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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Wer den Schlüssel weggenommen hat

Donnerstag, 15. Oktober  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 43, 23. Oktober 2015

 

»Es gibt etwas, das für uns Christen sehr schwer zu verstehen ist, nämlich dass Christus das Heil umsonst geschenkt hat.« Es gebe seit jeher »Schriftgelehrte«, die die Menschen betrügen, wenn sie die Liebe Gottes in »beengte Horizonte« pressen, während sie in Wirklichkeit etwas »Unermessliches, Grenzenloses« sei. Diesen Aspekt habe Jesus selbst verdeutlicht, auch der Apostel Paulus und viele Heilige in der Geschichte bis in unsere Tage, unter ihnen auch die heilige Teresa von Avila. Aus Anlass des liturgischen Gedenktags der Karmelitin und Mystikerin, deren 500. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, unterstrich Papst Franziskus, dass diese Frau vom Herrn »die Gnade empfangen hat, den weiten Horizont der Liebe zu verstehen«.

Der Papst feierte am Donnerstag, 15. Oktober, wie gewohnt die Frühmesse in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta und bezog die Tageslesungen – aus dem Römerbrief des heiligen Paulus (3,21-30a) und aus dem Lukasevangelium (11,47-54) – auf die außerordentlichen Erfahrungen der heiligen Teresa. Auch sie, so erklärte er, »wurde von den Schriftgelehrten ihrer Zeit verurteilt. Sie musste nicht ins Gefängnis gehen, aber sie ist dem nur knapp entkommen und wurde in ein anderes Kloster versetzt, überwacht.« Im Übrigen sei dies »ein Kampf, der sich durch die Geschichte, die ganze Geschichte zieht«.

Von dieser Geschichte sprächen beide Schriftlesungen. Franziskus bemerkte, dass sowohl Paulus als auch Jesus »ein wenig wütend, zumindest etwas verärgert« zu sein schienen, und er stellte die Frage nach dem Grund. Paulus »verteidigte die Lehre, er war der große Verteidiger der Lehre, und der Ärger wurde hervorgerufen von den Leuten, die diese Lehre nicht duldeten«. Welche Lehre? »Dass das Heil umsonst geschenkt ist. Gott hat uns unentgeltlich gerettet und er hat uns alle gerettet«, sagte Franziskus. Dagegen habe es Gruppen gegeben, die sagten: »Nein, nur der Mensch, der Mann, die Frau werden gerettet, die dies und dies und dies tun… die diese Werke tun und diese Gebote erfüllen.« Aber so sei »aus dem, was unverdient geschenkt sei, aus der Liebe Gottes, durch diese Leute, gegen die Paulus die Stimme erhebt«, letztendlich etwas geworden, »was wir verdienen können: ›Wenn ich dies tue, dann ist Gott verpflichtet, mir das Heil zu schenken.‹ Das nennt Paulus ›das Heil durch die Werke‹.«

Gerade deshalb ist es so schwer, die Unentgeltlichkeit des Heils in Christus zu verstehen. »Wir sind daran gewöhnt«, so fuhr der Papst fort, »zu hören, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der aus Liebe gekommen ist, um uns zu retten und der für uns gestorben ist. Aber wir haben es so oft gehört, dass wir daran gewöhnt sind.« In der Tat wären wir dann, »wenn wir in dieses göttliche Geheimnis eindringen, in diese Liebe Gottes, diese grenzenlose Liebe, diese ungeheuer große Liebe«, derart »überwältigt«, dass »wir es vielleicht vorziehen, sie nicht zu begreifen: wir ziehen das Heil im Stil von ›wir erbringen diese Leistungen und sind dann gerettet‹ vor«. Sicher, so erklärte der Papst, »es ist gut, Gutes zu tun, die Dinge zu tun, die Jesus uns tun heißt, und man soll sie tun«; aber »das ist es nicht, woher das Wesentliche  des Heils kommt. Das ist meine Antwort auf das Heil: dass es umsonst ist, dass es aus der unentgeltlichen Liebe Gottes stammt«.

Und aus eben diesem Grund mag Jesus selbst »ein wenig scharf mit den Schriftgelehrten umgehen«, denen er »starke und sehr harte Dinge sagt: ›Ihr habt den Schlüssel (der Tür) zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen  und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert, denn ihr habt den Schlüssel weggenommen‹, also den Schlüssel der Unentgeltlichkeit  des Heils, den Schlüssel zu dieser Erkenntnis «. Tatsächlich, so betonte der Papst, hätten diese Schriftgelehrten gedacht, dass man sich  nur so retten könne, dass man »alle Gebote befolge«, während »der, der das nicht tat, verurteilt war«. Franziskus sagte, unter Zuhilfenahme eines äußerst evokativen Bildes, das sie praktisch  »die Horizonte Gottes beschnitten und die Liebe Gottes zu etwas ganz winzig Kleinem machten, das dem Maß eines jeden von uns entspricht«.

So erkläre sich also »der Kampf, den sowohl Jesus als auch Paulus führen, um die Lehre zu verteidigen«. Und denen, die etwas dagegen einzuwenden hätten: »Aber Vater, gibt es denn die Gebote nicht mehr?« antwortete Franziskus: »Ja, es gibt sie noch! Aber es gibt deren eines, und Jesus sagt, dass es praktisch die Synthese aller Gebote sei: Gott zu lieben, und den Nächsten zu lieben «. Gerade dank »dieser inneren Liebeshaltung sind wir auf der Unentgeltlichkeit des Heils gewachsen, denn die Liebe ist unentgeltlich«. Ein Beispiel dafür? »Wenn ich sage: ›Oh, ich liebe dich!‹, verfolge damit aber ein Interesse, dann ist das keine Liebe, sondern Eigennutz. Und aus eben diesem Grund sagt Jesus: ›Die größte Liebe aber ist diese: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft, und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst‹. Denn das ist das einzige Gebot, dass der Unentgeltlichkeit des göttlichen  Heils gerecht wird«. Das gehe so weit, dass Jesus hinzufüge: »In diesem Gebot sind alle anderen enthalten, denn dieses – das alles Gute bewirkt – zieht alle anderen nach sich‹. Die Quelle dafür aber ist die Liebe: der Horizont ist die Liebe. Wenn du deine Tür verschlossen hast und den  Schlüssel der Liebe weggenommen hast, dann wirst du der Höhe der Unentgeltlichkeit, die dir zuteil geworden ist, nicht gerecht.« Das sei eine Geschichte, die sich immer von neuem wiederhole. »Wie viele Heilige«, so bekräftigte Franziskus, »wurden verfolgt, um die Liebe, die Unentgeltlichkeit des Heils, die Lehre zu verteidigen. Viele Heilige. Denken wir etwa an Jeanne d’Arc.« Denn der »Kampf um die Kontrolle des Heils – nur diese da werden gerettet, diese da, die diese Dinge erfüllen – endete keineswegs mit Jesus und mit Paulus«. Und er ende auch nicht mit uns. In der Tat handle es sich dabei um einen Kampf, den auch wir in unserem Inneren ausfechten.

Daher empfahl der Papst: »Es wird uns gut tun, uns heute die Frage zu stellen: Glaube ich daran, dass der Herr mich unentgeltlich gerettet hat? Glaube ich daran, dass ich das Heil nicht verdiene? Und dass es, wenn ich etwas verdiene, ich es durch Jesus Christus und das, was er für mich getan hat, verdiene? Das ist eine schöne Frage: Glaube ich an die Unentgeltlichkeit des Heils? Und schließlich: Glaube ich daran, dass die Liebe die einzige Antwort ist, das Gebot der Liebe, von dem Jesus sagt, dass in ihm all die Lehren aller Propheten und das ganze Gesetz enthalten sind?« Daraus leite sich die abschließende Aufforderung ab, »heute diese Fragen« neu zu stellen. »Nur so werden wir dieser so erbarmungsvollen Liebe treu sein: der Liebe eines Vaters und einer Mutter, weil auch Gott sagt, dass er wie eine Mutter zu uns ist; Liebe, weite Horizonte, ohne irgendwelche Grenzen, ohne Begrenzung. Und wir lassen uns nicht von den Schriftgelehrten täuschen, die diese Liebe beschränken wollen.«

 

 



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