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BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER 47. SOZIALWOCHE DER
ITALIENISCHEN KATHOLIKEN
[Turin, 12.-15. September 2013]

 

An den verehrten Bruder
Angelo Kardinal Bagnasco

Präsident der Italienischen Bischofskonferenz Ich richte meinen herzlichen Gruß an Sie und an alle Teilnehmer der 47. Sozialwoche der italienischen Katholiken in Turin. Ich erneuere den anwesenden Bischöfen meine brüderliche Umarmung, insbesondere dem Hirten dieser Teilkirche, Erzbischof Cesare Nosiglia, wie auch Erzbischof Arrigo Miglio und den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Organisationskomitees. Ich grüße alle Vertreter der Diözesen Italiens und der verschiedenen kirchlichen Vereinigungen. Die Tradition der Sozialwochen hat in Italien im Jahr 1907 begonnen, und zu ihren wichtigsten Förderern zählte der sel. Giuseppe Toniolo.

Diese 47. Woche ist die erste nach seiner Seligsprechung, die am 28. April 2012 stattgefunden hat, und wurde zu Recht seiner besonderen Fürsprache anvertraut. Die Gestalt des sel. Toniolo gehört zur lichtvollen Schar katholischer Laien, die trotz der Schwierigkeiten ihrer Zeit mit der Hilfe Gottes fruchtbare Wege gehen wollten, um in der Suche und für den Aufbau des Gemeinwohls tätig zu werden, und die dies auch zu tun wussten. Mit ihrem Leben und Denken haben sie das praktiziert, was das Zweite Vatikanische Konzil dann in Bezug auf die Berufung und Sendung der Laien gelehrt hat (vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 31); und ihr Beispiel ist eine stets gültige Ermutigung für die katholischen Laien von heute, ihrerseits wirksame Wege zum selben Ziel zu suchen, im Licht des jüngeren Lehramtes der Kirche (vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 28). Die vorbildliche Kraft der Heiligkeit im sozialen Bereich wird in diesem Fall noch spürbarer durch den Veranstaltungsort dieser 47. Sozialwoche. Denn Turin ist eine für den gesamten historisch-sozialen Weg Italiens emblematische Stadt, und sie ist das in besonderer Weise durch die Präsenz der Kirche auf diesem Weg. In Turin haben im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Männer und Frauen gewirkt – Priester, Ordensleute, Laien, unter ihnen einige Heilige und Selige –, die mit dem Leben Zeugnis gegeben haben und mit den Werken im Dienst der Jugendlichen, der Familien, der Ärmsten wirksame Arbeit geleistet haben. Die Sozialwochen der italienischen Katholiken waren in den verschiedenen historischen Zeitabschnitten sehr willkommen und kostbar, und sie sind dies auch heute noch. Denn sie stellen eine kulturelle und kirchliche Initiative auf hohem Niveau dar, die in der Lage ist, die von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung gestellten Fragen und zum Teil radikalen Herausforderungen anzugehen und womöglich vorwegzunehmen.

Daher wollte die Kirche in Italien sie vor 25 Jahren wieder aufgreifen und neu lancieren als geeignete Momente des Zuhörens und des Suchens, der Auseinandersetzung und Vertiefung, die sehr wichtig sind sowohl für die kirchliche Gemeinschaft selbst, für ihren Dienst der Evangelisierung und der Förderung des Menschen, als auch für die Wissenschaftler und Mitarbeiter im kulturellen und sozialen Bereich (vgl. Pastorales Schreiben der Italienischen Bischofskonferenz vom 20. November 1988). Die Sozialwochen sind ein bevorzugtes Mittel, durch das die Kirche in Italien ihren Beitrag leistet zur Förderung des Gemeinwohls des Landes (vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 26). Diese Aufgabe, die der gesamten Gemeinschaft in ihren verschiedenen Gruppierungen zusteht, kommt, wie bereits gesagt, vor allem den Laien zu und liegt in deren Verantwortung.

Das Thema der Sozialwoche ist »Die Familie: Hoffnung und Zukunft für die italienische Gesellschaft «. Meine Anerkennung für die Wahl dieses Themas und dafür, mit der Familie die Idee der Hoffnung und der Zukunft verbunden zu haben. Genau so ist es! Aber für die christliche Gemeinschaft ist die Familie viel mehr als ein »Thema«: sie ist Leben, alltägliches Gefüge; sie ist Weg der Generationen, die zusammen mit der Liebe und den grundlegenden moralischen Werten den Glauben weitergeben; sie ist konkrete Solidarität, Bemühen, Geduld und auch Projekt, Hoffnung, Zukunft. All dies lebt die christliche Gemeinschaft im Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, und sie behält es nie nur für sich, sondern es wird jeden zum Sauerteig der gesamten Gesellschaft, zu deren höherem Gemeinwohl (vgl. ebd., 47) Hoffnung und Zukunft setzen Erinnerung voraus.

Die Erinnerung unserer alten Menschen ist die Stütze, um auf dem Weg weiterzugehen. Die Zukunft der Gesellschaft, und konkret der italienischen Gesellschaft, ist verwurzelt in den alten und den jungen Menschen: letztere, weil sie die Kraft und das Alter haben, um die Geschichte weiterzutragen; erstere, weil sie das lebendige Gedächtnis sind. Ein Volk, das sich nicht um die Alten, die Kinder und die jungen Menschen kümmert, hat keine Zukunft, weil es die Erinnerung und die Verheißung misshandelt. In diese Perspektive reiht sich die 47. Sozialwoche mit dem im Vorfeld veröffentlichten Vorbereitungsdokument ein. Sie möchte Zeugnis geben und eine Reflexion anbieten, eine Unterscheidung der Geister, ohne Vorurteile, in möglichst großer Offenheit, aufmerksam für die Human- und Sozialwissenschaften. Vor allem bieten wir als Kirche eine Vorstellung von Familie an, die dem Buch Genesis entspricht: die Vorstellung der Einheit in der Verschiedenheit von Mann und Frau und deren Fruchtbarkeit.

In dieser Wirklichkeit erkennen wir darüber hinaus ein Gut für alle, die erste natürliche Gesellschaft, wie das auch in die Verfassung der Republik Italien aufgenommen worden ist. Schließlich wollen wir bestätigen, dass die in diesem Sinne verstandene Familie das erste und wichtigste Subjekt beim Aufbau der Gesellschaft und einer dem Menschen gemäßen Wirtschaft bleibt und als solche eine wirksame Unterstützung verdient. Die positiven oder negativen Folgen der kulturellen und politischen Entscheidungen in Bezug auf die Familie berühren die verschiedenen Lebensbereiche einer Gesellschaft und eines Landes: vom demographischen Problem – das für den gesamten europäischen Kontinent und insbesondere für Italien schwerwiegend ist – über Fragen in Bezug auf Arbeit und Wirtschaft im Allgemeinen, in Bezug auf Erziehung und Wachstum der Kinder, bis hin zu jenen Fragen, die die anthropologische Sicht betreffen, die die Grundlage unserer Kultur bildet (vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 44).

Diese Reflexionen interessieren nicht nur die Gläubigen, sondern alle Menschen guten Willens, alle, denen das Gemeinwohl des Landes am Herzen liegt, genauso wie es für die Fragen der Umweltökologie der Fall ist, die eine große Hilfe sein kann, um die Fragen der »Ökologie des Menschen« zu verstehen (vgl. ders., Ansprache im Bundestag, Berlin, 22. September 2011). Die Familie ist die privilegierte Schule der Großherzigkeit, des Teilens, der Verantwortung, eine Schule, die dazu erzieht, eine gewisse individualistische Mentalität zu überwinden, die sich in unserer Gesellschaft verbreitet hat. Die Familie zu unterstützen und zu fördern, indem man ihre grundlegende und zentrale Rolle aufwertet, heißt, sich für einen gerechten und solidarischen Fortschritt einzusetzen. Wir dürfen das Leid vieler Familien nicht übersehen, verursacht von fehlender Arbeit, von Wohnungsproblemen, von der praktischen Unmöglichkeit, die eigene Erziehungswahl frei umzusetzen; und auch das Leid, das von inneren Konflikten in den Familien selbst verursacht wird, vom Scheitern des Ehe- und Familienlebens, von der Gewalt, die sich leider einnistet und Schaden auch in unseren Häusern anrichtet. Allen müssen und wollen wir in besonderer Weise nahe sein, mit Respekt und einem wahren Sinn der Brüderlichkeit und der Solidarität. Vor allem aber wollen wir an das einfache, aber schöne und mutige Zeugnis so vieler Familien erinnern, die die Erfahrung der Ehe und der Elternschaft mit Freude leben, erleuchtet und gestützt von der Gnade des Herrn und ohne Angst, auch die Augenblicke des Kreuzes anzunehmen, das – in Vereinigung mit dem Kreuz des Herrn gelebt – den Weg der Liebe nicht behindert, sondern ihn im Gegenteil noch stärker und vollkommener machen kann.

Möge diese Sozialwoche wirksam dazu beitragen, über Vorurteile und Ideologien hinaus den Zusammenhang hervorzuheben, der zwischen dem Gemeinwohl und der Förderung der auf die Ehe gegründeten Familie besteht. Es handelt sich um eine Pflicht der Hoffnung, die alle gegenüber dem Land haben, insbesondere den jungen Menschen gegenüber, denen man Hoffnung für die Zukunft bieten muss. Ihnen, lieber Bruder, und der großen Versammlung der Sozialwoche in Turin sichere ich mein Gedenken im Gebet zu und sende Ihnen von Herzen den Apostolischen Segen, während ich auch um das Gebet für mich und meinen Dienst an der Kirche bitte.

Aus dem Vatikan, 11. September 2013

FRANZISKUS

 



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