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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Die Korruption ist schlimmer als die Sünde

Montag, 3. April 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 15/16, 14. April 2017)

 

Am zutiefst menschlichen Kreuzungspunkt zwischen »Unschuld und Sünde, Korruption und Gesetz« fordert Jesus, auf die anderen immer mit Barmherzigkeit zu blicken, ohne sich zu Richtern über ihre Herzen zu erheben: so lautet die Empfehlung, die Papst Franziskus in der Messe am 3. April in Santa Marta gegeben hat.

»Das Wort Gottes, das die Kirche heute zu unserer Betrachtung bietet – merkte Franziskus sofort an – scheint von zwei Frauen zu handeln, die beim Ehebruch ertappt worden sind: ein vorgetäuschter, fiktiver Ehebruch; der andere ein wahrer«. Dabei geht es um die Geschichte der Susanna, wie sie im Buch Daniel berichtet wird 13,1-9.15-17.19-30.33-62), und um jene der Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war, wie dies Johannes in seinem Evangelium erzählt (8,1-11). Durch diese beiden Frauen also »ist die Botschaft tiefgehend«, insofern in den beiden Lesungen »vier Personen aufeinander treffen, sie begegnen einander in vier verschiedenen Situationen«. Und es ist dies gerade »das, was wir heute nach dem Willen der Kirche denken, sehen sollen: es begegnen sich die Unschuld und die Sünde, die Korruption und das Gesetz«. Und tatsächlich, so der Papst, geht aus der Liturgie »eine Begegnung dieser vier Dinge hervor: Unschuld, Sünde, Korruption und Gesetz«.

In seiner Betrachtung ging der Papst von der »Unschuld dieser Frau aus, Susanna, die von jenen beiden alten Richtern falsch angeklagt wird: sie ist gezwungen zu wählen: entweder Treue zu Gott und zum Gesetz oder die Rettung ihres Lebens «. Wer weiß, so der Papst weiter, »vielleicht war Susanna eine Frau, die andere Sünden hatte, denn wir alle sind Sünder«. In der Tat: »die einzige Frau, die nicht gesündigt hat, ist die Gottesmutter; alle anderen, wir alle, haben Sünden«. Doch »Susanna war eine Frau mit leichten Sünden, sie war keine Ehebrecherin, sie war ihrem Mann treu«, und das ist »die Unschuld«, wie sie die Liturgie heute unterbreitet. Dann »die Sünde: die andere Frau – so Johannes im Evangelium – wurde bei der Sünde ertappt, sie hatte wirklich gesündigt, sie war eine Ehebrecherin, sie war ihrem Mann untreu gewesen«. Weiter kommt »die Korruption«: die Korruption »der Richter in beiden Fällen, sowohl im Fall der Susanna als auch bei der anderen Frau, die Ehebruch begangen hatte«, denn »in beiden Fällen waren die Richter korrupt«. Und schließlich ist da »das Gesetz, die Fülle des Gesetzes: Jesus«.

In der Liturgie also »begegnen sich« diese vier Wirklichkeiten: »Unschuld, Sünde, Korruption und Gesetz«, das heißt: das »Gesetz in seiner Fülle«. Es ist dies gewiss im Evangelium nicht der einzige Fall von »Richtern, die korrupt geworden sind«: im Kapitel 18 des Lukasevangeliums nämlich »spricht Jesus von einem anderen, der Gott nicht fürchtete und sich um keinen anderen kümmerte «. Im übrigen, so Franziskus, »hat es immer auf der Welt korrupte Richter gegeben« und »auch heute gibt es sie überall auf der Welt«. Die Frage ist, »warum die Korruption in einen Menschen kommt«.

In Wirklichkeit, erklärte der Papst, ist die Korruption schlimmer als die Sünde, denn ich kann sündigen, »ich rutsche aus, ich bin Gott untreu, doch dann versuche ich, es nicht mehr zu tun, oder ich versuche, meine Dinge mit dem Herrn in Ordnung zu bringen, oder wenigstens weiß ich, dass es nicht in Ordnung ist«. Dagegen »tritt die Korruption dann ein, wenn die Sünde in dein Gewissen eintritt, immer tiefer und tiefer eintritt, und dir nicht einmal mehr Platz für die Luft lässt, alles wird Sünde: das ist die Korruption«. Ihrerseits »meinen die Korrupten, dass sie die Dinge auf diese Weise gut tun, sie meinen, ungestraft zu sein«, unterstrich Franziskus. Im Fall der Susanna »geben die beiden Alten sogar ihre Korruption zu« und »sagen die Wahrheit: sie waren durch die Laster der Unzucht korrupt«. Sie wenden sich auf diese Weise an Susanna: »Das Gartentor ist verschlossen, und niemand sieht uns; wir brennen vor Verlangen nach dir: Sei uns zu Willen, und gib dich uns hin. Weigerst du dich, dann werden wir dich anklagen; wir werden gegen dich bezeugen, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast«. Kurz, sie sagen zu ihr: »entweder tust tu es, oder wir werden ein falsches Zeugnis ablegen«.

»Es ist nicht der erste Fall, dass in der Bibel die falschen Zeugnisse auftauchen«, so der Papst. »Denken wir an Nabot, als die Königin Isebel das große falsche Zeugnis konstruiert; denken wir an Jesus, der durch falsches Zeugnis zum Tod verurteilt wurde; denken wir an den hl. Stephanus«. Doch, so die Warnung des Papstes, der dabei auf den Abschnitt aus dem Johannesevangelium Bezug nahm, »auch die Gesetzeslehrer sind korrupt, die diese Frau bringen – Schriftgelehrte, einige Pharisäer – und zu Jesus sagen: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?«. Wenn das Zeugnis gegen Susanna »ein falsches Zeugnis war, so ist dieses hier wahr«. Und wenn Susanna »unschuldig war, so ist diese Frau hier eine Sündern«. Und »auch diese sind Richter«. Bei Susanna hatten die Alten »den Kopf verloren und zugelassen, dass die Unzucht ihrer Herr wird«.

Diese dagegen »hatten den Kopf verloren, indem sie in sich eine Interpretation des Gesetzes wachsen lassen hatten, die so rigide und streng war, dass sie dem Heiligen Geist keinen Platz ließ: Korruption in der Form von Legalität, eines Legalismus, gegen die Gnade«. »Und dann ist da die vierte Person, Jesus: die Fülle des Gesetzes«, erklärte Franziskus. Und »ihm begegnet man als Meister des Gesetzes vor denen, die Meister des Gesetzes sind: Nun, was sagst du?, fragen sie ihn«. Den »falschen Richtern, die Susanna anklagten«, antwortet Jesus »durch den Mund Daniels: Du Sohn Kanaans, nicht Judas, dich hat die Schönheit verführt, die Leidenschaft hat dein Herz verdorben. So konntet ihr an den Töchtern Israels handeln, sie fürchteten sich und waren euch zu Willen«. Und »dem anderen sagt er: In Schlechtigkeit bist du alt geworden; doch jetzt kommen deine Sünden, die du bisher begangen hast, ans Licht. Ungerechte Urteile hast du gefällt, Schuldlose verurteilt, aber Schuldige freigesprochen«.

»Das ist die Korruption dieser Richter«, fuhr der Papst in Bezug auf den Abschnitt aus dem Alten Testament fort. Dagegen »sagt Jesus zu den anderen Richtern wenige Dinge: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Dann wendet er sich so an die Sünderin: Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr!«. Und »das ist die Fülle des Gesetzes; nicht jenes der Schriftgelehrten und Pharisäer, die dessen Geist korrumpiert hatten, indem sie viele Gesetze machten, viele Gesetze, ohne der Barmherzigkeit Platz zu lassen: Jesus ist die Fülle des Gesetzes und Jesus urteilt mit Barmherzigkeit«.

So »lässt der Herr eine unschuldige Frau durch den Propheten des Volkes frei«. Und »den korrupten Richtern sagt er – aus dem Mund des Propheten habe wir Worte gehört, die nicht schön sind – in Schlechtigkeit alt geworden«. Dann »sagt er zu den Richtern, die aufgrund einer bösen Haltung gegenüber dem Gesetz korrupt sind: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie«. Also kann Jesus, »der völlig Unschuldige, zur Unschuldigen Mutter sagen, denn seine Mutter ist die einzig Unschuldige«. Abschließend forderte der Papst dazu auf, »an diesen Weg, an die Bosheit zu denken, mit der unsere Laster die Leute verurteilen«, denn: »auch wir urteilen im Herzen über die anderen«. Und »es ist angemessen sich zu fragen, ob wir korrupt sind oder noch nicht«. So ist es gut, einzuhalten und »auf Jesus zu blicken, der immer mit Barmherzigkeit urteilt: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr «.

 



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