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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 6. November 2002

 

Lesung: Psalm 98, 1.3.5-6 
1 Ein neues Lied auf den Richter und Retter. [Ein Psalm.] 
Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er hat wunderbare Taten vollbracht. Er hat mit seiner Rechten geholfen und mit seinem heiligen Arm. 
3 Er dachte an seine Huld und an seine Treue zum Hause Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
5 Spielt dem Herrn auf der Harfe, auf der Harfe zu lautem Gesang! 
6 Zum Schall der Trompeten und Hörner jauchzt vor dem Herrn, dem König! 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Der soeben vorgetragene Psalm 98 gehört zu einer Psalmengattung, der wir auf unserem geistlichen Weg, den wir im Licht des Psalters gehen, schon begegnet sind. 

Es handelt sich um eine Hymne an den Herrn, den König, den Herrscher des Universums und der Geschichte (vgl. V. 6). Sie wird als »neues Lied« (V. 1) bezeichnet; damit ist im biblischen Sprachgebrauch ein langes, feierliches, getragenes Lied mit Instrumentalbegleitung gemeint. In der Tat werden das Spiel »auf der Harfe zu lautem Gesang« (vgl. V. 5), die Trompeten und die Hörner, aber auch eine Art von kosmischer Beifallsbekundung erwähnt (vgl. V. 8). 

Des weiteren erklingt wiederholt der Name des »Herrn« (sechsmal); er wird als »unser Gott« angerufen (V. 3). Im Mittelpunkt steht also Gott in seiner ganzen Majestät, wie er in der Geschichte das Heil wirkt, und auf den man wartet, daß er kommt, um die Erde und die Völker »zu richten« (V. 9). Das hebräische Wort für »Gericht« bedeutet auch »herrschen«: Man erwartet deshalb das wirksame Handeln des Herrschers der ganzen Erde, der Frieden und Gerechtigkeit bringen wird. 

2. Der Psalm beginnt mit der Ankündigung des göttlichen Eingreifens in die Geschichte Israels (vgl. V. 1-3). Die Bilder der »Rechten« und des »heiligen Arms« verweisen auf den Auszug, auf die Befreiung von der Knechtschaft in Ägypten (vgl. V. 1). Der Bund mit dem auserwählten Volk wird hingegen durch die beiden großen göttlichen Vollkommenheiten »Liebe« und »Treue« hervorgehoben (vgl. V. 3). 

Diese Heilszeichen werden »vor den Augen der Völker« und bis an »die Enden der Erde« (V. 2. 3) bezeugt, damit die ganze Menschheit zu Gott, dem Retter, hingezogen wird und sich seinem Wort und seinem Heilswerk öffnet. 

3. Die Aufnahme, die dem in der Geschichte wirkenden Herrn vorbehalten ist, wird durch ein Loblied angezeigt: Außer dem Orchester und den Liedern des Tempels von Zion (vgl. V. 5-6) nimmt auch das Universum teil, das eine Art kosmisches Gotteshaus bildet. 

In diesem großen Loblied gibt es vier Sänger. Der erste ist das Meer mit seinem Brausen, das gleichsam die begleitende Baßstimme zu diesem großartigen Lobpreis bildet (vgl. V. 7). Ihm folgen die Erde und die ganze Welt (vgl. V. 4. 7)mit allen ihren in feierlicher Harmonie vereinten Bewohnern. An dritter Stelle kommen die Flüsse, die als Arme des Meeres betrachtet werden und durch ihre rhythmische Bewegung Beifall zu klatschen scheinen (vgl. V. 8). Zuletzt erscheinen die Berge, die vor dem Herrn zu jubeln und zu tanzen scheinen, auch wenn sie die gewaltigsten und stattlichsten Geschöpfe sind (vgl. V. 8; Ps 28, 6; 113, 6). 

Ein gewaltiger Chor also, der nur ein Ziel hat: den Herrn, den König und gerechten Richter, zu verherrlichen. Am Schluß des Psalms wird, wie schon erwähnt, Gott vorgestellt, der »kommt, um die Erde gerecht … so, wie es recht ist«, zu richten (und zu regieren) (Ps 97, 9). 

Unsere große Hoffnung und Bitte lautet also: »Dein Reich komme!«, ein Reich des Friedens in Gerechtigkeit und Ruhe, das die ursprüngliche Harmonie der Schöpfung wiederherstellt.

4. Der Apostel Paulus hat in diesem Psalm mit großer Freude eine Prophetie des Werkes Gottes im Geheimnis Christi erkannt. Paulus bediente sich des 2. Verses, um das Thema seines großen Briefes an die Römer deutlich zu machen: Im Evangelium »wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart« (vgl. Röm 1, 17) und »ist die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden« (vgl. Röm 3, 21). 

Die Auslegung von seiten des Apostels Paulus verleiht dem Psalm eine tiefere Sinnfülle. Wenn er in der Sicht des Alten Testaments gelesen wird, verkündet der Psalm, daß Gott sein Volk rettet und daß alle Völker, die das sehen, in Bewunderung ausbrechen. In christlicher Sicht hingegen wirkt Gott das Heil in Christus, dem Sohn Israels; alle Völker sehen ihn und werden eingeladen, dieses Heil zu nutzen, denn das Evangelium »ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen«, das heißt den Heiden (Röm 1, 16). »Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes« nicht nur (Ps 97, 3), sondern sie haben es auch empfangen. Christliche Neuheit des gekreuzigten Erlösers 

5. Der christliche Schriftsteller Origines aus dem 3. Jahrhundert deutete in einem Text, der später von Hieronymus wieder aufgegriffen wurde, das »neue Lied« des Psalms als eine vorweggenommene Feier der christlichen Neuheit des gekreuzigten Erlösers. Folgen wir seinem Kommentar, der das Lied des Psalmisten mit der Verkündigung des Evangeliums verbindet. 

»Das neue Lied ist der Sohn Gottes, der gekreuzigt wurde – was man bisher noch nie gehört hatte. Eine neue Wirklichkeit erfordert ein neues Lied. ›Singt dem Herrn ein neues Lied.‹ Er, der gelitten hat, ist in Wirklichkeit ein Mensch; aber ihr singt dem Herrn. Er hat das Leiden als Mensch ertragen, wurde aber als Gott gerettet.« Origines schreibt weiter:Christus »hat unter den Juden Wunder vollbracht: Er hat Lahme geheilt, Aussätzige rein gemacht, Tote auferweckt. Aber auch andere Propheten taten das. Er hat wenige Brote in viele verwandelt, er hat eine riesige Volksmenge gespeist. Aber auch Eliseus tat dasselbe. Also, was ist das Neue, das er getan hat und das ein neues Lied verdienen würde? Wollt ihr wissen, was er Neues getan hat? Gott ist als Mensch gestorben, damit die Menschen das Leben haben. Der Sohn Gottes wurde gekreuzigt, um uns bis in den Himmel zu erheben« (74 Homilien über as Buch der Psalmen, Mailand 1993, S. 309-310). 


Gottes Heilstaten sind immer aktuell: stets aufs Neue, in Geschichte und Gegenwart, schenkt der Herr seine Gnade. Auch unsere Antwort muß im „Jetzt" stehen, immer ganz „neu" sein. 

Wir Christen machen uns daher gerne das Gotteslob Israels in Psalm 98 zu eigen: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht!" (Ps. 98, 1). Unser „neues Lied" will den Schöpfer, Erlöser und Heiligmacher, in perfekter, voller und feierlicher Weise verherrlichen. Auch durch unseren Lobpreis sollen „alle Enden der Erde das Heil unseres Gottes" erfahren dürfen (vgl. Ps. 98, 3). 

***

Von Herzen heiße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern willkommen. Mein besonderer Gruß gilt heute den Teilnehmern der Rom-Seminare des Collegium Orientale Eichstätt und des Bistums Hildesheim. Laßt nicht nach, die Heilstaten Gottes der Welt zu künden. Singt stets aufs Neue das Lob des Herrn!

             



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