein treues Volk kann singen: "Wunderbar bist du in deiner Stärke, keiner kann dich übertreffen. "

Judit gehört in die Reihe der großen Frauen des Alten Testaments. Obwohl oft als "schwaches Geschlecht" abqualifiziert, bedient sich Gott der Frauen, um seine Stärke zu zeigen. Mit Maria singen wir im Magnificat: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen" (Lk 1,52). 

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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Besonders herzlich grüße ich die zahlreichen Jugendlichen und Ministranten. Euch, Euren Angehörigen daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, erteile ich gern den Apostolischen Segen. 

       



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