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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Die Umkehr nicht aufschieben

Donnerstag, 23. Februar 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 10, 10. März 2017)

 

Der »Skandal« dessen, der sich als Christ bekennt und dann sein wahres Gesicht mit einem Leben zeigt, das in nichts christlich ist, sowie das Gegen-Zeugnis dessen, der das Leben der anderen »ausbeutet« und »zerstört«, während er so tut, als sei er ein guter Katholik: darauf konzentrierten sich die Betrachtungen von Papst Franziskus bei der heiligen Messe in Santa Marta am Donnerstag, den 23. Februar. Franziskus kommentierte die strengen Worte Jesu im Evangelium und rief die Protagonisten gewisser »Doppelleben « zur Umkehr auf.

Die Predigt des Papstes ging von Psalm 1 aus, in dem zu lesen ist: »Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.« Die Schrift, erklärte Franziskus, bezieht sich auf den Menschen, der »seine Kraft« im Herrn hat, »der sich klein fühlt, der weiß, dass er ohne den Herrn nichts vermag«. Dieser »ist gesegnet vom Herrn«.

An einer weiteren Stelle stellt der Psalm »diejenigen, die dem Gesetz des Herrn folgen« und »die Arroganten, die Frevler« einander gegen  - über. Dieselbe Gegenüberstellung findet sich auch im Evangelium vom Tag (Mk 9,41-50), in dem »die Guten und die Bösen« vorkommen. Hinter den Worten Jesu sei »die Gestalt jener Gerechten wahrzunehmen, die sich klein fühlen, doch ihr Vertrauen in den Herrn setzen«. Ein Abschnitt, so der Papst, in dem das Wort »Skandal« viermal wiederkehrt. Wenn der Herr dieses Wort gebrauche, dann sei er »sehr nachdrücklich«, so dass er sagt: »Wehe dem, der einen von diesen Kleinen verführt. Wehe!« Denn, so erklärte der Papst, »für den Herrn bedeutet der Skandal Zerstörung «. Und Jesus rät: »Es ist besser, sich selbst zu zerstören, als die anderen. Haue dir die Hand ab, haue dir den Fuß ab, reiß dir ein Auge aus, wirf dich ins Meer. Aber nicht die Kleinen verführen das heißt die Gerechten, jene, die sich dem Herrn anvertrauen, die einfach an den Herrn glauben.« An diesem Punkt fragte sich der Papst: »Worin besteht der Skandal?« Die Antwort rührt an das konkrete Leben eines jeden Menschen: »Der Skandal besteht darin, das eine zu sagen und etwas anderes zu tun. Der Skandal ist das Doppelleben. « Ein Beispiel? »Ich bin sehr katholisch, ich gehe immer zur Messe, ich gehöre zu diesem Verein und zu noch einem. Doch mein Leben ist nicht christlich, ich zahle meinen Angestellten nicht den rechten Lohn, ich beute die Leute aus, ich mache schmutzige Geschäfte, ich betreibe Geldwäsche.« Das ist ein »Doppelleben «. Leider, so der Papst, »sind viele Katholiken so. Und diese geben Anlass zum Skandal.«

Klare Worte, die einen jeden an das alltäglichen Leben denken lassen: »Wie oft«, fügte Franziskus hinzu, »haben wir im Stadtviertel und an anderen Orten gehört: ›Na, wenn der katholisch ist, dann ist es besser, Atheist zu sein.‹ Und das ist der Skandal«, der »zerstört«, der »niederreißt«. Und »das geschieht alle Tage: Es genügt, eine Nachrichtensendung zu schauen oder die Zeitung zu lesen. In den Zeitungen finden sich viele Skandale, und da ist auch die große Öffentlichkeit für die Skandale. Und mit den Skandalen zerstört man.« Zur weiteren Erklärung seiner Worte erzählte der Papst von einem Ereignis aus der jüngsten Zeit in Bezug auf »ein wichtiges Unternehmen«, das am »Rand des Konkurses« stand. Da die Obrigkeiten »einen zwar gerechten Streik vermeiden wollten, der jedoch zu nichts Gutem geführt hätte«, versuchten sie, den Verantwortlichen der Firma zu kontaktieren. Und wo war dieser, während »die Firma vom Konkurs bedroht war« und die Leute »für ihre Arbeit keinen Lohn erhielten «? Dieser Verantwortliche, der von sich selbst sagte, »ein katholischer Mann zu sein, ein sehr katholischer«, befand sich »an einem Strand im Nahen Osten«, um dort seinen »Winterurlaub« zu verbringen. Diese Sache, fügte der Papst hinzu, »stand nicht in den Zeitungen«, aber »die Leute wussten es«. Das »sind die Skandale, das Doppelleben«. Und zu dem, der sich so verhält, sagt Jesus: »Zerstöre nicht diese Kleinen, diese Armen, die an mich glauben, mit deinem Doppelleben.«

Eine weitere Stelle aus dem Evangelium aufgreifend stellte sich der Papst den Augenblick vor, in dem derjenige, der Skandal verursacht, an das Tor des Himmels klopft: »Ich bin es, Herr!« – »Aber ja, erinnerst du dich nicht? Ich ging in die Kirche, ich war dir nahe, ich gehörte zu dem Verein, ich tue das… Erinnerst du dich nicht an all das Geld, das ich gespendet habe?« –»Ja, ich erinnere mich. Die Spenden, an die erinnere ich mich: alle waren sie schmutzig. Alle den Armen gestohlen. Ich kenne dich nicht.« Das Problem, erklärte der Papst, entsteht aus einer Haltung, die in der ersten Lesung vom Tag sehr gut beschrieben wird (Sir 5,1-8): »Verlasse dich nicht auf deine Reichtümer und sage nicht: ›Ich bin mir selbst genug.‹« Und weiter: »Folge nicht deinem Instinkt und deiner Kraft, indem du den Leidenschaften des Herzens nachgibst.« Das Doppelleben also »ergibt sich aus den Leidenschaften des Herzens, aus den Todsünden, die Wunden der Erbsünde sind«. Wer Anlass zu Skandal gibt, sagte Franziskus, folgt diesen Leidenschaften, auch wenn er sie verbirgt. Die Schrift ermahne diese Menschen, die – obwohl sie ihren Irrtum erkennen – auf die Tatsache zählen, dass »der Herr geduldig ist, dass er vergessen wird…« Und sie lädt ein, »die Umkehr nicht auf später zu verschieben«.

Diese Einladung richtete der Papst an alle Christen: »Einem jeden von uns wird es heute gut tun, darüber nachzudenken, ob es in uns so etwas wie ein Doppelleben gibt, das heißt gerecht zu erscheinen, dem Anschein nach gute Gläubige zu sein, gute Katholiken, während man dahinter aber etwas anderes tut.« Es geht darum zu begreifen, ob es sich um die Haltung dessen handelt, der sagt: »Aber ja doch, der Herr wird mir dann alles vergeben, aber ich mache weiter wie bisher…«, und der trotz des Bewusstseins der eigenen Fehler wiederholt: »Ja, das ist nicht gut, ich werde umkehren, aber nicht heute, sondern morgen. « Eine Gewissenserforschung, die zur Umkehr des Herzens führen muss, ausgehend vom Bewusstsein, dass »der Skandal zerstört«.

 



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