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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Niemals ausgrenzen

Donnerstag, 5. November  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 47, 20. November 2015

 

Jesus fordert uns dazu auf, alle Menschen durch ganz konkrete Tatsachen mit einzubeziehen, denn als Christen »haben wir nicht das Recht dazu«, die anderen auszuschließen, über sie zu urteilen und ihnen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Schon deshalb, weil »das ausschließende Verhalten« die Wurzel des Übels aller Kriege sei, seien sie nun groß oder klein. Das hat Papst Franziskus im Rahmen der Frühmesse betont, die er am Donnerstag, 5. November, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

»Der heilige Paulus«, so bemerkte der Papst unter Verweis auf die Erste Lesung aus dem Römerbrief (14, 7-12), »wird nicht müde, an das Geschenk Gottes zu erinnern, jenes Geschenk, das Gott uns dadurch gemacht hat, dass er uns von Neuem geschaffen, dass er uns regeneriert hat.« Und »er spricht dieses gewaltige Wort: ›Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.‹« Also, so fuhr Franziskus fort, »schafft Christus, der einigt, Einheit; Christus, der durch sein Opfer auf seinem Leidensweg die Einbeziehung aller Menschen in das Heil zustande gebracht hat«.

»Die Verhaltensweise, die Paulus hervorheben will, ist gerade jene der Einschließung«, so erläuterte der Papst. Tatsächlich wolle der Apostel, »dass die Menschen sich integrativ verhalten, dass sie jedermann einbeziehen, wie es der Herr getan hat. Und er mahnt: ›Und angesichts dessen, was der Herr getan hat: Wie kannst also du deinen Bruder richten? Und du, wie kannst du deinen Bruder verachten?‹« Kurz, der Apostel »vermittelt ihnen das Gefühl, dass sie eine Verhaltensweise an den Tag legen, die mitnichten jener des Herrn entspricht«. Denn »der Herr schließt ein; auch Paulus sagte an einer anderen Stelle: ›Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden)‹«. Dagegen »schließen diese da aus«.

»Wenn wir über einen Menschen urteilen«, so fuhr Franziskus fort, »dann nehmen wir einen Ausschluss vor«, indem wir etwa sagten: »Mit diesem nicht, mit jenem nicht, und auch mit dem da nicht…« Durch diese Vorgehensweise »bleiben wir in unserem Grüppchen, wir sind selektiv, und das ist unchristlich«. Und wir würden sagen: »Nein, der da ist nämlich ein Sünder, jener hat dies und das getan…« Das Problem, so beharrte der Papst, sei, dass »wir über die anderen zu Gericht sitzen«. Aber »dasselbe ist Jesus widerfahren«. Und das stehe im Evangelientext aus dem Lukasevangelium (15,1-10): »In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus – also die Ausgegrenzten, all jene, die nicht dazu gehörten –, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: ›Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.‹«

Auch »die Verhaltensweise der Römer zielte darauf ab, auszugrenzen«. Das sei der Grund dafür, dass Paulus sie »dazu ermahnt, nicht zu urteilen «. Es handle sich um haargenau die »selbe Einstellung der Schriftgelehrten, der Pharisäer, die sagen: ›Wir sind vollkommen, wir befolgen das Gesetz: diese da sind Sünder, sie sind Zöllner‹«. Aber »die Verhaltensweise Jesu besteht darin, einzubeziehen«. Daher, so erläuterte der Papst, »stehen zwei mögliche Wege offen: der Weg der Ausgrenzung der Menschen aus unserer Gemeinschaft, und der Weg der Einbeziehung«. Und »der erste ist, auch wenn es nur im Kleinen geschieht, die Wurzel aller Kriege: alle Katastrophen, alle Konflikte beginnen mit einer Ausgrenzung«. So »schließt man von der internationalen Staatengemeinschaft aus, aber auch aus Familien: wie viel Streit gibt es doch unter Freunden!« Dagegen sei »der Weg, den uns Jesus zeigt, und den Jesus uns lehrt, ganz anders, er ist das Gegenteil des ersteren: er besteht in der Einbeziehung«.

Im Evangelium, so erläuterte der Papst, »machen uns zwei Gleichnisse verständlich, dass es keineswegs leicht ist, Menschen einzuschließen, denn es gibt Widerstand, es gibt dieses selektive Verhalten: es ist nicht leicht«. Das erste der Gleichnisse berichte von »einem Hirten, der mit  den Schafen heimkehrt und bemerkt, dass eines der hundert fehlt«. Gewiss, er hätte sagen können: »Morgen werde ich es finden…« Statt dessen »lässt er alles liegen und stehen – er war hungrig, er hatte den ganzen Tag gearbeitet – und breche spätabends, vielleicht bei Dunkelheit auf, um es zu finden«. Dasselbe »macht auch Jesus mit diesen Sündern, den Zöllnern: er geht zum Essen zu ihnen, um sie zu finden«. Das zweite Gleichnis, auf das sich der Papst bezog, ist jenes »über die Frau, die ihre Drachmen verliert: es geschieht dasselbe, sie zündet eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geld wiederfindet«. Und »vielleicht braucht sie den ganzen Tag dazu, aber sie findet es«. »Was geschieht in diesen beiden Fällen?«, so fragte sich Franziskus an diesem Punkt. Es geschehe, dass der Hirte und die Frau »voller Freude sind, weil sie das, was verloren war, wiedergefunden haben. Und sie rufen ihre Nachbarn, ihre Freunde zusammen, weil sie überglücklich sind: ›Ich habe es wiedergefunden, ich habe es miteingeschlossen!‹ « Genau »das ist Gottes Art der Einbeziehung«, so betonte der Papst, »im Gegensatz zur Ausgrenzung, die der vornimmt, der urteilt, der die Leute, die Menschen verjagt«, indem er sage: »Nein, dieser nicht, jener nicht, der da nicht…« und sich »einen kleinen Freundeskreis schafft, der sein Umfeld darstellt«.

Das, so fügte der Papst hinzu, »ist die Dialektik zwischen Ausgrenzung und Einschließung: Gott hat uns alle ins Heil eingeschlossen, uns alle!« Und »das ist der Anfang: wir mit unseren Schwächen, mit unseren Sünden, mit unserer Missgunst, unserem Neid legen immer diese Verhaltensweise der Ausgrenzung an den Tag, die, wie ich schon gesagt habe, bis zum Krieg führen kann«. Jesus handle gerade so wie der Vater, »als dieser ihn gesandt hat, um uns zu retten: er sucht nach uns, um uns einzuschließen, um Teil der Gemeinschaft zu werden, um eine Familie zu sein«. Und »die Freude des Paulus ist das große Heil, das ihm durch den Herrn zuteil wurde«. Gerade so, so bekräftigte der Papst, indem er wieder auf die beiden biblischen Gleichnisse zurückkam, wie auch die Freude des Hirten und jene der Frau gerade darin bestände, »das wiedergefunden zu haben, was sie für immer verloren zu haben glaubten«.

Zusammen mit seiner Aufforderung zur Reflexion empfahl Franziskus, niemals zu urteilen, »nicht einmal ein bisschen« bei den »Kleinigkeiten unseres Alltags«. Denn »Gott weiß: es ist sein Leben. Aber ich schließe ihn nicht aus meinem Herzen, aus meinem Gebet, aus meinem Lächeln aus, und wenn sich die Gelegenheit ergeben sollte, dann sage ich ein liebes Wort zu ihm«. Kurz: »niemals ausschließen, wir haben nicht das Recht«, das zu tun. Paulus schreibe im Römerbrief: »Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Also wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst ablegen.« Wenn ich also »ausschließe, dann werde ich eines Tages vor dem Richterstuhl Gottes stehen und werde Rechenschaft über mich selbst ablegen müssen«.

Der Papst schloss mit der Bitte um »die Gnade, Männer und Frauen zu sein, die stets einschließen – immer! – im Rahmen einer gesunden Vorsicht, aber trotzdem immer«. Man dürfe niemals »irgendjemand die Tür vor der Nase zuschlagen«, sondern solle »immer ein offenes Herz haben«. Und man könne sagen, »das gefällt mir, das gefällt mir nicht«, wobei man aber trotzdem »das Herz offen halten« solle.

 



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