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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

       Die Diktatur des Einheitsdenkens

 Donnerstag, 10. April 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 18, 2. Mai  2014

 

»Auch heute gibt es die Diktatur des Einheitsdenkens.« Wenn man nicht auf eine ganz bestimmte Art und Weise denkt, dann gilt man nicht als zeitgemäß, als offen. Und noch schlimmer ist es, »wenn einige politische Verantwortungsträger um finanzielle Hilfe bitten« und zur Antwort erhalten: »Aber wenn du diese Hilfe erhalten willst, dann musst du so denken und dieses und jenes Gesetz verabschieden.« Die Gefahr des Einheitsdenkens, das die Beziehung zu Gott untergräbt, stand im Mittelpunkt der Predigt, die Papst Franziskus bei der Frühmesse am Donnerstag, 10. April, im Haus Santa Marta hielt.

»Das Phänomen des Einheitsdenkens« habe »im Lauf der Menschheitsgeschichte nichts als Unglück« hervorgerufen, so der Papst, wobei er auch an die Tragödien der Diktaturen des 20. Jahrhunderts erinnerte. Aber, so sagte er, man könne reagieren: Indem man bete und wache. Unter Bezug auf die Schriftlesungen zum Tage betonte der Papst, dass uns die Liturgie »die Verheißung Gottes an unseren Vater Abraham zeigt«. Dies bezieht sich auf die Lesung aus dem Buch Genesis (17,3-9), wo Gott Abraham verheiße, dass er »der Stammvater einer Menge von Völkern« sein werde. Und »von diesem Augenblick an«, so erläuterte der Heilige Vater, »begann das Volk Gottes, sich auf den Weg zu machen, wobei es versuchte«, diese Verheißung zu verwirklichen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Es sei »eine Verheißung, die auch von Seiten Abrahams mit Gott die Gestalt eines Bundes annimmt«. In der Tat sage Gott zu Abraham: »Du aber halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, Generation um Generation.« Man müsse also »den Bund halten«.

Und damit, so fuhr der Papst fort, »versteht man, dass die Gebote kein kaltes Gesetz sind; die Gebote entstanden aus dieser Beziehung der Liebe, aus dieser Verheißung, aus diesem Bund«. Und der Papst setzte –wobei er von der Stelle aus dem Johannesevangelium (8, 51-59) ausging, die in der heutigen Messe gelesen wurde – seine Überlegung fort, indem er darauf verwies, dass »jene Schriftgelehrten, die keine guten Menschen waren und Jesus steinigen wollten – zu jener Zeit gab es aber auch gute Pharisäer und Schriftgelehrte –, den Irrtum begingen, die Gebote von der Verheißung, vom Bund abzutrennen.« Also »die Gebote vom Herzen Gottes abzutrennen, der Abraham geboten hatte, immer weiter zu wandern.« Papst Franziskus zufolge entsteht »der Irrtum, der Fehler dieser Leute« dadurch, dass sie »den Weg der Hoffnung« nicht verstanden hätten: »Sie glaubten, dass mit den Geboten alles getan sei, dass alles erfüllt sei.« Aber »die Gebote, die aus der Liebe zu dieser Treue Gottes hervorgegangen sind, sind Regeln, die es ermöglichen, weiterzugehen, Hinweise, um nicht in die Irre zu gehen: Sie helfen uns, weiterzugehen und zur Begegnung mit Jesus zu gelangen.« »Diese Leute, über die das Evangelium heute spricht, sind außerstande, die Erfüllung der Gebote mit dem Bund Gottes mit ihrem Vater Abraham in Verbindung zu bringen.« Und sie hätten unentwegt wiederholt: »Es gibt Gebote, die wir befolgen müssen!« Sie täten dies, weil »sie ihr Herz verschlossen haben, weil ihr Geist allem Neuen gegenüber verschlossen ist wie auch dem gegenüber, was die Propheten verheißen hatten.« Für sie gelte einzig und allein der Leitsatz »Wir müssen so handeln, und so muss man weitergehen!«

Das, so merkte der Papst an, »ist die Tragödie des verschlossenen Herzens, die Tragödie eines verschlossenen Geistes. Und wenn das Herz verschlossen ist, dann verschließt dieses Herz den Geist. Und wenn Herz und Geist verschlossen sind, dann gibt es keinen Platz für Gott.« Ja, so erläuterte der Papst, da seien »nur wir allein«, und überdies sagten wir auch noch voller Überzeugung, dass »man ausschließlich das tun soll, was ich glaube«, überdies auch noch in der Gewissheit, genau das zu tun, »was die Gebote vorschreiben«. Aber »die Gebote bringen eine Verheißung und die Propheten rufen diese Verheißung wach.«

Angesichts eines »verschlossenen Geistes ist es Jesus nicht möglich, zu überzeugen, ist es unmöglich, eine neue Botschaft zu übermitteln«. Die im Übrigen »gar nicht neu ist«, sondern »das ist, was die Treue Gottes und der Propheten verheißen hatte.« Und doch »verstehen« Jesu Gesprächspartner das nicht: »Ihr Verstand ist verschlossen, ihr Denken ist verschlossen, weil sie infolge ihres Egoismus und durch ihre Sünden ihr Herz verschlossen haben.« Also »ist ihr Denken verschlossen, das nicht für den Dialog, für die Möglichkeit offen ist, dass es noch etwas anderes gibt, für die Möglichkeit, dass Gott zu uns spricht und uns sagt, welches sein Weg ist, so wie er es bei den Propheten getan hat.« Gewiss, so fügte der Papst hinzu, »hatten diese Leute die Propheten nicht angehört, und sie hörten auch Jesus nicht an.« Es handle sich bei ihnen aber »um etwas mehr als um bloße Dickköpfigkeit. Nein, es ist mehr! Es ist der Götzendienst des eigenen Denkens: Ich denke so, es muss so sein, und dabei bleibt es!«

Die Pharisäer im heutigen Evangelium »verfügten über eine einzige Denkweise, und diese Denkweise wollten sie dem Volk Gottes aufzwingen. Deshalb tadelt Jesus sie dafür, dass sie dem Volk viele Gebote aufladen. Er tadelt die Widersprüchlichkeit«, die eine Folge ihrer Denkweise sei: »So muss man es tun und nicht anders! « Auf diese Weise hätten sie »eine Theologie, die zur Sklavin dieses schematischen Einheitsdenkens wird«. Am Ende gebe es »keinerlei Möglichkeit zum Dialog, dazu, sich der Neuheit zu öffnen, die Gott mit den Propheten bringt«. Im Übrigen hätten diese Leute »die Propheten getötet « und »das Tor zu Gottes Verheißung« verschlossen. Das »Phänomen des Einheitsdenkens« habe stets »nur Unglück über die Menschheitsgeschichte gebracht«, so bekräftigte der Papst. »Wir haben im vergangenen Jahrhundert die Diktaturen des Einheitsdenken gesehen, die am Ende viele Menschen getötet haben.« Sie hätten sich als Herren gefühlt, und »man durfte auf keine abweichende Art denken: so denkt man!«

Aber »auch heute noch«, so warnte der Papst, »gibt es den Götzendienst des Einheitsdenkens. Heute soll man so denken, und wenn du nicht so denkst, dann bist du nicht modern, dann bist du nicht offen.« Oder, schlimmer noch, so fuhr er fort, wie oft »geschieht es, dass, wenn einige politische Verantwortungsträger um finanzielle Hilfe bitten, sie die Antwort erhalten ›aber wenn du diese Hilfe willst, dann musst du so denken und du musst dieses Gesetz machen und jenes‹.«

Also »gibt es auch heute die Diktatur des Einheitsdenkens, und diese Diktatur ist identisch mit der jener Leute«, von denen das Evangelium spreche. Die Vorgehensweise sei dieselbe. Es seien Leute, die »Steine aufnehmen, um die Freiheit der Völker zu steinigen, die Freiheit der Menschen, die Gewissensfreiheit, die Beziehung der Menschen zu Gott. Und Jesus wird heute ein weiteres Mal gekreuzigt.« Und damit, so fuhr der Papst fort, »ist das keine vergangene Geschichte jener Zeit, eine Geschichte der bösen Pharisäer – es gab aber auch gute Pharisäer –, eine Geschichte dieser verschlossenen Menschen. Es ist eine Geschichte auch unserer Zeit.« Und »der Rat des Herrn angesichts dieser Diktatur ist stets der gleiche: wachen und beten.«

Der Papst schloss mit der Ermahnung, »nicht dumm zu sein«, keine Dinge zu kaufen, die unnötig seien. Und »demütig zu sein und darum zu beten, dass der Herr uns stets die Freiheit eines Herzens schenke, das offen ist, sein Wort zu empfangen, das Verheißung und Freude ist! Es ist ein Bund! Und mit diesem Bund dann weiterzugehen.«

 



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