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PASTORALBESUCH VON PAPST FRANZISKUS IN GENUA

BEGEGNUNG MIT VERTRETERN DER WELT DER ARBEIT

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
 

Ilva-Stahlwerke
Samstag, 27. Mai 2017

[Multimedia]


Ferdinando Garré, Unternehmer aus dem Sektor der Schiffswerften:

Bei unserer Arbeit haben wir mit vielen Hindernissen zu kämpfen – mit übermäßiger Bürokratie, Langsamkeit der öffentlichen Entscheidungen, Mangel an angemessenen Dienstleistungen und Infrastrukturen –, die es oft nicht gestatten, die besten Energien dieser Stadt freizusetzen. Wir teilen diesen mühsamen Weg mit unserem Seelsorger und werden von unserem Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, ermutigt. Wir wenden uns an Sie, Eure Heiligkeit, und bitten Sie um ein Wort des Beistands: um ein Wort, das uns stärkt und Mut macht angesichts der Hindernisse, mit denen wir Unternehmer täglich konfrontiert sind.

Papst Franziskus:

Guten Tag an alle! Ich komme zum ersten Mal nach Genua, und so nahe beim Hafen zu sein erinnert mich daran, von welchem Ort aus mein Vater aufgebrochen ist… Das ist sehr bewegend für mich. Und ich danke euch für den freundlichen Empfang. Herr Ferdinando Garré: Ich kannte die Fragen, und für einige habe ich Gedanken aufgeschrieben, um zu antworten; und ich habe auch einen Stift in der Hand, um etwas zu notieren, das mir spontan einfällt, wenn ich antworte. Über diese Fragen zur Welt der Arbeit wollte ich jedoch gut nachdenken, um gut zu antworten, denn die Arbeit ist heute in Gefahr. In unserer Welt wird der Arbeit nicht die Würde zugemessen, die sie hat und die sie gibt. Daher werde ich auf die Dinge antworten, über die ich nachgedacht habe, und Einiges werde ich spontan sagen.

Ich schicke etwas voraus, und zwar Folgendes: Die Welt der Arbeit ist eine menschliche Priorität. Und daher ist sie eine christliche Priorität, eine Priorität für uns und auch eine Priorität des Papstes. Denn sie kommt aus jenem ersten Gebot, das Gott Adam gegeben hat: »Geh hin, lass die Erde gedeihen, bebaue die Erde, beherrsche sie.« Es bestand immer eine Freundschaft zwischen der Kirche und der Arbeit, begonnen bei Jesus, dem Arbeiter. Wo ein Arbeiter ist, dort ist das Interesse und der liebevolle Blick des Herrn und der Kirche. Ich glaube, das ist klar. Es ist sehr schön, dass diese Frage von einem Unternehmer, einem Ingenieur kommt; seine Art, über das Unternehmen zu sprechen, zeigt die typischen Tugenden des Unternehmers auf. Und da ein Unternehmer diese Frage stellt, werden wir über sie sprechen. Die Kreativität, die Liebe zum eigenen Unternehmen, die Leidenschaft und der Stolz auf das Werk seiner Hände und seines Verstandes und denen der Arbeiter. Der Unternehmer ist eine wesentliche Gestalt jeder guten Wirtschaft: Es gibt keine gute Wirtschaft ohne gute Unternehmer, ohne eure Fähigkeit zu schaffen, Arbeit zu schaffen, Produkte zu schaffen. In Ihren Worten vernimmt man auch Wertschätzung für die Stadt – und das ist verständlich –, für ihre Wirtschaft, für die menschliche Qualität der Arbeiter und auch für die Umwelt, das Meer… Es ist wichtig, die Tugenden der Arbeiter und der Arbeiterinnen anzuerkennen. Ihr Bedürfnis – das Bedürfnis der Arbeiter und Arbeiterinnen – besteht darin, die Arbeit gut zu machen, denn die Arbeit muss gut gemacht werden.

Manchmal meint man, dass ein Arbeiter nur gut arbeitet, weil er bezahlt wird: Das ist eine schwere Missachtung der Arbeiter und der Arbeit, weil es die Würde der Arbeit verleugnet, die gerade damit beginnt, aus Würde, aus Ehre gut zu arbeiten. Der wahre Unternehmer – ich werde versuchen, das Profil des guten Unternehmers aufzuzeigen –, der wahre Unternehmer kennt seine Arbeiter, weil er an ihrer Seite arbeitet, mit ihnen arbeitet. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Unternehmer in erster Linie ein Arbeiter sein muss. Wenn er diese Erfahrung der Würde der Arbeit nicht hat, dann wird er kein guter Unternehmer sein. Er teilt die Mühen der Arbeiter, und er teilt die Freuden der Arbeit: Probleme gemeinsam zu lösen, etwas gemeinsam zu schaffen. Wenn er jemanden entlassen muss, ist dies immer eine schmerzhafte Entscheidung, die er nicht treffen würde, wenn er könnte. Kein guter Unternehmer entlässt seine Leute gern – nein, wer meint, das Problem seines Unternehmens zu lösen, indem er Menschen entlässt, ist kein guter Unternehmer, sondern ein Händler: Heute verkauft er seine Leute, morgen verkauft er die eigene Würde –, er leidet immer darunter, und manchmal entstehen aus diesem Leiden neue Ideen, um die Entlassung zu vermeiden. Das ist der gute Unternehmer.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit: Vor fast einem Jahr, etwas weniger, habe ich, als ich um sieben Uhr morgens aus der Messe in Santa Marta herauskam, die Menschen begrüßt, die dort waren. Und ein Mann kam auf mich zu. Er weinte. Er sagte: »Ich bin gekommen, um eine Gnade zu erbitten. Ich bin am Ende und muss Konkurs anmelden. Das würde bedeuten, etwa 60 Arbeiter zu entlassen, und das will ich nicht, denn es fühlt sich an als würde ich mich selbst entlassen.« Und dieser Mann weinte. Das ist ein guter Unternehmer. Er kämpfte und betete für seine Leute, weil es »seine« Leute waren. »Es ist meine Familie.« Sie hängen aneinander… Etwas, an dem die Wirtschaft krankt, ist die fortschreitende Verwandlung der Unternehmer in Spekulanten. Der Unternehmer darf absolut nicht mit dem Spekulanten verwechselt werden: Es sind zwei verschiedene Typen. Der Unternehmer darf sich nicht mit einem Spekulanten verwechseln: Der Spekulant ist jener Gestalt ähnlich, die Jesus im Evangelium als »bezahlten Knecht« bezeichnet, um ihn in Gegensatz zum guten Hirten zu stellen.

Der Spekulant liebt sein Unternehmen nicht, er liebt die Arbeiter nicht, sondern er betrachtet das Unternehmen und die Arbeiter nur als Mittel, um Profit zu machen. Er nutzt aus, er benutzt das Unternehmen und die Arbeiter, um Profit zu machen. Entlassen, schließen, den Unternehmensstandort wechseln: Das bereitet ihm keine Probleme, denn der Spekulant benutzt, instrumentalisiert, »frisst« Menschen und Mittel für sein Ziel, den Profit.

Wenn die Wirtschaft hingegen von guten Unternehmern bevölkert wird, dann sind die Unternehmen Freunde der Menschen und auch der Armen. Wenn sie in die Hände von Spekulanten gerät, wird alles zerstört. Mit dem Spekulanten verliert die Wirtschaft das Gesicht, und verliert die Gesichter. Es ist eine Wirtschaft ohne Gesichter, eine abstrakte Wirtschaft. Hinter den Entscheidungen des Spekulanten stehen keine Menschen, und daher sieht man die Menschen nicht, die entlassen und weggeschickt werden. Wenn die Wirtschaft die Berührung mit den Gesichtern der konkreten Menschen verliert, dann wird sie zu einer Wirtschaft ohne Gesicht und daher zu einer unbarmherzigen Wirtschaft. Man muss die Spekulanten fürchten, nicht die Unternehmer; nein, die Unternehmer soll man nicht fürchten, weil so viele gute unter ihnen sind! Nein. Die Spekulanten muss man fürchten.

Paradoxerweise scheint das politische System jedoch jene zu ermutigen, die auf die Arbeit spekulieren, und nicht jene, die in die Arbeit investieren und an sie glauben. Warum? Weil es Bürokratie und Kontrollen schafft, von der Hypothese ausgehend, dass die Handlungsträger der Wirtschaft Spekulanten seien: Und so werden jene, die es nicht sind, benachteiligt, und jene, die es sind, können die Mittel finden, um die Kontrollen zu umgehen und ihre Ziele zu erreichen. Bekanntlich bestrafen die Regulierungen und Gesetze, die für die Unehrlichen erdacht wurden, am Ende die Ehrlichen.

Und heute gibt es viele wahre Unternehmer, ehrliche Unternehmer, die ihre Arbeiter lieben, das Unternehmen lieben, die an ihrer Seite arbeiten, um das Unternehmen voranzubringen, und diese werden am stärksten benachteiligt von diesen politischen Maßnahmen, die die Spekulanten unterstützen. Aber die ehrlichen und tugendhaften Unternehmer kommen trotz allem am Ende voran. Ich möchte in diesem Zusammenhang gerne ein schönes Wort von Luigi Einaudi, Finanzwissenschaftler und italienischer Staatspräsident, zitieren. Er schrieb: »Tausende, Millionen von Individuen arbeiten, produzieren und sparen allem zum Trotz, was wir erfinden können, um sie zu belästigen, ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, sie zu entmutigen. Die natürliche Berufung treibt sie an, nicht nur das Verlangen nach Verdienst. Die Freude, der Stolz zu sehen, wie das eigene Unternehmen gedeiht, Ansehen gewinnt, bei einem immer größeren Kundenkreis Vertrauen  gewinnt, die Anlagen erweitert, stellen eine ebenso mächtige Triebfeder für den Fortschritt dar wie der Verdienst. Wenn es nicht so wäre, ließe sich nicht erklären, wieso es Unternehmer gibt, die all ihre Energien in das Unternehmen einbringen und ihr ganzes Kapital investieren, um Gewinne daraus zu ziehen, die weitaus bescheidener sind als die, die sie sicher und bequem durch andere Tätigkeiten erlangen könnten.« Sie haben jene Mystik der Liebe… Ich danke Ihnen für das, was Sie gesagt haben, denn Sie sind ein Vertreter dieser Unternehmer. Hütet euch, ihr Unternehmer, und auch ihr Arbeiter: Gebt Hütet euch vor den Spekulanten. Und auch vor den Regeln und Gesetzen, die am Ende die Spekulanten bevorzugen und nicht die wahren Unternehmer. Und die am Ende die Menschen ohne Arbeit dastehen lassen. Danke.

Micaela, Gewerkschaftsvertreterin:

Heute wird wieder über die Industrie gesprochen, dank der vierten industriellen Revolution oder Industrie 4.0. Nun gut: Die Welt der Arbeit ist bereit, neue produktive Herausforderungen anzunehmen, die Wohlstand bringen. Unsere Sorge besteht darin, dass diese neue technologische Dimension sowie der wirtschaftliche und produktive Aufschwung, den es früher oder später  geben wird, keine qualitätvolle neue Beschäftigung mit sich bringen, sondern im Gegenteil vielleicht dazu beitragen könnte, Unsicherheit und soziale Missstände zu vermehren. Die wahre Revolution wäre heute vielmehr, das Wort »Arbeit« zu einer konkreten Form des sozialen Ausgleichs zu machen.

Papst Franziskus:

Mir fällt spontan ein, zunächst mit einem Wortspiel zu antworten… Du hast am Ende das Wort »sozialer Ausgleich« [ital.: riscatto sociale] benutzt, und mir fällt die »soziale Erpressung« [ital.: ricatto sociale] ein. Was ich jetzt erzähle, ist vor etwa einem Jahr in Italien wirklich geschehen. Arbeitslose Menschen standen Schlange für ein Arbeitsangebot: eine interessante Arbeit, in einem Büro. Der jungen Frau, die es mir erzählt hat – einer gebildeten Frau, sie sprach mehrere Sprachen, was für jenen Posten wichtig war – wurde gesagt: »Ja, Sie können die Stelle haben…; es sind etwa zehn bis elf Stunden täglich…« – »Ja, ja!«, hat sie sofort gesagt, denn sie brauchte Arbeit. »Und das Einstiegsgehalt beträgt« – ich glaube, das haben sie gesagt, ich möchte mich nicht irren, aber es war nicht mehr – »800 Euro im Monat«. Und sie hat gesagt: »Wie? Nur 800? Elf Stunden?« Und der Mann – der Spekulant, er war kein Unternehmer, der Angestellte des Spekulanten – hat zu ihr gesagt: »Junge Frau, schauen Sie auf die Schlange hinter sich: Wenn es Ihnen nicht passt, dann gehen Sie.« Das ist kein Ausgleich, sondern Erpressung! Jetzt werde ich das sagen, was ich geschrieben hatte, aber was du am Ende gesagt hast, hat bei mir diese Erinnerung geweckt. Die Schwarzarbeit. Eine andere Person hat mir erzählt, dass sie Arbeit hat, aber nur von September bis Juni: Sie wird im Juni entlassen und im Oktober, September, wieder eingestellt. Und so wird gespielt… Die Schwarzarbeit.

Ich habe den Vorschlag zu dieser heutigen Begegnung an einer Stätte der Arbeit und der Arbeiter angenommen, weil auch dies Stätten des Gottesvolkes sind. Die Gespräche an den Arbeitsstätten sind nicht weniger wichtig als die Gespräche, die wir in den Pfarreien oder in den feierlichen Kongreßsälen führen, denn die Stätten der Kirche sind die Stätten des Lebens, also auch die öffentlichen Plätze und die Fabriken. Denn jemand könnte sagen: »Was hat dieser Priester uns schon zu sagen? Er soll in die Pfarrei gehen!« Nein, die Welt der Arbeit ist die Welt des Gottesvolkes: Wir alle sind Kirche, wir alle sind Gottesvolk. Viele Begegnungen zwischen Gott und den Menschen, von denen die Bibel und die Evangelien berichten, sind geschehen, während die

Menschen arbeiteten: Mose hört die Stimme Gottes, der ihn ruft und ihm seinen Namen offenbart, während er die Herde seines Schwiegervaters weidete; die ersten Jünger Jesu waren Fischer und wurden von ihm berufen, als sie am Ufer des Sees arbeiteten. Es ist sehr wahr, was Sie sagen: Arbeitslosigkeit ist viel mehr als das Versiegen einer Einkommensquelle für den Lebensunterhalt. Die Arbeit ist auch das, aber sie ist noch viel, viel mehr. Durch die Arbeit werden wir mehr zur Person, gedeiht unsere Menschlichkeit. Junge Menschen werden nur durch die Arbeit erwachsen.

Die Soziallehre der Kirche hat die menschliche Arbeit stets als eine Teilhabe an der Schöpfung betrachtet, die täglich fortgesetzt wird, auch durch die Hände, den Verstand und das Herz der Arbeiter. Auf Erden gibt es wenige Freuden, die größer sind als jene, die man durch das Arbeiten erfährt, und ebenso gibt es wenige Schmerzen, die größer sind als die Schmerzen der Arbeit: wenn die Arbeit ausbeutet, erdrückt, erniedrigt, tötet. Die Arbeit kann sehr wehtun, weil sie sehr guttun kann. Die Arbeit ist Freundin des Menschen, und der Mensch ist Freund der Arbeit, und daher ist es nicht leicht, sie als Feindin zu erkennen, weil sie sich als jemand präsentiert, der zur Familie gehört, auch wenn sie uns angreift und uns verletzt. Die Männer und Frauen ernähren sich von der Arbeit: Durch die Arbeit sind sie »mit Würde gesalbt«. Aus diesem Grund ist der gesamte Gesellschaftsvertrag um die Arbeit herum aufgebaut.

Das ist der Kernpunkt des Problems. Denn wenn man nicht arbeitet, oder wenn man schlecht, zuwenig oder zuviel arbeitet, dann geraten die Demokratie und der ganze Gesellschaftsvertrag in eine Krise. Auch das ist der Sinn von Artikel 1 der Verfassung der Italienischen Republik, der sehr schön ist: »Italien ist eine demokratische, auf die Arbeit gegründete Republik.« Auf dieser Grundlage können wir sagen, dass es verfassungswidrig ist, den Menschen die Arbeit zu nehmen oder Menschen durch unwürdige oder schlecht bezahlte Arbeit oder in ähnlicher Weise auszubeuten. Wenn sie nicht auf die Arbeit gegründet wäre, wäre die Italienische Republik keine Demokratie, weil der Arbeitsplatz durch Privilegien, Stände, Erträge besetzt wird. Die technischen Veränderungen der Wirtschaft und des Lebens müssen daher ohne Furcht, aber mit Verantwortungsbewusstsein betrachten werden, und man darf nicht der überall Fuß fassenden Ideologie nachgeben, die eine Welt vor Augen hat, in der nur die Hälfte oder vielleicht zwei Drittel der Arbeiter arbeiten und die anderen von Sozialhilfe leben. Es muss klar sein, dass das wahre zu erreichende Ziel nicht das »Einkommen für alle«, sondern die »Arbeit für alle« ist! Denn ohne Arbeit, ohne Arbeit für alle gibt es keine Würde für alle.

Die Arbeit von morgen wird anders, vielleicht ganz anders sein als die Arbeit von heute – denken wir an die Industrielle Revolution, es gab einen Wandel; auch hier wird es eine Revolution geben –, sie wird anders sein als die Arbeit von gestern, aber es muss Arbeit sein, keine Rente, keine Rentner: Arbeit. Man geht im richtigen Alter in Rente, das ist ein Akt der Gerechtigkeit; aber es ist gegen die Würde der Personen, sie mit 35 oder 40 Jahren in Rente zu schicken und ihnen staatliche Sozialhilfe zu geben: Sieh zu, wie du zurechtkommst. »Habe ich denn zu essen?« Ja. »Kann ich mit dieser Sozialhilfe den Lebensunterhalt meiner Familie bestreiten?« Ja. »Habe ich eine Würde?« Nein! Warum? Weil ich keine Arbeit habe. Die Arbeit von heute wird anders sein. Ohne Arbeit kann man überleben, aber um zu leben, braucht man Arbeit. Es ist eine Entscheidung zwischen dem Überleben und dem Leben. Und es bedarf der Arbeit für alle. Für die jungen Menschen… Kennt ihr den Prozentsatz der jungen Menschen unter 25 Jahren hier in Italien, die arbeitslos sind? Ich werde es nicht sagen: Sucht die Statistiken heraus. Und das ist eine Hypothek auf die Zukunft. Denn diese jungen Menschen wachsen ohne Würde auf, weil sie nicht »gesalbt« sind von der Arbeit: Sie ist es, die Würde verleiht. Der Kernpunkt der Frage ist jedoch folgender: Eine monatliche staatliche Sozialhilfe, mit der du den Lebensunterhalt für deine Familie bestreiten kannst, löst das Problem nicht. Das Problem muss durch die Arbeit für alle gelöst werden. Ich glaube, ich habe mehr oder weniger geantwortet…

Ein Arbeiter, der an einem von den Seelsorgern angebotenen Bildungsprogramm teilnimmt:

Nicht selten haben am Arbeitsplatz Wettbewerb, Karriere, wirtschaftliche Aspekte die Oberhand, während die Arbeit doch eine hervorragende Gelegenheit ist, das Evangelium zu bezeugen und zu verkünden, das gelebt wird, indem man eine Haltung der Brüderlichkeit, der Zusammenarbeit und der Solidarität einnimmt. Wir bitten Eure Heiligkeit um Ratschläge, wie wir uns besser auf diese Ideale zubewegen können.

Papst Franziskus:

Die Werte der Arbeit sind einem raschen Wandel unterworfen, und viele dieser neuen Werte der Großunternehmen und der Hochfinanz sind keine Werte, die mit der menschlichen Dimension und daher mit dem christlichen Humanismus im Einklang stehen. Die Betonung des Wettbewerbs innerhalb eines Unternehmens ist nicht nur ein anthropologischer und christlicher Fehler, sondern auch ein wirtschaftlicher Fehler, weil man vergisst, dass das Unternehmen in erster Linie Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung, Wechselseitigkeit bedeutet.

Wenn ein Unternehmen auf wissenschaftlicher Basis ein System individueller Anreize schafft, die die Arbeiter in Konkurrenz zueinander stellen, kann es dadurch kurzzeitig vielleicht Vorteile erlangen, untergräbt aber letztendlich schnell jenes Vertrauensgefüge, das die Seele jeder Organisation ist. Und so zersetzt sich das Unternehmen und implodiert, wenn eine Krise eintritt, weil kein Seil es mehr zusammenhält. Es muss mit Nachdruck gesagt werden, dass die Wettbewerbskultur unter den Arbeitern innerhalb eines Unternehmens ein Fehler ist, also eine Sichtweise, die geändert werden muss, wenn wir das Wohl des Unternehmens, der Arbeiter und der Wirtschaft wollen.

Ein weiterer Wert, der in Wirklichkeit ein Unwert ist, ist die vielgepriesene »Leistungsgesellschaft «. Die Leistungsgesellschaft ist sehr anziehend, weil sie ein schönes Wort enthält: die »Leistung«. Da es jedoch instrumentalisiert und in ideologischer Form benutzt wird, wird es entstellt und verdorben. Obgleich die Leistungsgesellschaft von vielen Menschen mit redlichen Absichten gepriesen wird, entwickelt sie sich gegenwärtig zu einer ethischen Legitimierung der Ungleichheit. Durch die Leistungsgesellschaft gibt der neue Kapitalismus der Ungleichheit einen moralischen Anstrich, weil er die Begabungen der Menschen nicht als Geschenk versteht.

Diesem Verständnis zufolge ist die Begabung kein Geschenk, sondern eine Leistung, die zu einem System kumulativer Vor- und Nachteile führt. Wenn also zwei Kinder sich bei der Geburt durch Begabungen oder gesellschaftliche und wirtschaftliche Chancen unterscheiden, dann wird die wirtschaftliche Welt die unterschiedlichen Begabungen als Leistung verstehen und anders entlohnen. Wenn diese beiden Kinder einmal in Rente gehen werden, wird die Ungleichheit zwischen ihnen sich vervielfacht haben.

Eine zweite Folge der sogenannten »Leistungsgesellschaft« ist der Wandel der Kultur der Armut. Der Arme wird als »Nicht-Leistungserbringer « und somit als schuldig betrachtet. Und wenn die Armut die Schuld des Armen ist, dann sind die Reichen davon entbunden, etwas zu tun. Das ist die alte Logik der Freunde des Ijob, die ihn überzeugen wollten, dass er an seinem Unglück selbst schuld sei. Das ist jedoch nicht die Logik des Evangeliums, es ist nicht die Logik des Lebens: Die Leistungsgesellschaft finden wir im Evangelium dagegen in der Gestalt des älteren Bruders im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Er verachtet den jüngeren Bruder und meint, er müsse ein Gescheiterter bleiben, weil er es verdient hat. Der Vater dagegen meint, dass kein Kind die Futterschoten der Schweine verdient hat.

Vittoria, arbeitslos:

Wir Arbeitslosen empfinden die Institutionen nicht nur als fernstehend, sondern als stiefmütterlich: Sie sind mehr auf passive Wohlfahrt ausgerichtet als darauf, Bedingungen zu schaffen, die die Arbeit fördern. Uns tröstet die menschliche Wärme, mit der die Kirche uns nahe ist, und die Annahme, die im Haus der Seelsorger jeder erfährt. Heiligkeit, wo können wir die Kraft finden, immer daran zu glauben und trotz allem nie aufzugeben?

Papst Franziskus:

Genau so ist es! Wer die Arbeit verliert und keine andere gute Arbeit findet, spürt, dass er die Würde verliert. Ebenso verliert jener die Würde, der aus Not gezwungen ist, schlechte und falsche Arbeiten anzunehmen. Nicht alle Arbeiten sind gut: Es gibt noch immer zu viele schlechte und würdelose Arbeiten, im illegalen Waffenhandel, in der Pornographie, im Glücksspiel und in all jenen Unternehmen, die die Rechte der Arbeiter oder der Natur nicht achten. Ebenso schlecht ist die Arbeit jener, denen viel bezahlt wird, damit sie keine Arbeitszeiten, keine Begrenzungen, keine Grenzen zwischen Arbeit und Leben haben, damit die Arbeit zu ihrem ganzen Leben wird.

Ein Paradox unserer Gesellschaft ist die gleichzeitige Anwesenheit einer wachsenden Zahl von Menschen, die gerne arbeiten würden, aber keine Arbeit finden, und anderen, die zuviel arbeiten, die gerne weniger arbeiten würden, dies aber nicht können, weil sie von den Unternehmen »gekauft« wurden. Die Arbeit wird dagegen zur »Schwester Arbeit«, wenn es neben ihr die Freizeit, den Feiertag gibt. Sklaven haben keine Freizeit: Ohne den Feiertag wird die Arbeit wieder zur Sklavenarbeit, auch wenn sie überbezahlt ist; und um einen Feiertag zu begehen, müssen wir arbeiten. In den Familien, in denen es Arbeitslose gibt, ist niemals wirklich Sonntag, und die Feiertage werden manchmal zu traurigen Tagen, weil die Arbeit am Montag fehlt. Um das Fest zu feiern, ist es notwendig, die Arbeit feiern zu können. Eines bestimmt die Zeit und den Rhythmus des anderen. Sie gehören zusammen.

Ich teile auch die Ansicht, dass der Konsum ein Götze unserer Zeit ist. Der Konsum steht im Mittelpunkt unserer Gesellschaft, und somit der Genuss, den der Konsum verspricht. Große Geschäfte, die 24 Stunden täglich geöffnet sind, jeden Tag, neue »Tempel«, die das Heil, das ewige Leben versprechen; Kulte reinsten Konsums und daher reinsten Genusses. Auch das ist die Wurzel der Krise der Arbeit in unserer Gesellschaft: Die Arbeit ist Mühe, Schweiß. Die Bibel wusste das sehr gut und ruft es uns in Erinnerung. Aber eine hedonistische Gesellschaft, die nur den Konsum sieht und will, versteht nicht den Wert der Mühe und des Schweißes, und daher versteht sie die Arbeit nicht.

Alle Götzenkulte sind Erfahrungen reinen Konsums: Die Götzen arbeiten nicht. Die Arbeit ist schmerzhafte Mühe: Es sind Geburtswehen, die dann Freude hervorbringen über das, was man gemeinsam erzeugt hat. Ohne eine Kultur wiederzufinden, die Mühe und Schweiß wertschätzt, werden wir keine neue Beziehung zur Arbeit wiederfinden und werden auch weiterhin vom Konsum des reinen Genusses träumen. Die Arbeit ist der Mittelpunkt eines jeden Gesellschaftsvertrages: Sie ist kein Mittel, um konsumieren zu können, nein. Sie ist der Mittelpunkt eines jeden Gesellschaftsvertrags. Zwischen Arbeit und Konsum gibt es viele Dinge, die alle wichtig und schön sind. Sie heißen Würde, Achtung, Ehre, Freiheit, Rechte, Rechte aller Menschen, der Frauen, der Kinder, der alten Menschen…

Wenn wir die Arbeit an den Konsum verschleudern, dann verschleudern wir bald mit der Arbeit auch alle mit ihr verwandten Worte: Würde, Achtung, Ehre, Freiheit. Wir dürfen das nicht zulassen, und wir müssen die Arbeit weiterhin erbitten, erzeugen, achten und lieben. Wir müssen sie auch mit dem Gebet verbinden: Viele der schönsten Gebete unserer Eltern und Großeltern waren Gebete der Arbeit, die vor, nach und während der Arbeit gelernt und gesprochen wurden. Die Arbeit ist die Freundin des Gebets; die Arbeit ist jeden Tag in der Eucharistie gegenwärtig, deren Gaben Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit sind.

Eine Welt, die die Werte und den Wert der Arbeit nicht mehr kennt, versteht auch nicht mehr die Eucharistie, das wahre und demütige Gebet der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Felder, das Meer, die Fabriken waren immer »Altäre«, von denen schöne und reine Gebete aufgestiegen sind, die Gott angenommen und aufgenommen hat: Gebete, die von jenen gesprochen und dargebracht wurden, die beten konnten und beten wollten, aber auch Gebete, die mit den Händen, mit dem Schweiß, mit der Mühe der Arbeit von denen dargebracht wurden, die nicht mit dem Mund beten konnten. Gott hat auch diese Gebete angenommen und nimmt sie auch heute weiterhin an. Daher möchte ich dieses Gespräch mit einem Gebet abschließen: Es ist ein altehrwürdiges Gebet, das »Komm, Heiliger Geist«, das auch ein Gebet der Arbeit und für die Arbeit ist.

Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
– alle Arbeiter und Arbeiterinnen –
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,'
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Danke!

Und jetzt bitte ich den Herrn, euch alle zu segnen: Er segne alle Arbeiter, Unternehmer, Arbeitslose. Jeder von uns denke an die Unternehmer, die alles tun, um Arbeit zu geben; denke an die Arbeitslosen, denke an die Arbeiter und an die Arbeiterinnen. Und dieser Segen komme auf uns alle und auf sie herab. Vielen Dank!

 



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