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 ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE BISCHÖFE DER VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA (REGION XIII) ZU DEREN BESUCH
"AD LIMINA APOSTOLORUM"

Samstag, 5. Mai 2012

 

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

Mit Zuneigung im Herrn begrüße ich euch alle und versichere euch meines Gebets und meiner guten Wünsche für eine gnadenreiche Pilgerfahrt ad limina Apostolorum. Im Verlauf unserer Begegnungen habe ich mit euch und euren bischöflichen Mitbrüdern über die intellektuellen und kulturellen Herausforderungen der Neuevangelisierung im Kontext der zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft nachgedacht. Bei dieser Ansprache möchte ich über den Religionsunterricht und die Glaubensbildung der kommenden Generation von Katholiken in eurem Land sprechen.

Vor allem bringe ich meine Anerkennung für den großen Fortschritt zum Ausdruck, der in den letzten Jahren erzielt worden ist im Hinblick auf die Verbesserung der Katechese, der Überprüfung der Texte und ihrer Angleichung an den Katechismus der Katholischen Kirche. Bedeutende Anstrengungen werden ebenso unternommen, um das große Erbe der amerikanischen Grund- und Sekundarschulen zu erhalten, die vom demographischen Wandel und den gestiegenen Kosten stark betroffen sind. Gleichzeitig wurde sichergestellt, daß die von ihnen erteilte Ausbildung allen Familien zugänglich bleibt, wie auch immer ihre finanzielle Lage aussehen mag. Wie bei unseren Treffen oft erwähnt worden ist, bleiben diese Schulen weiterhin ein wesentliches Mittel der Neuevangelisierung, und der wichtige Beitrag, den sie für die gesamte amerikanische Gesellschaft leisten, sollte mehr geschätzt und großzügiger unterstützt werden.

Im Bereich der höheren Schulen haben viele von euch darauf hingewiesen, daß es auf seiten der katholischen höheren Schulen und Universitäten ein wachsendes Bewußtsein der Notwendigkeit gibt, die ihnen eigene besondere Identität zu stärken in Treue zu ihren Gründungsidealen und zur Sendung der Kirche im Dienst am Evangelium. Es bleibt allerdings noch viel zu tun, vor allem in solch grundlegenden Bereichen wie der Übereinstimmung mit der in Kanon 812 festgelegten Beauftragung für diejenigen, die theologische Disziplinen lehren. Die hohe Bedeutung dieser kanonischen Norm als konkreter Ausdruck der kirchlichen Gemeinschaft und der Solidarität im Lehrapostolat der Kirche wird noch klarer, wenn wir an die Verwirrung denken, die durch Fälle offensichtlicher Opposition zwischen einigen Vertretern katholischer Institutionen und der pastoralen Leitung der Kirche geschaffen wurden: eine derartige Uneinigkeit beeinträchtigt das Zeugnis der Kirche und kann, wie die Erfahrung gezeigt hat, leicht ausgenutzt werden, um ihrer Glaubwürdigkeit zu schaden und ihre Freiheit zu beeinträchtigen.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die Vermittlung einer soliden Glaubensbildung an die jungen Menschen die dringlichste interne Herausforderung ist, vor der die katholische Gemeinschaft in eurem Land steht. Das Glaubensgut ist ein unbezahlbarer Schatz, den jede Generation an die nächste weitergeben muß, indem sie Herzen für Jesus Christus gewinnt und das Denken formt in der Kenntnis und dem Verständnis der Kirche und in der Liebe zu ihr. Es ist erfreulich zu sehen, daß auch in unseren Tagen die in ihrer Weite und Unversehrtheit dargebotene christliche Sichtweise sich als sehr ansprechend erweist für die Vorstellung, den Idealismus und die Wünsche der jungen Menschen, die ein Recht darauf haben, dem Glauben in all seiner Schönheit, mit seinem intellektuellen Reichtum und seinen radikalen Forderungen zu begegnen.

Ich möchte hier nur einige Punkte vorlegen, die sich hoffentlich als hilfreich erweisen werden für eure Aufgabe der Unterscheidung bei der Bewältigung dieser Herausforderung. Zunächst besteht, wie wir wissen, die wesentliche Aufgabe einer echten Erziehung auf allen Ebenen nicht in einer bloßen Weitergabe von Wissen, so wichtig das ist, sondern auch in der Formung des Herzens. Es besteht die stete Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der intellektuellen Strenge bei der wirksamen, anziehenden und umfassenden Vermittlung des Reichtums des kirchlichen Glaubens und der Formung der jungen Menschen in der Liebe zu Gott, in der Praxis der christlichen Moral und des sakramentalen Lebens sowie nicht zuletzt der Pflege des persönlichen und liturgischen Gebets.

Daraus folgt, daß die Frage der katholischen Identität, nicht zuletzt auf Universitätsebene, sehr viel mehr beinhaltet, als Religion zu lehren oder das reine Vorhandensein einer Seelsorgestelle auf dem Hochschulgelände. Nur zu oft, so scheint es, waren die Schulen und höheren Bildungseinrichtungen nicht in der Lage, Schüler und Studenten dazu herauszufordern, sich ihren Glauben erneut zu eigen zu machen als Teil der aufregenden intellektuellen Entdeckungen, die die Erfahrung der höheren Bildung kennzeichnen.

Die Tatsache, daß so viele Studienanfänger von Familie, Schule und gemeinschaftlichen Unterstützungssystemen getrennt sind, die zuvor die Weitergabe des Glaubens erleichtert haben, sollte die katholischen Institutionen beständig dazu anspornen, neue und wirksame Netzwerke der Unterstützung zu schaffen. In jedem Aspekt ihrer Ausbildung müssen die Schüler und Studenten ermutigt werden, eine Sichtweise von der Übereinstimmung von Glaube und Vernunft zu entwickeln, die in der Lage ist, ein lebenslanges Streben nach Wissen und Tugend zu leiten. Wie immer spielen in diesem Prozeß die Lehrer eine wesentliche Rolle, die andere inspirieren durch ihre offensichtliche Liebe zu Christus, durch ihr Zeugnis einer gesunden Frömmigkeit und durch ihre Bindung an jene »sapientia Christiana«, die Glauben und Leben, intellektuelle Leidenschaft und Ehrfurcht vor dem Glanz der Wahrheit, sowohl der menschlichen wie auch der göttlichen, zu einer Einheit verbinden. Denn Glaube erfordert seinem Wesen entsprechend eine konstante und allumfassende Hinwendung zur in Christus offenbarten Fülle der Wahrheit. Er ist der schöpferische Logos, durch den alles geschaffen wurde und in dem die gesamte Wirklichkeit »Bestand hat« (Kol 1,17); er ist der neue Adam, der die letzte Wahrheit über den Menschen und die Welt, in der wir leben, offenbart.

In einer Zeit großen kulturellen Wandels und gesellschaftlicher Umbrüche, der unseren nicht unähnlich, wies Augustinus auf diese innere Verbindung von Glauben und dem intellektuellen Unterfangen des Menschen hin, indem er sich auf Plato berief, der gesagt hat: »Die Wahrheit zu lieben, heißt Gott zu lieben« (vgl. De Civitate Dei, VIII,8). Die christliche Hingabe an das Lernen, aus dem die mittelalterlichen Universitäten entstanden sind, beruhte auf der Überzeugung, daß der eine Gott als Quell aller Wahrheit und Güte gleichermaßen die Quelle des leidenschaftlichen Wunsches des Verstandes nach Erkenntnis und Wissen ist sowie der Sehnsucht des Willens nach Erfüllung in der Liebe.

Erst unter diesem Aspekt können wir den entscheidenden Beitrag der katholischen Bildung und Erziehung schätzen, die sich für eine »Diakonie der Wahrheit« einsetzt, inspiriert von der intellektuellen Nächstenliebe, die weiß, das andere zur Wahrheit zu führen, letztlich ein Akt der Liebe ist (vgl. Ansprache an die katholischen Erzieher, Washington, 17. April 2008). Die aus dem Glauben hervorgehende Erkenntnis der Einheit allen Wissens stellt ein Bollwerk gegen die Entfremdung und Zerrissenheit dar, die auftritt, wenn der Gebrauch der Vernunft losgelöst wird von der Suche nach Wahrheit und Tugend; in dieser Hinsicht haben die katholischen Institutionen eine besondere Rolle zu spielen durch ihre Hilfe, heute die Krise der Universitäten zu überwinden. Fest verwurzelt in dieser Sicht des inneren Zusammenwirkens von Glauben, Vernunft und dem Streben nach menschlicher Beispielhaftigkeit müssen alle christlichen Intellektuellen und alle kirchlichen Bildungseinrichtungen davon überzeugt sein – und danach streben, andere davon zu überzeugen –, daß kein Aspekt der Realität dem Geheimnis der Erlösung und der Herrschaft des auferstandenen Herrn über die gesamte Schöpfung fremd ist oder unberührt von ihr ist.

Während meines Pastoralbesuchs in den Vereinigten Staaten habe ich davon gesprochen, daß für die Kirche in Amerika »die Pflege einer Geisteshaltung, einer intellektuellen Kultur, die wirklich katholisch ist«, notwendig sei (vgl. Predigt im Nationals Stadion, Washington, 17. April 2008). Diese Aufgabe anzugehen beinhaltet sicherlich eine Erneuerung der Apologetik und eine Betonung der katholischen Unverwechselbarkeit; letztlich jedoch muß darauf abgezielt werden, die befreiende Wahrheit Christi zu verkünden sowie zu mehr Dialog und Zusammenarbeit anzuregen beim Aufbau einer Gesellschaft, die immer fester in einem echten, vom Evangelium inspirierten Humanismus verankert ist, in der Treue zu den höchsten Werten von Amerikas zivilem und kulturellem Erbe.

Im gegenwärtigen Augenblick der Geschichte eurer Nation ist dies eine Herausforderung und eine Chance, die die gesamte katholische Gemeinschaft angeht, und die kirchlichen Bildungseinrichtungen sollten die ersten sein, die dies erkennen und sich zu eigen machen. Zum Abschluß dieser kurzen Überlegungen möchte ich erneut meiner Dankbarkeit und der der ganzen Kirche Ausdruck verleihen für das großherzige, oft mit persönlichen Opfern verbundene Engagement, das so viele Lehrer und Mitarbeiter in der Verwaltung an den Tag legen, die im großen Netzwerk der katholischen Schulen eures Landes tätig sind. Euch, liebe Mitbrüder, und allen eurer pastoralen Sorge anvertrauten Gläubigen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen als Unterpfand der Weisheit, der Freude und des Friedens im auferstandenen Herrn.

 



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