Index   Back Top Print

[ DE  - EN  - ES  - FR  - IT  - PL  - PT ]

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
 IN DIE VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE

(3.-5. FEBRUAR 2019)

PRESSEKONFERENZ MIT DEM HEILIGEN VATER
AUF DEM RÜCKFLUG NACH ROM

Dienstag, 5. Februar 2019

[Multimedia]


 

Alessandro Gisotti:

Guten Tag, Heiliger Vater, guten Tag Ihnen allen. Wir Journalisten verwenden häufig das Adjektiv „historisch“, und manchmal sagt man, dass wir es ein wenig zu oft verwenden, aber vielleicht passt es für diese Reise gut. Viele haben es in vielen verschiedenen Sprachen benutzt. Wahrlich eine kurze Reise, was ihre Dauer anbelangt, aber mit einem wirklich weitreichenden Horizont, und alle hoffen, dass die Früchte aus den Samen dieser Tage lang anhalten. Es war eine Reise, auf der man heute, vor wenigen Stunden, ein Treffen mit einem Volk aus vielen Völkern erlebt hat: Die lokalen Organisatoren sagten, dass fast hundert Nationalitäten anwesend waren. Und gestern dieses Dokument von wirklich außerordentlichem Wert, eine Überraschung, aber eine jener Überraschungen, über die, wie ich mir vorstelle, die Kollegen wegen ihrer Bedeutung gerne berichtet haben. Ich weiß nicht, ob Sie, Heiliger Vater, vor den Fragen eine kleine Einführung geben wollen.

Papst Franziskus:

Zuerst einmal guten Tag und danke für die Gesellschaft. Es war eine viel zu kurze Reise, aber es war eine großartige Erfahrung. Ich denke, jede Reise ist historisch, und auch jeder unserer Tage bedeutet, täglich Geschichte zu schreiben. Keine Geschichte ist klein, keine. Jede Geschichte ist groß und erzählenswert, und auch wenn sie unschön ist, wenn ihr Wert verborgen ist, kann er doch immer zum Vorschein kommen. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

Alessandro Gisotti:

Beginnen wir mit den Fragen, und beginnen wir, wie es Tradition ist, mit den lokalen Journalisten. Dieses inhaltlich so reiche Dokument lädt wirklich zu vielen Fragen ein und regt zum Nachdenken an. Der erste, der eine Frage stellt, Heiliger Vater, ist Imad Atrach von „Sky News Arabia“.

Imad Atrach:

Heiligkeit, welche werden die ersten Ergebnisse dieser Reise sein und wie ist Ihr Eindruck von diesem Land, von den Vereinigten Arabischen Emiraten?

Papst Franziskus:

Ich habe ein modernes Land gesehen, ich war beeindruckt von der Stadt, der Sauberkeit der Stadt ... Und selbst kleine Kuriositäten: wie sie die Blumen in dieser Wüste bewässern. Es ist ein modernes Land, das die vielen Menschen willkommen heißt, die hierherkommen. Es ist ein Land, das in die Zukunft blickt. Zum Beispiel, unter anderem, die Erziehung der Kinder: sie erziehen sie im Blick auf die Zukunft, immer. Diese Erklärung hat man mir gegeben. Dann ist mir auch das Wasserproblem aufgefallen: Man versucht für die Zukunft, die nächste Zukunft, das Meerwasser und auch das Wasser aus der Luftfeuchtigkeit trinkbar zu machen … Immer auf der Suche nach Neuem. Und ich habe auch von jemandem gehört: „Eines Tages werden wir kein Erdöl mehr haben, und wir bereiten uns auf diesen Tag vor, damit wir dann etwas anderes zu tun haben.“ Dies ist ein Land, das in die Zukunft blickt. Dann erschien es mir als ein offenes Land, nicht verschlossen. Auch die Religiosität: Der Islam ist ein offener, nicht verschlossener Islam, bereit zum Dialog, ein brüderlicher und friedliebender Islam. In diesem Zusammenhang hebe ich die Berufung zum Frieden hervor, die ich dort wahrgenommen habe, trotz der Probleme einiger kriegerischer Auseinandersetzungen in der Region, aber so habe ich das empfunden. Sehr berührt hat mich dann auch die Begegnung mit den Weisen [dem Ältestenrat], den Weisen des Islam, das war sehr tiefschürfend; sie kamen von ganz verschiedenen Orten, unterschiedlichen Kulturen. Und das zeigt auch die Öffnung dieses Landes für einen gewissen regionalen, universalen und religiösen Dialog. Dann war ich beeindruckt von der interreligiösen Begegnung: ein großes kulturelles Ereignis; und auch – ich habe es in meiner Rede erwähnt – von dem, was hier im vergangenen Jahr zum Schutz von Kindern in den Medien, im Internet unternommen wurde. Denn Kinderpornographie ist heute ja eine „Industrie“, die viel Geld einbringt und die Kinder missbraucht. Dieses Land hat das bemerkt und gute Dinge getan. Sicherlich wird es auch Probleme und negative Aspekte geben, aber bei einer Reise von weniger als zwei Tagen sieht man diese Dinge nicht, und wenn man sie sieht, schaut man woanders hin ... Und ich danke für die Gastfreundschaft.

Alessandro Gisotti:

Jetzt eine Frage von Nour Salman von der „Emirates News Agency“.

Nour Salman:

Eure Heiligkeit, ich danke Ihnen sehr für diese Gelegenheit. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Welche zukünftige Umsetzung wird dieses Dokument von Abu Dhabi zur Brüderlichkeit aller Menschen jetzt nach seiner Unterzeichnung finden? Und was denken Sie von Seiner Hoheit Mohammed bin Zayed, der den Bau der St.-Franziskus-Kirche und der Imam-Ahmad-Al-Tayyeb-Moschee ankündigt hat?

Papst Franziskus:

Das Dokument wurde sehr wohlüberlegt und auch mit Gebet vorbereitet. Sowohl der Großimam mit seinem Team als auch ich mit dem meinen, wir haben viel gebetet, um dieses Dokument erstellen zu können. Denn für mich gibt es im Moment nur eine große Gefahr: Zerstörung, Krieg, Hass zwischen uns. Und wenn wir Gläubigen nicht in der Lage sind, einander die Hand zu reichen, uns zu umarmen, zu küssen und auch zu beten, wird unser Glaube zerstört. Dieses Dokument entsteht aus dem Glauben an Gott, der der Vater aller und der Vater des Friedens ist und der jede Zerstörung, jeden Terrorismus verurteilt, vom ersten Terrorismus der Geschichte an, von Kain an. Es ist ein Dokument, das über fast ein Jahr ausgearbeitet wurde, es wurde hin- und hergeschickt und es wurde viel gebetet .... Aber so ist es gereift, im Verborgenen, um das Kind nicht vorzeitig zur Welt zu bringen, damit es reif wird. Danke.

Alessandro Gisotti:

Heiliger Vater, vor der nächsten Frage gibt es ein Geschenk des Journalisten von „Al-Ittihad“ [überreicht dem Heiligen Vater ein Bild]

Nun stellt Ihnen der Kollege Jörg Seisselberg von der deutschen ARD eine Frage.

Jörg Seisselberg:

Heiliger Vater, es war eine Reise voller Begegnungen, Eindrücke und Bilder. Mir steht auch noch das Bild Ihrer Ankunft vor Augen: Sie wurden mit militärischen Ehren empfangen, mit Militärflugzeugen, die die Farben des Vatikans in den Himmel zeichneten. Ich frage mich: Wie passt das zu Papst Franziskus, zu dem Papst, der mit einer Botschaft des Friedens kommt? Was fühlen und was denken Sie in diesen Momenten? Und weiter zu diesem Thema, zu Ihrem Aufruf zum Frieden im Jemen: Welche Reaktionen haben Sie bei Ihren Treffen erhalten, die Ihnen Hoffnung geben, dass diese Botschaft angenommen wird, dass Schritte zum Frieden im Jemen unternommen werden? Danke.

Papst Franziskus:

Danke. Ich interpretiere alle Willkommensgesten als Gesten des guten Willens. Jeder vollzieht sie gemäß seiner eigenen Kultur. Und was habe ich hier gefunden? Einen so großartigen Empfang, dass sie alles tun wollten, kleine und große Dinge, weil sie spürten, dass der Besuch des Papstes eine gute Sache war. Jemand sprach auch einen Segen: Gott weiß es, aber sie sehen es, wenn ich es richtig interpretiere, als eine gute Sache an, und sie wollten, dass man spürt, dass ich willkommen bin. Zum Problem der Kriege: Sie haben einen erwähnt. Ich weiß, es ist schwierig, nach zwei Tagen und nachdem man nur mit einigen wenigen Leuten über dieses Thema gesprochen hat, eine Meinung abzugeben; ich kann aber sagen, dass ich guten Willen vorgefunden habe, Friedensprozesse zu beginnen. Dies [diese Haltung] fand ich ein wenig den gemeinsamen Nenner, als ich über Kriegssituationen sprach – Sie erwähnten die des Jemen. Ich habe den guten Willen vorgefunden, Friedensprozesse zu starten.

Alessandro Gisotti:

Domenico Agasso von „La Stampa“ stellt Ihnen nun eine Frage. Es ist sein zweiter Papstflug, aber dies ist seine erste Gelegenheit, Ihnen während einer Pressekonferenz im Flugzeug eine Frage zu stellen. Bitteschön, Domenico.

Domenico Agasso:

Heiliger Vater, welche Auswirkungen wird es nach der gestrigen historischen Unterzeichnung des Dokuments über die Brüderlichkeit Ihrer Meinung nach in der islamischen Welt geben, insbesondere im Hinblick auf die Konflikte im Jemen und in Syrien? Und welche Auswirkungen hat es auch für die Katholiken, wenn man bedenkt, dass es einige Katholiken gibt, die Ihnen vorwerfen, dass Sie sich von den Muslimen instrumentalisieren lassen?

Papst Franziskus:

Aber nicht nur von Muslimen! Mir wird vorgeworfen, dass ich mich von allen instrumentalisieren lasse, auch von den Journalisten! Das gehört zu [meinem] Job. Aber eine Sache, ja, möchte ich dazu sagen. Ich möchte das noch einmal deutlich unterstreichen: Aus katholischer Sicht ist das Dokument nicht einen Millimeter vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgerückt. Es wird auch an einigen Stellen zitiert. Das Dokument wurde im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils verfasst. Und ich wollte, bevor ich die Entscheidung traf zu sagen: „So ist es gut, so kann es bleiben“ – zumindest von meiner Seite –, es von einigen Theologen lesen lassen und auch offiziell vom Theologen des Päpstlichen Hauses, der ein Dominikaner mit schöner dominikanischer Tradition ist, nicht um „Hexen zu jagen“, sondern um zu sehen, wo das Richtige ist, und er gab seine Zustimmung. Wenn jemand ein Unbehagen verspürt, dann verstehe ich das, es ist keine alltägliche Sache; und es ist kein Schritt zurück, es ist ein Schritt vorwärts, und zwar ein Schritt vorwärts, der fünfzig Jahre nach dem Konzil kommt, das sich entfalten muss. Die Historiker sagen, dass es hundert Jahre dauert, bis ein Konzil in der Kirche Wurzeln schlägt. Wir sind auf halbem Weg. Und dies kann etwas verwirren, auch mich. Ich sage Ihnen, ich habe einen Satz gesehen [in dem Dokument] und dachte bei mir: „Aber dieser Satz, ich weiß nicht, ob er sicher ist ...“ Es war ein Satz des Konzils! Und er hat auch mich überrascht! In der islamischen Welt gibt es unterschiedliche Auffassungen, es gibt einige etwas radikalere, andere sind es nicht. Gestern im Weisenrat gab es auch mindestens einen Schiiten, mit einem sehr großen universalen Horizont, und er sprach gut ... Es wird unter ihnen auch Diskrepanzen geben – ich kenne sie nicht genau –, aber es wird welche geben ... Es ist ein Prozess, und Prozesse reifen, wie Blumen, wie Früchte.

Alessandro Gisotti:

Danke, Heiliger Vater. Kommen wir jetzt zur französischsprachigen Gruppe mit Matilde Imberty von „Radio France“.

Matilde Imberty:

Guten Abend, Heiliger Vater. Sie haben soeben den Besuch in den Emiraten beendet und in Kürze werden Sie sich nach Marokko begeben: auch dort eine wichtige Reise. Wir haben den Eindruck, dass Sie mit ganz bestimmten Gesprächspartnern des Islam sprechen wollten. Ist das eine bewusste Wahl? Dann, nochmals bezüglich des Islam: Das gestern unterzeichnete historische Dokument ist, was den Bereich der Erziehung betrifft, sehr ehrgeizig. Berührt das Ihrer Meinung nach überhaupt die muslimischen Gläubigen? Danke.

Papst Franziskus:

Ich weiß und habe es von einigen Muslimen gehört, dass [das Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen] in den Universitäten studiert werden wird, zumindest sicherlich in Al-Azhar, und in den Schulen. Studiert, nicht aufgedrängt. Dies, um mit dem Schluss Ihrer Frage zu beginnen. Dann, die Nähe der beiden Reisen ist etwas zufällig, weil ich nach Marrakesch zum Treffen [Konferenz zum Globalen Pakt für Migration] fahren wollte. Aber es gab dort protokollarische Probleme: Ich konnte nicht zu einem internationalen Treffen gehen, ohne vorher dem Land einen Besuch abzustatten – und dazu hatte ich keine Zeit. Deshalb haben wir den Besuch verschoben. Er wird kurz nach dieser Reise stattfinden. Der Kardinalstaatssekretär ist dafür nach Marrakesch gereist. Es ist eine Frage der Diplomatie und auch der Höflichkeit. Doch es war nicht geplant. Auch in Marokko werde ich den Spuren des heiligen Johannes Paul II. folgen, der dorthin gereist ist. Er war der Erste, der dieses Land besucht hat. Es wird eine angenehme Reise werden. Dann sind auch Einladungen aus anderen arabischen Ländern eingetroffen, aber in diesem Jahr ist dafür keine Zeit. Schauen wir im nächsten Jahr, ob ich oder ein anderer Petrus, ob jemand dorthin geht! Danke.

Alessandro Gisotti:

Gut. Maria Sagrario Ruiz von „Radio Nacional de España”. Danke.

Maria Sagrario Ruiz:

Guten Abend, Heiliger Vater. Ich stelle eine Frage auf Spanisch. Die vatikanische Diplomatie verfügt über eine lange Erfahrung, was die Anwendung der Diplomatie der kleinen Schritte bei der Vermittlung von Konflikten betrifft. Ich möchte konkret an das Jahr 1978 erinnern, als Johannes Paul II. mit seiner Vermittlung einen Krieg zwischen Ihrem Land Argentinien und Chile abgewendet hat. Wir haben gestern erfahren, dass Nicolás Maduro – wenn wir uns jetzt Venezuela zuwenden – einen Brief verschickt hat, mit dem er den Dialog wieder aufnehmen will. Ihr Kardinalstaatssekretär Parolin kennt das Land sehr gut. Alle Blicke, viele von ihnen, richten sich jetzt auf Papst Franziskus und den Vatikan: Was tut der Vatikan oder was gedenkt er zu tun? Sie haben gesagt, dass Sie bereit wären zu vermitteln, wenn man Sie darum bittet. Wo stehen wir in diesem Moment?

Papst Franziskus:

Danke. Die Vermittlung zwischen Argentinien und Chile war wirklich eine mutige Tat des heiligen Johannes Paul II., die einen drohenden Krieg verhindert hat. Es gibt kleine Schritte, und der letzte ist die Vermittlung. Es sind kleine anfängliche Schritte, Wegbereiter, aber nicht nur im Vatikan, sondern in der ganzen Diplomatie: die Nähe des einen zum anderen, um Dialogmöglichkeiten einzuleiten. So macht man es in der Diplomatie. Ich denke, die Mitarbeiter des Staatssekretariats können all die verschiedenen Schritte, die man dazu unternehmen kann, gut erklären. Vor dieser Reise habe ich erfahren, dass mit der Diplomatenpost ein Brief von Maduro eintreffen sollte. Ich habe diesen Brief noch nicht gelesen. Wir werden sehen, was sich machen lässt. Aber für eine Vermittlung – nehmen wir den letzten Schritt – bedarf es des guten Willens auf beiden Seiten. Beide Parteien müssen darum bitten. So war es im Fall von Argentinien und Chile. In Venezuela war der Heilige Stuhl während des Dialogs zugegen, genau wie Ihr Landsmann Rodríguez Zapatero. Es gab ein erstes Treffen mit Nuntius Tscherrig, und dann hat Erzbischof Celli weitergemacht. Und dort „kreißte der Berg und gebar eine Maus“ – nichts als Schall und Rauch. Jetzt, ich weiß nicht, ich werde mir den Brief ansehen und überlegen, was man machen kann. Aber die ersten Rahmenbedingungen bestehen darin, dass beide Seiten darum bitten. Wir sind immer zur Stelle. Das ist genauso, wie wenn die Leute zum Pfarrer laufen, weil es ein Problem zwischen Eheleuten gibt. Da kommt dann eine Seite, und man fragt sich: „Kommt nun auch die andere Seite, oder kommt sie nicht? Will sie oder will sie nicht?“ Immer beide Seiten, das ist das Geheimnis. Und auch für die Länder ist dies eine Bedingung, die man zuerst ins Auge fassen muss, bevor man um Unterstützung oder die Teilnahme eines Beobachters oder um Vermittlung bittet. Immer beide Seiten! Danke. Und … ich werde hingehen, nach Spanien!

Alessandro Gisotti:

Jetzt wird Nicole Winfield von „Associated Press“ eine Frage an Sie stellen.

Nicole Winfield:

Heiliger Vater, vergangene Woche brachte die Frauenbeilage des L’Osservatore Romano einen Artikel, in dem der sexuelle Missbrauch von gottgeweihten Frauen – erwachsene Frauen, Ordensschwestern – durch Kleriker angeprangert wurde. Vor einigen Monaten hat auch die Internationale Vereinigung der Generaloberinnen [UISG] öffentlich zu diesem Thema Stellung genommen. Wir wissen, dass in wenigen Wochen im Vatikan die Konferenz über den Missbrauch von Minderjährigen stattfinden wird. Aber können wir uns vorstellen, dass der Heilige Stuhl auch etwas macht, um das hier genannte Problem anzugehen, vielleicht mit einem Dokument oder Leitlinien? Danke.

Papst Franziskus:

Ich werde darauf antworten. Bleiben Sie bitte hier. Doch ich möchte zuerst die Thematik der Reise abschließen. Dann wird Ihre Frage die erste sein, auf die ich antworte. Einverstanden?

Alessandro Gisotti:

Also, während Nicole [Winfield] hier bleibt, kommt jetzt Maria Angeles Aconde von „Rome Reports“ zu uns nach vorne.

Maria Angeles Aconde:

Guten Abend, Heiliger Vater. Ich richte an Sie eine Frage im Namen der spanischen Sprachgruppe. Sie hatten ein Treffen mit dem Ältestenrat. Können Sie uns, im Rahmen des Möglichen, erzählen, welche Themen angeschnitten wurden und ob Sie mit dem Eindruck nach Rom zurückkehren, dass die Botschaft Ihre Gesprächspartner erreicht hat?

Papst Franziskus:

Die Ältesten sind wirklich weise. Zuerst hat der Großimam gesprochen, dann ein jeder von ihnen, angefangen vom ältesten, der spanisch sprach – ja, weil er aus Mauretanien war und es dort gelernt hatte, man bedenke, dass er betagt, achtzig Jahre alt ist. Dann ging es weiter bis zum jüngsten, dem Sekretär, der wenig gesprochen hat. Er hat aber alles in einem Video gesagt, was seine Spezialität ist, denn er ist ein Kommunikator. Mir hat diese Begegnung gefallen, es war eine sehr schöne Sache. Zu Beginn haben sie über das Schlüsselwort „Weisheit“ gesprochen und dann über „Treue“. Sie haben hervorgehoben, dass die Weisheit im Laufe des Lebens wächst und die Treue stärker wird. Von dort her kommt die Freundschaft unter den Völkern. Sie waren von verschiedenen … ich weiß nicht, wie ich es erklären soll: einer war Schiit, die anderen hatten verschiedene Nuancen … Und dann führt dich dieser Weg der Weisheit und der Treue zum Aufbau des Friedens, weil der Friede ein Werk der Weisheit und der Treue ist, der menschlichen Treue, der Treue unter den Völkern und dies alles. Ich hatte den Eindruck, unter echten Weisen gewesen zu sein. Das gibt dem Großimam eine Sicherheit, sich auf diesen Rat stützen zu können.

Maria Angeles Aconde:

Sie sind zufrieden, denke ich mir …

Papst Franziskus:

Ja, ich bin sehr zufrieden. Danke.

Alessandro Gisotti:

Wir haben hier auch Sofia Barbarini von „The National“, einer sehr wichtigen Zeitung für Abu Dhabi.

Sofia Barbarini:

Guten Tag. Die Frage, die wir alle seitens der Mediengruppe von Abu Dhabi Ihnen stellen wollten, war die: Heute hat Ihnen ein Mädchen einen Brief überreicht – das konnten wir sehen –, sie ist zu Ihnen gelaufen, als Sie im Auto waren. Wir möchten gerne wissen, ob Sie den Brief schon gelesen haben und ob Sie schon wissen, was sie wollte …

Papst Franziskus:

Ich hatte keine Zeit dazu. Die Briefe wurden gesammelt. Sie werden nun geordnet, um sie später zu lesen.

Sofia Barbarini:

Können Sie uns sagen, welchen Eindruck Sie hatten, als Sie dieses Mädchen auf sich zukommen sahen?

Papst Franziskus:

Dieses Mädchen ist mutig! Sie wurde aufgehalten, aber ich habe gesagt: „Nein, lasst sie herkommen!“ Dieses Mädchen hat Zukunft, sie hat Zukunft! Ich wage zu sagen: Armer Ehemann! [Er lacht, alle lachen.] Sie hat Zukunft, sie ist mutig. Das hat mir gefallen, denn es braucht Mut, um so etwas zu tun. Dann ist ihr ein anderes Mädchen gefolgt. Es waren zwei: sie hat die andere gesehen und hat Mut gefasst.

Alessandro Gisotti:

Nun, es gibt weitere Fragen zur Reise: Inés San Martín und Franca Giansoldati, wenn Sie sehr schnell sind.

Franca Giansoldati:

Heiligkeit, Imam Al-Tayyeb hat über die Islamophobie, die Angst vor dem Islam gesprochen, sie gebrandmarkt. Warum hat man nichts über die Christianophobie oder jedenfalls über die Christenverfolgung gehört?

Papst Franziskus:

Tatsächlich habe ich über die Christenverfolgung gesprochen, nicht in dem Moment, aber ich spreche häufig darüber. Auch auf dieser Reise habe ich davon gesprochen – ich kann mich nicht erinnern wo –, aber ich habe darüber gesprochen. Ich weiß nicht, doch ich meine, das Dokument war mehr auf Einheit und Freundschaft ausgerichtet, und dies habe ich hervorgehoben. Jetzt kommt mir aber in den Sinn: Auch das Dokument hat verurteilenden Charakter, es verurteilt die Gewalt. Und einige Gruppen, die sich islamisch nennen – auch wenn die Gelehrten sagen, dass dies nicht der Islam ist –, verfolgen die Christen. Ich erinnere mich an den Vater auf Lesbos mit drei Kindern. Er war dreißig Jahre alt, nicht älter, und weinte und sagte zu mir: »Ich bin islamisch, meine Frau, meine Ehefrau, war Christin; und es sind die Terroristen vom IS gekommen, haben das Kreuz gesehen und ihr gesagt: „Bekehre dich!“ Und sie hat gesagt: „Nein, ich bin Christin.“ Und vor meinen Augen haben sie ihr die Kehle durchgeschnitten.« Das ist das „tägliche Brot“ der terroristischen Gruppen. Nicht nur gegenüber den Christen, sondern auch die Vernichtung, die Vernichtung der Person. Darum hatte das Dokument einen sehr scharf verurteilenden Charakter in diesem Sinn.

Alessandro Gisotti:

Weiter über die Reise, Inés San Martín von „Crux“.

Ines San Martin:

Heiliger Vater eine Frage, die sich eigentlich auf die bezieht, die mein Kollege gerade gestellt hat, weil wir keine Zeit hatten, sie abzustimmen. Wie ich ihnen auf der letzten Reise berichtete, hatte ich Gelegenheit, den Erzbischof von Mosul im Irak zu interviewen, der immer sagt, dass man auf Sie wartet. Er hat diesbezüglich verneint, dass die Bischöfe darüber sprechen, aber sie warten einfach auf Sie. Sie sprachen von Religionsfreiheit, einer Religionsfreiheit, die weit über die Kultusfreiheit hinausgeht. Können wir über dieses Thema noch ein wenig mehr sprechen? Denn heute waren wir bzw. kehren wir hier aus einem Land zurück, das für seine Toleranz bekannt ist; dennoch konnten viele der Katholiken, die heute im Sportstadion waren, erst heute zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in den Vereinigten Arabischen Emiraten offen zu ihrem Glauben und ihrem Bekenntnis stehen. Kann es also eine Veränderung geben, die über den heutigen Tag hinausgeht?

Papst Franziskus:

Prozesse haben Anfänge, nicht wahr? Einer kann eine Handlung vorbereiten und das führt er sie aus und dann gibt es ein Vorher und ein Nachher. Ich denke, die Freiheit ist immer ein Prozess, sie muss sich immer im Prozess befinden, immer weiter, sie darf nicht stehenbleiben. Ich war beeindruckt von einem Gespräch, das ich vor meiner Abreise aus Rom mit einem 13-jährigen Jungen geführt habe, der mich sehen wollte. So traf ich ihn, und er sagte zu mir: „Ich finde ja einige Dinge interessant, aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich Atheist bin. Was muss ich als Atheist tun, um ein Mann des Friedens zu werden?“ Ich sagte zu ihm: „Handle nach dem, was du empfindest“, und ich sprach ein wenig mit ihm. Mir hat der Mut des Jungen gefallen: Er ist Atheist, aber er sucht nach dem Guten, er sucht diesen Weg. Auch dies ist ein Prozess, ein Prozess, den wir respektieren und begleiten müssen. Alle Prozesse zum Guten begleiten, alle, egal welcher „Farbe“ sie sind. Und das sind meiner Meinung nach Fortschritte. Danke.

Alessandro Gisotti:

So, Heiliger Vater, die Zeit geht zu Ende. Aber es gibt da eine Antwort, die noch aussteht …

Papst Franziskus:

Es stimmt, die Misshandlung von Frauen ist ein Problem. Ich wage zu behaupten, dass die Menschheit noch nicht gereift ist, die Frau gilt immer noch als Mensch „zweiter Klasse“. Fangen wir hier an: Es ist ein kulturelles Problem. Dann geht es so weit bis zum Feminizid. Es gibt Länder, in denen die Misshandlung von Frauen bis zum Feminizid geht. Bevor wir zu Ihrer konkreten Frage kommen, noch eine Kuriosität, die mir erzählt wurde; Sie aber prüfen nach, ob das stimmt oder nicht. Man sagte mir, dass der Ursprung des weiblichen Schmucks in einem sehr alten Land liegt – ich weiß nicht welches, im Osten –, wo es ein Gesetz gab, die Frau zu verjagen, sie zu entlassen [sie zu verstoßen]. Wenn in diesem Land ihr Mann – ich weiß nicht, ob es stimmt oder nicht – ihr sagte: „Geh weg“, musste sie im gleichen Augenblick, mit dem, was sie anhatte, gehen, ohne etwas mitzunehmen. Und so begannen die Frauen, Schmuck aus Gold und Edelsteinen herzustellen, um etwas zum Überleben zu haben. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder nicht, aber es ist interessant. Prüfen Sie es nach. Nun zu Ihrer Frage [über den Missbrauch von Ordensschwestern durch Geistliche]. Es ist wahr, in der Kirche gab es auch Kleriker, die so etwas getan haben; in einigen Kulturen ist es ein wenig verbreiteter als in anderen; es ist nicht etwas, das jeder tut, aber es gab Priester und sogar Bischöfe, die es getan haben. Und ich denke, es geschieht noch immer, denn es ist nicht etwas, das von dem Moment an, in dem man es erkennt, aufhört. Die Sache geht so weiter. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit daran. Wir haben deswegen einige Kleriker suspendiert, weggeschickt. Wir mussten auch – ich weiß nicht, ob der Prozess vorbei ist – manche weibliche Ordensgemeinschaft auflösen, die sehr stark damit zu tun hatte, es ist eine Form der Korruption. Ich kann also nicht sagen: „Bei mir zu Hause gibt es so etwas nicht ...“ Das ist wahr. Sollte mehr getan werden? Ja. Haben wir den Willen, es zu tun? Ja. Aber es ist ein Weg, der von weit herkommt. Papst Benedikt hatte den Mut, eine Gemeinschaft von gewisser Größe aufzulösen, denn es gab dort eine Form der Manipulation von Frauen, sogar sexuelle Manipulation, durch Geistliche oder den Gründer. [Wie der Interims-Leiter des Presseamts erklärte, meinte der Heilige Vater mit der Verwendung des Begriffs Sklaverei „Manipulation“, eine Form des Machtmissbrauchs, die sich auch im sexuellen Missbrauch widerspiegelt.] Mitunter nimmt der Gründer die Freiheit weg, beraubt die Ordensschwestern der Freiheit und kann dann so weit gehen. Hinsichtlich Papst Benedikt möchte ich betonen, dass er ein Mann ist, der den Mut hatte, viele Dinge dagegen zu unternehmen. Es gibt da eine Anekdote: Er hatte alle Akten, alle Dokumente über eine religiöse Gemeinschaft, innerhalb deren es sexuelle und wirtschaftliche Korruption gab. Er [als Kardinal] ging daran, aber es gab Filter, und er konnte nicht weiterkommen. Am Ende hat der Papst [hl. Johannes Paul II.] ein Treffen einberufen zu dem Zweck, die Wahrheit herauszufinden, und Joseph Ratzinger ging mit den Akten und allen seinen Dokumenten dorthin. Und als er zurückkam, sagte er zu seinem Sekretär: „Lege es ins Archiv, die andere Seite hat gewonnen.“ Wir dürfen daran nicht Anstoß nehmen, das sind Schritte in einem Prozess. Aber dann, als er Papst wurde, sagte er als Erstes: „Bring mir diese Akten aus dem Archiv“, und er begann wieder damit ... Volkstümlich wird Papst Benedikt als so gutherzig dargestellt; ja, denn er ist gutherzig, gutmütig, wirklich herzensgut; er ist gutherzig! Aber er wird auch als schwach dargestellt, er ist jedoch alles andere als schwach! Er war ein starker Mann, ein Mann, der konsequent in den Dingen war. Er hat begonnen ... Und dort, in dieser Kongregation, gab es dieses Problem, von dem Sie sprechen. Beten Sie, dass wir vorankommen können. Ich will vorangehen ... Es gibt Fälle davon in einigen Gemeinschaften, vor allem in neuen, und in einigen Regionen mehr als in anderen. Ja, so ist das. Wir arbeiten daran.

Alessandro Gisotti:

Danke, Heiliger Vater. Und danke Ihnen allen. Aber zum Schluss gibt es eine Überraschung für eine Kollegin, die ein sehr, sehr wichtiges Ziel erreicht hat.

Papst Franziskus:

Man hat mir gesagt, dass wir den 150. Geburtstag von Valentina [Alazraki – ihre 150. Papstreise] feiern! [Er lacht, alle lachen.] Aber ich finde sie gar nicht so mumifiziert! Sie ist eine Frau mit interessanten Wurzeln. Einmal habe ich ihr gesagt: „Wenn Sie sich Blut abnehmen lassen, werden Sie den Hämatologen in Verlegenheit bringen!“

Vielen Dank! Betet für mich, vergessen Sie es nicht, ich brauche es. Danke!

 



© Copyright - Libreria Editrice Vaticana