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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Wer Ärgernis erregt

Montag, 13. November 2017

 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 50, 15. Dezember 2017)

 

Vor den kleinen und großen »Inkohärenzen im Alltag« warnte Papst Franziskus in der heiligen Messe in Santa Marta am 13. November, das heißt vor einem inkonsequenten Verhalten, das man auch in den Kirchen sehen könne oder bei Christen, die in der Arbeitswelt »Ärgernis erregen«. »Jesus beginnt diesen Abschnitt aus dem Evangelium«, so der Papst zu Beginn in Bezug auf das Tagesevangelium nach Lukas (17,1-6), »mit einer Feststellung des gesunden Menschenverstandes: ›Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen‹«. In der Tat, so Franziskus, »ist es unvermeidlich «. Ärgernisse »gibt es, es wird sie immer geben«. Jesus »spricht eine Warnung aus, die gleichzeitig Feststellung und Warnung« ist: »Aber wehe dem, durch den sie kommen!« Der Herr gehe allerdings noch »weiter«, indem er hinzufüge: »Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er für einen von diesen Kleinen zum Ärgernis wird.«

Doch damit sei es noch nicht zu Ende, merkte der Papst an. Der Herr nämlich »wendet sich an die Seinen und sagt: ›Passt auf!‹, das heißt: Passt auf, damit ihr kein Ärgernis gebt!« Denn, so erklärte Franziskus weiter, »das Ärgernis ist etwas Schlimmes, weil es die Verwundbarkeit des Volkes Gottes verletzt. Es verletzt die Schwäche des Volkes Gottes, und sehr oft bleiben diese Wunden das ganze Leben.« Mehr noch: das Ärgernis »verletzt nicht nur«, sondern »es kann auch töten: es tötet Hoffnungen, Illusionen, es tötet Familien und es tötet viele Herzen«.

Das Ärgernis sei »ein Thema, auf das Jesus oft zurückkommt«, präzisierte der Papst. Zum Beispiel »hat er nach einer Predigt gesagt: ›Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.‹« Denn »er trug Sorge, keinen Anstoß zu geben«. Und weiter: »Als die Zeit kam, die Steuern zu bezahlen, sagt er zu Petrus, um kein Ärgernis zu bieten: ›Geh ans Meer, fange einen Fisch, nimm das Geldstück, das er im Mund hat, und zahle für dich und für mich.‹« Um Ärgernis zu vermeiden, warne Jesus auch: »Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab.« Und dann auch »zu Petrus, als dieser angesichts des Kreuzes, angesichts des Plans des Kreuzes, versucht, ihn zu überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen, da gibt er sich nicht mit Feinheiten ab: ›Weg von mir, du willst mich nur zu Fall bringen, du bist mir ein Ärgernis!‹«

»Jesus ist darin sehr präzise«, erklärte Franziskus. Und »uns, uns allen« erteile er »diese Warnung: ›Seht euch vor!‹« Denn »das ist das Ärgernis des Volkes Gottes, der Christen: wenn sich ein Christ Christ nennt, aber wie ein Heide lebt«. Im Übrigen, so der Papst: »Wie oft haben wir in unseren Pfarreien Leute gehört, die sagen: ›Nein, ich gehe nicht in die Kirche, weil der oder die da, die den ganzen Tag da drinnen die Kerzen lecken, dann hinausgehen, schlecht über die anderen reden, Unkraut säen…‹«

Und »wie viele Christen«, stellte der Papst fest, »entfernen die Leute mit ihrem Beispiel, mit ihrer mangelnden Kohärenz: die Inkohärenz der Christen ist eine der leichtesten Waffen, die dem Teufel zur Verfügung stehen, um das Volk Gottes zu schwächen und um das Volk Gottes vom Herrn zu entfernen«. Es sei dies der Stil des »eines sagen und etwas anderes tun«. Gerade »das, was Jesus dem Volk über die Gesetzeslehrer sagte: ›Tut, was sie sagen, aber tut nicht, was sie tun‹«. Das also sei »die Inkohärenz«. Diesbezüglich gab der Papst den Rat, »sich heute zu fragen, ein jeder von uns: Wie steht es um meine Kohärenz im Leben?« Gibt es in meinem Leben »Kohärenz mit dem Evangelium, Kohärenz mit dem Herrn?« Sich also fragen, »ob ich aufgrund meiner Inkohärenz Anlass zu Ärgernis für die anderen bin«.

Inkohärent, so erklärte der Papst, sei auch der Christ, der sage: »›Ich gehe jeden Sonntag zur Messe, ich bin in der Katholischen Aktion oder in dieser Vereinigung oder in der anderen, doch ich beschäftige meine Angestellten schwarz oder ich mache für sie einen Vertrag von September bis Juni.‹ – ›Und Juli und August?‹ – ›Schau zu, wie du zurechtkommst, mein Lieber!‹« Gerade dies seien die »Inkohärenzen im alltäglichen Leben«. Doch Anlass zu Ärgernis gäben auch »die Christen, die Unternehmer sind und nicht den gerechten Lohn zahlen« und »die Leute ausnutzen, um sich zu bereichern «. Gewiss, fuhr Franziskus fort, »dann können wir nach dem Ärgernis der Hirten fragen, denn in der Kirche sind auch wir, die Hirten«. Der Prophet Jeremia »sprach davon: ›Weh euch!‹«, während er sich gerade »auf die Hirten« bezog, »die die Leute ausbeuten, die die Schafe ausbeuten. Um sich zu bereichern, wollen sie die Milch oder die Wolle, so sagt Jeremia, um sich zu kleiden und aus Eitelkeit, doch sie sorgen sich nicht um die Schafe.«

Dann sei da auch »das Ärgernis des Hirten, der zum Beispiel anfängt, sich von den Leuten zu entfernen: der ferne Hirt«. Dagegen »lehrt Jesus, dass der Hirt nahe sein muss, und wenn ein Hirt sich entfernt, dann ist er Anlass zu Ärgernis: er ist ein ›Herr‹«. Denn »Jesus sagt uns, dass wir nicht zwei Herren dienen können, Gott und dem Geld, und wenn der Hirt jemand ist, der am Geld hängt, erregt dies Ärgernis«. Und »die Leute sind verärgert «, wenn sie »einen Hirten sehen, der am Geld hängt«, so der Papst. Aus diesem Grund »muss sich jeder Hirt fragen: Wie ist es um meine Freundschaft zum Geld bestellt?«

Dann sei da das Ärgernis des »Hirten, der versucht aufzusteigen: die Eitelkeit führt ihn dazu, eine Karriereleiter hinaufsteigen zu wollen, statt sanft und demütig zu sein, denn die Sanftmut und die Demut begünstigen die Nähe zum Volk«. Oder auch das Ärgernis des »Hirten, der sich wie ein ›Herr‹ fühlt und alle herumkommandiert, stolz, und der nicht Hirt und Diener des Volkes Gottes ist«.

Man könnte mit diesen Dingen weiter fortfahren, sagte Franziskus. »Jeremia unterstreicht das, und auch der heilige Augustinus nimmt diesen Gedanken von Jeremia auf und hält eine lange Rede über die Hirten«. Und so könnte man noch fortfahren, »doch das Gesagte, glaube ich, wird für heute reichen, um sich zu fragen, ein jeder von uns: Bin ich als Christ, als Christin, als Hirt Anlass zu Ärgernis? Gebe ich Anlass zu Ärgernis? Verletzte ich die Verwundbarkeit des Volkes Gottes? Statt das Volk anzuziehen, es zu einen, es glücklich zu machen, ihm Frieden, Trost zu schenken: jage ich es weg, weil ich mich als Hirt fühle, der ›Herr‹ ist, oder fühle ich mich als Christ wichtiger als du?«

Man dürfe die Warnung Jesu an die Jünger nicht vergessen: »Seht euch vor!« So also, schloss Franziskus ab, »kann heute ein schöner Tag für eine Gewissenserforschung darüber sein: Bereite ich Ärgernis oder nicht, und wie?« Und »so können wir dem Herrn antworten und uns ihm ein wenig mehr nähern«.

 



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