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BEGEGNUNG MIT DEM KLERUS DER DIÖZESE ROM

MEDITATION DES HEILIGEN VATERS

Basilika St. Johann im Lateran
Donnerstag, 7. März 2019

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Guten Tag euch allen!

Es ist immer schön, einander hier zu begegnen, zu Beginn der Fastenzeit, um diese Liturgie der Vergebung Gottes zu feiern. Es tut uns gut – auch mir tut es gut! –, und ich spüre jetzt, wo jeder von uns die Barmherzigkeit Gottes empfangen und sie den anderen, seinen Brüdern, geschenkt hat, im Herzen einen großen Frieden. Wir wollen diesen Augenblick als das leben, was er wirklich ist: als außerordentliche Gnade, als bleibendes Wunder der göttlichen Zärtlichkeit, in dem Gottes Versöhnung, die Schwester der Taufe, uns erneut innerlich berührt, uns mit Tränen wäscht, uns zu neuem Leben erweckt, uns die ursprüngliche Schönheit zurückerstattet.

Dieser Friede und diese Dankbarkeit, die aus unserem Herzen zum Herrn aufsteigen, helfen uns, zu verstehen, dass die ganze Kirche und jedes ihrer Kinder dank der Barmherzigkeit Gottes lebt und gedeiht. Die Braut des Lammes wird »ohne Flecken oder Falten« (Eph 5,27), durch Gottes Geschenk. Ihre Schönheit ist das Ziel eines Weges der Läuterung und der Verklärung, also eines Exodus, zu dem der Herr uns beständig einlädt: »Ich werde sie in die Wüste gehen lassen und ihr zu Herzen reden« (Hos 2,16). Wir dürfen nie aufhören, uns gegenseitig vor der Versuchung der Selbstgenügsamkeit und der Selbstgefälligkeit zu warnen, so als wären wir Volk Gottes aus eigener Initiative oder aufgrund unserer Verdienste. Eine solche Selbstbezogenheit wäre sehr schlecht, und sie ist immer schlecht für uns: sowohl die Selbstgenügsamkeit im Tun als auch die »Sünde des Spiegels«, die Selbstgefälligkeit: »Wie schön ich bin! Wie gut ich bin!« Wir sind nicht Volk Gottes aus eigener Initiative, aufgrund unserer Verdienste. Nein, wirklich nicht. Wir sind und werden immer die Frucht des barmherzigen Handelns des Herrn sein: ein Volk von Stolzen, die von der Demut Gottes klein gemacht werden, ein Volk von Armseligen – wir dürfen keine Angst haben, dieses Wort zu gebrauchen: »Ich bin armselig « –, die reich worden sind durch die Armut Gottes. Ein Volk von Verfluchten, die gerecht gemacht worden sind von dem, der »verflucht« wurde, als er am Kreuzesholz hing (vgl. Gal 3,13).

Wir dürfen nie vergessen: »Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen« (Joh 15,5). Ich wiederhole es, der Meister hat zu uns gesagt: »Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.« Und so ändert sich die Sache: Nicht ich, der sich im Spiegel betrachtet, nicht ich bin der Mittelpunkt des Handelns, ja oft sogar der Mittelpunkt des Gebets… Nein, nein: Er ist der Mittelpunkt. Ich stehe am Rand. Er ist der Mittelpunkt, er macht alles, und das erfordert von uns eine heilige Passivität – keine heilige Faulheit, nein, das nicht –, eine heilige Passivität vor Gott, vor allem vor Jesus. Er ist es, der die Dinge tut.

Darum ist die jetzige Fastenzeit wirklich eine Gnade: Sie ermöglicht uns, uns wieder vor Gott zu stellen und ihn alles sein zu lassen. Seine Liebe erhebt uns wieder aus dem Staub (»gedenke«, dass du ohne mich »Staub bist«, hat der Herr gestern zu uns gesagt). Sein Geist, der erneut in unsere Nase geblasen wird, schenkt uns das Leben der Auferstandenen. Die Hand Gottes, der uns nach dem Abbild und Gleichnis seines dreifaltigen Geheimnisses erschaffen hat, hat uns vielfältig in der Einheit erschaffen: verschieden, aber voneinander untrennbar. Die Vergebung Gottes, die wir heute gefeiert haben, ist eine Kraft, die die Gemeinschaft auf allen Ebenen wiederherstellt: zwischen uns Priestern in dem einen diözesanen Presbyterium; mit allen Christen in dem einen Leib, der Kirche; mit allen Menschen in der Einheit der Menschheitsfamilie. Der Herr präsentiert uns einander und sagt zu uns: Das ist dein Bruder, »Bein von deinem Bein und Fleisch von deinem Fleisch« (vgl. Gen 2,23), mit dem du berufen bist, die Liebe zu leben, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8).

Für die sieben Jahre des diözesanen Weges, die uns vom Heiligen Jahr 2025 trennen (wir sind im zweiten angekommen), habe ich euch als Paradigma das Buch Exodus vorgeschlagen. Der Herr wirkt, damals wie heute, und verwandelt ein »Nicht-Volk« in das Volk Gottes. Das ist sein Wunsch und sein Plan auch für uns.

Was tut nun der Herr, als er betrübt feststellen muss, dass Israel ein »hartnäckiges« (Ex 32,9) Volk ist, das »böse« (Ex 32,22) ist, wie in der Episode vom goldenen Kalb? Er beginnt ein geduldiges Werk der Versöhnung, eine weise Pädagogik, in der er droht und tröstet, ihnen die Folgen des Bösen, das sie begangen haben, zu Bewusstsein bringt und beschließt, die Sünde zu vergessen. Er straft, indem er das Volk schlägt, und heilt die Wunde, die er verursacht hat. Im Text von Exodus 32-34, den ihr in der Fastenzeit euren Gemeinden zur Betrachtung anbieten werdet, scheint der Herr eine radikale Entscheidung getroffen zu haben: »Ich ziehe nicht in deiner Mitte hinauf« (Ex 33,3). Wenn der Herr sich verschließt, entfernt er sich. Wir haben diese Erfahrung gemacht, in schlimmen Augenblicken, in geistlicher Trostlosigkeit. Wenn jemand von euch diese Augenblicke nicht kennt, dann rate ich ihm, einen guten Beichtvater, einen Spiritual aufzusuchen und mit ihm zu sprechen, weil dir etwas im Leben fehlt; ich weiß nicht, was es ist, aber keine Trostlosigkeit zu spüren… ist nicht normal; ich würde sagen, es ist nicht christlich. Wir haben diese Momente. Ich werde nicht mehr vor dir hergehen; ich werde meinen Engel senden (vgl. Ex 32,34), der dir auf deinem Weg vorangehen wird, aber ich ziehe nicht hinauf. Wenn der Herr uns alleinlässt, ohne seine Gegenwart, und wir in der Pfarrei sind, arbeiten und beschäftigt sind, aber ohne die Gegenwart des Herrn, in der Trostlosigkeit… Nicht nur im Trost, in der Trostlosigkeit. Denkt darüber nach.

Andererseits hatte das Volk, vielleicht aus Ungeduld oder weil es sich verlassen fühlte (weil Mose lange Zeit nicht vom Berg herabkam), dem von Gott auserwählten Propheten den Rücken gekehrt und Aaron gebeten, einen Götzen herzustellen, ein stummes Gottesbild, das vor ihm herziehen sollte. Das Volk duldet die Abwesenheit des Mose nicht, es ist trostlos und duldet sie nicht und sucht sofort einen anderen Gott, um sich gut zu fühlen. Wenn wir keine Trostlosigkeit erfahren, kann es manchmal sein, dass wir Götzen haben. »Nein, es geht mir gut, mit dem, was ich habe, komme ich zurecht…« Es kommt nie die Traurigkeit, von Gott verlassen zu sein.

Was tut der Herr, wenn wir ihn – durch die Götzen – aus dem Leben unserer Gemeinden »ausschließen«, weil wir überzeugt sind, uns selbst zu genügen? In diesem Augenblick bin ich der Götze: »Nein, ich komme zurecht… Danke… Mach dir keine Sorgen, ich komme zurecht.« Und man spürt nicht, dass man den Herrn braucht, man spürt nicht die Trostlosigkeit der Abwesenheit des Herrn. Aber der Herr ist schlau! Die Versöhnung, die er dem Volk anbieten will, wird eine Lektion sein, an die die Israeliten sich für immer erinnern werden. Gott verhält sich wie ein verschmähter Liebhaber: Wenn du mich nicht willst, dann gehe ich eben! Und er lässt uns allein. Es stimmt, wir können allein zurechtkommen, für einige Zeit, sechs Monate, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, auch länger. An einem bestimmten Punkt explodiert alles. Wenn wir allein weitergehen, dann explodiert diese Selbstgenügsamkeit, diese Selbstgefälligkeit der Einsamkeit. Und sie explodiert auf schlimme, sehr schlimme Weise. Ich denke an einen bestimmten Fall, einen tüchtigen Priester. Er war tüchtig und fromm, ich habe ihn gut gekannt. Er war sehr intelligent.

Wenn es in irgendeiner Gemeinschaft ein Problem gab, dann dachten die Oberen daran, dass er das Problem lösen könnte: eine Schule, eine Universität, er war wirklich tüchtig. Er verehrte jedoch den »heiligen Spiegel«: Er schaute viel auf sich selbst. Und Gott war gut zu ihm. Eines Tages ließ er ihn spüren, dass er allein war im Leben, dass er viel verloren hatte. Und er hat es nicht gewagt, zum Herrn zu sagen: »Aber ich habe dieses und jenes in Ordnung gebracht…« Nein, er hat sofort gemerkt, dass er allein war. Das ist die größte Gnade, die der Herr gewähren kann, für mich ist es die größte Gnade: Dieser Mann weinte. Die Gnade der Tränen. Er hat geweint um die verlorene Zeit, er hat geweint, weil der heilige Spiegel ihm nicht das gegeben hatte, was er von sich selbst erwartet hatte. Und er hat noch einmal von vorn begonnen, demütig. Wenn der Herr weggeht, weil wir ihn verjagen, dann muss man um die Gabe der Tränen bitten, über die Abwesenheit des Herrn weinen. »Du willst mich nicht, dann gehe ich eben«, sagt der Herr, und mit der Zeit geschieht das, was diesem Priester geschehen ist.

Kehren wir zurück zum Exodus. Die erhoffte Wirkung stellt sich ein: »Als das Volk diese Drohung hörte, trauerten sie und keiner legte seinen Schmuck an« (Ex 33,4). Den Israeliten ist nicht entgangen, dass keine Strafe so schwer ist wie diese göttliche Entscheidung, die seinem heiligen Namen widerspricht: »Ich bin, der ich bin« (Ex 3,14). Dieses Wort hat eine konkrete, keine abstrakte Bedeutung. Man könnte es vielleicht so übersetzen: »Ich bin, der hier bei dir ist und sein wird.« Wenn du merkst, dass er weggegangen ist, weil du ihn verjagt hast, dann ist es eine Gnade, dies zu spüren. Wenn du es nicht merkst, dann kommt das Leiden. Der Engel ist keine Lösung, ja er wäre sogar ein ständiger Zeuge der Abwesenheit Gottes. Darum ist die Reaktion des Volkes die Traurigkeit. Das ist wieder etwas Gefährliches, denn es gibt eine gute Traurigkeit und eine schlechte Traurigkeit. Man muss in den Augenblicken der Traurigkeit eine Unterscheidung finden: Wie ist meine Traurigkeit beschaffen, woher kommt sie? Und manchmal ist sie gut, kommt sie von Gott, aus der Abwesenheit Gottes, wie in diesem Fall. In anderen Fällen ist auch sie eine Form der Selbstgefälligkeit, nicht wahr?

Was würden wir empfinden, wenn der auferstandene Herr zu uns sagen würde: Macht ruhig weiter mit euren kirchlichen Tätigkeiten und euren Gottesdiensten, aber ich werde nicht mehr gegenwärtig sein und in euren Sakramenten wirken? Da ihr eure Entscheidungen nach weltlichen Kriterien trefft und nicht nach dem Evangelium (tamquam Deus non esset), ziehe ich mich ganz zurück… Alles wäre leer, sinnlos, wäre nichts anderes als »Staub«. Die Drohung Gottes gibt den Blick frei auf die Erkenntnis, was unser Leben ohne ihn wäre, wenn er sein Angesicht wirklich für immer abwenden würde. Das ist der Tod, die Verzweiflung, die Hölle: Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.

Der Herr zeigt uns noch einmal, am lebendigen Fleisch der Enthüllung unserer Heuchelei, was wirklich seine Barmherzigkeit ist. Gott offenbart Mose auf dem Berg seine Herrlichkeit und seinen heiligen Namen: »Der Herr ist der Herr, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue« (Ex 34,6). Im »Spiel der Liebe«, das Gott spielt, im Wechsel zwischen angedrohter Abwesenheit und zurückgeschenkter Gegenwart – »Mein Angesicht wird mitgehen, bis ich dir Ruhe verschafft habe« (Ex 33,14) – nimmt Gott die Versöhnung mit seinem Volk vor. Israel kommt aus dieser schmerzhaften Erfahrung, die es für immer zeichnen wird, mit neuer Reife heraus: Es ist sich bewusster geworden, wer der Gott ist, der es aus Ägypten befreit hat, es erkennt deutlicher die wahren Gefahren des Weges (wir könnten sagen: Es fürchtet mehr sich selbst als die Schlangen der Wüste!).

Das ist gut: Etwas Angst vor uns selbst zu haben, vor unserer Allmacht, vor unserer Schlauheit, vor unseren Heimlichkeiten, vor unserem doppelten Spiel… etwas Angst. Möglichst mehr Angst davor zu haben als vor den Schlangen, denn das ist wahres Gift. Und so ist das Volk stärker vereint um Mose und um das Wort Gottes herum, das er verkündet. Die Erfahrung der Sünde und der Vergebung Gottes hat Israel etwas mehr zu dem Volk werden lassen, das Gott gehört. Wir haben diesen Bußgottesdienst gefeiert und wir haben die Erfahrung unserer Sünden gemacht. Und die Sünde auszusprechen macht uns offen für die Barmherzigkeit Gottes, weil man die Sünde gewöhnlich versteckt. Wir verstecken die Sünde nicht nur vor Gott, nicht nur vor dem Nächsten, nicht nur vor dem Priester, sondern vor uns selbst. Die »Kosmetik« ist in dieser Beziehung sehr fortgeschritten: Wir sind darauf spezialisiert, die Situationen zu überschminken. »Ja, aber das hält natürlich nicht lange…« Und etwas Wasser, um sich die Schminke abzuwaschen, tut allen gut, um zu sehen, dass wir nicht so schön sind: Wir sind hässlich, hässlich auch in unseren Dingen. Aber ohne darüber zu verzweifeln, denn Gott ist da, gütig und barmherzig, er steht immer hinter uns. Seine Barmherzigkeit begleitet uns.

Liebe Brüder, das ist der Sinn der Fastenzeit, die wir leben werden. In den geistlichen Exerzitien, die ihr den Menschen eurer Gemeinden predigen werdet, in den Bußgottesdiensten, die ihr feiern werdet, sollt ihr den Mut haben, die Versöhnung des Herrn anzubieten, seine leidenschaftliche und eifersüchtige Liebe anzubieten. Unsere Rolle ist wie die des Mose: ein großherziger Dienst am Versöhnungswerk Gottes, ein »Sich-Einlassen« auf das Spiel seiner Liebe.

Es ist schön, wie Gott Mose einbezieht, ihn wirklich als seinen Freund behandelt: Er bereitet ihn vor, bevor er vom Berg herabsteigt, indem er ihn vor dem Abfall des Volkes warnt, er lässt ihn zum Fürsprecher für seine Brüder und Schwestern werden, er hört ihm zu, als er ihn an die Verheißung erinnert, die er – Gott – Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. Wir können uns vorstellen, dass Gott gelächelt hat, als Mose ihn aufgefordert hat, sich selbst nicht zu widersprechen, in den Augen der Ägypter nicht schlecht dazustehen und nicht schwächer zu sein als ihre Götter, seinem heiligen Namen Respekt zu verschaffen. Er fordert ihn heraus mit der Dialektik der Verantwortung: »Dein Volk, das du, Mose, aus Ägypten herausgeführt hast«, damit Mose antwortet: Aber nein, das Volk gehört Gott, er hat es aus Ägypten herausgeführt… Und das ist ein reifer Dialog, mit dem Herrn.

Wenn wir sehen, dass das Volk, dem wir in der Pfarrei oder andernorts dienen, sich entfernt hat, dann neigen wir dazu, zu sagen: »Es sind meine Leute, es ist mein Volk.« Ja, es ist dein Volk, aber stellvertretend, sozusagen: Es ist Sein Volk! Und ihm dann vorzuwerfen: »Sieh an, was dein Volk tut«. Dieser Dialog mit dem Herrn.

Aber Gottes Herz hat vor Freude gejubelt, als er die Worte des Mose gehört hat: »Jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast« (Ex 32,32). Und das ist eines der schönsten Dinge des Priesters: Er stellt sich vor den Herrn und hält das Gesicht hin für sein Volk. »Es ist dein Volk, nicht meines, und du musst vergeben« – »Nein, aber…« – »Ich gehe weg! Ich spreche nicht mehr mit dir. Streich mich.« Man braucht Mut, um so mit Gott zu sprechen! Aber so müssen wir sprechen, als Männer, nicht als Kleinmütige, als Männer! Denn das bedeutet, dass ich mir meiner Stellung in der Kirche bewusst bin, dass ich kein Verwalter bin, den man dorthin gestellt hat, um etwas geordnet abzuwickeln. Es bedeutet, dass ich glaube, dass ich Glauben habe. Versucht, so mit Gott zu sprechen.

Für das Volk zu sterben, das Schicksal des Volkes zu teilen, was auch immer geschieht, sogar für es zu sterben. Mose hat Gottes Angebot nicht angenommen, er hat die Bestechung nicht angenommen. Gott tut so als wolle er ihn bestechen. Er hat es nicht angenommen: »Nein, da mache ich nicht mit. Ich stehe auf der Seite des Volkes. Deines Volkes.« Gottes Angebot lautete: »Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt! Dich aber will ich zu einem großen Volk machen« (Ex 32,10).

Das ist die »Bestechung«. Aber wie ist das möglich? Ist Gott der Bestecher? Er versucht, das Herz seines Hirten zu sehen. Mose will nicht sich selbst retten: Er ist bereits eins mit seinen Brüdern und Schwestern. Wie schön wäre es, wenn jeder von uns dahin gelangen würde, wie schön wäre das! Es ist schlimm, wenn ein Priester zum Bischof geht, um sich über seine Leute zu beschweren: »Ach, das ist nicht auszuhalten, diese Leute verstehen nichts, und dies und das… Es ist reine Zeitverschwendung…« Das ist schlimm! Was fehlt diesem Mann? Viele Dinge fehlen diesem Priester! Mose tut das nicht. Er will nicht sich selbst retten, denn er ist eins mit seinen Brüdern und Schwestern.

Hier hat der Vater das Angesicht des Sohnes gesehen Das Licht des Geistes Gottes hat das Angesicht des Mose durchdrungen und hat auf seinem Angesicht die Züge des Gekreuzigten und Auferstandenen aufscheinen lassen und es strahlend gemacht. Und wenn wir dorthin gehen, um mit Gott zu ringen – auch unser Vater Abraham hat das getan, er hat mit Gott gerungen –, wenn wir dorthin gehen, dann lassen wir erkennen, dass wir Jesus ähnlich sind, der das Leben hingibt für sein Volk. Und der Vater lächelt: Er wird in uns den Blick Jesu sehen, der in den Tod gegangen ist für uns, für das Volk des Vaters, für uns. Das Herz des Freundes Gottes ist jetzt ganz weit geworden, ist groß geworden – Mose, der Freund Gottes –, dem Herzen Gottes ähnlich, viel größer als das menschliche Herz (vgl. 1 Joh 3,18). Mose ist wirklich der Freund geworden, der mit Gott redet von Angesicht zu Angesicht (vgl. Ex 33,11).

Von Angesicht zu Angesicht! Darum geht es, wenn der Bischof oder der Spiritual einen Priester fragt, ob er betet: »Ja, ja, ich… ja, mit der ›Schwiegermutter‹ komme ich zurecht – die ›Schwiegermutter‹ ist das Brevier – ja, ich komme zurecht, ich bete die Laudes, und dann…« Nein, nein. Wenn du betest, was bedeutet das? Wenn du Gott dein Gesicht hinhälst für das Volk. Wenn du mit Gott ringst für dein Volk. Das bedeutet »beten« für einen Priester. Es bedeutet nicht, Vorschriften zu erfüllen. »Aber Vater, geht das Brevier dann nicht mehr?« Doch, das Brevier geht, aber mit dieser Haltung. Du bist dort, vor Gott, und dein Volk steht hinter dir. Und Mose ist auch der Hüter der Herrlichkeit Gottes, der Geheimnisse Gottes. Er hat die Herrlichkeit von hinten betrachtet, er hat seinen wahren Namen auf dem Berg vernommen, er hat seine Vaterliebe verstanden.

Liebe Brüder, wir haben ein enormes Privileg! Gott kennt unsere »beschämende Blöße«. Ich war tief bewegt, als ich das Original der [Gottesmutter] Hodegetria von Bari gesehen habe: Es ist nicht wie jetzt, etwas bekleidet mit Gewändern, die die orientalischen Christen auf die Ikone bringen. Es ist die Gottesmutter mit dem nackten Kind. Ich habe mich sehr gefreut, dass der Bischof von Bari mir eine davon gegeben hat. Er hat sie mir geschenkt, und ich habe sie dort vor meiner Tür angebracht. Und morgens, wenn ich aufstehe – das sage ich, um eine Erfahrung mitzuteilen – und dort vorbeikomme, dann sage ich gern zur Gottesmutter, dass sie meine Blöße bewahren möge: »Mutter, du kennst all meine Blößen«. Das ist etwas Großartiges: Den Herrn – aus meiner Blöße heraus – zu bitten, meine Blöße zu bewahren.

Sie kennt sie alle. Gott kennt unsere »beschämende Blöße«, aber dennoch wird er nicht müde, sich unserer zu bedienen, um den Menschen die Versöhnung anzubieten. Wir sind sehr arme Sünder, und dennoch nimmt Gott uns, um Fürsprache zu halten für unsere Brüder und Schwestern, und um den Menschen durch unsere durchaus nicht unschuldigen Hände das Heil zu schenken, das zu neuem Leben erweckt. Die Sünde entstellt uns, und wir machen diese demütigende Erfahrung, wenn wir selbst oder einer unserer Brüder im Priester- oder im Bischofsamt in den bodenlosen Abgrund des Lasters, der Korruption oder – noch schlimmer – des Verbrechens stürzt, das das Leben der anderen zerstört. Ich möchte den unerträglichen Schmerz und das Leid mit euch teilen, das die Welle der Skandale, von denen die Zeitungen der ganzen Welt mittlerweile voll sind, in uns und im ganzen Leib der Kirche verursachen.

Natürlich ist die wahre Bedeutung dessen, was geschieht, beim Geist des Bösen, dem Widersacher, zu suchen, der mit dem Anspruch handelt, der Herr der Welt zu sein, wie ich am Ende der Eucharistiefeier zum Abschluss des Treffens zum Schutz von Minderjährigen in der Kirche aber nicht entmutigen! Der Herr reinigt seine Braut, und er sorgt dafür, dass wir alle uns zu ihm bekehren. Er lässt uns durch die Prüfung gehen, damit wir verstehen, dass wir ohne ihn Staub sind. Er rettet uns aus der Heuchelei, aus der Spiritualität des schönen Scheins. Er haucht seinen Geist auf uns, um seiner Braut, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt wurde, die Schönheit zurückzugeben.

Es wird uns guttun, heute das 16. Kapitel des Propheten Ezechiel zur Hand zu nehmen. Das ist die Geschichte der Kirche. Das ist meine Geschichte, kann jeder von uns sagen. Und am Ende, aber durch deine Scham, wirst du weiterhin der Hirte sein. Unsere demütigen Reue, eine stille Reue unter Tränen angesichts der Ungeheuerlichkeit der Sünde und der unergründlichen Größe der Vergebung Gottes, diese demütige Reue ist der Beginn unserer Heiligkeit.

Habt keine Angst, euer Leben einzusetzen im Dienst der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen: Uns ist keine andere heimliche Größe gegeben als diese Hingabe des Lebens, damit die Menschen seine Liebe kennenlernen können. Das Leben eines Priesters ist oft geprägt von Unverständnis, stillem Leiden, manchmal auch Verfolgungen.

Und auch von Sünden, die nur Er kennt. Die Spaltungen unter den Brüdern und Schwestern unserer Gemeinde, die Nichtannahme des Wortes des Evangeliums, die Verachtung der Armen, der Groll, der genährt wird von einer nicht stattgefundenen Versöhnung, der von beschämenden Verhaltensweisen einiger Mitbrüder erregte Skandal: All das kann uns den Schlaf rauben und uns hilflos zurücklassen. Glauben wir jedoch an die geduldige Führung Gottes, der die Dinge zu seiner Zeit macht, erweitern wir das Herz und stellen wir uns in den Dienst des Wortes der Versöhnung. Was wir heute in dieser Kathedrale erlebt haben, müssen wir in unseren Gemeinden anbieten.

In den Bußgottesdiensten, die wir jetzt in der Fastenzeit in den Pfarreien und in den Präfekturen feiern werden, wird jeder Gott und die Brüder und Schwestern um Vergebung bitten für die Sünde, die die kirchliche Gemeinschaft unterminiert und die missionarische Dynamik erstickt hat. Mit Demut – die ein typischer Wesenszug des Herzens Gottes ist, bei dem wir uns jedoch schwertun, ihn uns zu eigen zu machen –, wollen wir einander bekennen, dass wir von Gott unser Leben neu gestalten lassen müssen. Bittet als erste eure Brüder um Vergebung.

»Sich selbst anklagen: das ist ein weiser, weisheitlicher Anfang, der mit der heiligen Gottesfurcht verbunden ist« (ebd.). Es wird ein schönes Zeichen sein, wenn – wie wir es heute getan haben – jeder von euch bei einem Mitbruder beichtet, auch in den Bußgottesdiensten in der Pfarrei, vor den Augen der Gläubigen. Wir werden ein strahlendes Angesicht haben, wie Mose, wenn wir mit gerührtem Blick einander von der Barmherzigkeit berichten, die uns zuteil wurde. Das ist der Weg, es gibt keinen anderen. So werden wir den Dämon des Stolzes wie einen Blitz vom Himmel fallen sehen, wenn das Wunder der Versöhnung in unseren Gemeinden geschieht. Wir werden uns etwas mehr als das Volk fühlen, das dem Herrn gehört, in dessen Mitte Gott hinaufzieht. Das ist der Weg.

Und ich wünsche euch eine gute Fastenzeit!

Jetzt möchte ich etwas hinzufügen, um das ich gebeten wurde. Eine konkrete Weise, eine Fastenzeit der Nächstenliebe zu leben, ist es, einen großherzigen Beitrag zu leisten zur Kampagne »Come in cielo, così in strada« [dt.: Wie im Himmel so auf der Straße], mit der unsere diözesane »Caritas« auf alle Formen der Armut antworten möchte, indem sie die Notleidenden aufnimmt und unterstützt. Ich weiß, dass ihr in jedem Jahr großherzig auf diesen Appell antwortet, aber in diesem Jahr bitte ich euch um einen größeren Einsatz, um die ganze Gemeinde und alle Gemeinden wirklich persönlich darin einzubeziehen.

Zum Abschluss der Begegnung ergriff Kardinalvikar De Donatis das Wort:

Jetzt ein Wort zur Überreichung dieses Heftes: Papst Franziskus schenkt es uns. Es ist das Heft, das uns in der Fastenzeit begleiten wird, als zweite Lesung, wie wir es auch im letzten Jahr getan haben. Es hat dieselben Maße wie das Brevier; das hilft uns, es immer dabeizuhaben. Die Präfekten verteilen diese Hefte an alle. Vielleicht könnt ihr sie auch denen geben, die nicht anwesend sind. Danke. Im Namen aller danke ich Ihnen wirklich von Herzen, dass Sie heute hierhergekommen sind, wie jedes Jahr. Außer unserem Dank kann ich Ihnen im Namen aller sagen, dass wir Sie auch weiterhin mit unserem täglichen Gebet unterstützen.

Papst Franziskus:

Ich brauche das, ich brauche das Gebet. Betet für mich. Eine Sache, die mir an diesem Heft gefällt, ist der Reichtum der Väter: zu den Vätern zurückkehren. Vor kurzem wurde in einer römischen Pfarrei ein Buch vorgestellt. Ich glaube, es heißt »Bisogno di paternità« [dt.: Wir brauchen die Vaterschaft]. Es sind alles Texte der Kirchenväter, nach verschiedenen Thematiken geordnet: die Tugenden, die Kirche… Zu den Vätern zurückzukehren hilft uns sehr, weil es ein großer Reichtum ist. Danke.

 

 



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